Wissenschaftsalltag · Work-Life Balance

Von Zeitkuchen und Zeitsuchen

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Wayne Thiebaud. Display Cakes, 1963.

Als ich noch ein Teenager war, traf ich mich gelegentlich mit einem älteren Bekannten (der gerade so erwachsen genannt werden konnte), um uns gemeinsam über die Philosophie der Existentialisten und die Konsumkritik Wolfgang Schmidbauers auszutauschen (ja, genau, der ist Paartherapeut und schreibt fürs ZEIT-Magazin). Dieser Bekannte, nennen wir ihn Frederick, entwickelte als Adoleszenter eine Theorie vom individuellen liebesrelevanten Gefühlshaushalt, die er „Gefühlskuchentheorie“ nannte. Das Theorem lautete: „Jeder Mensch verfügt Zeit seines Lebens über einen einzigen Gefühlskuchen. Sind die Gefühle einmal investiert, sind sie weg, so wie ein Stück Kuchen fehlt, wenn man es gegessen hat.“ Ich war immer nur einen Krümel überzeugt von diesem Theorem, sagen wir ein achtel Kuchenstück überzeugt, der Rest war Zweifel. Ich tat allerdings den folgenschweren Schritt, eine Analogie zu schaffen zwischen Fredericks Gefühlskuchen und dem Kuchen unserer Lebenszeit und realisierte dadurch (wenn ich bei Fredericks Logik blieb), dass von den X Tagen, die mir zum Leben verfügbar sind, mit jedem Tag ein Plus ein Minus bedeutete: Je mehr Zeit ich hier verbrachte, desto weniger würde ich hier verbringen. Das ist angesichts unserer Vergänglichkeit ziemlich natürlich (über Religionen und ihre Unterschiede hinsichtlich der Konzeption von Lebenszeit möchte ich jetzt nicht sprechen), aber als Teenager traf mich diese Erkenntnis wie ein Kirschkern aus einer Zwille. Seitdem kreisen meine Gedanken immer wieder um diese unsere Freundin und Feindin. Die Zeit.

Um meinen Gefühlskuchen sorge ich mich nicht, aber um den Zeitkuchen. Und wenn ich mich so umschaue, im Umfeld, privat und beruflich, in der Ratgeberliteratur, auf Kalendersprüchen, auf Blogs, Business-Portalen und in populärwissenschaftlichen Sendungen, bin ich nicht die Einzige. Zeit soll genossen, dosiert, gelebt, gemessen, genommen, gemanagt, herbeigesehnt, eingespart, investiert, qualitativ ver- und zugeteilt (man sagt heute quality time, me-time), optimiert, geteilt und bezahlt werden. Zeit vergeht, fehlt, dominiert, heilt, kommt, ist Geld, hat man nicht, alles hat seine Zeit, gut Ding will Weile…, eile mit Weile, Zeit verstreicht, verrinnt, zerrinnt, kommt wieder, nie mehr, ­– morgen ist auch noch ein Tag. Was du heute kannst besorgen, was gestern war und heute ist-und-so-weiter.

safranski_zeitSymptomatisch für die Komplexität von Zeit und die Vielschichtigkeit unserer Beschäftigung mit ihr ist das im Jahr 2015 erschienene Buch Zeit. Was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen von Rüdiger Safranski. Ich bekam es zum Geburtstag geschenkt, und da dieser Tag seit ich atmen kann auf das Jahresende fällt (ich bin qua Geburt zwischen den Jahren geparkt mit allen Konsequenzen) war es genau das richtige Geschenk für mich. Ich habe es verschlungen.

Eigentlich wollte ich schon zu Beginn des neuen Jahres ein paar Zeilen über das Buch schreiben, neues Jahr, neue Ideen … „Die Zeit des Anfangens ist, bei halbwegs glücklichem Verlauf, der lichterlohe Moment, da man sich mit der Zeit im Bunde fühlt.“, schreibt Safranski. – Aber wie das dann so ist: ich wollte über Zeit schreiben und hatte schlichtweg keine. Oder, mit Safranski paraphrasiert: ich wurde in der „Zeit des Anfangens wieder zurück[gelenkt] in die Bahnen des Gesellschaftlichen.“ Und da fand ich mich dann (wie viele von Euch sicherlich auch), wieder. Hingelenkt, aufgespurt auf die Drähte dieses Korsetts, das wir doch eigentlich längst gesprengt geglaubt hatten? – doch halt!: das ist lange her, und bezog sich eher auf den weiblichen Torso als auf die Zeit. Mittlerweile tragen wir wieder freiwillig Mieder UND das Zeitkorsett schnürt uns ein. Wo sind die Haken?

