Transatlantic Cultural Exchange

Bayerische Amerika-Akademie

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Heute erfuhr ich, dass ich als neues Mitglied in die Bayerische Amerika-Akademie im Amerika Haus München aufgenommen wurde. Ich freue mich sehr!

Mein erster Kontakt mit dem Münchner Amerika-Haus war 2012 (mein zweites Jahr in München…) als ich dort eine Tagung zum Jahrhundertgedenken des Titanic-Unglücks 1912 ausrichten durfte (Titanic 1912: Global- und medienhistorische Echolote).

Mein Interesse an transatlantischer Arbeit war während meiner Promotionsphase insbesondere durch ein Stipendium der German-American Fulbright Kommission 2004 gezündet worden, für das ich immer noch dankbar bin. Und das Interesse an den Beziehungen zwischen Europa, Deutschland und den USA hält noch immer an:

6aea8c67b4695c5c6c70dd7dc4f25268In meinem letzten großen Forschungsprojekt wollte ich mehr wissen über die Vermittler (Brokers, Agenten) transatlantischen kulturellen Austauschs (Theater, Tanz, Oper, Artistik) zwischen dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts bis 1930.

Und auch in meinem aktuellen Forschungsprojekt über Philanthropie und Theater , in dem es maßgeblich um die Idee von Philanthropie und das Engagement der Rockefeller-, Ford- und MacArthur Foundations auf dem Sektor von Kultur und kultureller (Aus-)Bildung nach 1945 geht, spielt die Erforschung transatlantischer Beziehungen weiter eine große Rolle.

Ich freue mich sehr über die Aufnahme und auf den Austausch mit anderen Akademie-Mitgliedern!

 

Erinnerung · Fotografie · Media History · Photography · Social Media

Heimat, Film. Dem Andenken derer, die gingen und bleiben.

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Katzenvideos, neue Ausstellungen, was titeln Süddeutsche, Zeit, Zündfunk, was hat Sabine erlebt, was Caro, in welchen Teilen der Welt tingelt Simon schon wieder? Was gibt es Neues aus Uhlenbusch, in Harvard, im Forschungszentrum, im Theater, auf der Biennale, im Triathlon? Like, Dislike, zwinkernder Smiley, schallendes Lachen in gelb, blauer Daumen, hoch erhoben, rotes Herz.

Traurig mit Tränen. Pechschwarz war aus im Emoticon-Kolorit-Kombinat.

Beim Durchblättern der Facebook-Profile bleiben meine Augen an dem lachenden Foto eines Bekannten hängen. Kennt Ihr: So ein Strahlen, so strahlend, dass es das gesamte Gesicht in Falten wirft, auf charmanteste Weise, in schwarz-weiß. Lachfalten wie der Fächer einer Geisha. Der Rahmen des strahlenden Konterfeis lässt mein Herz kurz aussetzen. Der Rahmen ist die Todesanzeige dieses Bekannten, dem die Falten eignen. Gestorben am 27. Mai. Gestorben. Facebook-Update: Tod.

Feeling/ Activity?

(K)ein Emoticon. Chock. Eine reale Träne kullert über meine reale Wange und fällt auf das M meiner Tastatur. Matthias. Musiker. Mensch.

Die ersten Kommentare wurden schon hinterlassen. Unverständnis, Trauer, das mittlerweile gängige „R.I.P.“, das ich nicht mag. Nicht mal im Angesicht eines Todesfalls sind die User in der Lage, vollständige Sätze zu schreiben, Rest in Peace, Ruhe in Frieden. Passt in eine Zeile, Mann! Bekannte kommentieren das Lachen, das auch das Foto kommentiert, das den viel zu früh Verstorbenen kennzeichnete.

Die Fotografie eines Menschen, das wissen wir seit Roland Barthes’ Schrift Die helle Kammer, hält diesen in einem Augenblick fest – und verweist damit immer auch auf seine Vergänglichkeit. Der Tod im Foto.

