Beziehungen im 21. Jahrhundert · Buchbesprechung · Digital Culture · Erinnerung · Literatur, Lyrik · Popkultur · Popular Culture · Publication · Work-Life Balance

Digitalminimal. Unplugged in Kontakt

 

Analogue Guy in a Digital World
An analog guy in a digital age

Wie sich die Zeiten ändern. Vor vielen, vielen Jahren, als ich noch bei meinen Eltern wohnte, war es eher normal als ungewöhnlich, dass jemand bei uns vorbeikam. Einfach so. Die Verwandtschaft, Nachbarn, andere Besucher – sie schneiten ohne große Ankündigung oder vorherige Vereinbarung herein. Die Tür stand immer offen, von Frühjahr bis Herbst war die Veranda einladend und groß genug für alle. Wer von außen sehen konnte, dass wir draußen waren, kam einfach auch noch hinzu. Manchmal blieb man zu Kaffee und Kuchen oder doch gleich über den Abend zum Grillen. Dabei wollten all jene Besucher „nur mal eben hallo sagen“.

Es wurde selten „nur mal eben hallo gesagt“. Die lieben Stippvisitoren, sie blieben. Es wurden aktueller Klatsch und Tratsch ausgetauscht, nach dem Warmlaufen des Gesprächs auch tiefer gehende und ernste Themen ventiliert. Manchmal machten wir ausschließlich Faxen, Witze wurden erzählt, Situationskomik geteilt. Ich weiß noch, dass ich als Kind den Trubel genoss, dabei las, malte oder Vokabeln lernte, während die Erwachsenen sich austauschten. Mittendrin und absorbiert. Diese geselligen Runden gingen übrigens –, damals hätte ich nicht im Entferntesten gedacht, dass das einmal einer Erwähnung wert sein müsste –, vollkommen ohne Technologie vonstatten. Niemand brachte ein i-pad mit, ein Smartphone oder dergleichen. Gab es ja auch noch gar nicht. Wenn wir Glück hatten, machte gelegentlich jemand ein Foto von der Szene. Die aber war eigentlich so normal, dass selten eine Kamera herbeigebracht wurde. Alle schienen im Moment. Ganz ohne Technologie.

Ich bin nicht so alt, dass ich in Nostalgie verfallen würde oder mit einem „Früher war alles besser“-Gejammer die Vergangenheit verschönern. Doch vermisse ich diese Spontanität und Geselligkeit manchmal. Und gemütliche Runden mit echter face to face-Kommunikation, die ohne Smartphone oder Google-Befragungen auskommen (die nicht Wochen vorher vereinbart und dann in letzter Sekunde wieder abgesagt werden, per whatsapp, sms oder Sprachnachricht). Gesellige Zusammenkünfte, soziale Interaktionen fanden in physischer Präsenz der Interagierenden statt, nicht auf sozialen Netzwerken, und verliefen ohne Unterbrechungen durch Handy-Geklingel oder -Aktivitäten. Ring, Bing, ping, … Jetzt klinge ich doch nostalgisch, merke ich. Sei’s drum. Die neuen Technologien haben uns einige Vorteile gebracht – und doch verheerende Auswirkungen auf unser Privatleben. Und das Paradoxe ist, dass wir gleichzeitig denken, so gut vernetzt und in Kontakt zu sein wie noch nie.

Vermutlich reagieren Angehörige meiner Generation, die den Übergang von der rein analogen in die mehr und mehr digitale Kommunikation miterlebt hat, anders auf diese Veränderungen als die so genannte iGen, die Generation der zwischen 1995 und 2012 Geborenen. Psychologische Untersuchungen und Statistiken von Gesundheitsdiensten an Schulen oder Universitäten beobachten unter den Vertretern dieser Generation zunehmend depressive Erkrankungen und Angststörungen Dass diese signifikante Zunahme auch (wenn nicht zu einem Großteil) mit der Allgegenwart des Smartphones in Zusammenhang zu bringen sei, ist ein erschreckendes, wenn auch nicht mehr großartig neuartiges Argument.

Newport Digital Minimalism engWie wir wieder mehr offline-Zeit leben, Begegnungen mit Menschen, bewusstere Nutzung der Lebenszeit in unser durchgetaktetes und von Technologien bestimmtes Dasein bringen können, ist ein Thema, das mich seit einigen Jahren beschäftigt hält und mein (Nach-)Denken und Schreiben bestimmt. Vor zwei Jahren las und besprach ich hier das Buch Konzentriert arbeiten. Regeln für eine Welt voller Ablenkungen von Cal Newport. Als ich neulich mit einem Studenten über dieses Buch sprach, der es damals auf meine Empfehlung hin konsultiert hatte, erzählte er mir von Newports neuestem Streich, Digital Minimalism. Es ist im Frühjahr in deutscher Übersetzung unter dem Titel Digitaler Minimalismus. Besser leben mit weniger Technologie erschienen, und ich musste ein umtriebiges Semester lang warten, um nun in meinen aktuellen Arbeitsferien die Zeit zu finden, es zu lesen und zu besprechen.

Newports Tenor hat sich seit Deep Work nicht verändert. Gestern wie heute kreisen seine Überlegungen um die Frage, wie wir uns in einer von Technologien penetrierten und ständiger online-Verfügbarkeit bestimmten Gesellschaft mehr Qualitätszeit, Phasen der Vertiefung, zwischenmenschlicher Wertschätzung zurück holen können, weil sie uns als Menschen nicht nur gut tun, sondern nachgerade konstitutiv für unsere mentale und physische Gesundheit sind. Bereits in Deep Work hatte Newport die Reduktion der Nutzung von und des sinnlosen Zeitvertreibs durch soziale Medien und digitale Technologien empfohlen. In Digitaler Minimalismus fokussiert er sich ausschließlich auf die neuen digitalen Technologien, also  Messaging-Dienste, Instagram, Apps, Websites und verwandte digitale Tools, die uns entweder unterhalten, informieren oder mit anderen vernetzen sollen. Dreh- und Angelpunkt, Ziel und die Möglichkeit ‚sanfter Revolution‘ sieht er in dem, was er „Digitalen Minimalismus“ nennt; eine „Philosophie der Technologienutzung, bei der wir unsere Onlinezeit auf eine kleine Anzahl von sorgfältig ausgewählten und optimierten Aktivitäten konzentrieren, die für uns wertvolle Angelegenheiten intensiv unterstützen, und auf alles Übrige freudig verzichten.” (S. 42).

Newport Digitaler MinimalismusWenn wir an Bahnhöfen stehen, im Wartezimmer sitzen, im Café, selbst mit Freunden im Restaurant oder in der Oper, zu Hause beim Abendessen, scheint das Smartphone allgegenwärtig. Der schnelle Blick auf den Bildschirm, das Checken von Status-Updates, Apps und Fakten und Fake News ist zu einem Reflex geworden. Ein Reflex, um Zeit zu füllen, zu überbrücken oder das Gefühl plötzlicher Leere oder etwas zu verpassen, instantan zu stillen. Wie, ist zu fragen, lässt sich von diesem Reflex wieder ablassen, da er sich so schnell eingenistet hat in das Verhalten beinahe aller? (die wenigen Ausnahmen sind eine schräg beäugte Minderheit: „Die großen Unternehmen wollen“, so Newport, „dass ‚Nutzung‘ eine einfache binäre Bedingung ist: entweder nutzt man ihre Grundlagentechnologie oder man ist ein Spinner“ (S. 223).

