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Theater über Ozeane – Vortrag mit Book Launch am 12. Dezember 2018, IBZ München

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Internationales Begegnungszentrum  Amalienstraße 38, 80799 München

Mittwoch, 12. Dezember 2018, 18 Uhr 30.

Um Anmeldung beim IBZ wird gebeten

per e-mail an ibz-club@ibz-muenchen.de

oder telefonisch 089 28 66 86-70.

Zum Vortrag

Bewegte Zeiten markieren die Jahrzehnte vor und nach der Wende zum 20. Jahrhundert, politisch, infrastrukturell, medial und gesellschaftlich. Bewegung und Mobilität kennzeichnen auch das Gebiet der (darstellenden) Künste und des „Show-Business“ jener Jahre: Über Städte, Länder, Meere reisen Schauspieler und Tänzer, Akrobaten und Jongleure, Stücktexte und Bühnen-Werke – in einem Ausmaß, das uns heutzutage zunächst verblüffen mag.

In meinem Vortrag nehme ich diejenigen Instanzen ins Visier, die die transnationale, zuweilen globale Zirkulation darstellender Kunst und Künstler im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert mitverantworten, organisieren und verwalten: bis dato unbekannte männliche wie weibliche Theater-Agenten, Impresarios und Play-Broker.

Der Vortragsabend ist mit der offiziellen Einführung meiner Monographie Theater über Ozeane. Vermittler transatlantischen Austauschs (1890-1925) verbunden, die im Dezember 2018 bei Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) erscheint.

Daten zum Buch

Theater über Ozeane. Vermittler transatlantischen Austauschs (1890-1925). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2018. (38, teils farbige Abbildungen – ISBN: 978-3-8471-0805-4 – Kaufpreis ca. 40 Euro.)

Bestellbar über den Verlag, buchhandel.de. oder Euren/ Ihren Buchhändler vor Ort.

Dank

Ich danke der Richard Stury-Stiftung in München für den großzügigen Zuschuss zum Druck des Buches.

Die intensiven Arbeiten am und Forschungen zum Thema wurden gefördert durch: Center for Advanced Studies der LMU München,  Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), Deutsches Historisches Institut (DHI) Paris, Fritz-Thyssen-Stiftung, Martin E. Segal Centre der City University of New York und Reinhart Koselleck Projekt Global Theatre Histories. Wertvolle thoeretische und methodische Impulse erhielt ich von meinen Freunden und Kollegen des Exzellenz-Clusters Asia & Europe in a Global Context, Universität Heidelberg.

 

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Iste – Ille. Here and There. Keynote on Global Theatre History (Stockholm, 22-24 Nov, 2018)

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Poster, 1905, designed by Alfons Mucha for Sarah Bernhardt’s “Farewell American Tour”, 1905-1906.

The understanding of what is historic(al), how to write history and how to archive the past depends largely on the temporal and cultural setting of societies. Against the background of increasing globalization and transnational as well as transregional mobilities in contemporary times, the traditional eurocentric writing of theatre history, too, has become subject to revision during the past decade. Global, transnational or transcultural studies and history have provided a discursive framework for reconsidering the (performing) arts, and for highlighting the study of connections, transregional or transnational exchange, networks, circulation and mobility. Theatre has ever since been a very mobile art form, open to new forms and ideas, a playground for negotiating politics, history, ethics and gender politics––, and a means of representing local and national values.

How can we keep these dynamics and counter-dynamics in mind when writing theatre histories, what methodological challenges do we need to face? When, how, and in which shape does “Europe” step in? Who owns, collects, stores, and claims the heritage of “European theatre” in a world of connections? In my talk, I am going to elaborate on the paradoxes and challenges adumbrated above by selected examples from the theatre history of the early twentieth century including WWI. By doing so, I shall introduce parameters and historiographical approaches as initiated within the framework of Global Theatre Histories.

The talk will be taking place within the framework of the symposium “From Local to Global: Interrogating Performance Histories”, organized by the Department of Culture and Aesthetics, University of Stockholm, at the Royal Swedish Academy of Letters, History and Antiquities.

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Ankündigung: neues Buch

978-3-8471-0805-4_600x600In Kürze erscheint meine jüngste Monographie Theater über Ozeane. Vermittler transatlantischen Austauschs (1890–1925) bei Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen.

Aus dem Klappentext:

“Sei es Artistik, Oper, Tanz, Schauspiel, Musical, Comedy oder Drama: die internationale Theaterszene im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert wurde stark gesteuert durch die Profession des Vermittlers. Dieser Band betritt die infrastrukturellen »Hinterbühnen« globaler kultureller Mobilität im Zeitraum von 1890 bis 1925. Diskursiv verortet sich die Studie im Forschungsfeld der Globalgeschichte und -theorie. Der gewählte geografische Fokus ist ein transatlantischer, begründet durch den regen Austausch zwischen Europa und Nord- sowie Südamerika. Gesteuert wurde dieser Austausch wesentlich durch professionelle, international tätige Theatervermittler (Agenten, Broker). Die enorme Handlungsmacht der Vermittler im fokussierten Zeitraum wurde bisher kaum wissenschaftlich erforscht.”

Am Beispiel ausgewählter Agentinnen und Agenten – der Amerikanerin Elisabeth Marbury, der in Budapest geborenen deutsch-Amerikanerin Alice Kauser, des österreichisch-amerikanischen ‘Globetrotters’ Richard Pitrot und des in Deutschland geborenen ehemaligen Kontorsionisten H. B. Marinelli – erörtere ich in diesem Buch die Professionalisierung und Praktiken künstlerischer transatlantischer Vermittlung.

