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Entgegenkommende Aufnahmen – Toscanini-Exhibition in der NYPL

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Info-Tafel zur Präservation von Drahtton-Aufnahmen. Aus der Ausstellung Toscanini: Preserving a Legacy in Sound, NYPL for the Performing Arts

Was wir über die Gesellschaft, was wir über die Geschichte, was wir über ihre Künste wissen, wissen wir zu einem erheblichen Teil über die Medien, die sie uns vermitteln. Die Reproduktionstechnik, formuliert Walter Benjamin bekanntlich um die Wende zum 20. Jahrhundert, löse das Reproduzierte aus dem Bereich der Tradition ab und stelle durch die Vervielfältigung an die Stelle der Einmaligkeit die Vielfältigkeit. Im gleichen Atemzug erlaube die technische Reproduzierbarkeit der Reproduktion aber auch, der/dem je Aufnehmenden in ihrer/ seiner jeweiligen Situation entgegenzukommen, womit sie das Reproduzierte auch aktualisiere.

Für ein Sammeln, Bewahren, Schützen und zugänglich-Machen der Gleichzeitigkeit ungleichzeitiger medialer Erinnerungen an Vergangenes haben wir Museen, Sammlungen, Archive. Wie kommen sie uns entgegen, das Reproduzierte in unserer Zeitgegenwart, in unserer jeweiligen auch ‘medialen Situation’ zu verstehen – auch wenn es Jahrzehnte, Jahrhunderte alt ist und zunächst fern unserer täglichen Wahrnehmungshorizonte liegt?

In einer besonders  gelungenen Kuration stellt sich die Ausstellung Toscanini: Preserving a Legacy in Sound der New York Public Library for the Performing Arts in New York, deren Eröffnung ich während meines Forschungsaufenthalts vergangene Woche beiwohnen konnte, diese Frage –und beantwortet sie, wie ich finde, recht clever. Genau so wünsche ich mir Vermittlung im Museum mit Einblick ins Machen und die Machbarkeit von Präservation, analog und digital.

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Italienische Briefmarke zum Gedenken an Toscaninis 50. Todestag 2007.

Im noch laufenden Jahr wurde vielerorts an den 150. Geburtstag des italienischen Dirigenten Arturo Toscanini (1867-1957) erinnert: mit Ausstellungen, neuen Editionen seiner Dirigate, biographischen Texten.

In der von Jonathan Hiam kuratierten Ausstellung in der NYPL for the Performing Arts geht es auch um die künstlerischen und biographischen Stationen Toscaninis. Es geht aber vor allem um Idee und Auftrag des “Preserving a Legacy in Sound”. Und damit um das faszinierende Zusammenspiel von Toscaninis Handschrift und Auftritt in einer musikhistorisch nicht einfachen Periode zwischen einerseits dem späten 19. und der Mitte des 20. Jahrhunderts und einer medial und technologischen ‘Turbozeit’. Denn die Arbeit des ‘Maestros’ mit dem photographischen Gedächtnis verläuft in zeitlicher Koinzidenz mit der Erfindung und Verfeinerung akustischer Aufnahmetechniken.

Das “Entgegenkommen” für uns Aufnehmende in der ‘heutigen Situation’, i.e. der digitalen Kultur und Tranformation, besteht in der transparenten Zusammenführung von Toscaninis Dirigaten – vor allem  in Kontext seines Wirkens am und mit dem NBC Symphony Orchestra von 1937 bis 1954 – mit den Möglichkeiten des digitalen Recordings: Wie lassen sich historische Aufnahmen von Klang mit Hilfe heutiger digitaler Technologien reproduzieren und zugänglich machen, so dass die Erzählung der Geschichte eine Geschichte ihrer Klänge und verständlich sein kann? *) 

 

Die komplette Ausstellung verläuft folglich in drei Strängen auf dem Basso Continuo der Zeit: auf der Ebene der biographischen Etappen Arturo Toscaninis, entlang der je innovativen und zeitspezifischen Aufnahmetechniken und Aufnahmen seiner Dirigate und im Hinblick auf die konservatorische und vermittelnde Sorgfalt digitaler Aufbereitung des Nachlasses in Ton und Text. Mehr als 43.000 Objekte aus Toscaninis Schaffenszeit befinden sich in der Rodgers and Hammerstein Archives of Recorded Sounds-Collection der NYPL for the Performing Arts,  die 1987 von Toscaninis Familie an die Bibliothek übertragen wurde. (siehe hierzu auch diesen Artikel in der New York Times). In der jüngst eröffneten Ausstellung sind Aufnahmen von Toscaninis Konzerten, aber auch seiner persönlichen Lieblingsmusik auf Shellack, Vinyl, Selenophon sowie in Radio- und Fernsehaufnahmen anzuschauen und in ihrer digitalen Bewahrung anzuhören. Sie sollen das Original nicht nur schützen, sondern ihm auch klanglich so nahe wie möglich kommen (zumindest der Aufnahme; die eigentliche Performance ist volatil, wie wir wissen).

Das dichte Ineinandergreifen von Musik und ihrer Aufnahme, von Toscaninis künstlerischer Handschrift und seinem auch medial beförderten Erfolg wird in dieser Schau besonders anschaulich herausgestellt. Ein feines, wenn man so will, museumspädagogisches Asset sind zusätzlich die Schaukästen und interaktiven Displays, die die Arbeitsschritte der Digitalisierung verdeutlichen. An einem live-Tisch werden ab sofort zusätzlich diese Prozesse in einer Face-to-Face-Begegnung zwischen Besuchern und den IT-Spezialisten der NYPL weiter erörtert werden.

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Wie funktioniert eigentlich digitale Preservation? Das Zeigen des Machens ist ein wichtiger Bestandteil der Ausstellung “Toscanini: Preserving a Legacy in Sound” (Foto: Nic Leonhardt)

 

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Toscanini: Preserving a Legacy in SoundNew York Public Library for the Performing Arts. (28. November  – 7. April 2018).

Kurator: Jonathan Hiam.

*) Als weitere umfassende Sound-Archive, die nicht nur Musik, sondern auch vernakuläre Klänge, vor allem historisch, erfassen, seien hier genannt: das Archive of Recorded Sound der Stanford University; das Sound Archive der British Library; das Berliner Phonogramm-Archiv. 

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