Newports Buch analysiert in der einen Hälfte, liefert Beobachtungen, Referenzen auf die Gehirnforschung, Mediengeschichte, Philosophie, Neurologie und Psychologie (Teil 1: Grundlagen: Einseitiges Wettrüsten – Digitaler Minimalismus – Die digitale Entrümpelung). In der anderen Hälfte des Buches bietet der Informatik-Professor Übungen an, die jede von uns in ihren/ seinen Alltag integrieren kann (Teil 2: Übungen: Verbringen sie Zeit allein – Klicken Sie nicht auf “Gefällt mir”  – Die Rückeroberung der Muße – Widerstand gegen die Aufmerksamkeitsindustrie). Durchgängige Referenzpunkte sind für Newport alternative Lebensmodelle, Minimalistische Lifestyles, wie sie bereits 1854 Henry David Thoreau in Walden. Oder das Leben in den Wäldern vorschlug, wie sie die Amish in ihrer Verpflichtung gegenüber dem biblischen Grundsatz, „in der Welt, aber nicht von ihr“ zu sein, oder wie es die Mennoniten leben. Auch Friedrich Nietzsches Spaziergänge oder Abraham Lincolns Rückzug in sein Landhaus, wo er Muße zum Nachdenken und zu ‘Deep Work‘ suchte, zieht der Autor als Modelle heran, durch die Entsagung von Ablenkung mehr Qualitätszeit im Leben zu erreichen.

In der Vorbereitung zu seinem Buch startete Cal Newport zur Jahreswende 2017 einen Aufruf: über einen e-mail-Verteiler suchte er Freiwillige, die sich für 30 Tage lang dem Experiment stellen würden, gänzlich auf optionale neue Technologien zu verzichten. Anstelle der von ihm erwarteten 50 Teilnehmer erhielt er Rückmeldung von mehr als 1600 Personen. Ein Volltreffer! Ein Grund zur Sorge? Ein Grund zur Hoffnung?

Von ‚Entzugserscheinungen’ berichteten die Freiwilligen, von Angststörungen, von Rückfällen – ganz so, als sei der Gebrauch optionaler Technologien eine Sucht. Und sicherlich ist an diesem Verdacht etwas dran. Manche wiederum berichteten, nach der 30-tägigen Phase voller Euphorie zu ihren optionalen Technologien zurück gekehrt zu sein, um dann festzustellen, dass sie gänzlich ihren Reiz verloren hatten.

Warum machen wir das alles hier?

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… und Liebe! (Logo des Slow Media Manifests (2010)

Newport analysiert nicht psychologisch, sondern beobachtet informiert und erteilt Tipps. Die Phase des Verzichts, des Digital Detox, sei keine Blitz-Diät, sondern Teil einer Umstellung hin zu einem bewussteren, selektiveren Umgang mit neuen Technologien, zum Leben eines „digitalen Minimalisten“; ein „digitales Reset“ sozusagen. Und es empfehle sich, sie gut vorzubereiten, denn die Leerstellen, die durch die Abstinenz zu füllen seien, gelte es, sinnvoll auszufüllen, um keine Rückfälle zu erleben. ‚Sinnvoll’ – , damit meint er, alte Beschäftigungen wieder aufzugreifen, die Freude brachten, neue Aktivitäten, die fordern und fördern, allein oder mit Gleichgesinnten, auszuprobieren, Experimente zu wagen, Neues zu lernen, (Handwerk zum Beispiel, ein neues Hobby etc.) – und: sich dem Alleinsein zu widmen. Newport rät zu einer “raschen Wandlung  – ausgeführt über einen kurzen Zeitraum und mit genügend Überzeugung, so dass die Resultate haften bleiben.

Der Ablauf der digitalen Entrümpelung sieht folgende Etappen vor:

  • Einen Zeitraum von dreißig Tagen wählen, in dem eine Pause von den optionalen Technologien im Leben eingelegt wird.
  • Diese 30 Tage nutzen, um Aktivitäten und Verhaltensweisen zu erforschen und wiederzuentdecken, die man befriedigend und sinnvoll findet.
  • Am Ende der Pause optionale Technologien wieder einführen, genau überlegen, welchen Wert sie jeweils haben, und wie sie eingesetzt werden können, um ihren Wert zu steigern.

Newport proklamiert keinen kompletten Ausschluss neuer Technologien aus dem Alltag. Vielmehr spricht er ihrem bewussten und zeitlich begrenzten Einsatz das Wort, so dass sich die Vorteile, die sie zweifelsohne mit sich bringen – etwa die Kontakthaltung mit Familie und Freunden über Ländergrenzen, das Lesen und Anschauen von Nachrichten oder die Navigation mit Hilfe von online-Karten – wieder klarer abzeichneten.

“Der Zucker-Flash der Annehmlichkeit ist vergänglich, und das bohrende Gefühl, etwas zu verpassen, verschwindet rasch wieder, aber das sinnstiftende Leuchten, das entsteht, wenn wir die Verantwortung übernehmen, was unsere Zeit und Aufmerksamkeit beansprucht, dauert an.” (Newport 2019: 68)

Das Alleinsein sieht er, Benjamin Franklin zitierend, als “angenehme Erholung für einen beschäftigten Verstand” an. Damit ist gemeint, dem Gehirn eine regelmäßige Dosis Ruhe zu geben, “die zur Unterstützung eines monumentalen Lebens erforderlich ist” (S. 101); sich Zeit nehmen und (zu-)trauen, sich auf eigene Gedanken und Erfahrungen konzentrieren, sei es in einer überfüllten U-Bahn, in einem Café oder auch in einer ruhigeren Umgebung, in einer Bibliothek, am See, in einer einsamen Berghütte oder dergleichen. (Ich musste hier an meine oben angedeutete Versunkenheit inmitten der Besucher meiner Familie von damals denken). Frühere Technologien, die das Alleinsein gefährdeten, hätten Menschen nur gelegentlich davon abgehalten, ihren individuellen Gedanken nachzugehen. Mit der Einführung des iPod sei das erste Mal in der Geschichte der Medien eine Technologie eingeführt worden, die „die Fähigkeit hatte, Sie kontinuierlich vom eigenen Denken abzulenken“ (S. 109); die Einführung des iPhones beziehungsweise die Verbreitung moderner internetfähiger Smartphones habe diese Ablenkung schließlich soweit potenziert, dass für besonnene Ich-Zeit kaum eine Sekunde noch zur Verfügung stände. Dabei sei Einsamkeit, wie Newport, sich auch auf jüngste Studien anderer Wissenschaftler, etwa des Sozialkritikers Michael Harris (Solitude. In Pursuit of a Singular Life in a Crowded World (2017) beziehend, schreibt, für die Produktivität und die eigene Zufriedenheit essentiell. Alleinsein als Zustand in Zeit und Raum für neue Ideen, Selbsterkenntnis und den Aufbau von Nähe zu anderen. Es stelle sich die Frage, so Newport, “ob unsere jetzige Gegenwart mit einer neuen Bedrohung der Einsamkeit aufwartet, die noch größer ist als jene, die schon seit Jahrzehnten beklagt wird. Ich behaupte, die Antwort darauf ist ein eindeutiges Ja.” (S. 108). Die Vorstellung des Alleinseins hat keinen guten Leumund und wird nicht unbedingt als etwas Positives angesehen. Und gerade in den vergangenen Jahren sei uns die „Auffassung verkauft [worden], dass mehr Konnektivität besser ist als zu wenig.” (S. 111). Ja, es sei eine regelrechte „Besessenheit nach Verbundenheit“ zu beobachten.