Digital Culture · Erinnerung · Publication · Social Media · Tanz

Heimat – Tanz – Digital

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Auszug aus dem aktuellen Jahrbuch Tanz 2018, Berlin: der Theaterverlag Friedrich Berlin

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Was ist Heimat? Und welche Rollen kommen digitalen Medien im Vermitteln von Heimatgefühl zuteil? Für das diesjährige Jahrbuch Tanz sprach ich mit drei jungen Tänzern des Bayerischen Juniorballetts München/ Junior Company über diese Fragen. Was bedeutet Heimat für sie, die aus Australien, Texas und Berlin für ihre weitere Ausbildung und erste Engagements nach Europa kamen und aktuell in München als Stipendiaten der Heinz Bosl-Stiftung lernen und leben? Ist Zuhause ein physischer Ort? –

Artikel und Interview sind im Jahrbuch Tanz 2018 abgedruckt, das es seit 21. August 2018 im Handel gibt und über den Theaterverlag, Buchhandlungen und gut sortierte Zeitschriftenläden erhältlich ist.

Buchbesprechung · Fotografie · Media History · Publication · Social Media

Die Welt im Selfie. Rezension zu Marco d’Eramos Besichtigung des touristischen Zeitalters

 

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Ich war da. Wasserburg im Selfie. Foto: Nic Leonhardt

Ich musste mal raus übers Wochenende. Etwas Anderes sehen, möglichst in einer Stunde ansteuerbar sollte das Ziel, nur mal andere Luft, andere Leute, und möglichst nahe am Wasser wollte ich sein. Nicht, um nichts zu tun, sondern um zu arbeiten. Das geht ganz gut: Arbeiten, wo andere Urlaub machen.

An diesem Wochenende sollte Fach-Literatur studiert werden zur Vorbereitung auf ein Seminar zur Theorie und Geschichte von Bildern und ihren Medien. Da ich eine Einheit zu Selfies und Selbstporträts im Seminarplan vorsehe, hatte ich mir aus den Neuerscheinungen zum Thema Marco d’Eramos Buch Die Welt im Selfie. Eine Besichtigung des touristischen Zeitalters (2018; im ital. Original Il selfie del mondo. Indagine sull’età del turismo (Mailand 2017)) besorgt. Mein Ort der Wahl war Wasserburg. Eine knappe Stunde von München entfernt, ich war noch nie da gewesen, und das Nomen des Ortes schien Omen für viel Wasser. Check. So fuhr ich Freitagabend mit der Eisenbahn zu meinem Wochenendarbeits-Ziel am Inn.

Am sehr frühen Morgen nach der Ankunft machte ich vor dem Frühstück einen Spaziergang, um den Ort ohne Trubel zu besichtigen. Auf der Inn-Brücke blieb ich stehen und genoss: die Luft, das Wasser, die Farben, den Moment. Schön! Ein älterer Einheimischer sprach mich an: “Ich bin der Jürgen, Grüß Gott”. Jürgen fragte, was mir denn besonders gefiele “hier bei uns am Inn”. – Alles. Ob ich gerne Fotos mache? Ja, im Grunde schon. Ob ich einen leichten Anstieg scheue? Nicht im Geringsten. Also spazierten wir hinauf zu einer Anhöhe oberhalb des Städtchens, deren Plattform eine schöne Aussicht versprach. – Und auch so hieß. Jürgen schlug vor, dass ich von dem Panorama am Inn ein Foto machte, mit mir davor. Mir schien das zu touristisch. Aber der Anblick war wirklich großartig. Besonders das Licht an diesem Morgen. Also gab ich nach, verzichtete aber zunächst auf mein Konterfei im Foto.

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Schöne Aussicht. Einzigartig. Wasserburg am Inn. Foto: Nic Leonhardt

Was ich durch die Linse sah, kannte ich bereits, ich hatte diese Ansicht schon einmal gesehen, genau so, – wo? …. Schoss mein Bildchen und ging wieder ins Tal. Als ich später die “Schöne Aussicht” in Wasserburg in die Suchmaschine meines Computers eingab, war mir klar, dass das Bild, das ich gesehen und selbst gefertigt hatte, bereits überdutzendfach in Reproduktion vorlag. Schöne Aussicht, alles klar. Ein Standort, der die beste Sicht verspricht – und damit die beste Aufnahme.

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Dutzendfache Ansichten der Schönen Aussicht. (Screenshot).

 

Wenn das Susan Sontag miterlebt hätte! – In ihrer kongenialen Essay-Sammlung Über Fotografie (On Photography, 1977) schrieb sie:

„Als Mittel zur Beglaubigung von Erfahrung verwandt, bedeutet das Fotografieren […] auch eine Form der Verweigerung von Erfahrung – indem diese auf die Suche nach fotogenen Gegenständen beschränkt wird, indem man Erfahrung in ein Abbild, ein Souvenir, verwandelt. Reisen wird zu einer Strategie, die darauf abzielt, möglichst viele Fotos zu machen. Allein schon das Hantieren mit der Kamera ist beruhigend und mildert das Gefühl der Desorientierung, das durch Reisen oft verschärft wird. Die meisten Touristen fühlen sich genötigt, die Kamera zwischen sich und alles Ungewöhnliche zu schieben, das ihnen begegnet. Nicht wissend, wie sie sonst reagieren sollten, machen sie eine Aufnahme. So wird Erfahrung in eine feste Form gebracht: stehenbleiben, knipsen, weitergehen. Diese Methode kommt insbesondere jenen Touristen entgegen, die zu Hause einer erbarmungslosen Arbeitsethik unterworfen sind.“ (zit. nach der dt. Ausgabe 111999, Frankfurt am Main. Fischer, S. 15-16).

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Zoe Leonard (b. 1961), detail of “You see I am here after all”, 2008. 3,851 vintage postcards. (Photo: Bill Jacobson, NY) 

Beim Anblick der Schönen Aussicht im fotografischen Pluraletantum musste ich an Zoe Leonards jüngste Schau im Whitney Museum New York denken, die ich dort im Mai gesehen hatte: eine Montage von Bildpostkarten der Niagara-Fälle aus sämtlichen Zeiten seit der Erfindung der Postkarte. Das Motiv: unverändert über Dekaden. Gigantisch clever, entlarvend, – und in der Redundanz urkomisch.

