Buchbesprechung · Media History · Wissenschaftsalltag · Work-Life Balance

24 Hours a Day

img_2846-e1503066484557
“Your purse is magically filled with twenty-four hours of the unmanufactured tissue of the universe of your life!” (A. Bennett, 1910. Photo: Nic Leonhardt)

When reading Cal Newport’s book Deep Work, I came across a handful of references he worked with, which sounded quite intriguing to me. I jotted down the most interesting titles and loaned them from the library. (yes, please call me old-fashioned ;-))
One of these references is Arnold Bennett‘s book How to live on 24 Hours a Day. A book targeting primarily the so called “white-collar workers“, and providing recommendations of how to make the most of a working day.

What is remarkable here is that Bennett’s little ‘guidebook‘ came out in 1910 (i.e. one hundred seven years ago!), – yet that it deals with the same themes like contemporary guidebooks and seminars: You would think that “work-life balance” is a case in point of the 21st century only, but Bennett’s book proves: It is not! Studying How to Live on 24 Hours a Day, I was surprised how similar the problems he addresses, and the advices he offers are to the ones we try to cope with nowadays on a daily basis.

I can only recommend to read the whole book, but for the hasty ones among you: here are some of Bennett’s recommendations in a nutshell. Enjoy!

bennett 24 hours 1910 (1)

You wake up in the morning, and 24 hours are all yours (well, most of them)

„The supply of time is truly a daily miracle, an affair genuinely astonishing when one examines it. You wake up in the morning, and lo! Your purse is magically filled with twenty-four hours of the unmanufactured tissue of the universe of your life! It is yours. It is the most precious of possessions. A highly singular commodity, showered upon you in a manner as singular as the commodity itself! For remark! No one can take it from you. It is unstealable. And no one receives either more or less than you receive.“ (p. 16f)

Enjoy the moment, the Here & Now!

“[Y]ou cannot draw on the future. Impossible to get into debt! You can only waste the passing moment. You cannot waste to-morrow; it is kept for you. You cannot waste the next hour; it is kept for you. You cannot waste the next hour; it is kept for you.” (p. 17)

You have all the time there is

[Y]ou are constantly haunted by suppressed dissatisfaction with your own arrangement of your daily life; […] the primal cause of that inconvenient dissatisfaction is the feeling that you are every day leaving undone something which you would like to do, and which, indeed, you are always hoping to do when you have “more time”; [yet the] glaring, dazzling truth [is] that you never will have “more time,” since you already have all the time there is” (p. 25)

Be patient. Allow for human nature, especially your own 🙂

“Beware of undertaking too much at the start. Be content with quite a little. Allow for accidents, Allow for human nature, especially your own.” (p. 28)

Controlling your Mind (an Exercise)

“When you leave your house, concentrate your mind on a subject (no matter what, to begin with). You will not have gone ten yards before your mind has skipped away under your very eyes and is larking round the corner with another subject. Bring it back by the scruff of the neck. Ere you have reached the station you will have brought it back about forty times. Do not despair. Continue. […] By the regular practice of concentration (as to which there is no secret – save the secret of perseverance) you can tyrannise over your mind (which is not the highest part of you) every hour of the day, and in no matter what place.” (p. 47f)

(Arnold Bennett: How to Live on 24 Hours a Day. New York: George H. Doran Company 1910)

Buchbesprechung · Social Media · Wissenschaftsalltag · Work-Life Balance

Deep Work

Hammershoi_1901 Frau am klavier
Interieur mit einer Frau am Klavier. (sie könnte auch schreiben). Vilhelm Hammershøi, 1901.

