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Plasticfantastic? (Fri)Days for Future im US-Alltag

Baum Wäsche

Gerade habe ich Wäsche aufgehängt. Im Garten. „Na und, wen kümmert’s? Ein Sack Reis in China…“, werdet Ihr jetzt denken. Ich gebe zu, diese Meldung ist relativ unspektakulär. Dass ich Wäsche aufgehängt habe, ist mir aber eine Meldung wert, weil ich es in einem Land tue, in dem im Grunde niemand Wäsche zum Trocknen in den Garten hängt. Nicht mal bei 30 Grad, so wie jetzt, heute, hier in Florida. Als der Freund, der uns derzeit im Sunshine State beherbergt, uns den Waschraum zeigte, war es für ihn selbstverständlich, uns den Wäschetrockner zu erklären. „Super, danke. Aber den werden wir hier in Florida wohl nicht brauchen, es ist ja immer so warm“, kommentierten wir – und schauten in ein erstauntes Gesicht, das uns verriet, dass er uns für ein klein bisschen ‚bonkers‘ hielt. Eine Wäscheleine gibt es nicht im Haus, die Wäsche hängt jetzt über Liegestühlen und auf Bügeln in den Bäumen. (Es hat übrigens nur das Verfassen dieser ersten Zeilen gebraucht, da waren die leichten Textilien schon schranktrocken). Es ist heiß, der Wind bläst. 365 Tage im Jahr. Aber die Floridianer bevorzugen einen Wäschetrockner, der die Arbeit nicht in unter 1,5 / 2 Stunden schafft und volle Lotte heiße Luft produziert; dabei gibt es draußen in Hülle und Fülle Fön for free …

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Plasticfantastic? Typisches Regal für Milchprodukte in amerikanischen Supermärkten. (Quelle: NeOnBRAND)

„America, the land of the free, they say“ singt Morrissey in America is not the world . „…and of opportunities..“ Aber Energiesparen ist nicht so das big Thema hier. Auf den Straßen sieht man einen Pick Up, Range Rover, und ein SUV nach dem anderen – besetzt zumeist von nur einer Person. Gestern ging ich zu Fuß zum Supermarkt. Wie, noch ein Sack Reis in China? Nein, wahrlich eine Meldung wert. Denn auf den 1500 Metern dorthin traf ich nur zwei Kinder auf ihren BMX-Rädern. Niemand sonst ohne fahrbaren Untersatz unterwegs. Niemand, der hier freiwillig geht. Das verstehe ich angesichts der Hitze. Die aber kann nicht der einzige Grund sein, weshalb nicht mehr Bewohner zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs sind, es kaum öffentlichen Personennahverkehr gibt (eine weitere Erklärung lieferte übrigens die New York Times hier). Dass ich einen Fußgängerweg benutzen konnte, ließ mich ja schon dankbar werden. Denn Fußgängerwege haben Seltenheitswert. Falls es hierzulande überhaupt welche gibt, hören sie oft im Nichts auf, einfach so. Umweltbewusster Fortbewegung liegen im Wortsinne Steine im Weg, – wenn man nicht gerade in einer Metropole mit Bus und U-Bahn lebt.

Auch die USA und Kanada begingen zwischen dem 20. und 27. September die Weltklima-Woche, den Global Climate Strike . So sehr ich hier auch nach Aktionen, Initiativen oder Tropfen auf den heißen Steinen suchte, die nach Klimaschutz  aussahen – nichts zu sehen, weit und breit kein Anzeichen. Im Gegenteil. Plastik all over, beim Essengehen, beim Einkaufen; in Bezug aufs Energiesparen: Klimaanlagen auf Hochtouren versus Wäschetrockner trotz Sonnenwärme; eiskalte Mega-Kühlschränke, kaum Recycling, Spritpreise billig wie sonstwas. Beim Abendessen vergangenen Freitag kamen mir fast die Tränen. Wir fuhren (natürlich mit dem Auto) zu einem „Restaurant“: Jede Gabel, jeder Becher, jeder Teller aus Plastik. An einem Friday for future empfand ich das als nochmal so schlimm wie ohnehin schon; gerade erst hatte ich mit meinen Freundinnen zu Hause über ihre Aktionen in den Gemeinden und an den Schulen ihrer Kinder gechattet. Mein transatlantischer Beitrag war beschämend. Jetzt könnte man sagen, ich könne ja auch zu Hause essen, also im Feriendomizil. Mache ich auch. Oft sogar. Aber vor dem Gang zum Herd muss ich mich durch Plastikberge wühlen: Gemüse in Plastik, mehrfach gewickelt und in aufwändig hergestellte so genannte „Container“ verpackt. Es schmeckt zwar nicht nach Plastik. Aber nach Gemüse auch nicht so recht. Einen Farmers‘ Markt haben sie hier nicht. Papierverpackungen, Glasflaschen? Sehr, sehr selten. Verzichtet man beim Einkaufen auf das Eintüten losen Gemüses (ja, das gibt es zum Glück doch auch!), steht garantiert an der Kasse ein hilfsbereiter Mitarbeiter, der ungefragt alles in Tüten packt. Immer schön doppelt getütet, die Tüten, damit sie den Einkauf auch halten. Sage ich dann „No plastic bag, please“ und stecke alles in den mitgebrachten Beutel, ernte ich einen irritierten Blick. Manchmal aber auch begleitet von einem „Thank you, I appreciate“; dann freue ich mich immer, dass da doch ein Bewusstsein ist. (Auch wenn 2018 einige Bundesstaaten explizit das Plastiktütenverbot verboten. Ja, Ihr habt richtig gelesen).