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Hypervernetzt und isoliert. Fremde Gedanken bestimmen die eigenen. (iPod-Werbung )

Dass die hypervernetzte Generation leide, sich isoliert fühle, ist ein Paradox der digitalen Medaille. Der Verlust sozialer Bindungen steuert dasselbe System an wie physischer Schmerz; finden soziale Verbindungen nur digital statt zuungunsten realer und physisch zwischenmenschlicher Begegnungen, lässt sich erahnen, wie und warum die depressiven und Angststörungen seit geraumer Zeit zunehmen. Newport schlägt einen Wechsel, eine Verknüpfung von Alleinsein und Verbindung vor, um dem Verlust von Zeit für sich UND der gefühlten Isolation vorzubeugen. Man solle sich vor Augen führen, so Newport, dass die vergangenen Jahrzehnte zwar geprägt seien von der Verbreitung digitaler Kommunikationstechnologien. Menschen können über digitale Netzwerke kommunizieren und interagieren; allerdings seien diese Interaktionen vornehmlich durch kurze, text- und bildbasierte Nachrichten und Gefällt mir-Klicks gefördert: “Die kleinen Anreize, die Sie dadurch erhalten, dass Sie einem Freund etwas auf die Pinnwand posten oder sein neuestes Foto bei Instagram liken“, so Newport, „kann nicht annähernd den großen Verlust kompensieren, der dadurch entsteht, dass sie keine reale Zeit mehr mit diesem Freund verbringen.” Jedes „Like“ ein Verlust?

Gewinn erzielen die Betreiber der Plattformen. Unsere Aufmerksamkeit ist ihr Salair (vgl. Tim Wu, The Attention Merchants. The Epic Scramble to Get Inside Our Heads (2016)). Gewiss, soziale Medien haben Vorteile, aber “Ich wage zu behaupten, dass die überwiegende Mehrheit regelmäßiger Nutzer von sozialen Netzwerken den Großteil der von ihnen vermittelten Vorteile durch eine Nutzung von lediglich zwanzig bis vierzig Minuten pro Woche ausschöpfen können”, so Newport. Und dies sei eine Beobachtung, die Social-Media-Anbieter “in Angst und Schrecken” versetze, weil ihr Geschäftsmodell davon abhänge, dass wir uns so lange wie möglich mit ihren Produkten beschäftigen. Aufmerksamkeit ist ihnen die wertvollste Ressource. Je mehr Zeit wir, vor allem über Smartphones (die, je leistungsstärker, desto ablenkungsintensiver), mit digitalen Technologien zubringen, umso lukrativer ist unser Zeitvertreib für die Anbieter.

“Die großen Konzerne der Aufmerksamkeitsindustrie, die viele dieser Technologien eingeführt haben, wollen nicht, dass wir über Optimierungen nachdenken. Diese Firmen machen umso mehr Geld, je mehr Zeit wir mit ihren Produkten verbringen.” (Newport 2019: 60).

Auch die Verfasser des Slow Media Manifest brachten dies 2010 auf die Formel: „Deine Zeit = Deren Geld“. Steuern wir indessen bewusst unseren Medienkonsum, werden nicht wir gesteuert.

“Beim geringsten Anzeichen von Langeweile können wir jetzt heimlich jede beliebige Zahl von Apps oder mobilen Websites anschauen, die dafür optimiert wurden, uns eine unmittelbare und befriedigende Portion Einfluss durch andere Gedanken zu verschaffen. Jetzt ist es möglich, das Alleinsein vollständig aus unserem Leben zu verbannen.” (Newport 2019: 109)

Warum machen Menschen das? Warum machen sie das mit? Es gibt keine belastbaren Daten für die Antwort auf diese Frage, aber es ist relativ wahrscheinlich, dass digitale Interaktionen einfacher und schneller sind als ‚altmodische‘ reale, analoge Unterhaltungen. Dabei ist doch das persönliche Gespräch das „am meisten menschlich Machende, das wir tun“ (Vgl. Sherry Turkle: Reclaiming Conversation: The Power of Talk in a Digital Age. (2016)). Seien wir wieder mehr füreinander ‚da’, präsent, hören wir zu. Verlernen wir nicht die Fähigkeit der Empathie, Geduld, einander zu verstehen, uns zuzuhören. Klicken wir nicht auf den „Gefällt mir“-Knopf, sondern klopfen einander auf die Schulter. Machen wir gewöhnlich, was heutzutage ungewöhnlich erscheint:

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H. D. Thoreau. Walden; or, Life in the Woods, 1854.

Schauen wir vorbei – auch per Telefon, wenn zu weit –, um „mal eben hallo zu sagen“. Und wenn wir zum Barbecue bleiben, genießen wir den Abend, ohne den Genuss mit dem Smartphone aufzuzeichen und auf irgendeiner Plattform oder per whatsapp zu teilen. Einfach kauen, reden, lachen. Ganz radikal optional digitalminimal. Unplugged in Kontakt.

 

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Cal Newport: Digitaler Minimalismus . Besser leben mit weniger Technologie. übersetzt aus dem Englischen von Jordan Wegberg. München: Redline Verlag 2019. (Orig. Digital Minimalism. Penguin 2019). 272 Seiten, ISBN 9 783868 817256.

Buchbesprechung · Theatergeschichte · Theaterwissenschaft · Theatre Archives · Theatre History

Alma Seidler. Schauspieler-Biographie von Bernhard A. Macek – Rezension

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Titelseite der Zeitschrift Die Bühne von 1929. Dargestellt ist Alma Seidler.

In diesem Sommer vor 120 Jahren, am 8. Juni 1899, kam die österreichische Schauspielerin Alma Seidler in Leoben (Steiermark) zur Welt. Sie war beinahe durch ihre gesamte, beinahe sechs Jahrzehnte währende Schauspielkarriere Ensemblemitglied des Wiener Burgtheaters, ist jedoch außerhalb Österreichs kaum bekannt. Der Wiener Historiker Bernhard A. Macek hat Seidler, die bereits im Dezember 1977 verstarb, nun eine Biographie gewidmet: Alma Seidler. “Österreichs Jahrhundertschauspielerin”. Reich an Quellen und Anekdoten, ist das in einem sehr persönlichen Gestus verfasste Porträt auch ein Einblick in die politisch und historisch einschneidenden Stationen und kulturpolitisch bedeutsamen Phasen des 20. Jahrhunderts.

Anlass für Macek, – seit 2001 in der Wiener Hofburg tätig (zuständig für die Kaiserapartments,  das Sisi Museum und Silberkammer) sowie Leiter des Fachreferats Wiener Stadtgeschichte des Österreichischen Archäologen Bundes –, diese 316 Seite starke Biographie Alma Seidlers anzugehen, war die Überlassung von Dokumenten aus dem Nachlass Seidlers durch deren Vertraute Edith Sonka. In seiner Danksagung hebt er deren Initiative hervor, ohne die „dieses Buch nie zustande gekommen“ wäre (S.6).