 

Es war an einem Sonntag neulich. Lockere Ruhe draußen, leichte Unruhe drinnen. Ich blickte auf die Woche zurück, bilanzierte, ob ich für mich erreicht hatte, was ich mir montags zuvor vorgenommen, welche Ereignisse und Begegnungen gut, welche nicht so gut gelaufen waren. Ob ich jeden Tag ein bisschen glücklich war, Zeit für kreative Arbeit, die Natur und meine Freunde gehabt hatte. Die Bilanz fiel nicht so rosig aus. An diesem Morgen war ich mir selbst die größte Sonntagspredigerkritikerin guter alter Schule objektiver Nabelschau. Da war zu viel Zeit auf der Strecke geblieben die Woche. Zeit für Käse und Nebensächliches, von dem man auch denken könnte, es sei profund und zielführend. Zeit aber, die bei näherer und ehrlicher Analyse vergeudet worden war. Käse, der mich zu oft weggezogen hatte von einem Zustand des Suhlens in Zeit, der mich die Zeit vergessen lässt.

Was das für ein Zustand ist? Es ist ein Zustand des Flows, des völlig-Versunkenseins, des nicht-Wahrnehmens des Außen, weil die gegenwärtige Beschäftigung sprichwörtlich „in den Bann zieht“, im Hier und Jetzt das Hier und Jetzt feiert. Ein Zustand, der sich durch geübte Meditation herbeiführen lässt – oder durch das Tun von Dingen, die man gerne tut. Irre gerne. Mit Leidenschaft.

In einem Lied von Jochen Distelmeyer/Blumfeld, Sonntag, singt das lyrische Ich, es sei zu Hause geblieben, weil es einen Text schreiben wollte (“Ich wollt’n Text schreiben und bin zu Haus geblieben”). Das verstehe ich so gut! Einen Text zu schreiben, der einem etwas bedeutet, kann dazu führen, dass man während des Schreibens das Außen vergisst. Man vergisst zu antworten, zu essen, zu trinken, die Spülmaschine auszuräumen, man hört das Telefon, aber geht nicht ran, weil es so weit weg ist, so weit weg. Wenn ich einen solchen Text schreibe, dann bin ich ‚im Text‘, wie ich es nenne, bin sein Webstuhl und Gewebe. Herrlich ist das. – Das Texten hier als Beispiel für einen Zustand des Flows. Ich könnte auch das Malen anführen, die Arbeit mit Bildern, das Musikhören und -machen, im Schnee sein oder im Wasser, oder wo und worin auch immer. Ihr versteht, was ich meine, wenn Ihr Zustände des Flows kennt. Sie sind ziemlich fett. Und doch sind sie im Alltag ziemlich mager.

In jener meiner Wochenbilanz fehlten diese Momente der vollen Wucht an Konzentration. Sie sind ja ohnehin sehr selten. Sie werden seltener zudem durch die ständigen Ablenkungen, die sich in unseren Alltag geschlichen haben. Zeitdiebe, Energiefresserchen, die alle etwas von unserem Zeit-, Energie- und Aufmerksamkeitskuchen abhaben wollen. Und was mache ich? Ich füttere sie, und raube mir damit selbst mein Glücksfutter: Flows, Konzentration, Fokus – oder, wie es der amerikanische Wissenschaftler und Autor Cal Newport benennt: „Deep Work“.

sample-gif-cccf85173bd08a3d0075b7cae79d1169
Fokus, Fokus, Fokus! Der Artist Charles Blondin überquert 1859 die Nigara-Fälle auf einem Hochseil. (Zeitgenöss. Stereofotografie)