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Ich weiß, dass es auch viele Umweltaktivisten in den USA gibt oder zumindest umweltbewusste Mitmenschen, die ein Auge auf unsere ökologische Gegenwart und Zukunft werfen und durch ihr Handeln zu einem größeren Bewusstwerden beitragen. Den Handel und die Hersteller zum Handeln bewegen. Kleine Schritte gehen, weil viele kleine Schritte auch mobil machen können. In Deutschland haben wir angefangen, Strohhalme aus Plastik durch solche aus Papier zu ersetzen. Mir fallen wenig Gelegenheiten ein, zu denen ich überhaupt einen Strohhalm verwende. Aber sei’s drum, ich verstehe die Botschaft: Es sind die kleinen Dinge. Zahnbürsten aus Plastik haben Geschwister aus Bambusholz bekommen, für die Plastiktüten im Laden muss man seit einem guten Jahr zahlen, seitdem hat sich der Gebrauch drastisch verringert. Ein Plastiktütenverbotsverbot verbietet sich jenseits des Ozeans. Gut so. Im kulturellen Vergleich kommt mir das allerdings vor wie eine Lachnummer. Was ist mein Strohhalm gegenüber einer Plastik-Gallone Orangensaft, der genauso gut in einer Mehrwegflasche angeboten werden könnte? Mehrweg gibt es hier aber nicht. Kuchen, Kekse, Brot? Wrapped in plastic. Ich bin hier nur zu Gast, und auch nicht das erste Mal in Amerika unterwegs. In Deutschland versuche ich so wenig wie möglich in Plastik Verpacktes zu kaufen oder aus Plastik Hergestelltes zu besitzen. Das ist schon nicht leicht. Aber hier ist es fast unmöglich.

Mein Umweltbeitrag muss hier anders ausfallen. Jetzt will ich künftig zum Essen außer Haus mein Besteck mitnehmen. Gelegentlich gehe ich zu Fuß zum Einkaufen. Während ich hier bin, trenne ich den Müll. Eine einzige Box gibt es hier für „Recycling“: Glas, Papier, Plastik: alles rein, was nicht Restmüll ist. Kaum einer aber trennt im Sunshine State. „Ist eh nur Geldmacherei“, sagt unser Gastgeber. (Trennt aber mit uns solidarisch, seit wir hier sind, danke dafür, bro :-)). Eigentlich Verantwortliche, die wahren Klimasünder, seien andere Branchen, ganz vorn‘ dabei, auf den ersten Plätzen: Construction Business, amerikanisches Militär, Landwirtschaft, Automobilindustrie. Strohhalm aus Papier, Plastiktütenverzicht, Jute statt Plastik? Ein fast mitleidiges Kichern. Alles Augenwischerei. Eine Art Feel Good-App für kleine Lichter. Wir Einzelne? Könnten ohnehin nichts tun, you understand?  – „America is not the world“. Aber auf der Rangliste der größten Umweltsünder belegt es, neben Saudi-Arabien, den ersten Platz. Das Prickeln einer Coladose braut im Kern weltumspannende Umwelt-Explosion. Es brodelt…Heißer Stein, steter Tropfen … Fragen.

Frau Sonne hat die Wäsche getrocknet. Ich befreie die Bäume von ihrem textilen Schmuck. Kleine Schritte. Day by day. Nicht nur Freitags.

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‘I’m too sexy for my Cat’ – Artikel über Tanz, Selfie, Fetisch im Jahrbuch Tanz 2019 erschienen

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Im aktuellen Jahrbuch Tanz 2019 ist jüngst mein Artikel über Digitale Medien, Selfies als Fetisch und Tanz erschienen. Das Jahrbuch ist direkt beim Verlag, im Buchhandel oder gut sortierten Zeitschriftenhandel zu beziehen.

Aus dem Prolog:

“Einmal dem haarrissigen alten Firnis nahe sein, einmal die marmorne Kühle, die Aura des Originals spüren. Nachts, wenn alles schläft, niemand wacht. Wenn der Traum die Herrschaft übernimmt, die Wirklichkeit erlischt … «In the day nothing matters, it’s the night time that flatters», besang Laura Branigan in den 1980er-Jahren in «Self Control» die Fetischisierung der Nacht.

Nachts im Museum zu sein. Ganz allein. Zu erkunden, wie sich die andächtige Leere der bei Tageslicht übervollen Ausstellungshallen anfühlt.

