Allgemein

Gut.

gutAuch wenn’s momentan echt täglich schwerfällt, wenn man in die Welt blickt: Ich halte daran fest zu glauben, dass Menschen erst einmal gut sind. Sie haben nur zu viel Angst.

Das manifestiert sich im Großen, Weltpolitischen, wie im Kleinen, Alltäglichen. #sverige

 

Allgemein · Experiential Research · Mensch & Tier · Work-Life Balance

Backwaters

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Backwaters in Kerala, India (photo: Nic Leonhardt)

I made this short film (klick on the pic above) when standing on the bow of a wooden ship cruising on the backwaters of Kerala, India, last summer.
Initially I had planned to add music to this gentle cruise; yet I finally decided to let nature’s own sound sing to you.
You might want to turn the sound off and indulge in the visuals; or  add your own music for enhancing or changing the movie’s character.

Enjoy! And be good to yourself 🙂

Allgemein · Media History · Photography · Publication · Theatre History

‘Durch Blicke im Bild’ – jetzt im Handel

Mein neues Buch, Durch Blicke im Bild. Stereoskopie im 19. und frühen 20. Jahrhundert ist fertig und ab sofort im Handel.

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Aus dem Klappentext:

“Sog, Schwindel und Staunen bezeugen Betrachter stereoskopischer Bilder. Sie erfahren das zweidimensionale Bild als plastisches, changieren zwischen mentalen und physischen Räumen. Die Funktionsweise der Stereoskopie ist denkbar einfach und doch effektvoll: Beim Anschauen in einem Stereoskop verschmelzen zweidimensio­nale Doppel-Aufnahmen desselben Motivs zu einem dreidimensio­nal wirkenden Einzelbild. Entwickelt aus naturwissenschaftlichen Erkenntnissen über binokulares Raumsehen, wird die Stereoskopie ab der Mitte des 19. Jahrhunderts bis ins frühe 20. Jahrhundert weltweit zu einem populären Medium der Unterhaltung, Unterweisung und Dokumentation: Der plastische Effekt und die damit verbundene, von Zeitzeugen attestierte ‚Realitätstreue‘ machen Stereobilder und -serien geeignet für virtuelle Reisen, Bildende Kunst, naturwissenschaftliche Forschung, Sach- und Länderkunde, einen imaginären Theaterbesuch oder die (sehr private) Ansicht pornografischer Bilder.

Durch Blicke im Bild beleuchtet anhand zahlreicher Abbildungen aus der fokussierten Zeitspanne (1840–1930) die technischen, ökonomischen, populär- und visuellkulturellen Facetten und Anwendungsbereiche der Stereofotografie als ein Medium, das zeitgleich mit der Fotografie floriert und vor der Erfindung des Films durch Drei­dimensionalität und Serialität Bewegung im Bild suggeriert – bislang aber von der Medien- und Kulturgeschichtsschreibung ausgeklammert wurde. Die Studie ist damit eine wesentliche historiographische Ergänzung zur Forschung über zeitgenössische 3D-Filme.”

Durch Blicke im Bild. Stereoskopie im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Berlin: Neofelis 2016.

Print: (Soft-over), ISBN: 978-3-95808-006-5 (20,00 €)

e-Book (pdf), ISBN: 978-3-95808-050-8 (20,00 €)

Bestellt beim Verlag oder unterstützt den Buchhändler vor Ort!  🙂

Allgemein · Mensch & Tier · Nuggets · Work-Life Balance

Hallo Welt?

