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Greatest Showman. Digitale Spuren

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(The) Greatest Showman. Hugh Jackman als P.T. Barnum.

Das Kino entdeckt die Show um die Show derzeit wieder neu, populäre Unterhaltungsformen, die zu Zuschauermagneten wurden, als es noch kein Kino gab, keinen Fernseher, – von Konsolen und Netflix nicht zu reden. Das 19. Jahrhundert ist dahin gehend eine wahre Wundertüte.

Als romantisierte flitterglitterpopcornige Spektakeltüte kommt auch der Film The Greatest Showman  von Michael Gracey daher, der seit 4. Januar 2018 in deutschen Lichtspielhäusern läuft. Es gab zahlreiche Vorberichte und Features zum Film, ebenso wie es bereits ausreichend Kritiken gibt. Wie stets, wenn es um Stoff geht, der “nach wahren Begebenheiten” gestrickt ist, wird dort unermüdlich um die “Authentizität” gefeilscht, die Diskrepanz von “damals und heute” und die Diskussion darüber, ob nun zu viel oder zu wenig Spektakel, ob zu viel oder zu wenig “amerikanische” Stilistik, Konvention, Rezeptionsgewohnheit verwoben und zugemutet seien.  Die Kulturgeschichtsforschung hat sich aus verschiedenen Blickwinkeln dem Phänomen P.T. Barnum genähert. Ich biete hier ein paar digitale Spuren an, die Filmsehende vielleicht Lust haben zu verfolgen, um nach dem Kinobesuch noch ein bisschen tiefer in die Kiste der Geschichte und Ungereimtheiten des Showbusiness zu klicken.

barnum-poster-960x640Greatest Showman kreist um die zweifelsohne schillernde Figur des Showman, Impresarios, Schaustellers, Museumsdirektors, Zirkusdirektors und frühen Marketing-Exerten Phineas Taylor Barnum (5. Juli 1810–7. April 1891) (im Film gespielt von Hugh Jackman), der, wie der Film illustriert, populäre Unterhaltungsformen wie Ausstellungen von Riesen, Zwergen, ‘Kuriositäten’ etc. zum Industriezweig gestaltete.

Barnum tritt als junger Mann in den dreißiger Jahren einer Schauspielergesellschaft bei, später einer Kunstreitergesellschaft, und macht sich kurz danach selbständig, indem er eine ältere Frau, die er für die “Amme Washingtons” ausgibt, für Geld zur Schau stellt. Er übernimmt 1840 das Amerikanische Museum in New York, ein markant populäres Haus, eine Mixtur aus Zoo, Kuriositätenkabinett und Theater. Später macht er die in seinem Heimatland noch gänzlich unbekannte schwedische Sängerin Jenny Lind in Amerika berühmt (die im aktuellen Musical-Film von Rebecca Ferguson gespielt wird). Barnum selbst hatte sie bis zu ihrem Auftritt in den USA nie gehört, behauptet aber schlicht ihre Berühmtheit auf dem Kontinent, publiziert rege im Vorfeld ihres US-Engagements über ihre Popularität, so dass sie, in den USA angekommen, von einer frenetischen Menge wie ein Star empfangen wird (dabei kennt sie im Grunde noch niemand). Er leitet die Konzerte der irischen Opernsängerin Catharine Hayes und betreut (angeblich) die erste Gastspielreise der französischen Schauspielerin Sarah Bernhardt in Amerika. Er unternimmt Tourneen mit einer Menagerie und einer asiatischen Karawane, stellt Kinder und Hunde aus. Nach finanziellem Bankrott in den sechziger Jahren – das American Museum brannte 1865 nieder – gelingt ihm mit der Wiedereröffnung des Museums am Broadway der wirtschaftliche Aufschwung.

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Zeichnung von A. R. Waud: Brand des American Museum am 13. Juli 1865, erschienen in Harper’s Weekly, 29. Juli 1865.

Der “Greatest Showman of the World” entdeckt eine Marktlücke in der Präsentation der “Greatest Wonders in the World”: Tiere, Kleinwüchsige, Tätowierte, Menschen mit Gendefekten. Zu seinen bekanntesten Protagonisten gehören sicherlich der Kleinwüchsige Charles Stratton, besser bekannt unter dem Namen “General Tom Thumb” und die behaarte Frau Julia Pastrana.