Zu beobachten, ob und wie sich die toten Exponate womöglich in lebendige Kreaturen verwandeln – das ist ein ewiger Topos der Kunst. Im preisgekrönten Musikvideo «Apeshit» firmieren die Rapper und Produzenten Beyoncé Giselle Knowles Carter und Jay-Z (genannt The Carters) Seite an Seite mit ihren Tänzern als Zeugen und Deuter der Kunst. Sie werden selbst zu Kunst im berühmtesten Kunsttempel der Welt: dem Louvre in Paris. Niemand sonst da, außer ihnen – und natürlich Mona Lisa, Venus, Nike & Co. Im Mai 2018 wurde das Video in der Regie von Ricky Saiz gedreht, im Juni gelauncht, an dem Tag, an dem auch das neue Album der Carters – «Everything Is Love» erschien; …”

Jahrbuch Tanz 2019_bestellen

Beziehungen im 21. Jahrhundert · Buchbesprechung · Digital Culture · Erinnerung · Literatur, Lyrik · Popkultur · Popular Culture · Publication · Work-Life Balance

Digitalminimal. Unplugged in Kontakt

 

Analogue Guy in a Digital World
An analog guy in a digital age

Wie sich die Zeiten ändern. Vor vielen, vielen Jahren, als ich noch bei meinen Eltern wohnte, war es eher normal als ungewöhnlich, dass jemand bei uns vorbeikam. Einfach so. Die Verwandtschaft, Nachbarn, andere Besucher – sie schneiten ohne große Ankündigung oder vorherige Vereinbarung herein. Die Tür stand immer offen, von Frühjahr bis Herbst war die Veranda einladend und groß genug für alle. Wer von außen sehen konnte, dass wir draußen waren, kam einfach auch noch hinzu. Manchmal blieb man zu Kaffee und Kuchen oder doch gleich über den Abend zum Grillen. Dabei wollten all jene Besucher „nur mal eben hallo sagen“.

Es wurde selten „nur mal eben hallo gesagt“. Die lieben Stippvisitoren, sie blieben. Es wurden aktueller Klatsch und Tratsch ausgetauscht, nach dem Warmlaufen des Gesprächs auch tiefer gehende und ernste Themen ventiliert. Manchmal machten wir ausschließlich Faxen, Witze wurden erzählt, Situationskomik geteilt. Ich weiß noch, dass ich als Kind den Trubel genoss, dabei las, malte oder Vokabeln lernte, während die Erwachsenen sich austauschten. Mittendrin und absorbiert. Diese geselligen Runden gingen übrigens –, damals hätte ich nicht im Entferntesten gedacht, dass das einmal einer Erwähnung wert sein müsste –, vollkommen ohne Technologie vonstatten. Niemand brachte ein i-pad mit, ein Smartphone oder dergleichen. Gab es ja auch noch gar nicht. Wenn wir Glück hatten, machte gelegentlich jemand ein Foto von der Szene. Die aber war eigentlich so normal, dass selten eine Kamera herbeigebracht wurde. Alle schienen im Moment. Ganz ohne Technologie.

Ich bin nicht so alt, dass ich in Nostalgie verfallen würde oder mit einem „Früher war alles besser“-Gejammer die Vergangenheit verschönern. Doch vermisse ich diese Spontanität und Geselligkeit manchmal. Und gemütliche Runden mit echter face to face-Kommunikation, die ohne Smartphone oder Google-Befragungen auskommen (die nicht Wochen vorher vereinbart und dann in letzter Sekunde wieder abgesagt werden, per whatsapp, sms oder Sprachnachricht). Gesellige Zusammenkünfte, soziale Interaktionen fanden in physischer Präsenz der Interagierenden statt, nicht auf sozialen Netzwerken, und verliefen ohne Unterbrechungen durch Handy-Geklingel oder -Aktivitäten. Ring, Bing, ping, … Jetzt klinge ich doch nostalgisch, merke ich. Sei’s drum. Die neuen Technologien haben uns einige Vorteile gebracht – und doch verheerende Auswirkungen auf unser Privatleben. Und das Paradoxe ist, dass wir gleichzeitig denken, so gut vernetzt und in Kontakt zu sein wie noch nie.

Vermutlich reagieren Angehörige meiner Generation, die den Übergang von der rein analogen in die mehr und mehr digitale Kommunikation miterlebt hat, anders auf diese Veränderungen als die so genannte iGen, die Generation der zwischen 1995 und 2012 Geborenen. Psychologische Untersuchungen und Statistiken von Gesundheitsdiensten an Schulen oder Universitäten beobachten unter den Vertretern dieser Generation zunehmend depressive Erkrankungen und Angststörungen Dass diese signifikante Zunahme auch (wenn nicht zu einem Großteil) mit der Allgegenwart des Smartphones in Zusammenhang zu bringen sei, ist ein erschreckendes, wenn auch nicht mehr großartig neuartiges Argument.

Newport Digital Minimalism engWie wir wieder mehr offline-Zeit leben, Begegnungen mit Menschen, bewusstere Nutzung der Lebenszeit in unser durchgetaktetes und von Technologien bestimmtes Dasein bringen können, ist ein Thema, das mich seit einigen Jahren beschäftigt hält und mein (Nach-)Denken und Schreiben bestimmt. Vor zwei Jahren las und besprach ich hier das Buch Konzentriert arbeiten. Regeln für eine Welt voller Ablenkungen von Cal Newport. Als ich neulich mit einem Studenten über dieses Buch sprach, der es damals auf meine Empfehlung hin konsultiert hatte, erzählte er mir von Newports neuestem Streich, Digital Minimalism. Es ist im Frühjahr in deutscher Übersetzung unter dem Titel Digitaler Minimalismus. Besser leben mit weniger Technologie erschienen, und ich musste ein umtriebiges Semester lang warten, um nun in meinen aktuellen Arbeitsferien die Zeit zu finden, es zu lesen und zu besprechen.