FriedenstaubenbaumVor ein paar Tagen war ich mal wieder mit dem Zug unterwegs. Mit meinem schweren Gepäck musste ich in Köln-Deutz von der U-Bahn in den ICE umsteigen. Wer schon mal als Reisender das Vergnügen mit dem Deutzer Bahnhof hatte, weiß vielleicht, dass es nicht auf den ersten Blick ersichtlich ist, wo genau die Fernzüge abfahren, wenn man an den Gleisen der Stadtbahn ankommt. Es war früh morgens, Pendelverkehr, ich orientierungslos. Aber zum Glück war die lange Halle voller Passanten. Da konnte ich ja jemanden fragen. Die Idee lag nahe, an der Umsetzung, indes, haperte es. Zwar fragte ich diesen und jenen, Sie und Ihn, jung und alt, – aber niemand nahm mich wahr. Alle huschten an mir vorbei, ohne mir auch nur einen Funken Aufmerksamkeit zu schenken. Ich atmete tief ein, um mehr Stimmvolumen zu generieren und hob erneut an, meine Frage zu stellen: „Entschuldigen Sie bitte, wo fahren denn hier die Fernzüge ab?“ – Keine Reaktion. Eine Pendler-Karawane von annähernd 100 Passanten pro Minute – aber keine Antwort. Plötzlich kapierte ich: Na klar!: Niemand reagierte, weil alle Kopfhörer auf oder in den Ohren hatten! Abschottung. Gegen den schlimmen Morgen. Gegen die lästige Außenwelt. Na prima.

Die Beschilderung war bescheiden. Also fasste ich mir ein Herz, stellte mich in die Bahnhofshalle und rief laut: „Gibt es hier irgendwen ohne Kopfhörer, der mir eine Frage beantworten kann?“–  Wusch ! – zog man an mir vorbei. Und doch: eine junge Frau blieb stehen und nahm sich meiner an. Helfen konnte sie mir zwar nicht, aber ich war ja mittlerweile schon dankbar, dass sie mich hörte. Wir wünschten uns noch einen guten Tag, und nach einigen Umwegen fand ich den Fernbahnhof dann auch.

Meine Frage blieb nur noch: bin ich eigentlich deppert oder was war das gerade für eine Szene? Und noch eine zweite Frage: Was wäre denn, wenn ich noch wichtigere Hilfe bräuchte – als nur eine Auskunft?

Die Szene beschäftigte mich, weil sie einen Einblick in den Alltag gewährt, an dem ich teilhabe, den ich mir aber in einer idealen Welt eigentlich anders vorstelle. Ganz ehrlich, war ich auch etwas erschüttert. Am meisten über die mediale Abschottung und die weiterführende Überlegung, was passieren würde, wenn wirklich etwas passierte….

Dass Paare und Freunde zusammen ausgehen und dann nur mit ihren Smartphones beschäftigt sind, dass regelmäßig in ihre Displays versunkene Fußgänger in andere hineinlaufen, — daran haben wir uns ja schon gewöhnt. Irre eigentlich. Medien sind super. Morgens Musik auf den Ohren – so nachvollziehbar. Und doch…

Im Zug kreisten meine Gedanken weiter um dieses Thema. Dann rief mich eine Freundin an. Sie erzählte aufgeregt von einem online-Dating-Portal, auf dem sie seit einigen Wochen ihr privates Glück versucht. Wunderbare Technik, die Singles auf der Suche matchen kann, die sich ansonsten vermutlich nicht begegnet wären. Wir leben für die Arbeit, daher leben wir in Orten, an die uns die Arbeit zieht, nicht immer die Liebe. Seit ein paar Tagen gab es da nun also den Einen, der meiner Freundin virtuell den Hof machte und den Kopf verdrehte. Geschwärmt hatte sie, und ich mich für ihre klitzekleine Verknalltheit gefreut. Also wartete ich gespannt auf ihre News.

„Stell dir vor, er hat gestern Abend wieder geschrieben“, setzte sie an. „Und? Was schreibt er? Seht Ihr euch mal?“ – „Halt dich fest, er schrieb”, – und dann las sie vor: “‚Hey, Sugar, bin heute Abend in der Nähe von Deinem Wohnort mit ein paar Freunden unterwegs. Bist du zufällig da? Wir brauchen noch eine geile Sau wie Dich.’ – Das hat er geschrieben.“ „DAS hat er geschrieben?“ „Ja, genau das.“ — Wir schwiegen uns an.

