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Computerliebe. Ein Essay

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Computer Nr. 3. France Gall. Plattencover von Decca, 1968.

Am 7. Januar 2018 verstarb die Sängerin France Gall (Isabelle Genevieve Marie Anne Gall), der wir den unglaublichen Song Computer Nr 3 verdanken. 1968 kam er heraus, also vor nurmehr 50 Jahren.

Es war mehr Zufall, dass ich vor zwei Jahren über dieses Lied stolperte, das mir bis dato unbekannt war. Wer auf digitalen Plattformen nach Produkten, Personen, Artefakten et cetera sucht, erhält bekanntlich auch automatisch generierte, den Resultaten vergleichbare Empfehlungen verwandter Ergebnisse. So auch auf YouTube. Auf meine Suche nach einem anderen Stück aus den sechziger Jahren wurde mir zum Anhören eben auch Computer Nr. 3 vorgeschlagen. Das empfohlene Video zeigte France Galls Auftritt bei der Endrunde des Ersten Deutschen Schlagerwettbewerbs, die am 4. Juli 1968 live aus der Philharmonie in Berlin im ZDF übertragen wurde. Walter Giller moderierte. Veranstalter war der “Verein zur Förderung der deutschen Tanz- und Unterhaltungsmusik“, Deutschlandfunk, ZDF.

Computer Nr. 3 erreichte Platz 3 im Wettbewerb. (Auf dem ersten Platz lag das Lied Harlekin, gesungen von Siw Malmkvist, auf dem zweiten der Song Wärst du doch in Düsseldorf geblieben, gesungen von Dorthe).

Der Refrain von Computer Nr. 3 lautet:

Der Computer Nr. 3 sucht für mich den richtigen Boy, und die Liebe ist garantiert für beide dabei. Der Computer weiß genau für jeden Mann die richtige Frau, und das Glück fällt im Augenblick aus seiner Kartei.

Verblüffend an diesem Liedtext, der aus der Feder des deutschen Schlagertexters Georg Buscher (1923-2005) stammte, die Komposition von Christian Bruhn (geb. 1934), scheint aus heutiger Sicht die inhaltliche Nähe zu den Leitlinien und Möglichkeiten von online-Dating-Plattformen wie Elite Partner, Parship oder Tinder. Verblüffend deswegen, weil es in den 1960er Jahren diese Plattformen noch nicht gibt, der Text jedoch ihre Möglichkeiten visionär vorwegnimmt; und, mehr noch, ist zwar der Begriff des Computers seit etwa 1962 gebräuchlich; allerdings gibt es keinen Computer, der annähernd zu dem in der Lage ist, was France Gall in ihrem lyrischen Ich sich hier erdichtet: „für jeden Mann die richtige Frau zu finden“. Schaut man in die Geschichte der Computer, so lässt sich für das Entstehungsjahr dieses Songs, 1968, notieren, dass die amerikanische Firma Hewlett Packard den Computer Nr. 9100 A auf den Markt bringt, den ersten technischen Desktop Computer von HP; im Grunde kann man ihn auch als eine Rechenmaschine bezeichnen. In den zeitgenössischen Werbeanzeigen schrieb man ihm allerhand Fähigkeiten zu – , nicht aber, dass er in der Lage sei, Männer und Frauen zu verbinden.

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Computer Nr. 9100A von Hewlett Packard, 1968

France Galls Hit nahm ich zum Anlass, nach weiteren populärkulturellen Phänomenen zu fahnden, die thematisieren, wie neue Technologien zwischenmenschliche Beziehungen verhandeln, befördern oder auch verhindern.

Meine Überlegungen habe ich in Computerliebe _ Ein Essay von Nic Leonhardt zusammengetragen. Sie sind lange nicht vollendet; über Ergänzungen freue ich mich.

“Lange war ich einsam, heut’ bin ich verliebt,
und nur darum ist das so,
weil es die Technik und die Wissenschaft
und Elektronengehirne gibt.”