Seine Schrift orientiert sich eng an überlieferten Quellenmaterialien, darunter Fotos, Briefe und Aufzeichnungen von Alma Seidler sowie Interviews mit Zeitgenossen der Künstlerin. Zu den konsultierten und ausgewerteten Repositorien gehören unter anderen das Filmarchiv Austria, das Archiv des ORF, die Österreichische Nationalbibliothek, das Österreichische Staatsarchiv, das Theatermuseum der Universität Wien, die Österreichische Mediathek sowie Privatarchive. Das Buch beleuchtet die Kindheit und ersten Bühnenjahre Alma Seidlers, gewährt Einblick in ihre Ehe mit dem Schauspieler Karl Eidlitz und ihre Familie und vergegenwärtigt ihre vor allem zwischen den beiden Weltkriegen gespielten Aufführungen und Erfolge vor dem beinahe ausschließlich österreichischen Publikum. Von wenigen Gastspielen abgesehen, spielte sie überwiegend auf den Bühnen Wiens (darunter Volksoper Wien, wo sie ihre Karriere begann, Akademietheater, Schönbrunner Schlosstheater, Ronacher, Redoutensaal der Hofburg, Theater an der Wien, Theater in der Josefstadt, Volkstheater); in den 1950er Jahren trat sie zudem bei den Bregenzer und Salzburger Festspielen auf. Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete Seidler vermehrt auch für den Film. Bernhard Macek schildert diese Stationen entlang der Materialien, Spielpläne, Zeitungsnotizen, O-Töne und Anekdoten. Das Buch versammelt zahlreiche, (zum Teil beeindruckend künstlerische) Fotografien, die die Schauspielerin in beruflichen und privaten Kontexten zeigen, die jedoch leider nur selten in die Schilderungen argumentativ eingeflochten und genauer und kritisch in Augenschein genommen werden.

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Bernhard A. Macek: Alma Seidler. Österreichs Jahrhundertschauspielerin” (2018).

Der in seiner zeithistorischen Lupe sicherlich wertvollste Abschnitt der Biographie ist die Sektion „Schwere Zeiten im Dritten Reich“. Hier wird einmal mehr deutlich und anschaulich nachgezeichnet, welche Auswirkungen Adolf Hitlers Einmarsch in Österreich (seine Rede auf dem Heldenplatz am 12. März 1938 bedeutete eine Zäsur) und die anschließende Machtergreifung der Nationalsozialisten auch auf die Bühnenpraxis und den beruflichen Alltag und Lebensweg der am Theater Beschäftigten hatten.

Seidlers Mann Karl Eidlitz ging aufgrund seiner jüdischen Herkunft ins Schweizer Exil; Seidler blieb in Wien und bekam – trotz ihrer Ehe mit einem Juden – eine Sondergenehmigung am Burgtheater. Wie alle Bühnen Wiens wurde auch die Burg Gegenstand radikaler Umstrukturierungen, personeller Degradierungen und Entlassungen. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm Seidler, wie Macek in einer ausführlichen Filmographie mit Skizzen zum jeweiligen Filminhalt wissen lässt, immer wieder kleinere Filmrollen an. Bereits 1919 hatte sie eine erste Partie im Stummfilm Brand, bis zum Ende des Krieges fokussierte sie sich jedoch vornehmlich auf die Bühnenarbeit. Macek vermutet, dass ihre gesteigerte Filmtätigkeit nach 1944 mit der von Goebbels verhängten Theatersperre zusammen hing; im selben Jahr war sie in die Dreharbeiten für Wo ist Herr Belling? eingebunden.

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Innenraum des Wiener Burgtheaters. Aufnahme vom August 1945, zum Zeitpunkt der Wiederaufnahme des Spielbetriebs. (ÖNB/ Archiv Burgtheater)

Daneben agierte sie in Lesungen für die Bühne, Rundfunk und sprach Hörspiele ein. Auch als Theaterpädagogin war sie gelegentlich aktiv, wie Macek informiert; so hielt sie Gastvorträge  in der 1927 von Paul Kalbeck und Hans Thimig gegründeten „Neuen Schule für dramatischen Unterricht“ hielt oder der Schauspielschülerin Christiane Hörbiger, Tochter Paula Wesselys, Unterricht erteilte.

Alma Seidlers nahezu lückenlose Bühnentätigkeit wurde mit zahlreichen Auszeichnungen honoriert: 1959 etwa feierte das Burgtheater ihr 40-jähriges Bühnenjubiläum, im gleichen Jahr erhielt sie die Ehrenmedaille der Bundeshauptstadt Wien. Am 4. Mai 1977, wenige Monate vor ihrem Tode, wurde ihr das Große Silberne Ehrenzeichen des Landes Wien zuteil. Ein Porträt Alma Seidlers, gefertigt von Adolf von Dobner, wurde am 7. Dezember 1978 in die Ehrengalerie des Burgtheaters aufgenommen; Als Antwort auf den nur männlichen Darstellern vorbehaltenen Iffland-Ring initiierte die österreichische Bundesregierung den „Alma-Seidler-Ring, dessen erste Honorarin Paul Wessely 1979, selbst enge Kollegin Seidlers wurde. ihr Geburtstort Leoben widmete der Schauspielerin 1996 eine Straße, die Alma Seidler-Straße, Wien eröffnete im Jahre 2000 den „Alma-Seidler-Weg“

Die Stärke von Maceks Biographie Alma Seidlers birgt auch Schwächen: der Autor liest und zeichnet den Lebensweg der Actrice eng am überlieferten Textmaterial, an Verzeichnissen sowie Stimmen von Zeitgenossen und Anekdoten, wie sie die Theaterwelt zuhauf bereit hält. Dadurch legt er zahlreiche interessante Details über Seidler, aber auch den weiteren Theaterkontext ihrer Berufsjahre vor. Diese enge Orientierung führt einerseits eng an die Person/ Persönlichkeit Alma Seidlers heran; sie birgt aber andererseits auch die Gefahr der Distanzlosigkeit zwischen Autor und Porträtierter (wie sie im Besonderen im Genre der Schauspielerbiographien so häufig anzutreffen ist). So tritt an die Stelle einer reflektierten Schilderung ihres beruflichen Lebenswegs allzu häufig ein sich-Einfühlen und liebevoll Huldigen Alma Seidlers, das den Historiker Macek gelegentlich ins Plaudern und Spekulieren geraten lässt. Das ist legitim für eine Leserschaft, die das Anekdotische liebt; es nimmt dem Buch aber eine historisch-kritische Perspektive auf Biographisches, die – gerade wegen der reichen Materialien und der Figur Seidlers als bis dato in der Sekundärliteratur nur marginal repräsentierten Vertreterin einer Schauspielergeneration politischer Zeitenwenden des 20. Jahrhunderts –, dem informationsreichen Buch einen zusätzlichen Mehrwert verliehen hätte. Die Darstellung ist wegen der guten Belege beeindruckend lückenlos; hin und wieder verführt die Materiallage jedoch zu einer zu chronologischen Auflistung der künstlerischen und privaten Etappen.