Leute gibt’s. Die gibt’s —

häufiger als man will.

Heute Morgen zum Beispiel kommentierte auf Facebook ein Bekannter einen meiner Kommentare auf ein albernes Video mit den Worten: „Halt endlich mal deine beschissene Fresse.“ Ich musste es noch mal lesen, und noch mal, und versuchte, diese Haltung, diese Aggression zu verstehen. Aber es ergab aus dem Kontext keinen Sinn. „Beschissene Fresse“. Wow. So begann der Tag ja rosig. Der verbalaggressive Bekannte hat übrigens einen Blumenladen. Er verkauft bunte Freuden der Natur… Ich werde hinfahren und eine Rose kaufen – und ihn fragen, wie er das genau meinte. Oder soll ich besser schweigen?

Jetzt bin ich nicht sicher, welcher Start in den Tag mir lieber war: der, an dem man mir kein Gehör schenkte, oder der, an dem man mich sehr wohl wahrnahm, aber mir übelst dissend den Mund verbot? Und meine Freundin? Besser ohne Liebe – als SO was?

Fragen über Fragen.

Aber ich bin sicher, wir finden Antworten – wenn wir uns zuhören.

Hallo Welt?

Hallo Welt!

Taube

Allgemein · Mensch & Tier

Kittis Grand Tour – Eine Wundergeschichte

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Kitti M. Ratzinger, geb. 17.06.2006

Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen. Wenn eine Katze eine Reise tut, möchte man gerne Mäuschen spielen. Kitti M. Ratzinger, meine bezaubernde langjährige vierpfotige Gefährtin durch Hochs und Tiefs und Dicks und Dünns, begab sich heuer auf eine Reise, die gar nicht weit weg führte, aber ungleich länger dauerte. In Zahlen: 4 Straßen in 4 Monaten…

Was Kitti wohl erzählen würde, würden wir das gleiche Vokabular teilen? Vielleicht, dass es eine abenteuerliche Reise war, eine feline Grand Tour, die um ein Haar hungertödlich geendet hätte. Wäre da nicht Rettung über den Weg gelaufen. Rettung, die zur Freundschaft wurde. In Zahlen: erst waren wir 2 mit 6 Beinen, dann war es nur noch 1 Zweibeinige, dann waren es 3 mit 10 Beinen, jetzt sind wir 4 mit 12.

Niemand von uns war auf Kittis Reise dabei. Aber so in etwa wie ich es hier im Namen der Protagonistinnen aufschreibe, hat sich alles zugetragen.

Am 12. Februar, es war schon spät am Abend, unternahm Kitti einen ihrer üblichen Abendspaziergänge durchs Treppenhaus. So sehr wir unsere Wohnung lieben, so sehr fehlt uns ein Garten zum Tollen, also muss das Treppenhaus als Abenteuerpfad herhalten. Eigentlich kehrt Kitti nach einer Weile des Spazierens und Nachbarn-Hallo-Sagens immer in die Wohnung zurück. An jenem Abend aber gab es plötzlich einen lauten Knall im Stiegenhaus, eine Tür vielleicht. Ich ging hinaus, um Kitti zurückzuholen, aber ich fand sie nicht. In keinem Stockwerk, nicht unterm Treppenabsatz, nicht in der Waschküche, nicht auf dem Dach, im Keller Fehlanzeige. Und auch im Vorgarten: kein Piep.

Wo ich auch suchte in dieser Nacht: keine Spur meiner pelzigen Freundin.

Wo ich auch suchte in den Folgetagen: kein Mucks.

Wo ich auch suchte in den Wochen danach: trauriges Nichts.

Ich klingelte bei den Nachbarn, plakatierte das Viertel, fuhr nachts mit dem Rad durch die Straßen, ihren Namen rufend, Futter in der Tasche, eine warme Decke, für den Fall, dass ich sie finden würde, es war ja so kalt draußen! Ich inspizierte die Straßen, Hecken, Mülltonnen, Ecken, Schlupflöcher. Kitti war verschwunden.