Wenn wir Bilder von der Welt im Foto aufnehmen, rahmen und markieren wir sie in sehenswerte Einheiten, in Einheiten des Sehens-Werten. Wie im Falle meiner Panorama-Wasserburg-Aufnahme oder der Kaskaden an immergleichen Ansichten der Niagara-Fälle wird deutlich, dass wir auch durch die zigste Aufnahme dasjenige markieren, was ohnehin bereits markiert ist. Dort die Wasserfälle – hier Wasserburg so weit das Auge reichte.

d'Eramo Dt CoverSo morgendlich in die Falle der visuellen Eroberung der Wasserburger Welt der Sehenswürdigkeiten spaziert, kam mir die eigentlich vorgesehene Aufgabe für diesen Tag, das Studium von d’Eramos Selfie-Buch, gerade recht. Ich setzte mich auf den malerischen Marktplatz, später an den noch malerischeren Inn, abends vor das entzückend malerische Rathaus und las, notierte, schaute, las, und betrieb Nabelschau mit d’Eramo. Marco d’Eramo lebt im beliebten Städtereiseziel Rom, ist einer der Gründer der Zeitung Il Manifesto und schreibt unter anderem für Lettre International, die taz und New Left Review. Der italienische Journalist studierte einst bei Pierre Bourdieu, und sein soziologisches ebenso wie sein kulturtheoretisches und anthropologisches Wissen sind in jedem Kapitel spürbar, wenn er auf Theorien und Denkanstöße von Dean MacCannell, Arjun Appadurai, Susan Sontag, Siegfried Kracauer, Walter Benjamin und andere zurück greift. Ständige Wegbegleiter seiner auch historischen Exkurse in die Welten des Reisens sind Schriftsteller und Künstler und ihre nicht selten kritisch-zynischen Haltungen zum Tourismus. (darunter natürlich Mark Twain und dessen Transatlantikreise-Schilderung Innocents Abroad 1867).

D’Eramos  Buch ist weniger eines über Selfies; aber es leiht die Form und die (kann man schon sagen?) kulturelle Praktik des Selfie-Machens als Geste, um das touristische Zeitalter einzufangen und den Spuren  nachzugehen, die wir in der Welt hinterlassen. Und die sind außerordentlich. Massiv. Zerstörerisch auch. D’Eramo unternimmt unterschiedliche Rahmungen: historisch, ökonomisch, infrastrukturell, literarisch, kulinarisch, numerisch – aber immer gnadenlos ehrlich. Was machen wir da eigentlich mit der Welt seit nurmehr knapp zwei Jahrhunderten? Wie generieren sich, vor allem wie gerieren sich die Milliarden Ferien-, Bildungs-, Konferenz-, Sex-, Städte-, Bade-, Gastro-, Medizin-, Freitodtouristen?

“Eine Milliarde und 186 Millionen Reisen pro Jahr [heutzutage] bedeuten, dass einer von sieben Menschen Auslandsreisen unternimmt […]. Zählte man zu guter Letzt auch noch Reisende im jeweils eigenen Land hinzu (deren Zahl man ermittelt, indem man die Anzahl der internationalen Touristen mit dem Faktor 4 multipliziert), so hätte man vor sich ein Bild der ganzen Menschheit in immerwährender, rastloser Betriebsamkeit.“ (S. 28)

9788807105272_quarta.jpg.600x800_q100_upscaleDie nicht enden wollenden organisierten Reisen sieht d’Eramo als bestes Beispiel dafür, was Henri Lefèbvre eine „bürokratische Gesellschaft des gelenkten Konsums“ nennt. Der Tourismus ist eine Erfindung des frühen 19. Jahrhunderts. Transport- und Kommunikationsmöglichkeiten, die es zum (organisierten) Reisen braucht, beginnen erst dann ausgeklügelt und kontinuierlich optimiert zu werden. Schiffe, Eisenbahnen, Fotografie, Presse, Bildpostkarten – alles Produkte des 19. Jahrhunderts, wie wir wissen. Die erste organisierte Reise gestaltet bekanntlich Thomas Cook (1808–1892) im Jahre 1841, den ersten Reiseführer ediert der Verlag Karl Baedeker 1832, die ersten Fotografien werden in den späten 1830er Jahren gefertigt. Hier werden Fäden gelegt, die immer dichter zusammen verwoben werden sollten, zu Kontributoren eines „tourism production system“, wie Stephen Britton es nennt, einer Industrie der Postkarten, Souvenirs, Reiseführer, Landkarten, Reisebüros und -Portalen wie Expedia, Tripadvisor etc. Im 20. Jahrhundert habe sich unsere Gesellschaft dann, so d’Eramo, zu einer “vollwertigen touristischen Gesellschaft” entwickelt, durch Kleinwagen, schnellere Züge und Billigflieger, und es gebe ausreichend Gründe zu behaupten, dass der Tourismus “die schwerste, die wichtigste Industrie des 21. Jahrhunderts“ (S. 15) sei. Diesen Befund auf den Schultern, reist D’Eramo in seiner informierten Studie durch die Orte und Zeiten, macht Snapshots von “Sehens-Würdigkeiten”, deren Komplexität er sodann aufpackt.

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Auch eine Form, sich reisend die Welt (hier Frankreich) einzuverleiben: Charles-Louis Cadet de Gassicourts (1769–1821) erste “Carte Gastronomique de la France”, 1809.

