Allgemein · Mensch & Tier

Kittis Grand Tour – Eine Wundergeschichte

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Kitti M. Ratzinger, geb. 17.06.2006

Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen. Wenn eine Katze eine Reise tut, möchte man gerne Mäuschen spielen. Kitti M. Ratzinger, meine bezaubernde langjährige vierpfotige Gefährtin durch Hochs und Tiefs und Dicks und Dünns, begab sich heuer auf eine Reise, die gar nicht weit weg führte, aber ungleich länger dauerte. In Zahlen: 4 Straßen in 4 Monaten…

Was Kitti wohl erzählen würde, würden wir das gleiche Vokabular teilen? Vielleicht, dass es eine abenteuerliche Reise war, eine feline Grand Tour, die um ein Haar hungertödlich geendet hätte. Wäre da nicht Rettung über den Weg gelaufen. Rettung, die zur Freundschaft wurde. In Zahlen: erst waren wir 2 mit 6 Beinen, dann war es nur noch 1 Zweibeinige, dann waren es 3 mit 10 Beinen, jetzt sind wir 4 mit 12.

Niemand von uns war auf Kittis Reise dabei. Aber so in etwa wie ich es hier im Namen der Protagonistinnen aufschreibe, hat sich alles zugetragen.

Am 12. Februar, es war schon spät am Abend, unternahm Kitti einen ihrer üblichen Abendspaziergänge durchs Treppenhaus. So sehr wir unsere Wohnung lieben, so sehr fehlt uns ein Garten zum Tollen, also muss das Treppenhaus als Abenteuerpfad herhalten. Eigentlich kehrt Kitti nach einer Weile des Spazierens und Nachbarn-Hallo-Sagens immer in die Wohnung zurück. An jenem Abend aber gab es plötzlich einen lauten Knall im Stiegenhaus, eine Tür vielleicht. Ich ging hinaus, um Kitti zurückzuholen, aber ich fand sie nicht. In keinem Stockwerk, nicht unterm Treppenabsatz, nicht in der Waschküche, nicht auf dem Dach, im Keller Fehlanzeige. Und auch im Vorgarten: kein Piep.

Wo ich auch suchte in dieser Nacht: keine Spur meiner pelzigen Freundin.

Wo ich auch suchte in den Folgetagen: kein Mucks.

Wo ich auch suchte in den Wochen danach: trauriges Nichts.

Ich klingelte bei den Nachbarn, plakatierte das Viertel, fuhr nachts mit dem Rad durch die Straßen, ihren Namen rufend, Futter in der Tasche, eine warme Decke, für den Fall, dass ich sie finden würde, es war ja so kalt draußen! Ich inspizierte die Straßen, Hecken, Mülltonnen, Ecken, Schlupflöcher. Kitti war verschwunden.

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Kittis Suchbild auf Munich Cats

Am Valentinstag meldete ich Kitti bei den Tierärzten im Viertel, beim Tierschutzverein, bei Tasso e.V. und auf der Plattform Munich Cats als vermisst. Meine Freunde und Kollegen bat ich per e-mail um Mithilfe. „Wenn ihr Kitti seht, sagt mir sofort Bescheid. Jeder Hinweis ist hilfreich. Sie fehlt mir so. Danke.“ Die Unterstützung war bewegend. Fremde Tierliebhaber auf Munich Cats boten mir ihre Hilfe beim Suchen an und wärmten mich mit Zuspruch. Auf der Facebook-Seite der Initiative wurden immer wieder Münchner Katzen registriert: ***wieder da***, ***gefunden***, ***vermisst*** oder ***leider tot aufgefunden*** – wie überall mischen sich auch hier schöne und traurige Meldungen.