Newports Tenor hat sich seit Deep Work nicht verändert. Gestern wie heute kreisen seine Überlegungen um die Frage, wie wir uns in einer von Technologien penetrierten und ständiger online-Verfügbarkeit bestimmten Gesellschaft mehr Qualitätszeit, Phasen der Vertiefung, zwischenmenschlicher Wertschätzung zurück holen können, weil sie uns als Menschen nicht nur gut tun, sondern nachgerade konstitutiv für unsere mentale und physische Gesundheit sind. Bereits in Deep Work hatte Newport die Reduktion der Nutzung von und des sinnlosen Zeitvertreibs durch soziale Medien und digitale Technologien empfohlen. In Digitaler Minimalismus fokussiert er sich ausschließlich auf die neuen digitalen Technologien, also  Messaging-Dienste, Instagram, Apps, Websites und verwandte digitale Tools, die uns entweder unterhalten, informieren oder mit anderen vernetzen sollen. Dreh- und Angelpunkt, Ziel und die Möglichkeit ‚sanfter Revolution‘ sieht er in dem, was er „Digitalen Minimalismus“ nennt; eine „Philosophie der Technologienutzung, bei der wir unsere Onlinezeit auf eine kleine Anzahl von sorgfältig ausgewählten und optimierten Aktivitäten konzentrieren, die für uns wertvolle Angelegenheiten intensiv unterstützen, und auf alles Übrige freudig verzichten.” (S. 42).

Newport Digitaler MinimalismusWenn wir an Bahnhöfen stehen, im Wartezimmer sitzen, im Café, selbst mit Freunden im Restaurant oder in der Oper, zu Hause beim Abendessen, scheint das Smartphone allgegenwärtig. Der schnelle Blick auf den Bildschirm, das Checken von Status-Updates, Apps und Fakten und Fake News ist zu einem Reflex geworden. Ein Reflex, um Zeit zu füllen, zu überbrücken oder das Gefühl plötzlicher Leere oder etwas zu verpassen, instantan zu stillen. Wie, ist zu fragen, lässt sich von diesem Reflex wieder ablassen, da er sich so schnell eingenistet hat in das Verhalten beinahe aller? (die wenigen Ausnahmen sind eine schräg beäugte Minderheit: „Die großen Unternehmen wollen“, so Newport, „dass ‚Nutzung‘ eine einfache binäre Bedingung ist: entweder nutzt man ihre Grundlagentechnologie oder man ist ein Spinner“ (S. 223).

Newports Buch analysiert in der einen Hälfte, liefert Beobachtungen, Referenzen auf die Gehirnforschung, Mediengeschichte, Philosophie, Neurologie und Psychologie (Teil 1: Grundlagen: Einseitiges Wettrüsten – Digitaler Minimalismus – Die digitale Entrümpelung). In der anderen Hälfte des Buches bietet der Informatik-Professor Übungen an, die jede von uns in ihren/ seinen Alltag integrieren kann (Teil 2: Übungen: Verbringen sie Zeit allein – Klicken Sie nicht auf “Gefällt mir”  – Die Rückeroberung der Muße – Widerstand gegen die Aufmerksamkeitsindustrie). Durchgängige Referenzpunkte sind für Newport alternative Lebensmodelle, Minimalistische Lifestyles, wie sie bereits 1854 Henry David Thoreau in Walden. Oder das Leben in den Wäldern vorschlug, wie sie die Amish in ihrer Verpflichtung gegenüber dem biblischen Grundsatz, „in der Welt, aber nicht von ihr“ zu sein, oder wie es die Mennoniten leben. Auch Friedrich Nietzsches Spaziergänge oder Abraham Lincolns Rückzug in sein Landhaus, wo er Muße zum Nachdenken und zu ‘Deep Work‘ suchte, zieht der Autor als Modelle heran, durch die Entsagung von Ablenkung mehr Qualitätszeit im Leben zu erreichen.

In der Vorbereitung zu seinem Buch startete Cal Newport zur Jahreswende 2017 einen Aufruf: über einen e-mail-Verteiler suchte er Freiwillige, die sich für 30 Tage lang dem Experiment stellen würden, gänzlich auf optionale neue Technologien zu verzichten. Anstelle der von ihm erwarteten 50 Teilnehmer erhielt er Rückmeldung von mehr als 1600 Personen. Ein Volltreffer! Ein Grund zur Sorge? Ein Grund zur Hoffnung?

Von ‚Entzugserscheinungen’ berichteten die Freiwilligen, von Angststörungen, von Rückfällen – ganz so, als sei der Gebrauch optionaler Technologien eine Sucht. Und sicherlich ist an diesem Verdacht etwas dran. Manche wiederum berichteten, nach der 30-tägigen Phase voller Euphorie zu ihren optionalen Technologien zurück gekehrt zu sein, um dann festzustellen, dass sie gänzlich ihren Reiz verloren hatten.

Warum machen wir das alles hier?

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… und Liebe! (Logo des Slow Media Manifests (2010)

Newport analysiert nicht psychologisch, sondern beobachtet informiert und erteilt Tipps. Die Phase des Verzichts, des Digital Detox, sei keine Blitz-Diät, sondern Teil einer Umstellung hin zu einem bewussteren, selektiveren Umgang mit neuen Technologien, zum Leben eines „digitalen Minimalisten“; ein „digitales Reset“ sozusagen. Und es empfehle sich, sie gut vorzubereiten, denn die Leerstellen, die durch die Abstinenz zu füllen seien, gelte es, sinnvoll auszufüllen, um keine Rückfälle zu erleben. ‚Sinnvoll’ – , damit meint er, alte Beschäftigungen wieder aufzugreifen, die Freude brachten, neue Aktivitäten, die fordern und fördern, allein oder mit Gleichgesinnten, auszuprobieren, Experimente zu wagen, Neues zu lernen, (Handwerk zum Beispiel, ein neues Hobby etc.) – und: sich dem Alleinsein zu widmen. Newport rät zu einer “raschen Wandlung  – ausgeführt über einen kurzen Zeitraum und mit genügend Überzeugung, so dass die Resultate haften bleiben.