Noch am selben Tag machte ich als Hauptparasiten die sozialen Netzwerke aus: meine Mitgliedschaft bei XING hatte mir zwar interessante Aufträge für meine freie Arbeit beschert; allerdings hatten sich in der letzten Zeit unangemessen eindeutige Anfragen von männlichen Nutzern gehäuft, die diese „Business-Plattform“ als online-Dating- oder Tinder-Alternative missverstanden. „Mir gefällt dein Profil, hier ist meine Nummer. Würd’ mich freuen.“ Und selbst das Ignorieren dieser, ähm, Angebote, erforderte Aufwand, den ich im Grunde nicht bereit bin zu leisten. Es mag Frauen geben, denen das gefällt, mir gefällt das nicht. Und so gaben diese gehäuften ungefragten Anfragen eine gute Gelegenheit, mich von diesem Portal wieder abzumelden.( Den Missbrauch ihrer eigentlichen Geschäftsidee meldete ich den Leitern von XING, aber sie hatten keine Lust, darauf zu reagieren; jedenfalls bis heute nicht. Vielleicht kommt da ja noch was…) Na, und dann stellte ich fest, dass ich Facebook zwar mochte und gerne nutzte – an dem Leitspruch des Unternehmens, stets in Verbindung mit seinen Freunden in der Welt zu sein, ist ja etwas dran –, ich aber eigentlich gar nicht alle mir dort zugänglichen Informationen gebrauchen konnte. Eine Binsenweisheit, sagt Ihr. Ich weiß. So nutzlos die Infos: mein armes Gehirn reagiert aber trotzdem auf neue Infos und Posts – und muss sie dann verarbeiten. Permanent. Und selbst, wenn ich nur scrolle, schaue, was denn jene Freunde in der Welt so machen. Meine Aufmerksamkeit wird gelenkt, und das Problem ist: ich bin nicht diejenige, die die Zügel hält. Ich bin nicht Herrin über die Lenkung. Und die geliebten Zustände des Flows? Erreiche ich am wenigsten mit Facebook. Here you go.

In meiner kleinen Sonntagsanalyse machte ich neben XING also Facebook als weiteren kleinen Störenfried aus – und deaktivierte mein Profil. Und so ging das dann weiter: die e-mail-Bilanz: welche sind wirklich wichtig, welche nicht so, und welche überhaupt nicht? Messenger, WhatsApp: brauche ich das wirklich? Oder wäre nicht ein Telefonat ohnehin netter? Oder gar die Freunde, mit denen ich hin und her schreibe, live zu sehen? Die 2 Stunden Zugfahrt auf mich zu nehmen, um sie mal wieder in den Arm zu nehmen, wären doch ein Klacks, oder? Eben.

Deep Work _Cover dtDeep Work_Cover engIn einer dann folgenden Woche „Reparaturlaub“ in Kerala, Indien, las ich den Bestseller von Cal Newport, Konzentriert Arbeiten. Regeln für eine Welt voller Ablenkungen, der 2017 von Jordan T. A. Wegberg ins Deutsche übersetzt, 2016 unter dem Titel Deep Work in den USA erschienen war. Ich hatte mich ja in meiner kleinen sonntäglichen Bestandsaufnahme – „Ich wollt’n Text schreiben – und bin zu Haus geblieben“ – schon selbst ganz gut gebrieft. Von Newport erwartete ich dann weitere Tipps. Und die bekam ich auch. Deep Work/ Konzentriert arbeiten – ist ein Buch, ein Symptom unserer Zeit. Es konzentriert sich hauptsächlich auf „Wissensarbeiter“, Menschen also, die Berufen nachgehen, die häufig auch ein hohes Maß an Konzentration erfordern, an Ruhezonen zum durchdachten Durchdenken von Aufgaben, neuen Konzepten, Entwickeln von Ideen und der entsprechenden Vermittlung.

Das Problem, das Newport ausfindig macht: eine fragmentierte Aufmerksamkeit. Statt „deep work“, also konzentrierter Arbeit, die eine längere Phase un(!)unterbrochener Aufmerksamkeit verlangt, quillt „shallow work“, also oberflächliche, anspruchslose Tätigkeit, in den Vordergrund. Sich auf eine McKinsey-Studie beziehend, formuliert Newport zu Beginn seines Buches, „dass der durchschnittliche Wissensarbeiter über 60 Prozent der Arbeitswoche mit elektronischer Kommunikation und Internetsuche verbringt, wobei knapp 30 Prozent der Arbeitszeit allein auf das Lesen und Beantworten von E-mails entfallen.“ Ach du Schreck! Wenn man dann noch in Betracht zieht, dass in vielen Arbeitsbereichen regelmäßig Meeting-Marathons abgehalten werden, lässt sich ohne viel Konzentration ausrechnen, wie viel Zeit noch für Konzentration bleibt. Da stimmt doch ‘was nicht. Finde ich. Und findet auch Newport. Sein Befund: in einer Kultur wie der gegenwärtigen (lassen wir mal den Kollektivsingular hier stehen, wissend, dass hier in Sachen Kultur eigentlich noch eine Differenzierung her müsste) hat Deep Work einen „schweren Stand“. Einen schweren Stand „gegenüber dem unablässigen Geklingel von Tweets, Likes, getaggten Fotos, Walls, Posts und all den anderen Aktivitäten, die uns heute als notwendig verkauft werden, lediglich weil sie existieren.“

64460c26dbd4af3abc145ed8d2eb8b4a--pencil-illustration-gustave-dore
Gargantuas Fütterung. Unersättlich… (Gustave Doré, um 1868)

Ich will ja, aber sie lassen mich nicht.