Alma Seidler sei ein “funkelnder Diamant auf und hinter der Bühne des Burgtheaters” gewesen, formuliert Macek resümierend (S. 261) in seinem Buch, das die “Österreichische Jahrhundertschauspielerin”, so der Untertitel, auf ihrem Lebensweg verfolgt. Ob sie auch Ecken und Kanten hatte? Scheiterte? Welche anderen Facetten ihr wohl zueigen waren? Sie sich stets harmonisch den äußeren Umständen fügte? Es wäre ungleich interessanter, mehr über solcherart Lichtbrechungen zu erfahren. Vielleicht im nächsten Buch; die Grundlagen sind nun im jüngsten geschaffen.

 

 

Buchbesprechung · Publication · Publikationen · Theatergeschichte · Theaterwissenschaft

Rezension zu SchauSpielPlatz Venedig (D. Volz)

Venedig
Foto: Nic Leonhardt

Romantik, Dolce Vita, Gondeln, Aqua alta, Biennale, Film und Karneval, San Marco… Venedig! Oder eher das, für das Venedig steht. Was ist, wo liegt Venedig? Was sieht der Venedig-Reisende, der durch die Lagunenstadt flaniert, den Koffer voller mitgebrachter mentaler Bilder und Venedig-Imaginationen, abgehandelter Stereotype? Gibt es Venedig eigentlich (noch)? Oder ist es nur mehr ein Ort des Schauens? Ein Platz, aus Plätzen bestehend, eine bukolische Fantasie, Fassade? Venedig ist viele Venedigs. Eine Heterotopie.

Die Theaterwissenschaftlerin Dorothea Volz widmet sich in ihrer 2018 im transcript-Verlag erschienenen Dissertation SchauSpielPlatz Venedig. Theatrale Rezeption und performative Aneignung eines kulturellen Imaginären um 1900 der Erforschung der Lagunenstadt, indem sie diesen relationalen Ort als Patchwork von Geschichte, Zuschreibung und Bild-Arsenal erörtert.

Auf der Plattform HSozKult erschien unlängst meine Rezension zu Dorothea Volz’ Monographie. Die vollständige Besprechung findet sich hier.

Buchbesprechung · Fotografie · Media History · Publication · Social Media

Die Welt im Selfie. Rezension zu Marco d’Eramos Besichtigung des touristischen Zeitalters

 

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Ich war da. Wasserburg im Selfie. Foto: Nic Leonhardt

Ich musste mal raus übers Wochenende. Etwas Anderes sehen, möglichst in einer Stunde ansteuerbar sollte das Ziel, nur mal andere Luft, andere Leute, und möglichst nahe am Wasser wollte ich sein. Nicht, um nichts zu tun, sondern um zu arbeiten. Das geht ganz gut: Arbeiten, wo andere Urlaub machen.

An diesem Wochenende sollte Fach-Literatur studiert werden zur Vorbereitung auf ein Seminar zur Theorie und Geschichte von Bildern und ihren Medien. Da ich eine Einheit zu Selfies und Selbstporträts im Seminarplan vorsehe, hatte ich mir aus den Neuerscheinungen zum Thema Marco d’Eramos Buch Die Welt im Selfie. Eine Besichtigung des touristischen Zeitalters (2018; im ital. Original Il selfie del mondo. Indagine sull’età del turismo (Mailand 2017)) besorgt. Mein Ort der Wahl war Wasserburg. Eine knappe Stunde von München entfernt, ich war noch nie da gewesen, und das Nomen des Ortes schien Omen für viel Wasser. Check. So fuhr ich Freitagabend mit der Eisenbahn zu meinem Wochenendarbeits-Ziel am Inn.

Am sehr frühen Morgen nach der Ankunft machte ich vor dem Frühstück einen Spaziergang, um den Ort ohne Trubel zu besichtigen. Auf der Inn-Brücke blieb ich stehen und genoss: die Luft, das Wasser, die Farben, den Moment. Schön! Ein älterer Einheimischer sprach mich an: “Ich bin der Jürgen, Grüß Gott”. Jürgen fragte, was mir denn besonders gefiele “hier bei uns am Inn”. – Alles. Ob ich gerne Fotos mache? Ja, im Grunde schon. Ob ich einen leichten Anstieg scheue? Nicht im Geringsten. Also spazierten wir hinauf zu einer Anhöhe oberhalb des Städtchens, deren Plattform eine schöne Aussicht versprach. – Und auch so hieß. Jürgen schlug vor, dass ich von dem Panorama am Inn ein Foto machte, mit mir davor. Mir schien das zu touristisch. Aber der Anblick war wirklich großartig. Besonders das Licht an diesem Morgen. Also gab ich nach, verzichtete aber zunächst auf mein Konterfei im Foto.

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Schöne Aussicht. Einzigartig. Wasserburg am Inn. Foto: Nic Leonhardt

Was ich durch die Linse sah, kannte ich bereits, ich hatte diese Ansicht schon einmal gesehen, genau so, – wo? …. Schoss mein Bildchen und ging wieder ins Tal. Als ich später die “Schöne Aussicht” in Wasserburg in die Suchmaschine meines Computers eingab, war mir klar, dass das Bild, das ich gesehen und selbst gefertigt hatte, bereits überdutzendfach in Reproduktion vorlag. Schöne Aussicht, alles klar. Ein Standort, der die beste Sicht verspricht – und damit die beste Aufnahme.

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Dutzendfache Ansichten der Schönen Aussicht. (Screenshot).

 

Wenn das Susan Sontag miterlebt hätte! – In ihrer kongenialen Essay-Sammlung Über Fotografie (On Photography, 1977) schrieb sie:

„Als Mittel zur Beglaubigung von Erfahrung verwandt, bedeutet das Fotografieren […] auch eine Form der Verweigerung von Erfahrung – indem diese auf die Suche nach fotogenen Gegenständen beschränkt wird, indem man Erfahrung in ein Abbild, ein Souvenir, verwandelt. Reisen wird zu einer Strategie, die darauf abzielt, möglichst viele Fotos zu machen. Allein schon das Hantieren mit der Kamera ist beruhigend und mildert das Gefühl der Desorientierung, das durch Reisen oft verschärft wird. Die meisten Touristen fühlen sich genötigt, die Kamera zwischen sich und alles Ungewöhnliche zu schieben, das ihnen begegnet. Nicht wissend, wie sie sonst reagieren sollten, machen sie eine Aufnahme. So wird Erfahrung in eine feste Form gebracht: stehenbleiben, knipsen, weitergehen. Diese Methode kommt insbesondere jenen Touristen entgegen, die zu Hause einer erbarmungslosen Arbeitsethik unterworfen sind.“ (zit. nach der dt. Ausgabe 111999, Frankfurt am Main. Fischer, S. 15-16).

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Zoe Leonard (b. 1961), detail of “You see I am here after all”, 2008. 3,851 vintage postcards. (Photo: Bill Jacobson, NY) 

Beim Anblick der Schönen Aussicht im fotografischen Pluraletantum musste ich an Zoe Leonards jüngste Schau im Whitney Museum New York denken, die ich dort im Mai gesehen hatte: eine Montage von Bildpostkarten der Niagara-Fälle aus sämtlichen Zeiten seit der Erfindung der Postkarte. Das Motiv: unverändert über Dekaden. Gigantisch clever, entlarvend, – und in der Redundanz urkomisch.