Matthias. Ich habe ihn gut 15 Jahre nicht mehr live gesehen, ich wohne ja schon lange nicht mehr dort, wo er mal entfernt ein Nachbar war. Trotzdem weiß ich noch, wie dieses Lachen klingt. Ein Kämpfer, denn diese tückische Krankheit kam wieder und wieder wie die Fratze eines Springteufels. Als er damals zu Gast auf unserer Hochzeit war, lag der erste erfolgreiche Kampf gegen die Bestie in seinem Kopf schon Jahre zurück. Und ein paar Jahre später wieder der Springteufel, Kampf, Springteufel, Kampf, Springteufel … Scheiße.

Als ich meine Mutter anrufe, um mit ihr über den Todesfall zu sprechen, hat sie noch zwei weitere zu vermelden. Entfernte Bekannte, darunter einer meiner ehemaligen Lehrer. Ein Lebemann, der die Frauen mochte, Sportwagen und gute Kleidung. Dem eine Schulfreundin und ich ehrlich ins Gesicht sagten, dass wir es vorzogen, auf ein Konzert statt in seinen Geschichtsunterricht zu kommen, und der diese Ehrlichkeit schätzte; und der meinem damaligen Freund ins Ohr flüsterte, er solle bloß immer gut zu mir sein. Liebe, Respekt, Geduld. Und Liebe.

Letztes Jahr war auch das letzte für einen anderen Lehrer, dem ich intellektuell so viel verdanke, so Vieles, das ich ihm nie sagen konnte.

Im Grunde geht jetzt jedes Jahr mindestens einer. Dann setzt jedes Mal ein Innehalten Gedenken in Gang. Zeitparadoxie, Zentrifuge von Zeitgespür und –Spur. Die sprichwörtliche Minute des Gedenkens. Es ist seltsam: in unseren Erzählungen spielen viele dieser schon Verstorbenen eine Rolle, besonders wenn sie Wegbegleiter von Jugend und Adoleszenz. Egal wie marginal die Rolle, die sie besetzten: ein Tick, ein Spruch, eine Schrulligkeit, ein gemeinsames Fest, ein geteilter Lachanfall, gemeinsame Zeugenschaft eines schönen Moments oder einer Ungeheuerlichkeit – Sie spielten hinein, sie gingen hinaus und bleiben in diesem Leben, sind in der Lebenserzählung in einer merkwürdigen Form fragloser Zeitlosigkeit gespeichert, als wäre das alles erst gestern gewesen und würde morgen weitergehen.

Facebook suggeriert eine tragikomische Timeline, eine Zeitleiste und Chronik unserer Leben, mit Kreuzungen und Erinnerungen, „Lebensereignissen“, ja, so nennen sie wichtige Stationen, die man mit Datum und Bildern versehen kann. M. – Neulich noch den Auftritt mit der Band gepostet, Bilder vom Feiern. Strahlendes Konterfei. Die Anzeige als Chock. Ende der Zeitleiste.

Und darüber und darunter Katzenvideos. Trumpige Trolle, neueste Ausstellungen, Gastro-Tipps. Like, oder nee, doch nicht. Susi, Rafael und Christine interessieren sich für ein Event in meiner Nähe nächste Woche.

Schnickschnack, das alles.

Und dann diese Bilder des Chocks. Sepia-Spulen alter Heimat.

Gedenken. An.

Und danke.

Literatur, Lyrik · Photography

See

 

Walchensee Peter von Felbert
Peter von Felbert, Walchensee

Zwei Jungs in einem Boot in graubraungrüner Tracht und Umgebung auf einem leicht glitzernden opalgrünen See. Einer rudert das Boot, sich selbst und den anderen, bevor sie sich abwechseln werden. Vielleicht auch nicht. Es ist nicht ganz klar, ob das Wetter trüb, ob sich die Sonne schon vom Tag verabschiedet hat oder ob schlicht die Berge und Gestadegewächse dem Wasser die volle Lux verweigern. Ein See so weit das Bild nicht reicht, aber außer den beiden bayerisch sonntagsbezwirnten Knaben kein Mensch sonst in Sichtweite; nicht mal ein Reiher oder Vogel, von einem Schwan ja gar nicht zu reden.