Nach vier Wochen der erfolglosen Suche und verweinten Abende entschied ich mich für ein Narrativ: Kitti konnte unmöglich unter die Räder einer Straßenbahn geraten sein, das wollte ich nicht als Erklärung für ihr Verschwinden gelten lassen. Sie war in meinem Kopf entweder einer alten Dame zugelaufen, der sie gut tat; oder, was mir eher gefiel, mit Tom, dem ebenfalls als vermisst gemeldeten feschen Kater vom Josephsplatz, durchgebrannt. Daneben duldete ich keine Version. Kitti hatte Lust auf ein anderes Leben, vielleicht vorübergehend, vielleicht für immer. Sie musste das frei entschieden haben. Und wenn sie das entschieden hatte, sollte es gut sein. Auch wenn sie mir weiterhin an allen Ecken fehlte…

Paulas Kitti
Auch eine entlaufene Katze weint. Trostbild von Paula Henningsen (5)

So gestaltete ich mein Leben allein auf zwei Beinen. Bis ich Anfang Juni, genauer am 5., abends vom Radfahren zurück kam und der Hausmeister vor meiner Tür stand: „Ist das nicht ihre Katze?“ Ein zerrupftes, ausgetrocknetes, aber noch erkennbar hübsches Tierchen krallte sich widerspenstig in seine Weste. Als er sie mir übergab, drückte ich sie fest an mich, und sie schmiegte sich und schnurrte und gurrte, völlig geschwächt, aber unverkennbar meine Kitti. Was für ein Moment! Ich trug Kitti in die Wohnung, hätschelte sie, ließ sie Ruhe finden; sie stolperte und fraß, übergab sich, fraß, taumelte, schlief. Fertig mit der Welt. Ich war so zerstreut wie sie zerzaust und wusste nicht, was zuerst tun. Ich rief Familie und Freunde an und schrieb dann um Mitternacht, knapp vier Monate nach Kittis Verschwinden, eine e-mail an die Administratorin von Munich Cats, dass Kitti wieder zu Hause sei – ***wieder da *** – endlich! Katzenfreunde sind nachtaktiv: sie schrieb sofort zurück: „Das ist ja jetzt verrückt, gerade wollte ich Ihnen schreiben, dass vor ein paar Tagen in Ihrem Viertel eine Katze als vermisst gemeldet wurde, die Ihrer Kitti sehr, sehr ähnlich sieht. Allerdings hat die Besitzerin sie als ca. einjährig angegeben, und sie heißt nicht Kitti, sondern Grumpy. Aber schauen Sie mal das Foto an.“ Es war ein Leichtes, Grumpy als Kitti zu identifizieren. Diese Haltung, dieser Blick: kein Zweifel.

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Suchbild von Grumpy auf Munich Cats

Wie sollten wir dies der neuen Gefährtin klar machen, die Kitti / Grumpy ebenfalls vermissen musste? Wir fühlten vor, erst die Administratorin, dann ich, und zwei Tage später meldete sich Melanie. Traurig und glücklich, erleichtert und doch … „Grumpy ist mir kurz vor Ostern zugelaufen, ein dünnes, ausgehungertes, kleines Kätzchen, völlig geschwächt. Sie teilte meinen Weg auf der Straße und begleitete mich dann nach Hause, wo ich sie erst mal aufpäppelte. Sie ist mir so ans Herz gewachsen. Kann ich sie sehen?“ Natürlich konnte sie. Diese Frau hatte vermutlich Kitti das Leben gerettet. Also besuchte uns Melanie drei Tage nach Kittis Rückkehr, um Grumpy hallo zu sagen. Im Gepäck leckerste Pasteten und Pasten, die Kitti / Grumpy sehr vertraut aus ihrer Hand schleckte. Es war sehr berührend. Und dann erzählten wir beide unsere Geschichte, während Kitti auf dem Schaffell schnarchte.

Grumpy war also im April nur vier Straßen weiter in Melanies Leben hineingestolpert. Und ins Revier von Elli, ihres Labrador-Mix. Abgemagert und geschwächt, hatte sie statt der üblichen 3,4 nur noch 1,8 kg, wie der Tierarzt maß. Weil sie so klein und dünn wirkte, kam es zu der fälschlichen Schätzung des Alters. Verjüngungskur durch Abmagerung. Na, da hatte sich Kitti einen anstrengenden Trick einfallen lassen, um sich acht Jahre gutzuschreiben 😉 Aber einen guten Riecher hatte sie, selbst in der Not ein wählerisches Tier. Denn Melanie, ihre neue Find-Freundin, war nicht nur irgendeine tierliebe Frau, sondern ausgerechnet Inhaberin eines Ladens für ausgewählte hochwertige Tiernahrung im Münchner Glockenbachviertel. Bei allem Kopfschütteln über Kittis mangelnde Orts- und Selbsternährungskenntnis: das muss ihr erst mal jemand nachmachen. Sucht sich die einzige Frau in ganz München als Retterin aus, die Regale voller Delikatessen für Vierbeiner feilbietet… !