Der Ablauf der digitalen Entrümpelung sieht folgende Etappen vor:

  • Einen Zeitraum von dreißig Tagen wählen, in dem eine Pause von den optionalen Technologien im Leben eingelegt wird.
  • Diese 30 Tage nutzen, um Aktivitäten und Verhaltensweisen zu erforschen und wiederzuentdecken, die man befriedigend und sinnvoll findet.
  • Am Ende der Pause optionale Technologien wieder einführen, genau überlegen, welchen Wert sie jeweils haben, und wie sie eingesetzt werden können, um ihren Wert zu steigern.

Newport proklamiert keinen kompletten Ausschluss neuer Technologien aus dem Alltag. Vielmehr spricht er ihrem bewussten und zeitlich begrenzten Einsatz das Wort, so dass sich die Vorteile, die sie zweifelsohne mit sich bringen – etwa die Kontakthaltung mit Familie und Freunden über Ländergrenzen, das Lesen und Anschauen von Nachrichten oder die Navigation mit Hilfe von online-Karten – wieder klarer abzeichneten.

“Der Zucker-Flash der Annehmlichkeit ist vergänglich, und das bohrende Gefühl, etwas zu verpassen, verschwindet rasch wieder, aber das sinnstiftende Leuchten, das entsteht, wenn wir die Verantwortung übernehmen, was unsere Zeit und Aufmerksamkeit beansprucht, dauert an.” (Newport 2019: 68)

Das Alleinsein sieht er, Benjamin Franklin zitierend, als “angenehme Erholung für einen beschäftigten Verstand” an. Damit ist gemeint, dem Gehirn eine regelmäßige Dosis Ruhe zu geben, “die zur Unterstützung eines monumentalen Lebens erforderlich ist” (S. 101); sich Zeit nehmen und (zu-)trauen, sich auf eigene Gedanken und Erfahrungen konzentrieren, sei es in einer überfüllten U-Bahn, in einem Café oder auch in einer ruhigeren Umgebung, in einer Bibliothek, am See, in einer einsamen Berghütte oder dergleichen. (Ich musste hier an meine oben angedeutete Versunkenheit inmitten der Besucher meiner Familie von damals denken). Frühere Technologien, die das Alleinsein gefährdeten, hätten Menschen nur gelegentlich davon abgehalten, ihren individuellen Gedanken nachzugehen. Mit der Einführung des iPod sei das erste Mal in der Geschichte der Medien eine Technologie eingeführt worden, die „die Fähigkeit hatte, Sie kontinuierlich vom eigenen Denken abzulenken“ (S. 109); die Einführung des iPhones beziehungsweise die Verbreitung moderner internetfähiger Smartphones habe diese Ablenkung schließlich soweit potenziert, dass für besonnene Ich-Zeit kaum eine Sekunde noch zur Verfügung stände. Dabei sei Einsamkeit, wie Newport, sich auch auf jüngste Studien anderer Wissenschaftler, etwa des Sozialkritikers Michael Harris (Solitude. In Pursuit of a Singular Life in a Crowded World (2017) beziehend, schreibt, für die Produktivität und die eigene Zufriedenheit essentiell. Alleinsein als Zustand in Zeit und Raum für neue Ideen, Selbsterkenntnis und den Aufbau von Nähe zu anderen. Es stelle sich die Frage, so Newport, “ob unsere jetzige Gegenwart mit einer neuen Bedrohung der Einsamkeit aufwartet, die noch größer ist als jene, die schon seit Jahrzehnten beklagt wird. Ich behaupte, die Antwort darauf ist ein eindeutiges Ja.” (S. 108). Die Vorstellung des Alleinseins hat keinen guten Leumund und wird nicht unbedingt als etwas Positives angesehen. Und gerade in den vergangenen Jahren sei uns die „Auffassung verkauft [worden], dass mehr Konnektivität besser ist als zu wenig.” (S. 111). Ja, es sei eine regelrechte „Besessenheit nach Verbundenheit“ zu beobachten.

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Hypervernetzt und isoliert. Fremde Gedanken bestimmen die eigenen. (iPod-Werbung )

Dass die hypervernetzte Generation leide, sich isoliert fühle, ist ein Paradox der digitalen Medaille. Der Verlust sozialer Bindungen steuert dasselbe System an wie physischer Schmerz; finden soziale Verbindungen nur digital statt zuungunsten realer und physisch zwischenmenschlicher Begegnungen, lässt sich erahnen, wie und warum die depressiven und Angststörungen seit geraumer Zeit zunehmen. Newport schlägt einen Wechsel, eine Verknüpfung von Alleinsein und Verbindung vor, um dem Verlust von Zeit für sich UND der gefühlten Isolation vorzubeugen. Man solle sich vor Augen führen, so Newport, dass die vergangenen Jahrzehnte zwar geprägt seien von der Verbreitung digitaler Kommunikationstechnologien. Menschen können über digitale Netzwerke kommunizieren und interagieren; allerdings seien diese Interaktionen vornehmlich durch kurze, text- und bildbasierte Nachrichten und Gefällt mir-Klicks gefördert: “Die kleinen Anreize, die Sie dadurch erhalten, dass Sie einem Freund etwas auf die Pinnwand posten oder sein neuestes Foto bei Instagram liken“, so Newport, „kann nicht annähernd den großen Verlust kompensieren, der dadurch entsteht, dass sie keine reale Zeit mehr mit diesem Freund verbringen.” Jedes „Like“ ein Verlust?

