Digital Culture · Erinnerung · Publication · Social Media · Tanz

Heimat – Tanz – Digital

Heimat Tanz
Auszug aus dem aktuellen Jahrbuch Tanz 2018, Berlin: der Theaterverlag Friedrich Berlin

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Was ist Heimat? Und welche Rollen kommen digitalen Medien im Vermitteln von Heimatgefühl zuteil? Für das diesjährige Jahrbuch Tanz sprach ich mit drei jungen Tänzern des Bayerischen Juniorballetts München/ Junior Company über diese Fragen. Was bedeutet Heimat für sie, die aus Australien, Texas und Berlin für ihre weitere Ausbildung und erste Engagements nach Europa kamen und aktuell in München als Stipendiaten der Heinz Bosl-Stiftung lernen und leben? Ist Zuhause ein physischer Ort? –

Artikel und Interview sind im Jahrbuch Tanz 2018 abgedruckt, das es seit 21. August 2018 im Handel gibt und über den Theaterverlag, Buchhandlungen und gut sortierte Zeitschriftenläden erhältlich ist.

Buchbesprechung · Erinnerung · Fotografie · Media History · Photography · visual arts · Visual Culture

Rezension: “Eine Fotografie. Über die transdisziplinären Möglichkeiten der Bildforschung” (I. Ziehe & U. Hägele, 2017)

 

3664grossBilder tragen in ihrer Gegenwärtigkeit Vergangenes. Historizität.

Walter Benjamin schreibt bekanntlich in seinem Kunstwerk-Aufsatz, man habe lange behauptet, dass „’Nicht der Schrift-, sondern der Photographieunkundige […] der Analphabet der Zukunft‘“ sein werde. Allerdings müsse doch aber „nicht weniger als ein Analphabet ein Photograph gelten, der seine eigenen Bilder nicht lesen“ könne, womit er darauf abzielt zu fragen, ob nicht eigentlich „die Beschriftung […] zum wesentlichsten Bestandteil der Aufnahme“ werde.

Immerhin tragen heutige digitale Bilder ihre Informationen mit sich, ihre Metadaten, bestehend aus Angaben zur Zeit, oft Geodaten zum Ort der Aufnahme, Daten zu ihrer Auflösung, ihren Maßen. Damit ist künftigen Generationen von Bildforschern schon ein gutes Stück geholfen. Annotationen der Bildkreier und ihrer Betrachter tragen ihr übriges bei, digitale Bilder zu kontextualisieren. Was aber, wenn diese Informationen fehlen, wie bei älteren Fotografien üblich? Wenn Fotografie oder visuelles Artefaktum ‚nackt‘ daher kommen, ohne Metadaten, ohne Kontext? Dann wird aus einer möglicherweise einst (für die Fotografen, Knipser, ihre Rezipienten oder die dargestellten Subjekte) bedeutsamen Aufnahme schlicht „eine Fotografie“. Dies fragen und befragen die Autoren – Bildwissenschaftler, Archivare, Kuratoren, Fotografen – in dem von Irene Ziehe und Ulrich Hägele herausgegebenen und 2017 bei Waxmann erschienenen Band Eine Fotografie. Über die transdisziplinären Möglichkeiten der Bildforschung.

Für HSozKult habe ich den Band besprochen.

Irene Ziehe, Ulrich Hägele (Hg.): Eine Fotografie. Über die transdisziplinären Möglichkeiten der Bildforschung. Münster: Waxmann 2017.

 

Archiv · Erinnerung · Wissenschaftsalltag · Zeitgeschichte

Kurt Hubers letzte Notiz. – Teilt, teilt, teilt mit!

Vor einigen Tagen fuhr ich in der Pariser Métro zurück vom Archiv zu meiner aktuellen Bleibe. Gerade hatte ich in den Unesco Archives die Akten aus dem Jahr 1947 über die Frage, ob Deutschland als so genannter “ex-enemy state” (schon) in die Unesco aufgenommen solle/ könne/ dürfe studiert, die man sehr ausgiebig diskutierte. Als Bahn-Lektüre diente mir die aktuelle Ausgabe des hochschul- und wissenschaftspolitischen Journals Forschung & Lehre. Zum Gedenken an die Widerstandsgruppe Die Weiße Rose war in dieser Ausgabe (3/18) die letzte Notiz des Münchner Professors Kurt Huber abgedruckt, der der Gruppe angehörte. Die Notiz fertigte er vor 75 Jahren, kurz bevor man ihm vor dem Volksgerichtshof den Prozess machte und ihn zum Tode verurteilte. Im Angesicht des Todes schrieb Kurt Huber seine Zeilen, darunter diese letzten:

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Flugblätter der Weißen Rose. Denkmal am Hauptgebäude der Ludwig-Maximilians-Universität München. 

