Allgemein

BonBon

Milchboller

Es ist spät, alle wollen nach Hause. In der Münchner U-Bahn hocken sie, tippen in ihre Smart-Phones, schirmen sich über ihre Kopfhörer ab vom Rest, schauen aus dem Fenster, vermissen, sehnen, grübeln, muffeln vor sich hin, rascheln Semmeltüten. An der Haltestelle steigen Leute aus und ein. Zwei junge Inder steigen zu und suchen Platz. Mir gegenüber gibt’s eine Viererbank, zwei Bänke in, zwei entgegen die Fahrtrichtung. Dort, mit Blick in Fahrtrichtung, sitzt eine Dame mittleren Alters, sie löst seit einer Weile schon Kreuzworträtsel. Auf dem Sitz neben ihr ruhen sich ihre drei großen Handtaschen aus. Ein Taschenbergl. Sie hatten schwer zu tragen heute. Ihr gegenüber blieb ein Platz leer. Die beiden Inder fragen die Rätselfrau höflich in gebrochenem Deutsch, ob da noch frei sei. „Nee, sehen Sie doch“, krächzt sie, die Augen kaum vom Rätsel-Gitter lösend. Sie staunen, sie ergänzt natterhaft: „Stehen ist gar nicht schlimm. Ich musste neulich auch mal ne halbe Stunde stehen. Überlebt man.“ Die Fahrgäste um uns herum solidarisieren sich mit den Indern und zischen empört. „Was es für Leute gibt!“ Kästchenweltbild. Synonym für freundlich mit vier Buchstaben? Fällt ihr nicht ein. Als sie aussteigt, werden zwei Plätze frei und die Luft besser.

Es ist spät, alle wollen nach Hause. Ich schließe die Augen und stütze den schweren Kopf in meine Hand. Auf dem Schoß den Rucksack, der der anderen müden Hand eine Ablage ist. Als ich die Augen öffne, erblicke ich erst ein Sahne-Bonbon, einen „Milch-Boller“ auf dem Rucksack, dann trifft mein Blick den eines betagten Türken, warme, junggebliebene Augen. „Sie sind müde, das Bonbon hilft ihnen, wieder fit zu werden“, sagt er. Ich bedanke mich und bin ganz gerührt. „Sie sind eine nette Frau, großes Herz, das sehe ich.“ Ich muss lachen, das ist ein wenig unverhofft zu viel der Güte an diesem müden Abend. Nächste Station ist Hasenbergl, in München nennt man oft Hasenbergl und Problemviertel in einem Atemzug. „Ich muss hier aussteigen“, sagt der Bonbon-Mann. „Ihre Verwandten sind glückliche Menschen. Das Leben ist so hart, es hilft, wenn man nett ist.“ Dann winkt er meiner Bahn hinterher.

Bonbon heißt “gutgut”. Ich hebe es auf für schlechte Zeiten.

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