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Whither Digital Humanities?

Digital Humanities sind in aller Munde. Die Einsatzbereiche von digitalen Technologien sind immer vielfältiger geworden, in der Medizin, den Naturwissenschaften, und seit ein paar Jahren auch in den Geisteswissenschaften. Das Wissenschaftsjahr 2014 ist der „Digitalen Gesellschaft“ gewidmet (https://www.digital-ist.de/). In verschiedenen Forschungsmagazinen diskutieren Kollegen unterschiedlicher Disziplinen über die Möglichkeiten, die für einige Fächer schon gängig, für andere noch relativ neu sind.

• Es hat einige Diskussionen um den Begriff der Digital Humanities oder der enhanced, der e humanities, also der „erweiterten“ Geisteswissenschaften gegeben: Warum und inwiefern sind Geisteswissenschaften digital zu denken, was und wodurch soll „erweitert“ werden? Man könnte genauso fragen: welchen Anteil haben die Humanities an DH? Welchen Zugewinn erteilen sie zum Digitalen?

Die Geisteswissenschaften sind reich an Fragen und Methoden, von den Gegenständen ganz zu schweigen. Sie sind aber nicht, um mit einem uralten Medium zu sprechen, „in Stein gemeißelt“, sondern genuin offen für neue Gegenstände und damit auch offen für neue Methoden und Fragestellungen. Es ist daher kein Widerspruch, das Digitale aus geisteswissenschaftlichen Perspektiven zu erkunden und gleichzeitig aus einer gewissen Distanz zu beobachten. Hierzu taugen uns Denkkonventionen und methodische Tools, die ein geisteswissenschaftliches Studium bestenfalls befördert.

• Digital Humanities sind nicht mehr neu. Sie sind aber auch noch kein alter Hut. Was sich unter anderem in den zum Teil hitzigen Debatten zeigt, die um sie geführt werden. Sie seien Drittmitteleinwerbegaranten, – ein ATM, also ein Geldautomat, wie es neulich ein junger Kollege bezeichnete – nur ein Hype, das Analoge solle doch bitte nicht komplett ausgeschaltet werden. Diese Ängste und Vorbehalte und Kritik sind bekannt, sie haben eine Geschichte, aber sie sind auch notwendig, um den kritischen Diskurs zu füttern. Die Ängste und Vorbehalte stehen aber auch in einer Tradition: die Einführung oder allmähliche Durchdringung des Bewährten durch Neues brachte schon immer Unruhe ins Getriebe. „Digital Humanities“: die Benennung ist nicht die hübscheste, sie ist eine heuristische, eine vorläufige; die Unterstreichung notwendig, bis das Zusammenspiel von D und H oder e und H selbstverständlich geworden sein wird.

• In der so genannten „ersten Welle“ (First Wave) von DH standen groß angelegte Digitalisierungsprojekte, Erfassen von Datenbeständen  und die Etablierung von Infrastrukturen, Datenbanksystemen, Sprachatlanten im Vordergrund. Die aktuelle „zweite Welle“ (Second Wave oder „Digital Humanities 2.0“) hat eine bis dato nicht existente Fülle an Materialien – also Texten, Zeitungen, Bildern, Archivbestände für die öffentliche oder auch teilöffentliche Nutzung zugänglich gemacht. Man könnte auch sagen, dass die erste Phase sich mehr einer quantitativen Datenproduktion und -analyse widmete, während die zweite Phase durch eine mehr qualitative Annäherung und eine gezielte Adressierung von geisteswissenschaftlich relevanten Themen geprägt ist.