“Sie haben mir den Rang und die Rechte des Professors und den “summa cum laude” erarbeiteten Doktorhut genommen und mich dem niedrigsten Vebrecher gleichgestellt. Die innere Würde des Hochschullehrers, des offenen, mutigen Bekenners seiner Welt- und Staatsanschauung, kann mir kein Hochverratsverfahren rauben. Mein Handeln und Wollen wird der eherne Gang der Geschichte rechtfertigen; darauf vertraue ich felsenfest. […] Ich habe gehandelt, wie ich aus einer inneren Stimme heraus handeln  mußte.”

Ich war von diesem Text, dieser Klarheit, Aufrichtigkeit und Geradlinigkeit so bewegt, dass mir die Tränen kamen. Voller Ehrfurcht vor Hubers Haltung und Worten, die ich stellvertretend für die anderen Mitglieder der Widerstandsgruppe las, blieb ich für den restlichen Tag stumm.

Als ich die Redaktion der Forschung & Lehre um ein Digitalisat und die Erlaubnis bat, diesen so wichtigen Text mit meinen Kollegen und Freunden zu teilen, haben sie sofort eingewilligt. Ich danke an dieser Stelle Felix Grigat für den netten Austausch und die Erlaubnis. Der vollständige Text ist hier als pdf verfügbar. 

Teilt, teilt, teilt. Und teilt mit!

 

 

Archiv · Digitales Kuratieren, Digital Curating · Erinnerung · Forscher-Freuden

Rock ‘n’ Roll im Repositorium, oder: Arbeit im Archiv

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Digitalisierung hilft. Manche Funde indes entpuppt nur das Blättern durchs Analoge. (Foto und Verfremdung: Nic Leonhardt)

Arbeiten im Archiv kann anstrengend sein. Wer sich je für eine kleinere oder größere Forschungsarbeit in die Bauten kultureller Gedächtnisse begeben musste, weiß, wovon ich spreche. Sich in die Systematik eines Archivs – die von Wissensspeicher zu Wissensspeicher variieren und erst einmal ernüchternde, einschüchternde Unwissenheit produzieren kann – einzuarbeiten, ist das Eine. Wenn ich nicht durchblicke, wie dieses oder jenes Archiv funktioniert, lässt es mich auflaufen. Gnadenlos. Es ist dies die Macht des Archivs, das Diktat, das es über mich hat. “Archives – as records – wield power over the shape and direction of historical scholarship, collective memory, and national identity, over how we know ourselves as individuals, groups, and societies”, schreiben Joan M. Schwartz und Terry Cook in einem Aufsatz zu “Archives, Records, and Power” (in Archival Science, 2, 2002, S.-1-19, hier S. 2). Das Andere können die Archivare selbst sein, die als Herrscherinnen und Herrscher des Wissens über die archivalische Ordnung gelegentlich zu Gatekeepern werden: “[I]n the pursuit of their professional responsibilities, archivists – as keepers of archives – wield power over those very records central to memory and identity formation through active management of records […]”, so Schwartz und Cook ebd.

Wenn ich mit Kollegen, die auch historisch arbeiten, über die Arbeit im Archiv spreche, hat jede/r von ihnen vergleichbare Erlebnisse über die Sperren, die Schranken zu berichten, denen wir ausgesetzt werden (und uns aussetzen, weil wir “wissen” wollen). Die Anekdoten sind abendfüllend. Zum Glück gibt es auch Freuden. Und wie tief die gehen können, lässt sich vielleicht auch nur mit denen teilen, die sie selbst schon mal erfahren haben. Die diesen Moment kennen, wenn man nach stunden- oder tagelangem Buddeln diesen einen Satz findet, einen Hinweis, ein Bild, ein Puzzleteilchen, das eine Antwort gibt, die in der Luft lag – und das hilft, eine neue Frage zu formulieren. So dass es weiter geht. “Weiter”, das heißt: einer neuen Spur folgen, neue Akten aus dem Repositorium ordern, –  und nachts vor Vorfreude auf ihre Sichtung den Schlaf nicht kommen lassen. Er ist der Freude hinderlich.