Ist das wirklich so? Es ließe sich auch formulieren, dass ich mich lasse, weil ich will. Dann lenken nicht die anderen oder die Ablenkungstools meine Aufmerksamkeit, sondern ich (mich) selbst. Das führt zu den Vorschlägen, die Newport, zuweilen etwas redundant und abgeleitet von meist dem amerikanischen Kontext entstammenden Beispielen, unterbreitet. Diese Vorschläge beschreibt er mal als Philosophien, mal als Regeln, mal als Disziplinen.

Hier eine Auswahl von 10:

  • Rituale schaffen
  • Große Gesten schaffen – zur Erfüllung der eigenen Ziele großzügig mit sich sein
  • Konzentrieren auf das Allerwichtigste
  • (eigene) Zielsetzungen prioritär setzen
  • Einen Rhythmus der Verantwortlichkeit schaffen
  • Faul sein ( das heißt, kleinen Verantwortlichkeiten, die sich in der Summe zu einem Aufmerksamkeitsdieb von einem Gargantua-mäßigen Ausmaß aufblasen, tschüss zu sagen)
  • Auszeiten einplanen
  • Langeweile zulassen
  • Soziale Netzwerke verlassen
  • Die Pause von der Konzentration der Pause von der Ablenkung vorziehen

Das Buch ist keine Vor-Schrift. Eine solche würde die individuelle Freiheit konzentrierten Arbeitens beschneiden. Newport hat zwar seinen eigenen Standpunkt, lässt aber auch kritische Stimmen zu, und liefert somit eine fundiert recherchierte Übersicht und Anleitung für Menschen, die sich nach dem Flow sehnen, den sie von der Arbeit oder einer anderen Leidenschaft kennen – aber lange schon nicht mehr erfahren haben. An einigen Stellen ärgerte ich mich über den Effizienz-Gedanken im ökonomischen Sinne, den Newport partiell vertritt. Aber ich sehe das so: der Weg ist das Ziel. Mich tangiert hier die Effizienz nicht, mich interessiert an Deep Work die Tiefe. Der Flow.

Die nächste Sonntagsbilanz fiel schon anders aus. Die Woche in Indien, mit Newports Buch als abendlicher Lese-Krücke und kleinen Brücke in den Wiedererwerb der tiefenbohrenden Schönheit des Denkens, Schreibens, Malens, Was-auch-immers hatte alte Synapsen wieder neu verschaltet. ‚Deep Work‘ stellt sich nicht von alleine ein. Geduld ist gefragt. In erster Linie Geduld mit sich selbst. Es hilft zu wissen, dass die Phasen höchster Konzentration über 4 Stunden pro Tag nicht hinausgehen, wenn man sich auf Newports Analysen verlässt. Da kann man sich auch über eine Stunde Fokus schon freuen. Klasse, nicht Masse. (Herrje, die alten Weisheiten. Aber irgendwas muss ja dran sein an den Sprüchen.)

In Blumfelds Sonntag-Lied ist die Königin der Ablenkung vom Schreiben übrigens die Natur. Fair enough, das lässt sich das lyrische Ich gefallen. Plötzlich nicht mehr zu Hause, sondern draußen singt es: „Der Tag scheint rüber zu mir wie ich so durch die Schöpfung spazier’. Alles will blühen, ohne was davon zu haben.“

Zweckfrei Schönes. Gibt es mehr? Gibt es Besseres? Flora. Fauna. Flow!

Und den Text, den Text hat das Ich ja trotzdem geschrieben. Oder gerade deswegen.