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P.T. Barnum und “General Tom Thumb” (i.e. Charles Stratton)

Für die damalige Zeit eine Sensation, selbst von Medizinern wegen der anatomischen Besonderheiten der ausgestellten Menschen als Anschauungsobjekte gefragt, sind diese Zurschaustellungen aus heutiger Sicht politisch und ethisch nicht im Geringsten mehr vertretbar. Zahlreiche Studien haben sich mit diesem Thema der “Völkerschauen” und “Freak-Shows” befasst, wie sie Barnum, nach ihm aber auch zahlreiche andere Impresarios der Zeit, veranstalten. Ich nenne hier nur Garland Thomson 1997; Gernig 2001Stammberger 2011.  Die Zeitungen der Zeit berichten in relativer Häufigkeit von Barnums neuesten Unternehmungen, und die starke Medienpräsenz verhilft ihm  zu einem hohen Bekanntheitsgrad auch in Deutschland; seine Unternehmungen bekommen Modellcharakter auch für die Unterhaltungsbranche außerhalb der USA, Barnum wird eine – nicht besonders kritisch reflektierte –Referenz für ‘best-practice showbusiness’.

201110211654Barnum gilt als Pionier marktstrategischen Handelns im Bereich populärer Unterhaltung. Nicht nur, dass er innovative Ideen für seine Exponate entwickelt. Recht schnell erkennt er die damals noch nicht besonders gängige Reklame, das Marketing,  als einen der Kardinalwege zu wirtschaftlichem Erfolg. Seine Überlegungen und Erfahrungen hierzu verschriftlicht er 1884 in The Art of Moneygetting, Or: Hints ad Helps to Make a Fortune; eine Schrift, die rasch auch in andere Sprachen übersetzt wird. Im Deutschen erscheint sie zunächst seriell in der illustrierten Familienzeitschrift Die Gartenlaube, 1887 kommt die Übersetzung durch Leopold Katscher bereits in der zweiten Auflage unter dem Titel Die Kunst Geld zu machen. Nützliche Winke und beherzigenswerhe Rathschläge beim Verlag Elwin Staude, Berlin, heraus. Der Text ist an manchen Stellen verblüffend heutig und gleicht Wirtschafts- und Marketing-Ratgebern, die 100 und weitere Jahre später erscheinen. Es macht Spaß, ihn zu lesen – etwa in der digitalisierten Fassung des Projekt Gutenberg, das aktuell 56.000 copyrightfreie Werke der Weltliteratur verfügbar hält. Auch als Audio-Book sind Barnums “Hints and Helps” disponibel.

Barnums American Museum lässt sich ebenfalls virtuell ‘besichtigen’: im “Lost Museum”:  Das American  Social History Institute und Center for Media and Learning  des Graduate Centers der City University of New York machte in Zusammenarbeit mit dem  Roy Rosenzweig Center for History and New Media der George Mason University im Projekt Lost Museum Bestände, Referenzen und Lehrmaterialien über das Museum digital verfügbar.

 

 

 

 

 

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Entgegenkommende Aufnahmen – Toscanini-Exhibition in der NYPL

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Info-Tafel zur Präservation von Drahtton-Aufnahmen. Aus der Ausstellung Toscanini: Preserving a Legacy in Sound, NYPL for the Performing Arts

Was wir über die Gesellschaft, was wir über die Geschichte, was wir über ihre Künste wissen, wissen wir zu einem erheblichen Teil über die Medien, die sie uns vermitteln. Die Reproduktionstechnik, formuliert Walter Benjamin bekanntlich um die Wende zum 20. Jahrhundert, löse das Reproduzierte aus dem Bereich der Tradition ab und stelle durch die Vervielfältigung an die Stelle der Einmaligkeit die Vielfältigkeit. Im gleichen Atemzug erlaube die technische Reproduzierbarkeit der Reproduktion aber auch, der/dem je Aufnehmenden in ihrer/ seiner jeweiligen Situation entgegenzukommen, womit sie das Reproduzierte auch aktualisiere.

Für ein Sammeln, Bewahren, Schützen und zugänglich-Machen der Gleichzeitigkeit ungleichzeitiger medialer Erinnerungen an Vergangenes haben wir Museen, Sammlungen, Archive. Wie kommen sie uns entgegen, das Reproduzierte in unserer Zeitgegenwart, in unserer jeweiligen auch ‘medialen Situation’ zu verstehen – auch wenn es Jahrzehnte, Jahrhunderte alt ist und zunächst fern unserer täglichen Wahrnehmungshorizonte liegt?

In einer besonders  gelungenen Kuration stellt sich die Ausstellung Toscanini: Preserving a Legacy in Sound der New York Public Library for the Performing Arts in New York, deren Eröffnung ich während meines Forschungsaufenthalts vergangene Woche beiwohnen konnte, diese Frage –und beantwortet sie, wie ich finde, recht clever. Genau so wünsche ich mir Vermittlung im Museum mit Einblick ins Machen und die Machbarkeit von Präservation, analog und digital.