Gewinn erzielen die Betreiber der Plattformen. Unsere Aufmerksamkeit ist ihr Salair (vgl. Tim Wu, The Attention Merchants. The Epic Scramble to Get Inside Our Heads (2016)). Gewiss, soziale Medien haben Vorteile, aber “Ich wage zu behaupten, dass die überwiegende Mehrheit regelmäßiger Nutzer von sozialen Netzwerken den Großteil der von ihnen vermittelten Vorteile durch eine Nutzung von lediglich zwanzig bis vierzig Minuten pro Woche ausschöpfen können”, so Newport. Und dies sei eine Beobachtung, die Social-Media-Anbieter “in Angst und Schrecken” versetze, weil ihr Geschäftsmodell davon abhänge, dass wir uns so lange wie möglich mit ihren Produkten beschäftigen. Aufmerksamkeit ist ihnen die wertvollste Ressource. Je mehr Zeit wir, vor allem über Smartphones (die, je leistungsstärker, desto ablenkungsintensiver), mit digitalen Technologien zubringen, umso lukrativer ist unser Zeitvertreib für die Anbieter.

“Die großen Konzerne der Aufmerksamkeitsindustrie, die viele dieser Technologien eingeführt haben, wollen nicht, dass wir über Optimierungen nachdenken. Diese Firmen machen umso mehr Geld, je mehr Zeit wir mit ihren Produkten verbringen.” (Newport 2019: 60).

Auch die Verfasser des Slow Media Manifest brachten dies 2010 auf die Formel: „Deine Zeit = Deren Geld“. Steuern wir indessen bewusst unseren Medienkonsum, werden nicht wir gesteuert.

“Beim geringsten Anzeichen von Langeweile können wir jetzt heimlich jede beliebige Zahl von Apps oder mobilen Websites anschauen, die dafür optimiert wurden, uns eine unmittelbare und befriedigende Portion Einfluss durch andere Gedanken zu verschaffen. Jetzt ist es möglich, das Alleinsein vollständig aus unserem Leben zu verbannen.” (Newport 2019: 109)

Warum machen Menschen das? Warum machen sie das mit? Es gibt keine belastbaren Daten für die Antwort auf diese Frage, aber es ist relativ wahrscheinlich, dass digitale Interaktionen einfacher und schneller sind als ‚altmodische‘ reale, analoge Unterhaltungen. Dabei ist doch das persönliche Gespräch das „am meisten menschlich Machende, das wir tun“ (Vgl. Sherry Turkle: Reclaiming Conversation: The Power of Talk in a Digital Age. (2016)). Seien wir wieder mehr füreinander ‚da’, präsent, hören wir zu. Verlernen wir nicht die Fähigkeit der Empathie, Geduld, einander zu verstehen, uns zuzuhören. Klicken wir nicht auf den „Gefällt mir“-Knopf, sondern klopfen einander auf die Schulter. Machen wir gewöhnlich, was heutzutage ungewöhnlich erscheint:

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H. D. Thoreau. Walden; or, Life in the Woods, 1854.

Schauen wir vorbei – auch per Telefon, wenn zu weit –, um „mal eben hallo zu sagen“. Und wenn wir zum Barbecue bleiben, genießen wir den Abend, ohne den Genuss mit dem Smartphone aufzuzeichen und auf irgendeiner Plattform oder per whatsapp zu teilen. Einfach kauen, reden, lachen. Ganz radikal optional digitalminimal. Unplugged in Kontakt.

 

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Cal Newport: Digitaler Minimalismus . Besser leben mit weniger Technologie. übersetzt aus dem Englischen von Jordan Wegberg. München: Redline Verlag 2019. (Orig. Digital Minimalism. Penguin 2019). 272 Seiten, ISBN 9 783868 817256.

Ausstellung · bildende Kunst · Design · Haiku · Kunst · Literatur, Lyrik · News · visual arts

“Alkyones Lichte”-Serie, Blöcke aus Acrylglas mit Text-Staffelei

Alkyones Lichte Facebook Aktion Bild 1Erstmals wurden aus den Originalen der Alkyones LichteSerie, bestehend aus Malerei von Reza Nassrollahi und Lyrik aus meiner Feder massive Blöcke aus Acrylglas gefertigt. Die Blöcke messen 20x20x2,5 cm und sind ca. 1,5kg schwer, die Texttafeln haben das Format 10×10 cm und stehen auf einer kleinen Staffelei aus Holz. Bild und Text eignen sich ebenso zum Aufstellen wie zum Hängen.

Die Auflage ist limitiert. Insgesamt sind 14 unterschiedliche Motive erhältlich.