Da fang’ ich doch gleich mal an!

440px-Newlyn-Art-School
Stanhope Forbes, Ladies at Work at the Newlyn Art School (1910.)

 

Fotografie · Media History · Photography · Popular Culture · Publication · Theatre History

“Entrer dans l’image par le regard” – New Article Out

Etudes Theatrales L'Oeil et le TheatreEdited by Florence Baillet, this special issue of Études Théâtrales focuses on “L’œil et le théâtre. La question du regard au tournant des XIXe et XXe siècles sur les scènes européennes”. The volume was preceded by an international symposium on the same theme, organized by Florence Baillet (Sorbonne nouvelle, CEREG),  Arnaud Rykner (Sorbonne nouvelle, IRET), and Mireille Losco (ENSATT) at Université Sorbonne Nouvelle Paris 3, in April 2015.

My chapter “Entrer dans l’image par le regard: stéréscopie et théâtre” deals with the history of 3D images in theatre and popular culture in the 19th and 20th century.

(Nic Leonhardt: “Entrer dans l’image par le regard: stéréoscopie et théâtre”, in: L’oeil et le théâtre. Études Théâtrales, 65/ 2016, p. 41-51.)

Theater international · Theaterzauber · Wissenschaftsalltag

ITI Germany

iti_logo 

Seit Juni 2017 bin ich Mitglied des ITI Germany, Deutsches Zentrum des Internationalen Theaterinstituts. Ich freue mich außerordentlich über die Aufnahme durch den Vorstand.

Das ITI Germany ist Teil des 1948 gegründeten internationalen Theater-Netzwerks “International Theatre Institute” (ITI), das, initiiert und unter der Schirmherrschaft der UNESCO, den Austausch der Theaterschaffenden der Welt unterstützt, befördert und ihm dient. Das deutsche Zentrum gibt es seit 1955, seit 1957 in der Bundesrepublik. In der ehemaligen DDR wurde das ITI 1959 eingerichtet; zwei Jahre nach der Wende, 1991, wurden die beiden Sektionen zum ITI Germany vereint.

iti_header

Je problematischer und konfliktreicher die Welt im Kleinen und im Großen, desto wichtiger sind Theater und Kunst, weil sie über Grenzen Austausch von Kulturen ermöglichen und uns daran erinnern, dass wir alle aus demselben Holz geschnitzt sind. Theater sehe ich als einen Verhandlungs-Spielraum. Jeden Tag mehr. Jeden Tag aufs Neue. Hier kann alles gezeigt, alles sichtbar gemacht, alles verhandelt werden. Deswegen ist Theater immer aktuell. Deswegen ist Theater nie aus der Zeit. Deswegen kennt Theater keine Grenzen. Deswegen muss Theater einfach sein.

ITI Office Shanghai_5
International Theatre Institute (ITI). Headquarter in Shanghai. (photo: Nic Leonhardt, May 2017) 
Transatlantic Cultural Exchange

Bayerische Amerika-Akademie

BAA Logo

Heute erfuhr ich, dass ich als neues Mitglied in die Bayerische Amerika-Akademie im Amerika Haus München aufgenommen wurde. Ich freue mich sehr!

Mein erster Kontakt mit dem Münchner Amerika-Haus war 2012 (mein zweites Jahr in München…) als ich dort eine Tagung zum Jahrhundertgedenken des Titanic-Unglücks 1912 ausrichten durfte (Titanic 1912: Global- und medienhistorische Echolote).

Mein Interesse an transatlantischer Arbeit war während meiner Promotionsphase insbesondere durch ein Stipendium der German-American Fulbright Kommission 2004 gezündet worden, für das ich immer noch dankbar bin. Und das Interesse an den Beziehungen zwischen Europa, Deutschland und den USA hält noch immer an:

6aea8c67b4695c5c6c70dd7dc4f25268In meinem letzten großen Forschungsprojekt wollte ich mehr wissen über die Vermittler (Brokers, Agenten) transatlantischen kulturellen Austauschs (Theater, Tanz, Oper, Artistik) zwischen dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts bis 1930.