Für die Geisteswissenschaften entfalteten sich daraus zahlreiche Möglichkeiten der Wissenserweiterung, der Neuanlage von Grundlagenforschung, der Re-Lektüre vermeintlich gesicherten Wissen, der Reflexion konventioneller, der Förderung interdisziplinärer Ansätze und Themen, und der Kreirung neuer Methoden. Auf der Ebene des wissenschaftlichen Diskurses und seiner Publikationsmodelle entwickeln sich längst neue Formate, die nicht mehr nur gedruckt, sondern digital, die nicht mehr nur rein textlich, sondern multimedial sind und damit nicht nur anschaulicher werden, sondern in der Anlage multi-referentiell und trans-disziplinär sind – und auch eine erweitere Leserschaft hervorbringen. Mir fiel neulich eine Verwandtschaft hierzu aus der Wissensgeschichte ein, die Enzyklopädie von Diderot und D’Alembert. D’Alembert führt in seiner Vorrede aus:

„Bei der lexikalischen Zusammenfassung alles dessen, was in die Bereiche der Wissenschaften, der Kunst und des Handwerks gehört, muss es darum gehen, deren gegenseitige Verflechtungen sichtbar zu machen und mithilfe dieser Querverbindungen die ihnen zugrunde liegenden Prinzipien genauer zu erfassen […] es geht darum, die entfernteren und näheren Beziehungen der Dinge aufzuzeigen, […].“

Verflechtungen, Querverbindungen, entferntere und nähere Beziehungen verlinken. Das sind Themen und Denkweisen, die eine verblüffende Ähnlichkeit zu rezenten Forschungsfeldern der Geschichts- und Geisteswissenschaften aufweisen –und die die Digital Humanities konstruktivkreativ umtreiben.

Allerorten gibt es Initiativen zu DH, Konferenzen zum Thema, in Deutschland haben Universitäten wie Trier und Göttingen, um nur zwei der Vorreiter zu nennen, schon seit Jahren eigene Zentren für Digital Humanities, die auch ein Lehrprogramm miteinschließen. Auch in den USA und in Großbritannien sind schon lange Zeit Zentren etabliert und in kluger Weise an die Universitäten angebunden.

• An der LMU München gibt es Initiativen und Projekte, die ein Zentrum allmählich, aber gewiss rechtfertigen, darunter das Bayerische Musikerlexikon online (http://www.bmlo.lmu.de/), das Projekt Artigo ( https://www.artigo.org/ ) und die digitale Kunstgeschichte unter der Federführung von Hubertus Kohle und Stephan Hoppe. Es gibt die Initiative DHMUC – Arbeitskreis digitale Geisteswissenschaften, ein Verbund von Wissenschaftlern und Bibliothekaren der LMU, der Staatsbibliothek und der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (http://dhmuc.hypotheses.org/ ) In der Theaterwissenschaft erarbeiten wir Digitale Theater- und Mediengeschichte im DFG–Projekt „Global Theatre Histories“ (www.gth.theaterwissenschaft.uni-muenchen.de) und im LMU Start-Up Projekt „Theatrescapes“ unter meiner Leitung (www.theatrescapes.theaterwissenschaft.uni-muenchen.de). Zahlreiche Projekte entstehen unter der Expertise der IT Group Geisteswissenschaften, die in den vergangenen Jahren zahlreiche Wissenschaftler in unzähligen Stunden Arbeit dabei unterstützt haben, ihre Forschung mit Datenbanken, georeferentiellen und Visualisierungstools zu erweitern (www.itg.uni-muenchen.de).

Nicht zum Schmuck, sondern zum Erkenntnisgewinn.

Alle diese Initiativen zeugen von einem Shift, von einem Wandel, den ich persönlich als sehr bereichernd empfinde: und das ist die partielle Ersetzung, vor allem aber Erweiterung einer gewohnt solipsistischen Arbeitsweise durch eine kollaborative Arbeitsweise in den Geisteswissenschaften. Wie ich es sehe, ist damit auch ein zentraler Aspekt von „enhanced“ gemeint, den erweiterten Humanities: die Zusammenarbeit von Wissenschaftlern und von der Wissenschaft mit Bibliotheken, Sammlungen, Archiven. Um mit Bernard Shaw zu sprechen:

“If you have an apple and I have an apple and we exchange these apples then you and I will still each have one apple. But if you have an idea and I have an idea and we exchange these ideas, then each of us will have two ideas.”

(Auszug aus den einführenden Bemerkungen von Nic Leonhardt zum Vortrag „Digital Curation and the Performing Arts“ (Doug Reside, NYPL), 8. Mai, CAS LMU (www.cas.uni-muenchen.de)

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