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Italienische Briefmarke zum Gedenken an Toscaninis 50. Todestag 2007.

Im noch laufenden Jahr wurde vielerorts an den 150. Geburtstag des italienischen Dirigenten Arturo Toscanini (1867-1957) erinnert: mit Ausstellungen, neuen Editionen seiner Dirigate, biographischen Texten.

In der von Jonathan Hiam kuratierten Ausstellung in der NYPL for the Performing Arts geht es auch um die künstlerischen und biographischen Stationen Toscaninis. Es geht aber vor allem um Idee und Auftrag des “Preserving a Legacy in Sound”. Und damit um das faszinierende Zusammenspiel von Toscaninis Handschrift und Auftritt in einer musikhistorisch nicht einfachen Periode zwischen einerseits dem späten 19. und der Mitte des 20. Jahrhunderts und einer medial und technologischen ‘Turbozeit’. Denn die Arbeit des ‘Maestros’ mit dem photographischen Gedächtnis verläuft in zeitlicher Koinzidenz mit der Erfindung und Verfeinerung akustischer Aufnahmetechniken.

Das “Entgegenkommen” für uns Aufnehmende in der ‘heutigen Situation’, i.e. der digitalen Kultur und Tranformation, besteht in der transparenten Zusammenführung von Toscaninis Dirigaten – vor allem  in Kontext seines Wirkens am und mit dem NBC Symphony Orchestra von 1937 bis 1954 – mit den Möglichkeiten des digitalen Recordings: Wie lassen sich historische Aufnahmen von Klang mit Hilfe heutiger digitaler Technologien reproduzieren und zugänglich machen, so dass die Erzählung der Geschichte eine Geschichte ihrer Klänge und verständlich sein kann? *) 

 

Die komplette Ausstellung verläuft folglich in drei Strängen auf dem Basso Continuo der Zeit: auf der Ebene der biographischen Etappen Arturo Toscaninis, entlang der je innovativen und zeitspezifischen Aufnahmetechniken und Aufnahmen seiner Dirigate und im Hinblick auf die konservatorische und vermittelnde Sorgfalt digitaler Aufbereitung des Nachlasses in Ton und Text. Mehr als 43.000 Objekte aus Toscaninis Schaffenszeit befinden sich in der Rodgers and Hammerstein Archives of Recorded Sounds-Collection der NYPL for the Performing Arts,  die 1987 von Toscaninis Familie an die Bibliothek übertragen wurde. (siehe hierzu auch diesen Artikel in der New York Times). In der jüngst eröffneten Ausstellung sind Aufnahmen von Toscaninis Konzerten, aber auch seiner persönlichen Lieblingsmusik auf Shellack, Vinyl, Selenophon sowie in Radio- und Fernsehaufnahmen anzuschauen und in ihrer digitalen Bewahrung anzuhören. Sie sollen das Original nicht nur schützen, sondern ihm auch klanglich so nahe wie möglich kommen (zumindest der Aufnahme; die eigentliche Performance ist volatil, wie wir wissen).

Das dichte Ineinandergreifen von Musik und ihrer Aufnahme, von Toscaninis künstlerischer Handschrift und seinem auch medial beförderten Erfolg wird in dieser Schau besonders anschaulich herausgestellt. Ein feines, wenn man so will, museumspädagogisches Asset sind zusätzlich die Schaukästen und interaktiven Displays, die die Arbeitsschritte der Digitalisierung verdeutlichen. An einem live-Tisch werden ab sofort zusätzlich diese Prozesse in einer Face-to-Face-Begegnung zwischen Besuchern und den IT-Spezialisten der NYPL weiter erörtert werden.

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Wie funktioniert eigentlich digitale Preservation? Das Zeigen des Machens ist ein wichtiger Bestandteil der Ausstellung “Toscanini: Preserving a Legacy in Sound” (Foto: Nic Leonhardt)

 

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Toscanini: Preserving a Legacy in SoundNew York Public Library for the Performing Arts. (28. November  – 7. April 2018).

Kurator: Jonathan Hiam.

*) Als weitere umfassende Sound-Archive, die nicht nur Musik, sondern auch vernakuläre Klänge, vor allem historisch, erfassen, seien hier genannt: das Archive of Recorded Sound der Stanford University; das Sound Archive der British Library; das Berliner Phonogramm-Archiv.