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Kittis Suchbild auf Munich Cats

Am Valentinstag meldete ich Kitti bei den Tierärzten im Viertel, beim Tierschutzverein, bei Tasso e.V. und auf der Plattform Munich Cats als vermisst. Meine Freunde und Kollegen bat ich per e-mail um Mithilfe. „Wenn ihr Kitti seht, sagt mir sofort Bescheid. Jeder Hinweis ist hilfreich. Sie fehlt mir so. Danke.“ Die Unterstützung war bewegend. Fremde Tierliebhaber auf Munich Cats boten mir ihre Hilfe beim Suchen an und wärmten mich mit Zuspruch. Auf der Facebook-Seite der Initiative wurden immer wieder Münchner Katzen registriert: ***wieder da***, ***gefunden***, ***vermisst*** oder ***leider tot aufgefunden*** – wie überall mischen sich auch hier schöne und traurige Meldungen.

Nach vier Wochen der erfolglosen Suche und verweinten Abende entschied ich mich für ein Narrativ: Kitti konnte unmöglich unter die Räder einer Straßenbahn geraten sein, das wollte ich nicht als Erklärung für ihr Verschwinden gelten lassen. Sie war in meinem Kopf entweder einer alten Dame zugelaufen, der sie gut tat; oder, was mir eher gefiel, mit Tom, dem ebenfalls als vermisst gemeldeten feschen Kater vom Josephsplatz, durchgebrannt. Daneben duldete ich keine Version. Kitti hatte Lust auf ein anderes Leben, vielleicht vorübergehend, vielleicht für immer. Sie musste das frei entschieden haben. Und wenn sie das entschieden hatte, sollte es gut sein. Auch wenn sie mir weiterhin an allen Ecken fehlte…

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Auch eine entlaufene Katze weint. Trostbild von Paula Henningsen (5)

So gestaltete ich mein Leben allein auf zwei Beinen. Bis ich Anfang Juni, genauer am 5., abends vom Radfahren zurück kam und der Hausmeister vor meiner Tür stand: „Ist das nicht ihre Katze?“ Ein zerrupftes, ausgetrocknetes, aber noch erkennbar hübsches Tierchen krallte sich widerspenstig in seine Weste. Als er sie mir übergab, drückte ich sie fest an mich, und sie schmiegte sich und schnurrte und gurrte, völlig geschwächt, aber unverkennbar meine Kitti. Was für ein Moment! Ich trug Kitti in die Wohnung, hätschelte sie, ließ sie Ruhe finden; sie stolperte und fraß, übergab sich, fraß, taumelte, schlief. Fertig mit der Welt. Ich war so zerstreut wie sie zerzaust und wusste nicht, was zuerst tun. Ich rief Familie und Freunde an und schrieb dann um Mitternacht, knapp vier Monate nach Kittis Verschwinden, eine e-mail an die Administratorin von Munich Cats, dass Kitti wieder zu Hause sei – ***wieder da *** – endlich! Katzenfreunde sind nachtaktiv: sie schrieb sofort zurück: „Das ist ja jetzt verrückt, gerade wollte ich Ihnen schreiben, dass vor ein paar Tagen in Ihrem Viertel eine Katze als vermisst gemeldet wurde, die Ihrer Kitti sehr, sehr ähnlich sieht. Allerdings hat die Besitzerin sie als ca. einjährig angegeben, und sie heißt nicht Kitti, sondern Grumpy. Aber schauen Sie mal das Foto an.“ Es war ein Leichtes, Grumpy als Kitti zu identifizieren. Diese Haltung, dieser Blick: kein Zweifel.