Das Set aus Bild-Block und Text-Tafel mit Staffelei zum Pre-Order-Preis von 129€ kommt in einem schmucken Karton zu Euch nach Hause. Der Versand erfolgt per Post.

Bestellungen über e-mail an art@rezalution.world .

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Buchbesprechung · Theatergeschichte · Theaterwissenschaft · Theatre Archives · Theatre History

Alma Seidler. Schauspieler-Biographie von Bernhard A. Macek – Rezension

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Titelseite der Zeitschrift Die Bühne von 1929. Dargestellt ist Alma Seidler.

In diesem Sommer vor 120 Jahren, am 8. Juni 1899, kam die österreichische Schauspielerin Alma Seidler in Leoben (Steiermark) zur Welt. Sie war beinahe durch ihre gesamte, beinahe sechs Jahrzehnte währende Schauspielkarriere Ensemblemitglied des Wiener Burgtheaters, ist jedoch außerhalb Österreichs kaum bekannt. Der Wiener Historiker Bernhard A. Macek hat Seidler, die bereits im Dezember 1977 verstarb, nun eine Biographie gewidmet: Alma Seidler. “Österreichs Jahrhundertschauspielerin”. Reich an Quellen und Anekdoten, ist das in einem sehr persönlichen Gestus verfasste Porträt auch ein Einblick in die politisch und historisch einschneidenden Stationen und kulturpolitisch bedeutsamen Phasen des 20. Jahrhunderts.

Anlass für Macek, – seit 2001 in der Wiener Hofburg tätig (zuständig für die Kaiserapartments,  das Sisi Museum und Silberkammer) sowie Leiter des Fachreferats Wiener Stadtgeschichte des Österreichischen Archäologen Bundes –, diese 316 Seite starke Biographie Alma Seidlers anzugehen, war die Überlassung von Dokumenten aus dem Nachlass Seidlers durch deren Vertraute Edith Sonka. In seiner Danksagung hebt er deren Initiative hervor, ohne die „dieses Buch nie zustande gekommen“ wäre (S.6).

Seine Schrift orientiert sich eng an überlieferten Quellenmaterialien, darunter Fotos, Briefe und Aufzeichnungen von Alma Seidler sowie Interviews mit Zeitgenossen der Künstlerin. Zu den konsultierten und ausgewerteten Repositorien gehören unter anderen das Filmarchiv Austria, das Archiv des ORF, die Österreichische Nationalbibliothek, das Österreichische Staatsarchiv, das Theatermuseum der Universität Wien, die Österreichische Mediathek sowie Privatarchive. Das Buch beleuchtet die Kindheit und ersten Bühnenjahre Alma Seidlers, gewährt Einblick in ihre Ehe mit dem Schauspieler Karl Eidlitz und ihre Familie und vergegenwärtigt ihre vor allem zwischen den beiden Weltkriegen gespielten Aufführungen und Erfolge vor dem beinahe ausschließlich österreichischen Publikum. Von wenigen Gastspielen abgesehen, spielte sie überwiegend auf den Bühnen Wiens (darunter Volksoper Wien, wo sie ihre Karriere begann, Akademietheater, Schönbrunner Schlosstheater, Ronacher, Redoutensaal der Hofburg, Theater an der Wien, Theater in der Josefstadt, Volkstheater); in den 1950er Jahren trat sie zudem bei den Bregenzer und Salzburger Festspielen auf. Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete Seidler vermehrt auch für den Film. Bernhard Macek schildert diese Stationen entlang der Materialien, Spielpläne, Zeitungsnotizen, O-Töne und Anekdoten. Das Buch versammelt zahlreiche, (zum Teil beeindruckend künstlerische) Fotografien, die die Schauspielerin in beruflichen und privaten Kontexten zeigen, die jedoch leider nur selten in die Schilderungen argumentativ eingeflochten und genauer und kritisch in Augenschein genommen werden.

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Bernhard A. Macek: Alma Seidler. Österreichs Jahrhundertschauspielerin” (2018).

Der in seiner zeithistorischen Lupe sicherlich wertvollste Abschnitt der Biographie ist die Sektion „Schwere Zeiten im Dritten Reich“. Hier wird einmal mehr deutlich und anschaulich nachgezeichnet, welche Auswirkungen Adolf Hitlers Einmarsch in Österreich (seine Rede auf dem Heldenplatz am 12. März 1938 bedeutete eine Zäsur) und die anschließende Machtergreifung der Nationalsozialisten auch auf die Bühnenpraxis und den beruflichen Alltag und Lebensweg der am Theater Beschäftigten hatten.

Seidlers Mann Karl Eidlitz ging aufgrund seiner jüdischen Herkunft ins Schweizer Exil; Seidler blieb in Wien und bekam – trotz ihrer Ehe mit einem Juden – eine Sondergenehmigung am Burgtheater. Wie alle Bühnen Wiens wurde auch die Burg Gegenstand radikaler Umstrukturierungen, personeller Degradierungen und Entlassungen. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm Seidler, wie Macek in einer ausführlichen Filmographie mit Skizzen zum jeweiligen Filminhalt wissen lässt, immer wieder kleinere Filmrollen an. Bereits 1919 hatte sie eine erste Partie im Stummfilm Brand, bis zum Ende des Krieges fokussierte sie sich jedoch vornehmlich auf die Bühnenarbeit. Macek vermutet, dass ihre gesteigerte Filmtätigkeit nach 1944 mit der von Goebbels verhängten Theatersperre zusammen hing; im selben Jahr war sie in die Dreharbeiten für Wo ist Herr Belling? eingebunden.