Arbeiten in Archiven kann anstrengend sein. Auch physisch. Oft sind weite Reisen notwendig, lange Anreisewege innerstädtisch, Eingangskontrolle, Überprüfung der Identität, Schließfach, keine Münze zur Hand – diese Dinge. Die Archivräume selbst können kalt sein, um das Material zu schützen. Die eigentlichen Stars sind hier die Ordner, Kästen und Atlanten, nicht die Nutzer, so dass man sich freuen kann, wenn es halbwegs bequeme Sitz- und Arbeitsplätze gibt. Essen und trinken sind natürlich nicht erlaubt, nicht Kaugummi, nicht Handcreme. Als ich damals meine Doktorarbeit schrieb, wurde ich mit Handschriften konfrontiert, die ich nicht lesen konnte – ich hätte kapitulieren und das Thema wechseln können. Die Schrift zu lernen, schien mir wertvoller, wenn auch zeitaufwändiger. Zeit ist immer knapp, also sind Pausen knapp, also leidet die Körperhaltung, leiden die Augen. Weil das aber allen so geht, lässt sich das in Kauf nehmen. Geteiltes Leid ist halbes … – Ihr wisst: Glück verdoppelt.

Arbeiten im Archiv kann anstrengend sein. Aber es ist auch wie ins Kino gehen. Wenn ich da so sitze und meinen Blick schweifen lasse, auch um die müden Augen für eine Weile von ihrem fokussierten Starren aufs Material zu entlasten, sehe ich die anderen Archivnutzerinnen und -nutzer, Kollegen und Freunde im Geiste, wie sie nichts, aber auch nichts sehen als das, was vor ihnen liegt. Und ich weiß: sie sind gerade gar nicht da. Zwar sitzen da ihre Körper, ich sehe ihre Strickjacken und die verhakten Beine, die entglittene Mimik … – aber ihre Köpfe sind woanders. Sie sind im Kontext, im Diskurs der Spuren, die sie verfolgen. Könnten Verschaltungen von Synapsen und Relationen, die wir automatisch herstellen, wenn wir versuchen, dem uns Dargebotenen einen Sinn zu geben, oder doch zumindest ein Verständnis zu entlocken, Geräusche machen, es wäre geschehen  um die Stille in der Sammlung. Da wäre Heavy Metal im Reading Room, Rock ‘n’ Roll im Repositorium – und das staubige, gelegentlich von Säurebefall geschädigte Papier zerstöbe in Brösel, zerstöbe… Aber es ist still, nur Flüstern und Rascheln, ein Magenknurren an Tisch 7.

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Arbeit im Archiv kann anstrengend sein. Eine alte Heizung wird dann zum Schatz. (Foto: Nic Leonhardt)

Mehr und mehr gibt es digitale Archive und digitalisierte Archivmaterialien, die sich sehr bequem zu Hause oder im gut gewärmten Büro sichten lassen. Auf großen Bildschirmen und in guter Auflösung. Über Stichwortsuchen lassen sich Text- und Bildmaterialien in wenigen Minuten erheben, das ist eine Arbeitserleichterung und Entlastung, die wahrlich ihres Gleichen sucht. Die Digitalisierung ist aber nicht nur für Archivbesucher von Vorteil, sondern dient auch der Präservation besonders brüchigen Materials. Die oben aufgeführten Strapazen bringen sie nicht mit sich. Was für ein Fortschritt für uns Forscher! – Und doch braucht es noch beides: die digital kuratierten und die konventionell verwahrten Bestände und Zugänge.

In der vergangenen Woche blätterte ich in den Unesco Archives in Paris einen nicht digital verfügbaren Akt aus dem Jahre 1947 durch und blieb an einer Stelle hängen. Ein archivales Punctum, um Roland Barthes’ Idee zu leihen. Das hat man manchmal im Archiv, eine Eingebung, dass ein Schnipsel potentielle Relevanz strahlt. Ein Produkt des Blätterns war diese Stelle, die ich in einer digitalisierten Quelle nicht gefunden hätte, nicht unbedingt jedenfalls, und die mich auf eine gänzlich neue Spur brachte. Über eine Woche verfolgte ich diese Spur, die Archivarin setzte all ihr Katalog- und Referenzwissen ein, sie teilte ihre Macht über das Erinnern, um mir zu ermöglichen, vergangenes Wissen neu zu lesen. Stieg in die Keller, klickte sich durch die virtuellen Zettelkästen, blätterte alte Findbücher, konsultierte ihre Kollegen. Kurz vor Schließung des Lesesaals gestern Abend fand ich dann den entscheidenden Absatz, den ich eine Woche gesucht hatte. Wir haben dann ein bisschen gefeiert, alle zusammen. –

Arbeiten im Archiv kann anstrengend sein. Manchmal gibt es aber auch magische Momente. Die aufgetane Fundstelle erfordert nun eine weitere neue Frage. Neue Spur verfolgen, Die Akten sind bestellt. Damit es weiter geht. Weiter heißt:  Vorfreudiges Aufgebot. Arbeit im Archiv.