Wenn wir Bilder von der Welt im Foto aufnehmen, rahmen und markieren wir sie in sehenswerte Einheiten, in Einheiten des Sehens-Werten. Wie im Falle meiner Panorama-Wasserburg-Aufnahme oder der Kaskaden an immergleichen Ansichten der Niagara-Fälle wird deutlich, dass wir auch durch die zigste Aufnahme dasjenige markieren, was ohnehin bereits markiert ist. Dort die Wasserfälle – hier Wasserburg so weit das Auge reichte.

d'Eramo Dt CoverSo morgendlich in die Falle der visuellen Eroberung der Wasserburger Welt der Sehenswürdigkeiten spaziert, kam mir die eigentlich vorgesehene Aufgabe für diesen Tag, das Studium von d’Eramos Selfie-Buch, gerade recht. Ich setzte mich auf den malerischen Marktplatz, später an den noch malerischeren Inn, abends vor das entzückend malerische Rathaus und las, notierte, schaute, las, und betrieb Nabelschau mit d’Eramo. Marco d’Eramo lebt im beliebten Städtereiseziel Rom, ist einer der Gründer der Zeitung Il Manifesto und schreibt unter anderem für Lettre International, die taz und New Left Review. Der italienische Journalist studierte einst bei Pierre Bourdieu, und sein soziologisches ebenso wie sein kulturtheoretisches und anthropologisches Wissen sind in jedem Kapitel spürbar, wenn er auf Theorien und Denkanstöße von Dean MacCannell, Arjun Appadurai, Susan Sontag, Siegfried Kracauer, Walter Benjamin und andere zurück greift. Ständige Wegbegleiter seiner auch historischen Exkurse in die Welten des Reisens sind Schriftsteller und Künstler und ihre nicht selten kritisch-zynischen Haltungen zum Tourismus. (darunter natürlich Mark Twain und dessen Transatlantikreise-Schilderung Innocents Abroad 1867).

D’Eramos  Buch ist weniger eines über Selfies; aber es leiht die Form und die (kann man schon sagen?) kulturelle Praktik des Selfie-Machens als Geste, um das touristische Zeitalter einzufangen und den Spuren  nachzugehen, die wir in der Welt hinterlassen. Und die sind außerordentlich. Massiv. Zerstörerisch auch. D’Eramo unternimmt unterschiedliche Rahmungen: historisch, ökonomisch, infrastrukturell, literarisch, kulinarisch, numerisch – aber immer gnadenlos ehrlich. Was machen wir da eigentlich mit der Welt seit nurmehr knapp zwei Jahrhunderten? Wie generieren sich, vor allem wie gerieren sich die Milliarden Ferien-, Bildungs-, Konferenz-, Sex-, Städte-, Bade-, Gastro-, Medizin-, Freitodtouristen?

“Eine Milliarde und 186 Millionen Reisen pro Jahr [heutzutage] bedeuten, dass einer von sieben Menschen Auslandsreisen unternimmt […]. Zählte man zu guter Letzt auch noch Reisende im jeweils eigenen Land hinzu (deren Zahl man ermittelt, indem man die Anzahl der internationalen Touristen mit dem Faktor 4 multipliziert), so hätte man vor sich ein Bild der ganzen Menschheit in immerwährender, rastloser Betriebsamkeit.“ (S. 28)

9788807105272_quarta.jpg.600x800_q100_upscaleDie nicht enden wollenden organisierten Reisen sieht d’Eramo als bestes Beispiel dafür, was Henri Lefèbvre eine „bürokratische Gesellschaft des gelenkten Konsums“ nennt. Der Tourismus ist eine Erfindung des frühen 19. Jahrhunderts. Transport- und Kommunikationsmöglichkeiten, die es zum (organisierten) Reisen braucht, beginnen erst dann ausgeklügelt und kontinuierlich optimiert zu werden. Schiffe, Eisenbahnen, Fotografie, Presse, Bildpostkarten – alles Produkte des 19. Jahrhunderts, wie wir wissen. Die erste organisierte Reise gestaltet bekanntlich Thomas Cook (1808–1892) im Jahre 1841, den ersten Reiseführer ediert der Verlag Karl Baedeker 1832, die ersten Fotografien werden in den späten 1830er Jahren gefertigt. Hier werden Fäden gelegt, die immer dichter zusammen verwoben werden sollten, zu Kontributoren eines „tourism production system“, wie Stephen Britton es nennt, einer Industrie der Postkarten, Souvenirs, Reiseführer, Landkarten, Reisebüros und -Portalen wie Expedia, Tripadvisor etc. Im 20. Jahrhundert habe sich unsere Gesellschaft dann, so d’Eramo, zu einer “vollwertigen touristischen Gesellschaft” entwickelt, durch Kleinwagen, schnellere Züge und Billigflieger, und es gebe ausreichend Gründe zu behaupten, dass der Tourismus “die schwerste, die wichtigste Industrie des 21. Jahrhunderts“ (S. 15) sei. Diesen Befund auf den Schultern, reist D’Eramo in seiner informierten Studie durch die Orte und Zeiten, macht Snapshots von “Sehens-Würdigkeiten”, deren Komplexität er sodann aufpackt.

Carte Gastonomique de la France
Auch eine Form, sich reisend die Welt (hier Frankreich) einzuverleiben: Charles-Louis Cadet de Gassicourts (1769–1821) erste “Carte Gastronomique de la France”, 1809.

Das, was sehens-würdig ist, unterliegt durchaus einem historischen Wandel. Orte wie Friedhöfe, Leichenschauhäuser, Abwasserkanäle, wie sie unter anderem im 19. Jahrhundert als Must-Sees empfohlen wurden (etwa von Mark Twain), sind heute doch eher No-Go-Areas. Sehens-Würdigkeiten und Touristenziele unterliegen aber auch absurden ebenso wie perfiden Operationen: Markierungen des Sehenswerten und ihre Reproduktionen in Bildern und Tripadvisor und anderen Bewertungsportalen (siehe oben), Inszenierungen von Authentizität für das touristische Auge oder Paradoxien des Gastro-Tourismus daheim (z. B. die “Chinesität”: je mehr rote Ballons an der Decke und Drachen auf der Tapete eines China-Restaurants, desto weniger chinesisch das Essen), Disneylandisierung, Erfindung von Tradition und Nostalgisierung, Weltkulturerbe-Prädikate als Besuchermagneten, die (Kreation von) Ruinen, nachhaltig problematische Facetten des Reisens wie Kommerzialisierung, Zonenbildung (touristische Viertel vs. Viertel für die Einheimischen), Umweltprobleme, Konstruktion zum Preis der Destruktion, Ungleichheiten und so weiter. Allzu gerne sei man versucht, Touristen-Bashing zu betreiben, Reisewütige in ihrem Tun und Aktivismus zu belächeln. Auch dies eine Begleitbewegung zum Massentourismus. “Die Welt im Selfie” zu sehen, bedeutet aber auch, und dies macht d’Eramo selbstreflexiv klar, sich selbst mit ins Bild zu holen:

„Erst mit eingehenderem Studium wurde mir bewusst, dass hinter der Kritik am Tourismus nur die Weigerung steckte, sich im Spiegel zu betrachten und zu erkennen, dass die touristische Wahrnehmung bloß die besondere Weltwahrnehmung unserer Gesellschaft ist.“ (S. 293)

Was ich kritisch anzumerken hätte, beobachtet der Verfasser am Ende selbst: das Mäandern durch das Thema, das mich als Leserin einerseits in den Bann zieht, mich aber andererseits auch gelegentlich ohne Orientierung hinterließ. Man kann d’Eramo beinahe zusehen, wie er das Thema selbst entdeckt – und stolpert und flaniert förmlich mit. In einem Postskriptum offenbart d’Eramo dann auch, dass er eigentlich nur über die Touristenstadt hatte schreiben wollen. Im Prozess des Schreibens habe er aber realisiert, dass er über die Touristengesellschaft unseres touristischen Zeitalters schrieb und schreiben musste. Für diese ‘Themaverfehlung’ können wir nur dankbar sein, denn dieses profund recherchierte und so unerbittlich entlarvend, aber stellenweise sehr frech verfasste Buch ist als Sach- ebenso wie als Reiselektüre tauglich. Martina Kempter besorgte eine wahrlich gelungene  Übersetzung ins Deutsche.