Seit ich diese Fotografie 2009 für meine Frankfurter Wohnung kaufte, bin ich froh, dass sie mit mir wohnt, dass ich mit ihr wohne. Das 40×40 cm große Bild hing damals genau gegenüber dem Schreibtisch, und je nach Perspektive bildete ich mir ein, dass die gläserne Schreibtischplatte grenzenlos ans oder sogar ins Nass des Bildvordergrunds reichte. Bei Schwimmbädern nennt man diesen Effekt „Infinity Pool“; für mich war es die Blickachse meiner infiniten Sehnsucht nach Wasser.

Immer da, die Sehnsucht.

Nie da, ich.

Mir gefiel außerdem der Blick auf die beiden Jungs, die ich während der ein oder anderen Gedankenpause amüsiert betrachtete –, und sie rudern ließ, immer weiter,  – strengt euch bloß an –, die sich aber keinen Deut bewegten. Und doch kam aus dem Wasser feinste Dünung, ein kristallenes Lächeln. Schönste Ironie.

Die Fotografie stammt von Peter von Felbert, einem, wie ich finde, begnadeten Augenmenschen. Das Bild nannte er schlicht Walchensee; es entstammt der Serie Blaues Land. Das Bild zeigt den Walchensee – und zeigt ihn nicht…

Walchensee im Winter
Walchensee in München, Winter 2012

Als die Jungs und ich 2012 nach München zogen, ruderten wir mit diesem Zuzug nach Süden dem namensgebenden See entgegen, und, was ich damals nicht wusste, in die Nähe des Künstlers, dessen Heimat der Ruhrpott ist, und dessen Augen in Bayern und im Voralpenland leben. Der eigentliche Walchensee, Deutschlands größter Gebirgssee, liegt im Landkreis Bad Tölz, bei Kochel, umgeben von Herzogstand, Heimgarten und Jochberg.

An einem heißen Sommertag 2014 fuhr ich mit einem mir wichtigen Menschen an diesen mir wichtigen See, den ich ja noch gar nicht kannte. Als wir uns ihm aus Kochel heraus fahrend nach zahlreichen Kehren näherten, stockte mir der Atem: So ein Blau, wie dieser See es ins Auge schickte, hatte ich weiß Gott noch nie gesehen. Mit jedem Meter, den wir uns dem Wasser näherten, changierte das Blaugrünblau von Himmel und Wasser wieder anders. Auch Goethe, der ja bekanntlich auf seinem Weg nach Italien an jeder Milchkanne Halt und jeden Grashalm platt machte, konnte damals am Walchensee nicht einfach so vorbeikutschieren. Und noch nie ergab für mich ein Halt von Goethe mehr Sinn als im Moment dieser fast schon amourösen Andacht, die ich geistig und körperlich für diesen See abhielt. Ich war, so abgedroschen es klingen mag, schier überwältigt von so viel selbstbewusster Anmut zwischen drei Bergen. Der Tag war heiß, der 190 Meter tiefe See eiskalt. So blau und frech. Ich jauchzte, – und mein Herz war fortan hoffnungslos in diesem kalten Blau verloren.

Walchensee
Walchensee. Blau. Und Grün. (Foto: Nic Leonhardt)

Wir tapsten das Ufer ab, Peter von Felberts Bild im Kopf gespeichert und auf der Suche nach seinem Aufnahmepunkt. Wir glaubten, ihn gefunden zu haben, aber eigentlich fanden wir ihn nicht. Und im Grunde war das auch völlig einerlei. Der Walchensee, der vor uns lag, hatte zunächst nur entfernt Ähnlichkeit mit dem See bei mir zu Hause, auf dem seit Jahren die Jungs in Sonntagstracht ihr Bötchen steuern. Aber sei’s drum. Auf der Suche nach der Vorlage eines Bildes, das mich seit Jahren treu über Höhen und Tiefen paddelte, hatte ich einen See gefunden, der so prall in seiner Schönheit dalag, dass er augenblicklich Aufs und Abs vergessen ließ… An jenem Tag im August verknallte ich mich bis über beide Ohren und Hals über Kopf in – ein Gewässer.