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Suchbild von Grumpy auf Munich Cats

Wie sollten wir dies der neuen Gefährtin klar machen, die Kitti / Grumpy ebenfalls vermissen musste? Wir fühlten vor, erst die Administratorin, dann ich, und zwei Tage später meldete sich Melanie. Traurig und glücklich, erleichtert und doch … „Grumpy ist mir kurz vor Ostern zugelaufen, ein dünnes, ausgehungertes, kleines Kätzchen, völlig geschwächt. Sie teilte meinen Weg auf der Straße und begleitete mich dann nach Hause, wo ich sie erst mal aufpäppelte. Sie ist mir so ans Herz gewachsen. Kann ich sie sehen?“ Natürlich konnte sie. Diese Frau hatte vermutlich Kitti das Leben gerettet. Also besuchte uns Melanie drei Tage nach Kittis Rückkehr, um Grumpy hallo zu sagen. Im Gepäck leckerste Pasteten und Pasten, die Kitti / Grumpy sehr vertraut aus ihrer Hand schleckte. Es war sehr berührend. Und dann erzählten wir beide unsere Geschichte, während Kitti auf dem Schaffell schnarchte.

Grumpy war also im April nur vier Straßen weiter in Melanies Leben hineingestolpert. Und ins Revier von Elli, ihres Labrador-Mix. Abgemagert und geschwächt, hatte sie statt der üblichen 3,4 nur noch 1,8 kg, wie der Tierarzt maß. Weil sie so klein und dünn wirkte, kam es zu der fälschlichen Schätzung des Alters. Verjüngungskur durch Abmagerung. Na, da hatte sich Kitti einen anstrengenden Trick einfallen lassen, um sich acht Jahre gutzuschreiben 😉 Aber einen guten Riecher hatte sie, selbst in der Not ein wählerisches Tier. Denn Melanie, ihre neue Find-Freundin, war nicht nur irgendeine tierliebe Frau, sondern ausgerechnet Inhaberin eines Ladens für ausgewählte hochwertige Tiernahrung im Münchner Glockenbachviertel. Bei allem Kopfschütteln über Kittis mangelnde Orts- und Selbsternährungskenntnis: das muss ihr erst mal jemand nachmachen. Sucht sich die einzige Frau in ganz München als Retterin aus, die Regale voller Delikatessen für Vierbeiner feilbietet… !

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Labrador-Mix Elli durch Kitti/ Grumpy des Bettes verwiesen…

Für gutes Essen und Liebe war also nach den Wochen des Stromerns gesorgt. Nach anfänglichen Schlaf-Marathons und Stolperversuchen kam sie bald zu alten Kräften und ihrem speziellen divenhaften Kitti-Charakter – der ihr auch zu dem neuen Namen verhalf. Wenn Melanie Besuch bekam, spielte Grumpy mit beim Pokern, setzte sich dazu, sah mit fern, wurde zum FC-Bayern-Fan, und sehr bald schon schlief sie auch in Melanies Bett. Elli, die Hündin, billigte großmütig, dass diese kleine Vierbeinerin ihren Nachtplatz einnahm – und verkrümelte sich dann eben unters Bett. Gerade erst eingezogen und schon die Chefin im Haus….

beim Pokern
Mitmischen beim Pokern

Bald schon durfte Grumpy zum Freiluft-Vogel-Kino in den Hinterhof; das genoss sie wie Hund!

Bis sie dann Anfang Juni ausbüxte aus ihrem neuen Zuhause. Sie sollte noch mal 4 Tage für 4 Straßen brauchen, um wieder zu mir zu kommen. Ausgerechnet an Melanies Geburtstag! Was für ein Geschenk! Ende Juni veranstaltete ich eine Wunderfeier für Kitti bei uns zu Hause. Melanie und ihre Freunde kamen auch. Zusammenführung. Die Wohnung war zum Bersten voll; so viele Gäste für eine Katze. Dankbar. Ein Zauber…

Wir hätten gerne Kittis Version der Geschichte gehört. Was würde sie von ihrer Reise erzählen? Was hatte sie erlebt? Wen hatte sie getroffen? Und lief da jetzt was mit Tom vom Josephsplatz, oder nicht? Wir wissen es nicht.