Nach der Lektüre hatte ich den Eindruck, an unzähligen Orten und Zeiten gewesen zu sein und mit d’Eramos Hilfe multiperspektivisches Sight-Seeing betrieben zu haben. Dabei war ich ja nur mal schnell in Wasserburg am Inn. Apropos: ich habe dann doch noch ein Selfie gemacht. Weil die Aussicht so ‘sehenswürdig’, so ‘schön’ anmutete. – Und damit man daheim auch glaubt, dass ich wirklich dort war.

Marco d’Eramo Die Welt im Selfie. Eine Besichtigung des touristischen Zeitalters. Frankfurt am Main: Suhrkamp / Insel 2018. ISBN 978-3-518-42809-2, 362 Seiten, ausführliches Sach- und Ortsregister, keine Abbildungen.

Schöne Aussicht

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Denken. Zwickelfrei. – Über C. Ankowitschs Buch “Warum Einstein niemals Socken trug”

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So richtig sicher weiß ich gar nicht, warum mir dieses Buch von Christian Ankowitsch in die Hände fiel und ich es mitnahm. Warum Einstein niemals Socken trug. – Solcherlei Titel gibt es ja viele: Warum Männer nicht einparken können und Frauen irgendwas… – oder so ähnlich. Diesen „Warum…“-Titeln für Sachthemen, die aber dann so vereinfacht und stereotyp dargestellt werden, dass ihre Erläuterungen auch nicht mehr taugen, begegne ich immer mit Skepsis. Aber: „Einstein“, „niemals Socken“ – diese Titelworte fand ich sympathisch. Ich bin zwar nicht annähernd Einstein, aber ich trage auch nicht gerne und nur selten Socken; nur, wenn es nicht anders geht. Ich trage übrigens auch keine Kragen, Sakkos, Anzughosen, enge Halstücher. Sie schnüren mich ein und behindern mich so am Sein. Ich war also neugierig, warum Einstein niemals Socken trug und mochte diese textile Verschwisterung jenseits unseres IQ. Und dann gefiel mir aber auch der Untertitel des Buches, Wie scheinbar Nebensächliches unser Denken beeinflusst, denn in einer Gesellschaft wie der unsrigen übertünchen oft Leistungslisten, Leistungsschau und ostentative heiße Luft die leisen Töne und Marginalitäten. Zu Unrecht, wie ich finde.

Das Buch kam also mit, begleitete mich zur Abendlektüre auf meine jüngste Konferenzreise und kitzelte meine Neugierde, Kollegen zu befragen, ob und welche Nebensächlichkeiten eigentlich  IHR Denken beeinflussen. Nicht alle hatten ein Bewusstsein dafür, aber manche teilten, teils scheu, teils aufgeregt, ihre kleinen Geheimnisse: Im Stehen schreiben, der eine spezielle Tee beim Konzipieren einer Idee, mit Musik denken, analysieren beim Backen, ein solider Stuhl zum Korrigieren, Tür auf, Tür zu, je nach Aufgabe. Und so weiter. Schmecken, bewegen, eine Körperhaltung – und dann das Denken…

 

978-3-87134-793-1Körper und Geist als getrennte Entitäten zu betrachten, hat bekanntlich der französische Philosoph René Descartes in den (späteren Aufklärungs-)Diskurs eingebracht („cogito ergo sum“). Diese Trennung hat sich über die Zeiten hartnäckig gehalten und wurde mit einigen Bewertungen versehen, zumeist zuungunsten von Körper und Emotion als dem Denken hinderliche, „duselige“ Stolpersteine. Jüngste Achtsamkeitstrainings und körpertherapeutische Herangehensweisen in Bereichen wie der Psychologie, der Pädagogik oder dem Coaching u.a. reden wieder mehr der engen Zusammenarbeit, ja eigentlichen Untrennbarkeit, von Körper und Geist das Wort. In seinem Buch zieht Christian Ankowitsch zahlreiche Beispiele heran, die wir als Leserinnen und Leser zu einem Großteil kennen, weil wir sie selbst (unbewusst) erleben: Vorahnungen, körperliche Blockaden als Signale, ein “je ne sais quoi”, das unser Denken und Handeln beeinflusst. Wichtige Marker. Anhand solcher Beispiele arbeitet der Autor im Zugriff auf Lesarten der Neuro- und Kognitionswissenschaften, Philosophie und Psychologie heraus, wie ungemein spielerisch und kreativ Körper und Geist Team-Arbeit betreiben. Ständig. Wie erklären wir uns die Welt? Wie erinnern wir uns? Werden kognitive Fähigkeiten vom Körper mitgeformt? etwa durch die Art, wie wir uns bewegen? durch die Körperhaltung, den Raum, in dem wir tätig sind? Ankowitsch geht diesen Fragen in fünf Teilen nach:

  • Grundsätzliches über Kopf und Körper: hier werden Antworten auf Fragen gesucht, warum wir „mit dem linken Knie denken“, warum wir alles gleichzeitig machen und das sehr in Ordnung ist, was Philosophen über Geist und Körper dachten, warum Karussell fahren sinnvoll sein kann.
  • Fühlen: welche Wirkkraft haben Gefühle im Denken, und warum ist warme Suppe Wohltat?
  • Wahrnehmen, Lernen und Verstehen: wie erlangen wir Orientierung in einer Welt ohne Orientierung? Wie können wir unsere Aufmerksamkeit lenken? Warum ist Erinnern ohne Körper nicht ‚denkbar‘, und warum sind Kinder aufmerksamer, wenn sie aus dem Fenster gucken?
  • Neue Ideen entwickeln, urteilen und handeln: empfiehlt das Schließen der Augen zur Förderung der Kreativität, erörtert den Zusammenhang von sauberen Händen und moralischen Urteilen, Holzstühlen und Entscheidungskraft, die Genialität des Verbunds von Sprach- und Weltbildern.
  • Deshalb trug Einstein niemals Socken: geht schließlich Einsteins Füßen nach und befragt das Zusammenspiel von Kleidung, Körper, Kopf –, das allerdings bis dahin in der Lektüre längst evident geworden ist.