Als ich tags darauf die unzähligen Fotos, die ich vom Walchensee gefertigt hatte, auswertete, stach nur eins ins Auge:  die Schattierungen von Blau und Grün. Kein Vergleich mit dem Walchensee an der Wand. Und in meiner ursprünglichen Einfalt begriff ich allmählich, warum sich Peter von Felbert für genau dieses graunbraungrünopale Bild vom doch so blauen Walchensee entschieden hatte.

Erst im vergangenen Jahr, als ich den rudernden Jungs ein Partnerbild aus von Felberts Serie schenken wollte, diesmal ein Segelboot auf dem Chiemsee, traf ich den Fotografen in München. Wir wohnen gar nicht weit voneinander entfernt, München ist ja ein Dorf. Er verriet mir die Stelle, von der aus er damals die Aufnahme gemacht hatte, und die Geschichte der Jungs, und was sie damals so geschmückt in ihrem Nachen… – was sie wohl heute machen?

Hier bei mir zu Hause sind sie immerhin dem See ein ganzes Stück näher gekommen als damals am Main. Sie rudern, lassen rudern und rudern immer noch.  Sie scheinen den See wirklich zu lieben.

Ich versteh’ sie.

Allgemein

Gut.

gutAuch wenn’s momentan echt täglich schwerfällt, wenn man in die Welt blickt: Ich halte daran fest zu glauben, dass Menschen erst einmal gut sind. Sie haben nur zu viel Angst.

Das manifestiert sich im Großen, Weltpolitischen, wie im Kleinen, Alltäglichen. #sverige

 

Nuggets

Irre Stunde

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Vorbild: Entscheidet selbst, wann die Stunde voll ist.

Die Zeit beschäftigt. Wenn ich in mein Portfolio schaue, wird mir klar, wie sehr sie das tut, ständig taucht sie auf, in Texten, im Curriculum Vitae – und selbst in diesem Blog wird man als Autorin und Leserin immer wieder an die Zeit erinnert. Gnadenlose Timelines. Was war wann?

Es ist erstrebenswert und doch so schwer manchmal, im Hier und Jetzt und nur im Hier und Jetzt zu sehen und zu sein. Gottfried Keller (1819–1890) schreibt in seinem Gedicht „So werd ich manchmal irre an der Stunde…“:

So werd ich manchmal irre an der Stunde, an Tag und Jahr, ach, an der ganzen Zeit! […]  

Tritt denn kein Uhrenmacher kühn hervor, die irre Zeit mit Macht zu regulieren? Soll sie denn ganz in Staub und Rost verkümmern?

Die Zeilen dazwischen sind, wie so oft in Gedichten und Aphorismen über die Zeit, recht negativ und destruktiv. Bei allem Respekt vor der Poesis: Muss das sein?

“Irre an der Stunde” werde ich derzeit in einem beinahe rührenden Sinne stündlich. Und das hat mit dieser hier abgebildeten Uhr zu tun. Sie steht bei mir im Arbeitszimmer, hat alle meine Umzüge seit dem Abi mitgemacht. Von manchen Freunden und Mitbewohnern als kitschig diffamiert, blieb sie doch treuer bei mir als manche jene. Sie stammt von der Großmutter meines Vaters, der ihr irgendwann in einem Bastelwahn ein modernes Innenleben und ein Uhrwerk mit Big Ben-Klang-Geläut einbaute. Als Kinder haben mein großer Bruder und ich gerne im hinteren Holzfach der Uhr ein Osterei versteckt. Manchmal vergaßen wir das Versteck, wir rochen es irgendwann.

Beim Frühjahrsputz habe ich der alten Dame nun neue Batterien eingepflanzt. Jetzt schlägt sie zur vollen Stunde, wobei – jetzt kommen ihr süßer Tick und schalkiges Spiel mit der Zeit – sie selbst entscheidet, wann das ist: mal um punkt, mal um 3 nach, dann um 7 oder 17.

Ein Freigeist-Haushalt misst  die Zeit nach eigenem Takt 😉

So werd ich aktuell manchmal irre an der Stunde – und finde dies extrem erheiternd, weil wir einfach selbst und mehrfach stündlich entscheiden, wann sie voll ist.

Gute Zeiten! Gute Momente!