Und auch in meinem aktuellen Forschungsprojekt über Philanthropie und Theater , in dem es maßgeblich um die Idee von Philanthropie und das Engagement der Rockefeller-, Ford- und MacArthur Foundations auf dem Sektor von Kultur und kultureller (Aus-)Bildung nach 1945 geht, spielt die Erforschung transatlantischer Beziehungen weiter eine große Rolle.

Ich freue mich sehr über die Aufnahme und auf den Austausch mit anderen Akademie-Mitgliedern!

 

Erinnerung · Fotografie · Media History · Photography · Social Media

Heimat, Film. Dem Andenken derer, die gingen und bleiben.

20170524_151231_resized

Katzenvideos, neue Ausstellungen, was titeln Süddeutsche, Zeit, Zündfunk, was hat Sabine erlebt, was Caro, in welchen Teilen der Welt tingelt Simon schon wieder? Was gibt es Neues aus Uhlenbusch, in Harvard, im Forschungszentrum, im Theater, auf der Biennale, im Triathlon? Like, Dislike, zwinkernder Smiley, schallendes Lachen in gelb, blauer Daumen, hoch erhoben, rotes Herz.

Traurig mit Tränen. Pechschwarz war aus im Emoticon-Kolorit-Kombinat.

Beim Durchblättern der Facebook-Profile bleiben meine Augen an dem lachenden Foto eines Bekannten hängen. Kennt Ihr: So ein Strahlen, so strahlend, dass es das gesamte Gesicht in Falten wirft, auf charmanteste Weise, in schwarz-weiß. Lachfalten wie der Fächer einer Geisha. Der Rahmen des strahlenden Konterfeis lässt mein Herz kurz aussetzen. Der Rahmen ist die Todesanzeige dieses Bekannten, dem die Falten eignen. Gestorben am 27. Mai. Gestorben. Facebook-Update: Tod.

Feeling/ Activity?

(K)ein Emoticon. Chock. Eine reale Träne kullert über meine reale Wange und fällt auf das M meiner Tastatur. Matthias. Musiker. Mensch.

Die ersten Kommentare wurden schon hinterlassen. Unverständnis, Trauer, das mittlerweile gängige „R.I.P.“, das ich nicht mag. Nicht mal im Angesicht eines Todesfalls sind die User in der Lage, vollständige Sätze zu schreiben, Rest in Peace, Ruhe in Frieden. Passt in eine Zeile, Mann! Bekannte kommentieren das Lachen, das auch das Foto kommentiert, das den viel zu früh Verstorbenen kennzeichnete.

Die Fotografie eines Menschen, das wissen wir seit Roland Barthes’ Schrift Die helle Kammer, hält diesen in einem Augenblick fest – und verweist damit immer auch auf seine Vergänglichkeit. Der Tod im Foto.

Matthias. Ich habe ihn gut 15 Jahre nicht mehr live gesehen, ich wohne ja schon lange nicht mehr dort, wo er mal entfernt ein Nachbar war. Trotzdem weiß ich noch, wie dieses Lachen klingt. Ein Kämpfer, denn diese tückische Krankheit kam wieder und wieder wie die Fratze eines Springteufels. Als er damals zu Gast auf unserer Hochzeit war, lag der erste erfolgreiche Kampf gegen die Bestie in seinem Kopf schon Jahre zurück. Und ein paar Jahre später wieder der Springteufel, Kampf, Springteufel, Kampf, Springteufel … Scheiße.

Als ich meine Mutter anrufe, um mit ihr über den Todesfall zu sprechen, hat sie noch zwei weitere zu vermelden. Entfernte Bekannte, darunter einer meiner ehemaligen Lehrer. Ein Lebemann, der die Frauen mochte, Sportwagen und gute Kleidung. Dem eine Schulfreundin und ich ehrlich ins Gesicht sagten, dass wir es vorzogen, auf ein Konzert statt in seinen Geschichtsunterricht zu kommen, und der diese Ehrlichkeit schätzte; und der meinem damaligen Freund ins Ohr flüsterte, er solle bloß immer gut zu mir sein. Liebe, Respekt, Geduld. Und Liebe.