(France Gall, Computer Nr. 3, 1968)

Allgemein · Experiential Research · Mensch & Tier · Work-Life Balance

Backwaters

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Backwaters in Kerala, India (photo: Nic Leonhardt)

I made this short film (klick on the pic above) when standing on the bow of a wooden ship cruising on the backwaters of Kerala, India, last summer.
Initially I had planned to add music to this gentle cruise; yet I finally decided to let nature’s own sound sing to you.
You might want to turn the sound off and indulge in the visuals; or  add your own music for enhancing or changing the movie’s character.

Enjoy! And be good to yourself 🙂

Experiential Research · Nuggets

Veo veo

Hügel über Shilparamam, Hyderabad (Indien). Foto: Nic Leonhardt
Hügel über Shilparamam, Hyderabad (Indien). Foto: Nic Leonhardt

Da steht er nun und blickt in die Ferne auf Bäume, Räume und Gebäude, die er nicht mehr bewachen, nicht mehr befeuern kann. Dumm gelaufen: Gewehr stibitzt. – Von hinten sieht nun seine rechte, in die Luft gehobene Hand wie ein Gruß aus, oder eine Drohgebärde. Von vorne gesehen, sieht man die Finger vergeblich etwas krallen, was nicht mehr da ist. Von hinten Bedrohung, von vorne ein Jammerlappen. Entmachtet. Ein Feldherrenhügel ohne Feldherr.
Den Feldstecher in ihren Händen, wacht Sie als wahre Herrscherin über den panoramatischen Blick. Von hinten wie von vorn. Ihre Sandalen sind Kothurn. Sie spielt die Größe. Die sie hat. Sie spielt  – sie aus. Ich sehe was, was du nicht siehst: Sieht so viel mehr als Er. – “Veo veo”.

Zur Feier des Tages steht die bunte Dose mit den Seifenblasen schon bereit.

Sie werden über seinen Soldatenschädel in die Ferne schweben.

Experiential Research · Photography · Theaterzauber

Punctum

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Augen: meine. Foto: ich.

Die Mediathek lief. Eine Krimiserie zur Morgengymnastik. Da wirkte ein Schauspieler mit, den ich irgendwoher zu kennen glaubte. Diese Augen. Aber es war nicht wie gewöhnlich, also dass man einen Schauspieler einfach so zu (er)kennen glaubt, sondern ich wusste, dass ich mit diesem Gesicht, mit diesem Blick, genau mit diesem dunklen, schönen Augenpaar und den sehr eigenen Nasolabialfalten über eine erinnert längere Zeit einen sehr intensiven, intimen, ja anziehendverstörenden Austausch hatte…Wann war das? Belladonna. Wo? Nur das Bild hatte sich mir eingefräst. Barthes’ Punctum! Das Studium?

Ich recherchierte und fand. Schockiert war ich zu lesen, dass diese Augen mittlerweile für immer geschlossen sind. Dabei war es doch erst neulich? Guntram Brattia. Er spielte/ wir trafen uns am Münchner Residenztheater in Eurydice:: Noir Désir, dieser eigenwilligen Arbeit von Bernhard Mikeska, deren intimer Konfrontation von Schauspieler und Zuschauer ich diese Begegnung verdanke. Guntram Brattia sitzt da in einem Drecksloch und raucht. Er ist ziemlich unfreundlich in dem/ als das, was er da spielt: (im Video ab Minute 1:10) Da sitzt er und wandelt und raucht und schaut und blickt und starrt. Mich an. Euch an.

Nie mehr. Nur noch im Fernsehen.

Jetzt sitzt da das Foto im Kopf. Ein eingefrästes Bild von einem Bild. Raucht und schaut und trägt Vergänglichkeit in sich. Sitzt und wandelt und blickt  mich immer noch an wie morgen Du.

