Theater in München · Theatergeschichte · Theaterzauber · Zeitgeschichte

Sommer, Theater …

Es ist Sommer. Noch ist er da und allerorten ein Thema, dabei sind die Meisten hierzulande in den wohl verdienten Ferien. In Magazinen und Zeitungen, im Flurgespräch und sozialen Netzwerken wird der Sommer zu Zeiten des Sommerlochs zum gelbleuchtenden Füller desselben. Für passionierte Theatergängerinnen wie mich ist der Sommer neben allem Schönen auch eine Zeit der Entbehrung. Es sind Theaterferien, Spielzeitpause… Gut, dass es Festivals gibt, die Ruhr-Triennale, Biennalen dort und da. Es ist eine Entbehrung. Aber es ist eine Entbehrung auf hohem Lebens-Niveau.

Folie1
Hauptbild: Innenraum des Münchner Cuvilliès-Theaters nach 1945. aus: Neumann: “Bewahren und Forschen”. 2016. Rechts: Logo des Deutschen Bühnenvereins – und ganz meine Meinung.

Im Sommer 1945 hatten die Menschen mannigfach Grund zur Sorge. Der Krieg war zu Ende, das Land lag in Trümmern. Was mich im Angesicht dieses graugrausamen Bilds des Schutts und Staubs neben allem, was an diesem schrecklichen Krieg beklagenswert ist, immer wieder rührt und bewegt, ist der Wille zum Theater: kaum dass der letzte Donner verhallt ist, aber noch dissonant nachtönt, bahnt sich dieser Wille seinen Weg. Der Wille, Theater zu machen, der Wille, Theater zu schauen. Weil es ein Menschenwille ist, weil Theater sein muss. Zu allen Zeiten.

Hunger, Armut, den Lärm der Bomben im Ohr, Krankheit, Trauer, Verzweiflung, Hoffnung – was war, was wird? In die durcheinander- und aufrüttelnde Stimmung unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges mischt sich im gesamten deutschsprachigen Raum auch der Wunsch nach Theater. Machen, Spielen, Anschauen, Diskutieren. Jede noch so kaputte Spielstätte wird rasch wiedereröffnet, neue Räume werden gesucht, alte und neue kreative Kräfte gebündelt, ja sogar Schauspielschulen nehmen den Lehrbetrieb wieder auf oder werden neu gegründet (darunter die Otto-Falckenberg-Schule, 1946). Theater setzte von jeher und setzt auch nach 1945 schöpferische, diskursive und physische Energien frei, die ex post schlicht überwältigen – im Guten wie im Schlechten.

Bereits am 8. August 1945 informiert der Münchner Bürgermeister Franz Stadelmayer den Stadtrat über die Entscheidung des Oberbürgermeisters, die Münchner Kammerspiele zum Winter wieder zu eröffnen. Das Schreiben befindet sich im Bestand des Kulturamtes des Stadtarchivs München, im Akt „Inbetriebnahme der beiden städtischen Bühnen der Kammerspiele im Schauspielhaus und des Volkstheaters. 1945/46“. Im gleichen Ordner ist auch ein Schreiben der amerikanischen Besatzungsbehörde abgelegt, in dem darüber informiert wird, dass das Schauspielhaus nicht mehr länger der amerikanischen Armee zur Verfügung stehe, sondern wieder für „Vorstellungen für die Zivilbevölkerung“ frei sei. Beide Notizen sind in Auszügen auf der Website www.100mk.de wiedergegeben, auf der sich auch Teile dieses Blog-Eintrags finden.*

Es ist Sommer. Auch dieses Jahr wieder. Und doch so ganz anders als 1945…

In Zeiten meines Luxus-Jammers fiel mir dieser Moment des Aufbruchs wieder ein. Mit Ehrfurcht vor dem Willen zum Wollen des Spiels im Sommer wirklicher Entbehrung.

*) Bei 100mk.de handelt es sich um ein von den Dramaturgen Sabrina Schmidt, Jeroen Versteele und mir kuratiertes studentisches Projekt anlässlich des 100. Geburtstages der Münchner Kammerspiele 2012.)

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s