Letztes Jahr war auch das letzte für einen anderen Lehrer, dem ich intellektuell so viel verdanke, so Vieles, das ich ihm nie sagen konnte.

Im Grunde geht jetzt jedes Jahr mindestens einer. Dann setzt jedes Mal ein Innehalten Gedenken in Gang. Zeitparadoxie, Zentrifuge von Zeitgespür und –Spur. Die sprichwörtliche Minute des Gedenkens. Es ist seltsam: in unseren Erzählungen spielen viele dieser schon Verstorbenen eine Rolle, besonders wenn sie Wegbegleiter von Jugend und Adoleszenz. Egal wie marginal die Rolle, die sie besetzten: ein Tick, ein Spruch, eine Schrulligkeit, ein gemeinsames Fest, ein geteilter Lachanfall, gemeinsame Zeugenschaft eines schönen Moments oder einer Ungeheuerlichkeit – Sie spielten hinein, sie gingen hinaus und bleiben in diesem Leben, sind in der Lebenserzählung in einer merkwürdigen Form fragloser Zeitlosigkeit gespeichert, als wäre das alles erst gestern gewesen und würde morgen weitergehen.

Facebook suggeriert eine tragikomische Timeline, eine Zeitleiste und Chronik unserer Leben, mit Kreuzungen und Erinnerungen, „Lebensereignissen“, ja, so nennen sie wichtige Stationen, die man mit Datum und Bildern versehen kann. M. – Neulich noch den Auftritt mit der Band gepostet, Bilder vom Feiern. Strahlendes Konterfei. Die Anzeige als Chock. Ende der Zeitleiste.

Und darüber und darunter Katzenvideos. Trumpige Trolle, neueste Ausstellungen, Gastro-Tipps. Like, oder nee, doch nicht. Susi, Rafael und Christine interessieren sich für ein Event in meiner Nähe nächste Woche.

Schnickschnack, das alles.

Und dann diese Bilder des Chocks. Sepia-Spulen alter Heimat.

Gedenken. An.

Und danke.

Literatur, Lyrik · Photography

See

 

Walchensee Peter von Felbert
Peter von Felbert, Walchensee

Zwei Jungs in einem Boot in graubraungrüner Tracht und Umgebung auf einem leicht glitzernden opalgrünen See. Einer rudert das Boot, sich selbst und den anderen, bevor sie sich abwechseln werden. Vielleicht auch nicht. Es ist nicht ganz klar, ob das Wetter trüb, ob sich die Sonne schon vom Tag verabschiedet hat oder ob schlicht die Berge und Gestadegewächse dem Wasser die volle Lux verweigern. Ein See so weit das Bild nicht reicht, aber außer den beiden bayerisch sonntagsbezwirnten Knaben kein Mensch sonst in Sichtweite; nicht mal ein Reiher oder Vogel, von einem Schwan ja gar nicht zu reden.

Seit ich diese Fotografie 2009 für meine Frankfurter Wohnung kaufte, bin ich froh, dass sie mit mir wohnt, dass ich mit ihr wohne. Das 40×40 cm große Bild hing damals genau gegenüber dem Schreibtisch, und je nach Perspektive bildete ich mir ein, dass die gläserne Schreibtischplatte grenzenlos ans oder sogar ins Nass des Bildvordergrunds reichte. Bei Schwimmbädern nennt man diesen Effekt „Infinity Pool“; für mich war es die Blickachse meiner infiniten Sehnsucht nach Wasser.

Immer da, die Sehnsucht.

Nie da, ich.

Mir gefiel außerdem der Blick auf die beiden Jungs, die ich während der ein oder anderen Gedankenpause amüsiert betrachtete –, und sie rudern ließ, immer weiter,  – strengt euch bloß an –, die sich aber keinen Deut bewegten. Und doch kam aus dem Wasser feinste Dünung, ein kristallenes Lächeln. Schönste Ironie.