Das, was sehens-würdig ist, unterliegt durchaus einem historischen Wandel. Orte wie Friedhöfe, Leichenschauhäuser, Abwasserkanäle, wie sie unter anderem im 19. Jahrhundert als Must-Sees empfohlen wurden (etwa von Mark Twain), sind heute doch eher No-Go-Areas. Sehens-Würdigkeiten und Touristenziele unterliegen aber auch absurden ebenso wie perfiden Operationen: Markierungen des Sehenswerten und ihre Reproduktionen in Bildern und Tripadvisor und anderen Bewertungsportalen (siehe oben), Inszenierungen von Authentizität für das touristische Auge oder Paradoxien des Gastro-Tourismus daheim (z. B. die “Chinesität”: je mehr rote Ballons an der Decke und Drachen auf der Tapete eines China-Restaurants, desto weniger chinesisch das Essen), Disneylandisierung, Erfindung von Tradition und Nostalgisierung, Weltkulturerbe-Prädikate als Besuchermagneten, die (Kreation von) Ruinen, nachhaltig problematische Facetten des Reisens wie Kommerzialisierung, Zonenbildung (touristische Viertel vs. Viertel für die Einheimischen), Umweltprobleme, Konstruktion zum Preis der Destruktion, Ungleichheiten und so weiter. Allzu gerne sei man versucht, Touristen-Bashing zu betreiben, Reisewütige in ihrem Tun und Aktivismus zu belächeln. Auch dies eine Begleitbewegung zum Massentourismus. “Die Welt im Selfie” zu sehen, bedeutet aber auch, und dies macht d’Eramo selbstreflexiv klar, sich selbst mit ins Bild zu holen:

„Erst mit eingehenderem Studium wurde mir bewusst, dass hinter der Kritik am Tourismus nur die Weigerung steckte, sich im Spiegel zu betrachten und zu erkennen, dass die touristische Wahrnehmung bloß die besondere Weltwahrnehmung unserer Gesellschaft ist.“ (S. 293)

Was ich kritisch anzumerken hätte, beobachtet der Verfasser am Ende selbst: das Mäandern durch das Thema, das mich als Leserin einerseits in den Bann zieht, mich aber andererseits auch gelegentlich ohne Orientierung hinterließ. Man kann d’Eramo beinahe zusehen, wie er das Thema selbst entdeckt – und stolpert und flaniert förmlich mit. In einem Postskriptum offenbart d’Eramo dann auch, dass er eigentlich nur über die Touristenstadt hatte schreiben wollen. Im Prozess des Schreibens habe er aber realisiert, dass er über die Touristengesellschaft unseres touristischen Zeitalters schrieb und schreiben musste. Für diese ‘Themaverfehlung’ können wir nur dankbar sein, denn dieses profund recherchierte und so unerbittlich entlarvend, aber stellenweise sehr frech verfasste Buch ist als Sach- ebenso wie als Reiselektüre tauglich. Martina Kempter besorgte eine wahrlich gelungene  Übersetzung ins Deutsche.

Nach der Lektüre hatte ich den Eindruck, an unzähligen Orten und Zeiten gewesen zu sein und mit d’Eramos Hilfe multiperspektivisches Sight-Seeing betrieben zu haben. Dabei war ich ja nur mal schnell in Wasserburg am Inn. Apropos: ich habe dann doch noch ein Selfie gemacht. Weil die Aussicht so ‘sehenswürdig’, so ‘schön’ anmutete. – Und damit man daheim auch glaubt, dass ich wirklich dort war.

Marco d’Eramo Die Welt im Selfie. Eine Besichtigung des touristischen Zeitalters. Frankfurt am Main: Suhrkamp / Insel 2018. ISBN 978-3-518-42809-2, 362 Seiten, ausführliches Sach- und Ortsregister, keine Abbildungen.

Schöne Aussicht

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Globale Theatergeschichte schreiben – Ein Porträt im DFG-Magazin

Royal Opera House Mumbai

Kunst darf alles, Theater ist grenzenlos. Wie aber schreibt man ihre Geschichte(n)? – Die performativen Künste aus einer transnationalen, transregionalen, transkulturellen Perspektive zu schreiben, scheint so offenkundig – wie es lange ein Desiderat blieb. Mit einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Reinhart Koselleck Projekt, “Global Theatre History”, das 2010 am Institut für Theaterwissenschaft der LMU München seine Anfänge nahm, haben wir dies zunächst im Kleinen probiert. Das internationale Netzwerk an wissenschaftlichen Partnern wuchs und wuchs in den Jahren. Fragen wurden mehr, unbearbeitete Felder der Theaterhistoriographie poppten auf. Als die Förderung naturgemäß 2016 auslief, waren wir uns schnell einig, dass das erst der Anfang sein konnte. Also formten wir  das Centre for Global Theatre History, um den Diskurs um die historischen Verflechtungen der Theaterkünste über Grenzen hinweg weiterzuführen.
In der aktuellen Ausgabe des DFG-Magazins habe ich über unsere Ansätze und Arbeit berichtet. Zum Artikel geht es hier: Nic Leonhardt: “Der Vorhang fällt nie”. In:  forschung. Das Magazin der Deutschen Forschungsgemeinschaft. 2/2018, S. 22–27.
GTH Centre Logo Jan 2017Noch mehr Global Theatre Histories: www.gth.theaterwissenschaft.uni-muenchen.de www.gth.hypotheses.org
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EASTAP – Neue Assoziation für Dialog und Forschung über Theater in Europa

EASRAP HorizontalIch kann mich noch sehr gut an diesen einen Sommerabend erinnern, als wir anlässlich der Jahrestagung der International Federation for Theatre Research (IFTR) 2016 in Stockholm unter Kollegen in der U-Bahn darüber sprachen, dass Europa eine so reiche Theaterszene und -geschichte aufweist, wir aber in der gemeinsamen Erforschung und hinsichtlich des Austauschs europäischer theaterwissenschaftlicher Kompetenz noch einige Hausaufgaben zu machen hatten. Ein Defizit und Desiderat. Befanden wir alle, während wir so durch die schwedische Hauptstadt tuckerten.

Allen voran Josette Féral (Sorbonne, Paris) schlug bald darauf die Gründung einer Assoziation für die Erforschung von Theater und Performance in Europa vor. Und dann ging alles ziemlich schnell: sie fragte an und hörte sich um, viele weitere Kollegen fingen Feuer für die Idee, erste Treffen fanden statt, Task Forces wurden gebildet, – et voilà: bereits ein Jahr später, wurde im Oktober 2017EASTAP gegründet, die European Association for the Study of Theatre and Performance! 

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Théâtre des Bouffes du Nord, Paris (Foto: Nic Leonhardt)

Seit wenigen Tagen nun ist die Gesellschaft auch offiziell registriert, mit Josette Féral als Präsidentin und Daniele Vianello (Italien) als Vize-Präsident. 450 Mitglieder zählt EASTAP bereits, sie stammen aus 25 Ländern.