Was wir wissen: die Geschichte ist nicht zu Ende, sie tapst weiter in der Zeit. Denn Kitti hat jetzt einen Hund zum Freund und zwei zweibeinige Gefährtinnen, die sich ohne Kitti nie kennen gelernt hätten. Obwohl sie nur einen Block auseinanderleben.

Manchmal können auch für Menschen vier Straßen eine Welt sein. – Es sei denn, sie leben mit Tieren.

auf der Pirsch
Unergründlich uns, was Katzen erleben, wenn sie auf der Pirsch…
Allgemein

BonBon

Milchboller

Es ist spät, alle wollen nach Hause. In der Münchner U-Bahn hocken sie, tippen in ihre Smart-Phones, schirmen sich über ihre Kopfhörer ab vom Rest, schauen aus dem Fenster, vermissen, sehnen, grübeln, muffeln vor sich hin, rascheln Semmeltüten. An der Haltestelle steigen Leute aus und ein. Zwei junge Inder steigen zu und suchen Platz. Mir gegenüber gibt’s eine Viererbank, zwei Bänke in, zwei entgegen die Fahrtrichtung. Dort, mit Blick in Fahrtrichtung, sitzt eine Dame mittleren Alters, sie löst seit einer Weile schon Kreuzworträtsel. Auf dem Sitz neben ihr ruhen sich ihre drei großen Handtaschen aus. Ein Taschenbergl. Sie hatten schwer zu tragen heute. Ihr gegenüber blieb ein Platz leer. Die beiden Inder fragen die Rätselfrau höflich in gebrochenem Deutsch, ob da noch frei sei. „Nee, sehen Sie doch“, krächzt sie, die Augen kaum vom Rätsel-Gitter lösend. Sie staunen, sie ergänzt natterhaft: „Stehen ist gar nicht schlimm. Ich musste neulich auch mal ne halbe Stunde stehen. Überlebt man.“ Die Fahrgäste um uns herum solidarisieren sich mit den Indern und zischen empört. „Was es für Leute gibt!“ Kästchenweltbild. Synonym für freundlich mit vier Buchstaben? Fällt ihr nicht ein. Als sie aussteigt, werden zwei Plätze frei und die Luft besser.

Es ist spät, alle wollen nach Hause. Ich schließe die Augen und stütze den schweren Kopf in meine Hand. Auf dem Schoß den Rucksack, der der anderen müden Hand eine Ablage ist. Als ich die Augen öffne, erblicke ich erst ein Sahne-Bonbon, einen „Milch-Boller“ auf dem Rucksack, dann trifft mein Blick den eines betagten Türken, warme, junggebliebene Augen. „Sie sind müde, das Bonbon hilft ihnen, wieder fit zu werden“, sagt er. Ich bedanke mich und bin ganz gerührt. „Sie sind eine nette Frau, großes Herz, das sehe ich.“ Ich muss lachen, das ist ein wenig unverhofft zu viel der Güte an diesem müden Abend. Nächste Station ist Hasenbergl, in München nennt man oft Hasenbergl und Problemviertel in einem Atemzug. „Ich muss hier aussteigen“, sagt der Bonbon-Mann. „Ihre Verwandten sind glückliche Menschen. Das Leben ist so hart, es hilft, wenn man nett ist.“ Dann winkt er meiner Bahn hinterher.

Bonbon heißt “gutgut”. Ich hebe es auf für schlechte Zeiten.

Allgemein · Experiential Research · Nuggets · Photography

Bildgebende Verfahren

“Röntgens Rätsel” (Schattenbilder, Serie 3, Nic Leonhardt)

„Natürlich sind Fotografien Kunstprodukte. Aber in einer von fotografischen Relikten übersäten Welt haben sie offenbar auch als Fundobjekte ihren Reiz, als zufällige Ausschnitte der Welt. Sie profitieren also gleichzeitig vom Prestige der Kunst und von der Magie der Wirklichkeit. Sie sind wolkige Gebilde der Phantasie und winzige Informationssplitter.“

(Susan Sontag, Über Fotografie)