Die Fotografie stammt von Peter von Felbert, einem, wie ich finde, begnadeten Augenmenschen. Das Bild nannte er schlicht Walchensee; es entstammt der Serie Blaues Land. Das Bild zeigt den Walchensee – und zeigt ihn nicht…

Walchensee im Winter
Walchensee in München, Winter 2012

Als die Jungs und ich 2012 nach München zogen, ruderten wir mit diesem Zuzug nach Süden dem namensgebenden See entgegen, und, was ich damals nicht wusste, in die Nähe des Künstlers, dessen Heimat der Ruhrpott ist, und dessen Augen in Bayern und im Voralpenland leben. Der eigentliche Walchensee, Deutschlands größter Gebirgssee, liegt im Landkreis Bad Tölz, bei Kochel, umgeben von Herzogstand, Heimgarten und Jochberg.

An einem heißen Sommertag 2014 fuhr ich mit einem mir wichtigen Menschen an diesen mir wichtigen See, den ich ja noch gar nicht kannte. Als wir uns ihm aus Kochel heraus fahrend nach zahlreichen Kehren näherten, stockte mir der Atem: So ein Blau, wie dieser See es ins Auge schickte, hatte ich weiß Gott noch nie gesehen. Mit jedem Meter, den wir uns dem Wasser näherten, changierte das Blaugrünblau von Himmel und Wasser wieder anders. Auch Goethe, der ja bekanntlich auf seinem Weg nach Italien an jeder Milchkanne Halt und jeden Grashalm platt machte, konnte damals am Walchensee nicht einfach so vorbeikutschieren. Und noch nie ergab für mich ein Halt von Goethe mehr Sinn als im Moment dieser fast schon amourösen Andacht, die ich geistig und körperlich für diesen See abhielt. Ich war, so abgedroschen es klingen mag, schier überwältigt von so viel selbstbewusster Anmut zwischen drei Bergen. Der Tag war heiß, der 190 Meter tiefe See eiskalt. So blau und frech. Ich jauchzte, – und mein Herz war fortan hoffnungslos in diesem kalten Blau verloren.

Walchensee
Walchensee. Blau. Und Grün. (Foto: Nic Leonhardt)

Wir tapsten das Ufer ab, Peter von Felberts Bild im Kopf gespeichert und auf der Suche nach seinem Aufnahmepunkt. Wir glaubten, ihn gefunden zu haben, aber eigentlich fanden wir ihn nicht. Und im Grunde war das auch völlig einerlei. Der Walchensee, der vor uns lag, hatte zunächst nur entfernt Ähnlichkeit mit dem See bei mir zu Hause, auf dem seit Jahren die Jungs in Sonntagstracht ihr Bötchen steuern. Aber sei’s drum. Auf der Suche nach der Vorlage eines Bildes, das mich seit Jahren treu über Höhen und Tiefen paddelte, hatte ich einen See gefunden, der so prall in seiner Schönheit dalag, dass er augenblicklich Aufs und Abs vergessen ließ… An jenem Tag im August verknallte ich mich bis über beide Ohren und Hals über Kopf in – ein Gewässer.

Als ich tags darauf die unzähligen Fotos, die ich vom Walchensee gefertigt hatte, auswertete, stach nur eins ins Auge:  die Schattierungen von Blau und Grün. Kein Vergleich mit dem Walchensee an der Wand. Und in meiner ursprünglichen Einfalt begriff ich allmählich, warum sich Peter von Felbert für genau dieses graunbraungrünopale Bild vom doch so blauen Walchensee entschieden hatte.

Erst im vergangenen Jahr, als ich den rudernden Jungs ein Partnerbild aus von Felberts Serie schenken wollte, diesmal ein Segelboot auf dem Chiemsee, traf ich den Fotografen in München. Wir wohnen gar nicht weit voneinander entfernt, München ist ja ein Dorf. Er verriet mir die Stelle, von der aus er damals die Aufnahme gemacht hatte, und die Geschichte der Jungs, und was sie damals so geschmückt in ihrem Nachen… – was sie wohl heute machen?

Hier bei mir zu Hause sind sie immerhin dem See ein ganzes Stück näher gekommen als damals am Main. Sie rudern, lassen rudern und rudern immer noch.  Sie scheinen den See wirklich zu lieben.

Ich versteh’ sie.