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Tempus fugit. Time flies. Die Zeit fliegt. Fliehen geht nicht.

Was macht sie nur mit uns, die Zeit? Was machen wir nur mit ihr?

Fragen, die auch Rüdiger Safranski stellt: an die Geschichte, die Philosophie, die Naturwissenschaften, die Künste. Interessanterweise beginnt er sein Buch mit der Langeweile, dann widmet er sich dem Anfangen, den Zeiten der Sorge, der vergesellschafteten Zeit, der bewirtschafteten Zeit, der Lebens- und Weltzeit, der Weltraumzeit, der Eigenzeit, unserem Spiel mit ihr, erfüllter Zeit und Ewigkeit. Immer wieder flicht er die Stimmen und Ansätze von Philosophen, Religionstheoretikern und Künstlern unterschiedlicher Zeiten in seine Ausführungen ein und verweist damit indirekt auf die Zeit und Kulturen übergreifende Beschäftigung mit Zeit, die longue durée der Zeit als Gegenstand und Thema, wenn man so will. Die Zeit beschäftigt und hält beschäftigt, dauerhaft.

„Man könnte einfach sagen: Die Zeit ist dasjenige, was die Uhren messen. Was aber messen die Uhren?“ fragt Safranski im Kapitel Vergesellschaftete Zeit. Nun: „Zeit ist das Dauern, bei dem man ein Früher und Später markieren kann und dazwischen die Intervalle zählt.“

Intervalle zählen…

Ich halte hier mal inne, die Zeit muss sein, Generalpause für ein paar Intervalle, für ein persönliches Zahlen-Beispiel:

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Time-Sheets. Muster fürs Mustern.

Vom Arbeitstag, dessen gesetzliches Maximum 10 Stunden nicht überschreiten sollte, und auch das nur in Ausnahmefällen (geht manchmal, meistens nicht), soll man, wie Projekt- und Zeitmanagement-Coaches empfehlen, nicht mehr als 60% verplanen. Soweit so gut. In dem neuen Projekt, in dem ich forsche, müssen wir Wissenschaftler „Time Sheets“ ausfüllen, das will die EU, die das Projekt finanziert, so. Time Sheets sind Zeit(erfassungs-)-Blätter. Ja, genau. Sie wirken auf uns Geisteswissenschaftler und Künstler wie von einem anderen Stern. Dennoch sind sie als (vermeintlich objektive) Erfassungsinstrumente der Zeit interessant, um zu schauen, wo die Zeit eigentlich geblieben ist, und was uns bleibt von dem, was uns noch bleibt.

  • Hier ein paar Zahlen aus meinem privaten Alltag, Durchschnitt:

Schlafen: 8 Stunden; tägliche Gymnastik und Sport: 1-1,5 Stunden, Morgenritual: 30 Minuten, Essen netto ca. 1 Stunde, üblicher Kleinkram (Katze, Küche, Korrespondenz, Einkauf, Haushalt, Fahrradschloss auf- und absperren, so Sachen) in Summe ca. 1,5 Stunden; Tanzstunde: 2-3 Stunden; gehe ich abends nicht tanzen, treibe ich Sport, arbeite, gehe ins Theater oder treffe Freunde: gleicher Zeitbedarf.

  • Zahlen aus dem beruflichen Alltag, die das Time Sheet nur zum Teil misst:

Viele Tätigkeiten meiner Arbeit lassen sich nicht beziffern, aber nach langjähriger Erfahrung kann ich sagen, dass ich zum Beispiel für das Verfassen eines Empfehlungsschreibens 30-45 Minuten benötige, für Lektüre und Gutachten einer Bachelorarbeit 3-4 Stunden, einer Masterarbeit etwa 5. Die Vorbereitung einer Seminarsitzung nimmt Pi mal Daumen das doppelte an Zeit des Seminars in Anspruch, das sind also bei einem 90 Minuten-Kurs  3 Stunden. Für die Vorbereitung einer 90-minütigen Vorlesung rechne ich im Schnitt 2,5 Tage, wenn ich sie noch nie gehalten habe, einen Vormittag, wenn ich sie nur aktualisiere. Einen Vortrag zu schreiben, kommt dem Zeitbedarf für eine Vorlesung gleich, wenn ich im Thema bin; der Bedarf verdoppelt sich mindestens, wenn es noch weiterer Recherchen bedarf (übrigens rechnet man 3 Minuten Redezeit für eine DIN A4-Seite getippt in 1,5-fachem Zeilenabstand, Schriftgröße 12). Ähnliches gilt für einen Fachaufsatz, für den ich, Recherchen nicht eingeschlossen, eine richtig fette Woche benötige. Für eine Kolumne sitze ich zwischen 30 Minuten und 3 Stunden an der Tastatur, je nach Komplexität des Themas; eine Reportage zu schreiben, kostet gut einen vollen Tag, manchmal 2. All dem voran geht, dass ich in den Zeiten „dazwischen“ mental ‚schwanger gehe‘ mit Aufsatz, Vortrag oder journalistischem Text, ihn gedanklich visualisiere. Und dann ist all dem vorauszusetzen, dass ich all diese Arbeiten neben zahlreichen anderen Aufgaben erledige, die sich nicht beziffern lassen. Momentan schreibe ich zwei Bücher. Die Zeit, die das braucht, habe ich nicht erfasst, denn ich arbeite seit Jahren immer wieder daran. (die Zahlenbeispiele mögen für andere Kollegen anders aussehen, ich speise sie hier nur aus meinem persönlichen Arbeitsalltag).

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Tic-Tac-Tic-Tac-Tic-Tac–

Ausgerechnet die spießigen, aus der Zeit gefallenen Time Sheets führen noch mal vor Augen, dass man, wenn man seine Arbeit gewissenhaft tut, hinten und vorne nicht mit der verfügbaren Zeit hinkommt. Das ist ein allseits bekanntes Problem in der Wissenschaft (und sicherlich nicht nur dort), aber es hilft nur initial etwas, darüber zu schreiben, was ja, zum Glück!, gehäuft passiert. Damit es besser (im Sinne von „zu bewältigen“) wird, hilft nur handeln. Jetzt und morgen und nicht aufhören damit. Aber das lenkt jetzt in ein gänzlich neues brisantes Feld. Es hat aber mit Safranskis Kapiteln zur vergesellschafteten Zeit ebenso zu tun wie mit der bewirtschafteten Zeit – und der Zeit der Sorge, denn die ist allerorten groß.

Neben der Sorge sind bestimmte Gefühlszustände an Zeit gebunden: Sehnsucht etwa, Erinnerung, Vermissen, Ekstase. „Die Romantiker haben es gehört, dieses rauschende Rad der Zeit, das die Lebenszeit mit seinem Lärm und der unaufhörlichen Bewegtheit erfüllt. Sie haben aber auch nach etwas anderem gesucht, etwas, das aus diesem elenden Kreisen herausführt; Wackenroder nennt es die verzehrende  Sehnsucht nach unbekannten schönen Dingen.“ (Safranski)

Ich fröne gerne der Sehnsucht, noch lieber aber erfülle ich sie mir, surfe das rauschende Rad. Wenn ich beim Tanzen und in der Musik die Zeit zähle, zähle ich den Takt (übrigens mag ich Synkopen, weil sie für einen Moment die Zeit so schön frech durcheinander bringen), aber während ich zähle, tanze ich, bin ich „im Moment“. Das ist groß. Die schönste Zeit ist überhaupt die, die man gar nicht misst, sondern nur genießt. Da sein. Fertig. Angefangen.

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Gut, dass wir Zeit für Kunst haben, Kunst für die Zeit .

Was die Zeit mit uns macht, machen wir mit ihr.
Die Zeit wird Raum, die Liebe bleibt…Wie schön ist das?!

Teenagerzeit… Was wohl Frederick heute so treibt? Steine rollen wie Camus’ Sisyphos? Schmidbauer lesen? Lieben? Gefühlskuchen bröseln? Auf die 50 zugehen. Nun, das ist gewiss, es lässt sich auch ausrechnen.

Es wäre interessant ihn noch mal zu treffen. Auf einen Zeitkuchen zur Kuchenzeit um Vier. Vielleicht hat Herr Safranski ja Lust und Zeit (sein Buch hat er ja jetzt geschrieben) und kann auch kommen. Auf ein Stündchen. Morgen. Irgendwann.

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(Schreibzeit: 2 Stunden)

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