Die erste EASTAP-Konferenz findet vom 25.-28. Oktober 2018 in Paris statt, unter dem programmatischen Thema “Decentering European Vision(s): The Emergence of New Forms”. (cfp in Englisch / cfp in Französisch).

Im Dezember dieses Jahres soll auch die erste Ausgabe des European Journal of Theatre and Performance herauskommen. Schwerpunktthema für diese Ausgabe ist “Spectres of Europe: Past and Present European Theatre between Communitarianism and Cosmopolitanism” gewidmet Call for proposals EASTAP Journal 1,2018 )

 

Vielleicht sollte man häufiger zusammen U-Bahn fahren, wenn man etwas bewegen will.

Großer Glückwunsch und große Vorfreude aufs gemeinsame Denken und Machen!

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Entgegenkommende Aufnahmen – Toscanini-Exhibition in der NYPL

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Info-Tafel zur Präservation von Drahtton-Aufnahmen. Aus der Ausstellung Toscanini: Preserving a Legacy in Sound, NYPL for the Performing Arts

Was wir über die Gesellschaft, was wir über die Geschichte, was wir über ihre Künste wissen, wissen wir zu einem erheblichen Teil über die Medien, die sie uns vermitteln. Die Reproduktionstechnik, formuliert Walter Benjamin bekanntlich um die Wende zum 20. Jahrhundert, löse das Reproduzierte aus dem Bereich der Tradition ab und stelle durch die Vervielfältigung an die Stelle der Einmaligkeit die Vielfältigkeit. Im gleichen Atemzug erlaube die technische Reproduzierbarkeit der Reproduktion aber auch, der/dem je Aufnehmenden in ihrer/ seiner jeweiligen Situation entgegenzukommen, womit sie das Reproduzierte auch aktualisiere.

Für ein Sammeln, Bewahren, Schützen und zugänglich-Machen der Gleichzeitigkeit ungleichzeitiger medialer Erinnerungen an Vergangenes haben wir Museen, Sammlungen, Archive. Wie kommen sie uns entgegen, das Reproduzierte in unserer Zeitgegenwart, in unserer jeweiligen auch ‘medialen Situation’ zu verstehen – auch wenn es Jahrzehnte, Jahrhunderte alt ist und zunächst fern unserer täglichen Wahrnehmungshorizonte liegt?

In einer besonders  gelungenen Kuration stellt sich die Ausstellung Toscanini: Preserving a Legacy in Sound der New York Public Library for the Performing Arts in New York, deren Eröffnung ich während meines Forschungsaufenthalts vergangene Woche beiwohnen konnte, diese Frage –und beantwortet sie, wie ich finde, recht clever. Genau so wünsche ich mir Vermittlung im Museum mit Einblick ins Machen und die Machbarkeit von Präservation, analog und digital.

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Italienische Briefmarke zum Gedenken an Toscaninis 50. Todestag 2007.

Im noch laufenden Jahr wurde vielerorts an den 150. Geburtstag des italienischen Dirigenten Arturo Toscanini (1867-1957) erinnert: mit Ausstellungen, neuen Editionen seiner Dirigate, biographischen Texten.

In der von Jonathan Hiam kuratierten Ausstellung in der NYPL for the Performing Arts geht es auch um die künstlerischen und biographischen Stationen Toscaninis. Es geht aber vor allem um Idee und Auftrag des “Preserving a Legacy in Sound”. Und damit um das faszinierende Zusammenspiel von Toscaninis Handschrift und Auftritt in einer musikhistorisch nicht einfachen Periode zwischen einerseits dem späten 19. und der Mitte des 20. Jahrhunderts und einer medial und technologischen ‘Turbozeit’. Denn die Arbeit des ‘Maestros’ mit dem photographischen Gedächtnis verläuft in zeitlicher Koinzidenz mit der Erfindung und Verfeinerung akustischer Aufnahmetechniken.

Das “Entgegenkommen” für uns Aufnehmende in der ‘heutigen Situation’, i.e. der digitalen Kultur und Tranformation, besteht in der transparenten Zusammenführung von Toscaninis Dirigaten – vor allem  in Kontext seines Wirkens am und mit dem NBC Symphony Orchestra von 1937 bis 1954 – mit den Möglichkeiten des digitalen Recordings: Wie lassen sich historische Aufnahmen von Klang mit Hilfe heutiger digitaler Technologien reproduzieren und zugänglich machen, so dass die Erzählung der Geschichte eine Geschichte ihrer Klänge und verständlich sein kann? *) 

 

Die komplette Ausstellung verläuft folglich in drei Strängen auf dem Basso Continuo der Zeit: auf der Ebene der biographischen Etappen Arturo Toscaninis, entlang der je innovativen und zeitspezifischen Aufnahmetechniken und Aufnahmen seiner Dirigate und im Hinblick auf die konservatorische und vermittelnde Sorgfalt digitaler Aufbereitung des Nachlasses in Ton und Text. Mehr als 43.000 Objekte aus Toscaninis Schaffenszeit befinden sich in der Rodgers and Hammerstein Archives of Recorded Sounds-Collection der NYPL for the Performing Arts,  die 1987 von Toscaninis Familie an die Bibliothek übertragen wurde. (siehe hierzu auch diesen Artikel in der New York Times). In der jüngst eröffneten Ausstellung sind Aufnahmen von Toscaninis Konzerten, aber auch seiner persönlichen Lieblingsmusik auf Shellack, Vinyl, Selenophon sowie in Radio- und Fernsehaufnahmen anzuschauen und in ihrer digitalen Bewahrung anzuhören. Sie sollen das Original nicht nur schützen, sondern ihm auch klanglich so nahe wie möglich kommen (zumindest der Aufnahme; die eigentliche Performance ist volatil, wie wir wissen).