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Innenraum des Wiener Burgtheaters. Aufnahme vom August 1945, zum Zeitpunkt der Wiederaufnahme des Spielbetriebs. (ÖNB/ Archiv Burgtheater)

Daneben agierte sie in Lesungen für die Bühne, Rundfunk und sprach Hörspiele ein. Auch als Theaterpädagogin war sie gelegentlich aktiv, wie Macek informiert; so hielt sie Gastvorträge  in der 1927 von Paul Kalbeck und Hans Thimig gegründeten „Neuen Schule für dramatischen Unterricht“ hielt oder der Schauspielschülerin Christiane Hörbiger, Tochter Paula Wesselys, Unterricht erteilte.

Alma Seidlers nahezu lückenlose Bühnentätigkeit wurde mit zahlreichen Auszeichnungen honoriert: 1959 etwa feierte das Burgtheater ihr 40-jähriges Bühnenjubiläum, im gleichen Jahr erhielt sie die Ehrenmedaille der Bundeshauptstadt Wien. Am 4. Mai 1977, wenige Monate vor ihrem Tode, wurde ihr das Große Silberne Ehrenzeichen des Landes Wien zuteil. Ein Porträt Alma Seidlers, gefertigt von Adolf von Dobner, wurde am 7. Dezember 1978 in die Ehrengalerie des Burgtheaters aufgenommen; Als Antwort auf den nur männlichen Darstellern vorbehaltenen Iffland-Ring initiierte die österreichische Bundesregierung den „Alma-Seidler-Ring, dessen erste Honorarin Paul Wessely 1979, selbst enge Kollegin Seidlers wurde. ihr Geburtstort Leoben widmete der Schauspielerin 1996 eine Straße, die Alma Seidler-Straße, Wien eröffnete im Jahre 2000 den „Alma-Seidler-Weg“

Die Stärke von Maceks Biographie Alma Seidlers birgt auch Schwächen: der Autor liest und zeichnet den Lebensweg der Actrice eng am überlieferten Textmaterial, an Verzeichnissen sowie Stimmen von Zeitgenossen und Anekdoten, wie sie die Theaterwelt zuhauf bereit hält. Dadurch legt er zahlreiche interessante Details über Seidler, aber auch den weiteren Theaterkontext ihrer Berufsjahre vor. Diese enge Orientierung führt einerseits eng an die Person/ Persönlichkeit Alma Seidlers heran; sie birgt aber andererseits auch die Gefahr der Distanzlosigkeit zwischen Autor und Porträtierter (wie sie im Besonderen im Genre der Schauspielerbiographien so häufig anzutreffen ist). So tritt an die Stelle einer reflektierten Schilderung ihres beruflichen Lebenswegs allzu häufig ein sich-Einfühlen und liebevoll Huldigen Alma Seidlers, das den Historiker Macek gelegentlich ins Plaudern und Spekulieren geraten lässt. Das ist legitim für eine Leserschaft, die das Anekdotische liebt; es nimmt dem Buch aber eine historisch-kritische Perspektive auf Biographisches, die – gerade wegen der reichen Materialien und der Figur Seidlers als bis dato in der Sekundärliteratur nur marginal repräsentierten Vertreterin einer Schauspielergeneration politischer Zeitenwenden des 20. Jahrhunderts –, dem informationsreichen Buch einen zusätzlichen Mehrwert verliehen hätte. Die Darstellung ist wegen der guten Belege beeindruckend lückenlos; hin und wieder verführt die Materiallage jedoch zu einer zu chronologischen Auflistung der künstlerischen und privaten Etappen.

Alma Seidler sei ein “funkelnder Diamant auf und hinter der Bühne des Burgtheaters” gewesen, formuliert Macek resümierend (S. 261) in seinem Buch, das die “Österreichische Jahrhundertschauspielerin”, so der Untertitel, auf ihrem Lebensweg verfolgt. Ob sie auch Ecken und Kanten hatte? Scheiterte? Welche anderen Facetten ihr wohl zueigen waren? Sie sich stets harmonisch den äußeren Umständen fügte? Es wäre ungleich interessanter, mehr über solcherart Lichtbrechungen zu erfahren. Vielleicht im nächsten Buch; die Grundlagen sind nun im jüngsten geschaffen.

 

 

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Working Paper “The Workshop. On the Genesis of a Global Form”

Montano Workshop Situation
Philippine playwright, director and theatre pedagogue Severino Montano gives instructions to his students at the Arena Theatre, Philippine Normal College, in a workshop, ca. 1955. My current research is tracking Montano’s career paths between the 1930s and 1960s.

There is hardly any context of learning and further education, in which the format of the workshop would not be common. Whether in the private sector, in the arts, in the academia or in theatre: workshops are popular as a format and form of learning in limited time and space. From an intensive preoccupation with the history of workshops in the field of theatre and theatre education, the idea arose to investigate the question of when and how workshops are initiated and to begin to gain a foothold in the training of theatre practitioners. This essay on The Workshop. On the Genesis of a Global Form was written by Christopher Balme and myself. It is also the first issue of a new series of Working Papers produced by our ERC-funded project group Developing Theatre. The project’s blog, http://www.gth.hypotheses.org, will provide information about the series and other working papers in the future.