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Labrador-Mix Elli durch Kitti/ Grumpy des Bettes verwiesen…

Für gutes Essen und Liebe war also nach den Wochen des Stromerns gesorgt. Nach anfänglichen Schlaf-Marathons und Stolperversuchen kam sie bald zu alten Kräften und ihrem speziellen divenhaften Kitti-Charakter – der ihr auch zu dem neuen Namen verhalf. Wenn Melanie Besuch bekam, spielte Grumpy mit beim Pokern, setzte sich dazu, sah mit fern, wurde zum FC-Bayern-Fan, und sehr bald schon schlief sie auch in Melanies Bett. Elli, die Hündin, billigte großmütig, dass diese kleine Vierbeinerin ihren Nachtplatz einnahm – und verkrümelte sich dann eben unters Bett. Gerade erst eingezogen und schon die Chefin im Haus….

beim Pokern
Mitmischen beim Pokern

Bald schon durfte Grumpy zum Freiluft-Vogel-Kino in den Hinterhof; das genoss sie wie Hund!

Bis sie dann Anfang Juni ausbüxte aus ihrem neuen Zuhause. Sie sollte noch mal 4 Tage für 4 Straßen brauchen, um wieder zu mir zu kommen. Ausgerechnet an Melanies Geburtstag! Was für ein Geschenk! Ende Juni veranstaltete ich eine Wunderfeier für Kitti bei uns zu Hause. Melanie und ihre Freunde kamen auch. Zusammenführung. Die Wohnung war zum Bersten voll; so viele Gäste für eine Katze. Dankbar. Ein Zauber…

Wir hätten gerne Kittis Version der Geschichte gehört. Was würde sie von ihrer Reise erzählen? Was hatte sie erlebt? Wen hatte sie getroffen? Und lief da jetzt was mit Tom vom Josephsplatz, oder nicht? Wir wissen es nicht.

Was wir wissen: die Geschichte ist nicht zu Ende, sie tapst weiter in der Zeit. Denn Kitti hat jetzt einen Hund zum Freund und zwei zweibeinige Gefährtinnen, die sich ohne Kitti nie kennen gelernt hätten. Obwohl sie nur einen Block auseinanderleben.

Manchmal können auch für Menschen vier Straßen eine Welt sein. – Es sei denn, sie leben mit Tieren.

auf der Pirsch
Unergründlich uns, was Katzen erleben, wenn sie auf der Pirsch…

3 thoughts on “Kittis Grand Tour – Eine Wundergeschichte

  1. Hallo Nic und Kitti / Grumpy,
    welch wunderbare Weihnachtsgeschichte mit großartigem Happy-End!
    Alles Liebe

  2. Meowww….this is a story with a really good chance of winning an Acatemy Award! 😺

  3. Vielen Dank für die schöne Story von Kitti/Grumpy. Die Geschichte ist wirklich sehr schön geschrieben und passt perfekt in die Weihnachtszeit. Wenn ich sie lese, dann erinnere ich mich wieder bis ins Detail an alles. Auch nach über 12 Jahren Suche nach vermissten Katzen war es das erste Mal, dass gleichzeitig ein und dieselbe Katze zweimal als vermisst gemeldet wurde. Es waren aufregende Wochen und ich bin sehr froh und dankbar, dass wir doch einen großen Teil von Kittis Grand Tour nachvollziehen konnten. Ich teile diese wunderbare Weihnachtsgeschichte gerne auf Munich-Cats. Ich bin fest davon überzeugt, sie macht auch anderen Katzenhaltern wieder Mut, dass bei der Suche nach einer vermissten Katze einfach alles möglich ist. Herzliche Grüße an Euch alle

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