Das dichte Ineinandergreifen von Musik und ihrer Aufnahme, von Toscaninis künstlerischer Handschrift und seinem auch medial beförderten Erfolg wird in dieser Schau besonders anschaulich herausgestellt. Ein feines, wenn man so will, museumspädagogisches Asset sind zusätzlich die Schaukästen und interaktiven Displays, die die Arbeitsschritte der Digitalisierung verdeutlichen. An einem live-Tisch werden ab sofort zusätzlich diese Prozesse in einer Face-to-Face-Begegnung zwischen Besuchern und den IT-Spezialisten der NYPL weiter erörtert werden.

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Wie funktioniert eigentlich digitale Preservation? Das Zeigen des Machens ist ein wichtiger Bestandteil der Ausstellung “Toscanini: Preserving a Legacy in Sound” (Foto: Nic Leonhardt)

 

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Toscanini: Preserving a Legacy in SoundNew York Public Library for the Performing Arts. (28. November  – 7. April 2018).

Kurator: Jonathan Hiam.

*) Als weitere umfassende Sound-Archive, die nicht nur Musik, sondern auch vernakuläre Klänge, vor allem historisch, erfassen, seien hier genannt: das Archive of Recorded Sound der Stanford University; das Sound Archive der British Library; das Berliner Phonogramm-Archiv. 

Wissenschaftsalltag · Work-Life Balance

Von Zeitkuchen und Zeitsuchen

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Wayne Thiebaud. Display Cakes, 1963.

Als ich noch ein Teenager war, traf ich mich gelegentlich mit einem älteren Bekannten (der gerade so erwachsen genannt werden konnte), um uns gemeinsam über die Philosophie der Existentialisten und die Konsumkritik Wolfgang Schmidbauers auszutauschen (ja, genau, der ist Paartherapeut und schreibt fürs ZEIT-Magazin). Dieser Bekannte, nennen wir ihn Frederick, entwickelte als Adoleszenter eine Theorie vom individuellen liebesrelevanten Gefühlshaushalt, die er „Gefühlskuchentheorie“ nannte. Das Theorem lautete: „Jeder Mensch verfügt Zeit seines Lebens über einen einzigen Gefühlskuchen. Sind die Gefühle einmal investiert, sind sie weg, so wie ein Stück Kuchen fehlt, wenn man es gegessen hat.“ Ich war immer nur einen Krümel überzeugt von diesem Theorem, sagen wir ein achtel Kuchenstück überzeugt, der Rest war Zweifel. Ich tat allerdings den folgenschweren Schritt, eine Analogie zu schaffen zwischen Fredericks Gefühlskuchen und dem Kuchen unserer Lebenszeit und realisierte dadurch (wenn ich bei Fredericks Logik blieb), dass von den X Tagen, die mir zum Leben verfügbar sind, mit jedem Tag ein Plus ein Minus bedeutete: Je mehr Zeit ich hier verbrachte, desto weniger würde ich hier verbringen. Das ist angesichts unserer Vergänglichkeit ziemlich natürlich (über Religionen und ihre Unterschiede hinsichtlich der Konzeption von Lebenszeit möchte ich jetzt nicht sprechen), aber als Teenager traf mich diese Erkenntnis wie ein Kirschkern aus einer Zwille. Seitdem kreisen meine Gedanken immer wieder um diese unsere Freundin und Feindin. Die Zeit.

Um meinen Gefühlskuchen sorge ich mich nicht, aber um den Zeitkuchen. Und wenn ich mich so umschaue, im Umfeld, privat und beruflich, in der Ratgeberliteratur, auf Kalendersprüchen, auf Blogs, Business-Portalen und in populärwissenschaftlichen Sendungen, bin ich nicht die Einzige. Zeit soll genossen, dosiert, gelebt, gemessen, genommen, gemanagt, herbeigesehnt, eingespart, investiert, qualitativ ver- und zugeteilt (man sagt heute quality time, me-time), optimiert, geteilt und bezahlt werden. Zeit vergeht, fehlt, dominiert, heilt, kommt, ist Geld, hat man nicht, alles hat seine Zeit, gut Ding will Weile…, eile mit Weile, Zeit verstreicht, verrinnt, zerrinnt, kommt wieder, nie mehr, ­– morgen ist auch noch ein Tag. Was du heute kannst besorgen, was gestern war und heute ist-und-so-weiter.

safranski_zeitSymptomatisch für die Komplexität von Zeit und die Vielschichtigkeit unserer Beschäftigung mit ihr ist das im Jahr 2015 erschienene Buch Zeit. Was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen von Rüdiger Safranski. Ich bekam es zum Geburtstag geschenkt, und da dieser Tag seit ich atmen kann auf das Jahresende fällt (ich bin qua Geburt zwischen den Jahren geparkt mit allen Konsequenzen) war es genau das richtige Geschenk für mich. Ich habe es verschlungen.

Eigentlich wollte ich schon zu Beginn des neuen Jahres ein paar Zeilen über das Buch schreiben, neues Jahr, neue Ideen … „Die Zeit des Anfangens ist, bei halbwegs glücklichem Verlauf, der lichterlohe Moment, da man sich mit der Zeit im Bunde fühlt.“, schreibt Safranski. – Aber wie das dann so ist: ich wollte über Zeit schreiben und hatte schlichtweg keine. Oder, mit Safranski paraphrasiert: ich wurde in der „Zeit des Anfangens wieder zurück[gelenkt] in die Bahnen des Gesellschaftlichen.“ Und da fand ich mich dann (wie viele von Euch sicherlich auch), wieder. Hingelenkt, aufgespurt auf die Drähte dieses Korsetts, das wir doch eigentlich längst gesprengt geglaubt hatten? – doch halt!: das ist lange her, und bezog sich eher auf den weiblichen Torso als auf die Zeit. Mittlerweile tragen wir wieder freiwillig Mieder UND das Zeitkorsett schnürt uns ein. Wo sind die Haken?

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Tempus fugit. Time flies. Die Zeit fliegt. Fliehen geht nicht.

Was macht sie nur mit uns, die Zeit? Was machen wir nur mit ihr?