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Meine Forschung wird derzeit gefördert durch das ERC-Projekt Developing Theatre an der LMU München sowie ein Fellowship am Deutschen Historischen Institut Paris.

Erinnerung · Experiential Research · Media History · Musikgeschichte · Popkultur · Popular Culture · Social Media

Computerliebe. Ein Essay

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Computer Nr. 3. France Gall. Plattencover von Decca, 1968.

Am 7. Januar 2018 verstarb die Sängerin France Gall (Isabelle Genevieve Marie Anne Gall), der wir den unglaublichen Song Computer Nr 3 verdanken. 1968 kam er heraus, also vor nurmehr 50 Jahren.

Es war mehr Zufall, dass ich vor zwei Jahren über dieses Lied stolperte, das mir bis dato unbekannt war. Wer auf digitalen Plattformen nach Produkten, Personen, Artefakten et cetera sucht, erhält bekanntlich auch automatisch generierte, den Resultaten vergleichbare Empfehlungen verwandter Ergebnisse. So auch auf YouTube. Auf meine Suche nach einem anderen Stück aus den sechziger Jahren wurde mir zum Anhören eben auch Computer Nr. 3 vorgeschlagen. Das empfohlene Video zeigte France Galls Auftritt bei der Endrunde des Ersten Deutschen Schlagerwettbewerbs, die am 4. Juli 1968 live aus der Philharmonie in Berlin im ZDF übertragen wurde. Walter Giller moderierte. Veranstalter war der “Verein zur Förderung der deutschen Tanz- und Unterhaltungsmusik“, Deutschlandfunk, ZDF.

Computer Nr. 3 erreichte Platz 3 im Wettbewerb. (Auf dem ersten Platz lag das Lied Harlekin, gesungen von Siw Malmkvist, auf dem zweiten der Song Wärst du doch in Düsseldorf geblieben, gesungen von Dorthe).

Der Refrain von Computer Nr. 3 lautet:

Der Computer Nr. 3 sucht für mich den richtigen Boy, und die Liebe ist garantiert für beide dabei. Der Computer weiß genau für jeden Mann die richtige Frau, und das Glück fällt im Augenblick aus seiner Kartei.

Verblüffend an diesem Liedtext, der aus der Feder des deutschen Schlagertexters Georg Buscher (1923-2005) stammte, die Komposition von Christian Bruhn (geb. 1934), scheint aus heutiger Sicht die inhaltliche Nähe zu den Leitlinien und Möglichkeiten von online-Dating-Plattformen wie Elite Partner, Parship oder Tinder. Verblüffend deswegen, weil es in den 1960er Jahren diese Plattformen noch nicht gibt, der Text jedoch ihre Möglichkeiten visionär vorwegnimmt; und, mehr noch, ist zwar der Begriff des Computers seit etwa 1962 gebräuchlich; allerdings gibt es keinen Computer, der annähernd zu dem in der Lage ist, was France Gall in ihrem lyrischen Ich sich hier erdichtet: „für jeden Mann die richtige Frau zu finden“. Schaut man in die Geschichte der Computer, so lässt sich für das Entstehungsjahr dieses Songs, 1968, notieren, dass die amerikanische Firma Hewlett Packard den Computer Nr. 9100 A auf den Markt bringt, den ersten technischen Desktop Computer von HP; im Grunde kann man ihn auch als eine Rechenmaschine bezeichnen. In den zeitgenössischen Werbeanzeigen schrieb man ihm allerhand Fähigkeiten zu – , nicht aber, dass er in der Lage sei, Männer und Frauen zu verbinden.

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Computer Nr. 9100A von Hewlett Packard, 1968

France Galls Hit nahm ich zum Anlass, nach weiteren populärkulturellen Phänomenen zu fahnden, die thematisieren, wie neue Technologien zwischenmenschliche Beziehungen verhandeln, befördern oder auch verhindern.

Meine Überlegungen habe ich in Computerliebe _ Ein Essay von Nic Leonhardt zusammengetragen. Sie sind lange nicht vollendet; über Ergänzungen freue ich mich.

“Lange war ich einsam, heut’ bin ich verliebt,
und nur darum ist das so,
weil es die Technik und die Wissenschaft
und Elektronengehirne gibt.”

(France Gall, Computer Nr. 3, 1968)