Ankowitsch beschließt seine kenntnisreichen und ungleich amüsanteren Ausführungen noch mit „12+1 Hinweisen“, die er zum Beflügeln des Denkens im Alltag empfiehlt. Unser Gehirn ist neuroplastisch, da ist nichts in Stein gemeißelt, Veränderungen, neue Verschaltungen sind, Gesundheit vorausgesetzt, lebenslang möglich. Das ist schon alles ziemlich clever eingerichtet. Wir können die Kognition tunen, wir können zum Beispiel lächeln, auch wenn uns nicht danach ist, weil es die Stimmung hebt; das Licht dimmen, wenn eine gute Idee verlangt wird; uns aufrecht hinstellen, wenn ein Vortrag ansteht; einem Gegenüber die Hand auf den Rücken auflegen, um sie/ ihn zu beruhigen; Sport treiben, um auch geistig fit zu bleiben, etc. Es sind dies kleine Tricks, die gar nicht so unbekannt sind, aber es ist gut, sie sich noch einmal vor Augen zu führen. Apropos „vor Augen führen“ – auch so ein Dreh, der in Ankowitschs Buch offenkund wird: Wir stellen uns einen Gedanken oder Sachverhalt wie ein Objekt vor unser Gesichtsfeld, damit wir es besser anschauen und damit besser begreifen können. Körper und Geist im Team. Heitererhellende Holistik.

Was Einstein angeht, hatte seine Ablehnung der Socke übrigens einen erstaunlich banalen Grund. Aber es ging hier ja auch um die Nebensächlichkeit zur Beförderung des großen Denkens – das durch die Power der Nebensache auch schon wieder weniger groß ist, wenn ich es mir recht überlege.

Trug Descartes eigentlich gerne Socken? Mir sind keine Äußerungen seinerseits dazu bekannt. – Vielleicht haben sie ihn auch nie gezwickt. Es ist anzunehmen.

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Christian Ankowitsch: Warum Einstein niemals Socken trug. Wie scheinbar Nebensächliches unser Denken beeinflusst. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 2017 [2016].

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Rezension: “Eine Fotografie. Über die transdisziplinären Möglichkeiten der Bildforschung” (I. Ziehe & U. Hägele, 2017)

 

3664grossBilder tragen in ihrer Gegenwärtigkeit Vergangenes. Historizität.

Walter Benjamin schreibt bekanntlich in seinem Kunstwerk-Aufsatz, man habe lange behauptet, dass „’Nicht der Schrift-, sondern der Photographieunkundige […] der Analphabet der Zukunft‘“ sein werde. Allerdings müsse doch aber „nicht weniger als ein Analphabet ein Photograph gelten, der seine eigenen Bilder nicht lesen“ könne, womit er darauf abzielt zu fragen, ob nicht eigentlich „die Beschriftung […] zum wesentlichsten Bestandteil der Aufnahme“ werde.

Immerhin tragen heutige digitale Bilder ihre Informationen mit sich, ihre Metadaten, bestehend aus Angaben zur Zeit, oft Geodaten zum Ort der Aufnahme, Daten zu ihrer Auflösung, ihren Maßen. Damit ist künftigen Generationen von Bildforschern schon ein gutes Stück geholfen. Annotationen der Bildkreier und ihrer Betrachter tragen ihr übriges bei, digitale Bilder zu kontextualisieren. Was aber, wenn diese Informationen fehlen, wie bei älteren Fotografien üblich? Wenn Fotografie oder visuelles Artefaktum ‚nackt‘ daher kommen, ohne Metadaten, ohne Kontext? Dann wird aus einer möglicherweise einst (für die Fotografen, Knipser, ihre Rezipienten oder die dargestellten Subjekte) bedeutsamen Aufnahme schlicht „eine Fotografie“. Dies fragen und befragen die Autoren – Bildwissenschaftler, Archivare, Kuratoren, Fotografen – in dem von Irene Ziehe und Ulrich Hägele herausgegebenen und 2017 bei Waxmann erschienenen Band Eine Fotografie. Über die transdisziplinären Möglichkeiten der Bildforschung.

Für HSozKult habe ich den Band besprochen.

Irene Ziehe, Ulrich Hägele (Hg.): Eine Fotografie. Über die transdisziplinären Möglichkeiten der Bildforschung. Münster: Waxmann 2017.

 

Buchbesprechung · Media History · Wissenschaftsalltag · Work-Life Balance

24 Hours a Day

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“Your purse is magically filled with twenty-four hours of the unmanufactured tissue of the universe of your life!” (A. Bennett, 1910. Photo: Nic Leonhardt)

When reading Cal Newport’s book Deep Work, I came across a handful of references he worked with, which sounded quite intriguing to me. I jotted down the most interesting titles and loaned them from the library. (yes, please call me old-fashioned ;-))
One of these references is Arnold Bennett‘s book How to live on 24 Hours a Day. A book targeting primarily the so called “white-collar workers“, and providing recommendations of how to make the most of a working day.

What is remarkable here is that Bennett’s little ‘guidebook‘ came out in 1910 (i.e. one hundred seven years ago!), – yet that it deals with the same themes like contemporary guidebooks and seminars: You would think that “work-life balance” is a case in point of the 21st century only, but Bennett’s book proves: It is not! Studying How to Live on 24 Hours a Day, I was surprised how similar the problems he addresses, and the advices he offers are to the ones we try to cope with nowadays on a daily basis.

I can only recommend to read the whole book, but for the hasty ones among you: here are some of Bennett’s recommendations in a nutshell. Enjoy!

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You wake up in the morning, and 24 hours are all yours (well, most of them)

„The supply of time is truly a daily miracle, an affair genuinely astonishing when one examines it. You wake up in the morning, and lo! Your purse is magically filled with twenty-four hours of the unmanufactured tissue of the universe of your life! It is yours. It is the most precious of possessions. A highly singular commodity, showered upon you in a manner as singular as the commodity itself! For remark! No one can take it from you. It is unstealable. And no one receives either more or less than you receive.“ (p. 16f)

Enjoy the moment, the Here & Now!

“[Y]ou cannot draw on the future. Impossible to get into debt! You can only waste the passing moment. You cannot waste to-morrow; it is kept for you. You cannot waste the next hour; it is kept for you. You cannot waste the next hour; it is kept for you.” (p. 17)

You have all the time there is

[Y]ou are constantly haunted by suppressed dissatisfaction with your own arrangement of your daily life; […] the primal cause of that inconvenient dissatisfaction is the feeling that you are every day leaving undone something which you would like to do, and which, indeed, you are always hoping to do when you have “more time”; [yet the] glaring, dazzling truth [is] that you never will have “more time,” since you already have all the time there is” (p. 25)

Be patient. Allow for human nature, especially your own 🙂

“Beware of undertaking too much at the start. Be content with quite a little. Allow for accidents, Allow for human nature, especially your own.” (p. 28)

Controlling your Mind (an Exercise)

“When you leave your house, concentrate your mind on a subject (no matter what, to begin with). You will not have gone ten yards before your mind has skipped away under your very eyes and is larking round the corner with another subject. Bring it back by the scruff of the neck. Ere you have reached the station you will have brought it back about forty times. Do not despair. Continue. […] By the regular practice of concentration (as to which there is no secret – save the secret of perseverance) you can tyrannise over your mind (which is not the highest part of you) every hour of the day, and in no matter what place.” (p. 47f)

(Arnold Bennett: How to Live on 24 Hours a Day. New York: George H. Doran Company 1910)