Fragen, die auch Rüdiger Safranski stellt: an die Geschichte, die Philosophie, die Naturwissenschaften, die Künste. Interessanterweise beginnt er sein Buch mit der Langeweile, dann widmet er sich dem Anfangen, den Zeiten der Sorge, der vergesellschafteten Zeit, der bewirtschafteten Zeit, der Lebens- und Weltzeit, der Weltraumzeit, der Eigenzeit, unserem Spiel mit ihr, erfüllter Zeit und Ewigkeit. Immer wieder flicht er die Stimmen und Ansätze von Philosophen, Religionstheoretikern und Künstlern unterschiedlicher Zeiten in seine Ausführungen ein und verweist damit indirekt auf die Zeit und Kulturen übergreifende Beschäftigung mit Zeit, die longue durée der Zeit als Gegenstand und Thema, wenn man so will. Die Zeit beschäftigt und hält beschäftigt, dauerhaft.

„Man könnte einfach sagen: Die Zeit ist dasjenige, was die Uhren messen. Was aber messen die Uhren?“ fragt Safranski im Kapitel Vergesellschaftete Zeit. Nun: „Zeit ist das Dauern, bei dem man ein Früher und Später markieren kann und dazwischen die Intervalle zählt.“

Intervalle zählen…

Ich halte hier mal inne, die Zeit muss sein, Generalpause für ein paar Intervalle, für ein persönliches Zahlen-Beispiel:

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Time-Sheets. Muster fürs Mustern.

Vom Arbeitstag, dessen gesetzliches Maximum 10 Stunden nicht überschreiten sollte, und auch das nur in Ausnahmefällen (geht manchmal, meistens nicht), soll man, wie Projekt- und Zeitmanagement-Coaches empfehlen, nicht mehr als 60% verplanen. Soweit so gut. In dem neuen Projekt, in dem ich forsche, müssen wir Wissenschaftler „Time Sheets“ ausfüllen, das will die EU, die das Projekt finanziert, so. Time Sheets sind Zeit(erfassungs-)-Blätter. Ja, genau. Sie wirken auf uns Geisteswissenschaftler und Künstler wie von einem anderen Stern. Dennoch sind sie als (vermeintlich objektive) Erfassungsinstrumente der Zeit interessant, um zu schauen, wo die Zeit eigentlich geblieben ist, und was uns bleibt von dem, was uns noch bleibt.

  • Hier ein paar Zahlen aus meinem privaten Alltag, Durchschnitt:

Schlafen: 8 Stunden; tägliche Gymnastik und Sport: 1-1,5 Stunden, Morgenritual: 30 Minuten, Essen netto ca. 1 Stunde, üblicher Kleinkram (Katze, Küche, Korrespondenz, Einkauf, Haushalt, Fahrradschloss auf- und absperren, so Sachen) in Summe ca. 1,5 Stunden; Tanzstunde: 2-3 Stunden; gehe ich abends nicht tanzen, treibe ich Sport, arbeite, gehe ins Theater oder treffe Freunde: gleicher Zeitbedarf.

  • Zahlen aus dem beruflichen Alltag, die das Time Sheet nur zum Teil misst:

Viele Tätigkeiten meiner Arbeit lassen sich nicht beziffern, aber nach langjähriger Erfahrung kann ich sagen, dass ich zum Beispiel für das Verfassen eines Empfehlungsschreibens 30-45 Minuten benötige, für Lektüre und Gutachten einer Bachelorarbeit 3-4 Stunden, einer Masterarbeit etwa 5. Die Vorbereitung einer Seminarsitzung nimmt Pi mal Daumen das doppelte an Zeit des Seminars in Anspruch, das sind also bei einem 90 Minuten-Kurs  3 Stunden. Für die Vorbereitung einer 90-minütigen Vorlesung rechne ich im Schnitt 2,5 Tage, wenn ich sie noch nie gehalten habe, einen Vormittag, wenn ich sie nur aktualisiere. Einen Vortrag zu schreiben, kommt dem Zeitbedarf für eine Vorlesung gleich, wenn ich im Thema bin; der Bedarf verdoppelt sich mindestens, wenn es noch weiterer Recherchen bedarf (übrigens rechnet man 3 Minuten Redezeit für eine DIN A4-Seite getippt in 1,5-fachem Zeilenabstand, Schriftgröße 12). Ähnliches gilt für einen Fachaufsatz, für den ich, Recherchen nicht eingeschlossen, eine richtig fette Woche benötige. Für eine Kolumne sitze ich zwischen 30 Minuten und 3 Stunden an der Tastatur, je nach Komplexität des Themas; eine Reportage zu schreiben, kostet gut einen vollen Tag, manchmal 2. All dem voran geht, dass ich in den Zeiten „dazwischen“ mental ‚schwanger gehe‘ mit Aufsatz, Vortrag oder journalistischem Text, ihn gedanklich visualisiere. Und dann ist all dem vorauszusetzen, dass ich all diese Arbeiten neben zahlreichen anderen Aufgaben erledige, die sich nicht beziffern lassen. Momentan schreibe ich zwei Bücher. Die Zeit, die das braucht, habe ich nicht erfasst, denn ich arbeite seit Jahren immer wieder daran. (die Zahlenbeispiele mögen für andere Kollegen anders aussehen, ich speise sie hier nur aus meinem persönlichen Arbeitsalltag).

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Tic-Tac-Tic-Tac-Tic-Tac–

Ausgerechnet die spießigen, aus der Zeit gefallenen Time Sheets führen noch mal vor Augen, dass man, wenn man seine Arbeit gewissenhaft tut, hinten und vorne nicht mit der verfügbaren Zeit hinkommt. Das ist ein allseits bekanntes Problem in der Wissenschaft (und sicherlich nicht nur dort), aber es hilft nur initial etwas, darüber zu schreiben, was ja, zum Glück!, gehäuft passiert. Damit es besser (im Sinne von „zu bewältigen“) wird, hilft nur handeln. Jetzt und morgen und nicht aufhören damit. Aber das lenkt jetzt in ein gänzlich neues brisantes Feld. Es hat aber mit Safranskis Kapiteln zur vergesellschafteten Zeit ebenso zu tun wie mit der bewirtschafteten Zeit – und der Zeit der Sorge, denn die ist allerorten groß.