So intensiv kann nur Theater wirken. (Oder das Leben)

Allgemein · Experiential Research · Nuggets · Photography

Bildgebende Verfahren

“Röntgens Rätsel” (Schattenbilder, Serie 3, Nic Leonhardt)

„Natürlich sind Fotografien Kunstprodukte. Aber in einer von fotografischen Relikten übersäten Welt haben sie offenbar auch als Fundobjekte ihren Reiz, als zufällige Ausschnitte der Welt. Sie profitieren also gleichzeitig vom Prestige der Kunst und von der Magie der Wirklichkeit. Sie sind wolkige Gebilde der Phantasie und winzige Informationssplitter.“

(Susan Sontag, Über Fotografie)

Experiential Research · Media History

Schattentanz / Tanzschatten – Eine Bilderserie zum Zeichnen mit Licht

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Diese Serie hat der Zufall begonnen: beim Tanzen schien die Abendsonne durchs Fenster und   warf den tanzenden Schatten – meinen Schatten im Tanz – an die weiße Wand, überdimensioniert, aber doch klar erkennbar. Ich nahm meine Kamera zur Hand, um dieses unmittelbar „von der Natur gepinselte“ Schattenbild aufzunehmen. Die Herausforderung lag nicht darin, der Tanzbewegung für den Moment der Aufnahme Einhalt zu gebieten, sondern den Schattenwurf der Kamera, die ich ja selbst hielt, im Bild zu unterdrücken. Es gelang, aber die Körperbewegungen richteten sich fortan nach ihrer Schattenwirkung. Eine ganze Serie ist daraus entstanden – Schattentanz/Tanzschatten-Bilder -;  das hier wiedergegebene (einmal horizontal gespiegelte) Bild ist nur ein Baustein.

Den Schatten als Bild zu erkennen – und mannigfaltig medial aufzuzeichnen – , zieht sich durch die Geschichte von Kunst und Medien. Zwei Referenzen drangen sich mir im Kontext dieses Momentes des Bilder-Aufnehmens auf, in denen einmal der Schatten auf Bühnenboden und See fällt und in einer Lithographie festgehalten wird, und einmal auf ein Blatt Papier von Künstlerhand gezeichnet und von der Sonne / Photo-Chemie fixiert ist: Die unten  abgebildete Lithographie zeigt Fanny Elssler im „Shadow Dance“/ „Schattentanz“ aus dem Ballett La Sylphide, angefertigt 1846 durch Sarony & Major. (Napoleon Sarony (1821-1896) begann knapp zehn Jahre später seine Arbeit als Photograph). Die Lithographen beleuchten den Moment, in dem das (fingierte) Mondlicht Sylphides /Elsslers Tanz als Schatten auf der Oberfläche eines Sees abzeichnet.

Fanny Elssler Shadow Dance La Sylphide

In zeitlicher Nähe zu dieser Lithographie, nämlich 1844, veröffentlicht William Henry Fox Talbot (1800-1877) sein Buch The Pencil of Nature. Darin beschreibt er zu Beginn, wie er mit Hilfe einer Camera Obscura die Umrisse von Objekten aufzuzeichnen vermochte. „This method was, to take a Camera Obscura, and to throw the image of the objects on a piece of transparent tracing paper laid on a pane of glass in the focus of the instrument. On this paper the objects are distinctly seen, and can be traced on it with a pencil with some degree of accuracy, though not without much time and trouble. […] And this led me to reflect on the inimitable beauty of the pictures of nature’s painting which the glass lens of the Camera throws upon the paper in its focus—fairy pictures, creations of a moment, and destined as rapidly to fade away. It was during these thoughts that the idea occurred to me…how charming it would be if it were possible to cause these natural images to imprint themselves durably, and remain fixed upon the paper!“(http://www.gutenberg.org/files/33447/33447-pdf.pdf) Das gelingt Talbot schließlich auch: er platziert verschiedene Objekte auf mit Kochsalz und Silbernitrat präpariertes und dadurch lichtempfindlich gewordenes Papier und lässt die Sonnen wirken: die belichteten Stellen färben sich dunkel, die durch die Objekte belegten Stellen bleiben hell, die Umrisse der Objekte „zeichnen sich ab“. „Sciagraphs“ nennt er diese Bilder:„Schattenzeichnungen“!