Neben der Sorge sind bestimmte Gefühlszustände an Zeit gebunden: Sehnsucht etwa, Erinnerung, Vermissen, Ekstase. „Die Romantiker haben es gehört, dieses rauschende Rad der Zeit, das die Lebenszeit mit seinem Lärm und der unaufhörlichen Bewegtheit erfüllt. Sie haben aber auch nach etwas anderem gesucht, etwas, das aus diesem elenden Kreisen herausführt; Wackenroder nennt es die verzehrende  Sehnsucht nach unbekannten schönen Dingen.“ (Safranski)

Ich fröne gerne der Sehnsucht, noch lieber aber erfülle ich sie mir, surfe das rauschende Rad. Wenn ich beim Tanzen und in der Musik die Zeit zähle, zähle ich den Takt (übrigens mag ich Synkopen, weil sie für einen Moment die Zeit so schön frech durcheinander bringen), aber während ich zähle, tanze ich, bin ich „im Moment“. Das ist groß. Die schönste Zeit ist überhaupt die, die man gar nicht misst, sondern nur genießt. Da sein. Fertig. Angefangen.

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Gut, dass wir Zeit für Kunst haben, Kunst für die Zeit .

Was die Zeit mit uns macht, machen wir mit ihr.
Die Zeit wird Raum, die Liebe bleibt…Wie schön ist das?!

Teenagerzeit… Was wohl Frederick heute so treibt? Steine rollen wie Camus’ Sisyphos? Schmidbauer lesen? Lieben? Gefühlskuchen bröseln? Auf die 50 zugehen. Nun, das ist gewiss, es lässt sich auch ausrechnen.

Es wäre interessant ihn noch mal zu treffen. Auf einen Zeitkuchen zur Kuchenzeit um Vier. Vielleicht hat Herr Safranski ja Lust und Zeit (sein Buch hat er ja jetzt geschrieben) und kann auch kommen. Auf ein Stündchen. Morgen. Irgendwann.

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(Schreibzeit: 2 Stunden)

Beziehungen im 21. Jahrhundert · Digital Culture · Film · Popkultur · Popular Culture

Fensterln digital – Kinostart “Safari”

 

fesnterlnGestern Abend hat mal wieder jemand eine Leiter an meiner Hauswand angebracht, um mir ein Ständchen zu singen, um meine Aufmerksamkeit zu buhlen, zu minnen. Das passiert jede Woche mindestens einmal. Gerade in großen Städten wie der bayerischen Landeshauptstadt.
Das Verhalten geschlechtsreifer Großstädter zur Paarungszeit ist merkwürdig. Sie versuchen alle Tricks. Die Leitern im Baumarkt: ständig ausverkauft. Die Mandolinen und Ukulelen im Musikgeschäft: nächstes Lieferdatum auf unbestimmte Zeit verschoben.
Hier weiß man, wie man flirtet. Wie man erobert. München: ein Paradies für Singles … Da braucht es nur ein Fensterl, ein paar Sprossen und eine süße Barkarole. Seufz…
– Ist natürlich totaler Schmarrn. Keine Socke macht sich hier die Mühe mit Leiter und Leier. Weder Mann noch Frau. Sind alle viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt – unsicher, und wenn sie abends aus ihren Büros kommen, geht ohnehin nur noch Netflix und ein Helles. Das ist das Leben in München.
Wie das heute so geht mit der Minne, die man Dating nennt, also digitales Fensterln, und wie es ordentlich daneben geht, wenn man den Algorithmen zu sehr traut, erfährt man in dem neuen Film  „Safari – Match me if you can“  von Rudi Gaul.
Eine Dating-App namens Safari hilft dabei, den oder die oder das Richtige zu finden: für schnelle Nummern, Nachwuchszeugung, Spiel und Spaß und das Ausleben von Fantasien aller Couleur und Akronyme.images-3
In der vergangenen Woche war ich bei der offiziellen Premiere des Kinofilms im Münchner Mathäser-Kino und mochte die Mischung aus (unfreiwilliger) Komik, ernsthafter Thematik, Emanzipation und Verhandeln von Sexismus und Konventionen in Beziehungsfragen. Der handwerklich formidabel gemachte Film ist ein herrlicher Reigen unterschiedlicher Figuren, die alle nur das Eine wollen: nicht allein sein, aber sie selbst bleiben. Auf der kompromisslosen Pirsch sind Piloten, Influencer, Immobilienmakler, Psychotherapeuten, Berufsclowns, Poser und Dating-Coaches in der Single-Hauptstadt München. Leitmotiv ist unter anderem eine Bratwurst à la française.
Für mich ist online-Dating nichts. (Nur als Forschungsgegenstand interessant). Safari – match me if you can aber ist große Klasse! Ich habe viel gelernt, wie’s so zugeht da draußen, weiß jetzt, wie der Hase durch die screens und windows hoppelt und habe mich königlich amüsiert.
Am kommenden Donnerstag, 30. August, ist offizieller Kino-Start
Ich werde den Film noch mal anschauen (wer mehr sieht, sieht mehr).
Schnappt Euch Eure Freunde, Eure Eltern, Eure Liebsten, Euren Schwarm und schaut, schaut, traut, traut, euch an und alles zu!
  • images-2Trailer:
  • Offizielle Website des Films
  • Ohrwurm verdächtiger Titel-Song: Laing
  • Darstellerinnen und Darsteller: Patrick Abozen, Sebastian Bezzel, Justus von Dohnányi, Friederike Kempter, Juliane Köhler, Max Mauff, Sunnyi Melles, Elisa Schlott
  • Regie: Rudi Gaul
  • Drehbuch: Rudi Gaul & Friederike Klingholz
  • Produktion: Rat Pack 
  • Concorde Filmverleih
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Zur Erinnerung: Mein Essay über “Computerliebe”.