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EASTAP – Neue Assoziation für Dialog und Forschung über Theater in Europa

EASRAP HorizontalIch kann mich noch sehr gut an diesen einen Sommerabend erinnern, als wir anlässlich der Jahrestagung der International Federation for Theatre Research (IFTR) 2016 in Stockholm unter Kollegen in der U-Bahn darüber sprachen, dass Europa eine so reiche Theaterszene und -geschichte aufweist, wir aber in der gemeinsamen Erforschung und hinsichtlich des Austauschs europäischer theaterwissenschaftlicher Kompetenz noch einige Hausaufgaben zu machen hatten. Ein Defizit und Desiderat. Befanden wir alle, während wir so durch die schwedische Hauptstadt tuckerten.

Allen voran Josette Féral (Sorbonne, Paris) schlug bald darauf die Gründung einer Assoziation für die Erforschung von Theater und Performance in Europa vor. Und dann ging alles ziemlich schnell: sie fragte an und hörte sich um, viele weitere Kollegen fingen Feuer für die Idee, erste Treffen fanden statt, Task Forces wurden gebildet, – et voilà: bereits ein Jahr später, wurde im Oktober 2017EASTAP gegründet, die European Association for the Study of Theatre and Performance! 

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Théâtre des Bouffes du Nord, Paris (Foto: Nic Leonhardt)

Seit wenigen Tagen nun ist die Gesellschaft auch offiziell registriert, mit Josette Féral als Präsidentin und Daniele Vianello (Italien) als Vize-Präsident. 450 Mitglieder zählt EASTAP bereits, sie stammen aus 25 Ländern.

Die erste EASTAP-Konferenz findet vom 25.-28. Oktober 2018 in Paris statt, unter dem programmatischen Thema “Decentering European Vision(s): The Emergence of New Forms”. (cfp in Englisch / cfp in Französisch).

Im Dezember dieses Jahres soll auch die erste Ausgabe des European Journal of Theatre and Performance herauskommen. Ein call for proposals wird bald auf der EASTAP-Website veröffentlicht.

 

Vielleicht sollte man häufiger zusammen U-Bahn fahren, wenn man etwas bewegen will.

Großer Glückwunsch und große Vorfreude aufs gemeinsame Denken und Machen!

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Rock ‘n’ Roll im Repositorium, oder: Arbeit im Archiv

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Digitalisierung hilft. Manche Funde indes entpuppt nur das Blättern durchs Analoge. (Foto und Verfremdung: Nic Leonhardt)

Arbeiten im Archiv kann anstrengend sein. Wer sich je für eine kleinere oder größere Forschungsarbeit in die Bauten kultureller Gedächtnisse begeben musste, weiß, wovon ich spreche. Sich in die Systematik eines Archivs – die von Wissensspeicher zu Wissensspeicher variieren und erst einmal ernüchternde, einschüchternde Unwissenheit produzieren kann – einzuarbeiten, ist das Eine. Wenn ich nicht durchblicke, wie dieses oder jenes Archiv funktioniert, lässt es mich auflaufen. Gnadenlos. Es ist dies die Macht des Archivs, das Diktat, das es über mich hat. “Archives – as records – wield power over the shape and direction of historical scholarship, collective memory, and national identity, over how we know ourselves as individuals, groups, and societies”, schreiben Joan M. Schwartz und Terry Cook in einem Aufsatz zu “Archives, Records, and Power” (in Archival Science, 2, 2002, S.-1-19, hier S. 2). Das Andere können die Archivare selbst sein, die als Herrscherinnen und Herrscher des Wissens über die archivalische Ordnung gelegentlich zu Gatekeepern werden: “[I]n the pursuit of their professional responsibilities, archivists – as keepers of archives – wield power over those very records central to memory and identity formation through active management of records […]”, so Schwartz und Cook ebd.

Wenn ich mit Kollegen, die auch historisch arbeiten, über die Arbeit im Archiv spreche, hat jede/r von ihnen vergleichbare Erlebnisse über die Sperren, die Schranken zu berichten, denen wir ausgesetzt werden (und uns aussetzen, weil wir “wissen” wollen). Die Anekdoten sind abendfüllend. Zum Glück gibt es auch Freuden. Und wie tief die gehen können, lässt sich vielleicht auch nur mit denen teilen, die sie selbst schon mal erfahren haben. Die diesen Moment kennen, wenn man nach stunden- oder tagelangem Buddeln diesen einen Satz findet, einen Hinweis, ein Bild, ein Puzzleteilchen, das eine Antwort gibt, die in der Luft lag – und das hilft, eine neue Frage zu formulieren. So dass es weiter geht. “Weiter”, das heißt: einer neuen Spur folgen, neue Akten aus dem Repositorium ordern, –  und nachts vor Vorfreude auf ihre Sichtung den Schlaf nicht kommen lassen. Er ist der Freude hinderlich.

Arbeiten in Archiven kann anstrengend sein. Auch physisch. Oft sind weite Reisen notwendig, lange Anreisewege innerstädtisch, Eingangskontrolle, Überprüfung der Identität, Schließfach, keine Münze zur Hand – diese Dinge. Die Archivräume selbst können kalt sein, um das Material zu schützen. Die eigentlichen Stars sind hier die Ordner, Kästen und Atlanten, nicht die Nutzer, so dass man sich freuen kann, wenn es halbwegs bequeme Sitz- und Arbeitsplätze gibt. Essen und trinken sind natürlich nicht erlaubt, nicht Kaugummi, nicht Handcreme. Als ich damals meine Doktorarbeit schrieb, wurde ich mit Handschriften konfrontiert, die ich nicht lesen konnte – ich hätte kapitulieren und das Thema wechseln können. Die Schrift zu lernen, schien mir wertvoller, wenn auch zeitaufwändiger. Zeit ist immer knapp, also sind Pausen knapp, also leidet die Körperhaltung, leiden die Augen. Weil das aber allen so geht, lässt sich das in Kauf nehmen. Geteiltes Leid ist halbes … – Ihr wisst: Glück verdoppelt.

Arbeiten im Archiv kann anstrengend sein. Aber es ist auch wie ins Kino gehen. Wenn ich da so sitze und meinen Blick schweifen lasse, auch um die müden Augen für eine Weile von ihrem fokussierten Starren aufs Material zu entlasten, sehe ich die anderen Archivnutzerinnen und -nutzer, Kollegen und Freunde im Geiste, wie sie nichts, aber auch nichts sehen als das, was vor ihnen liegt. Und ich weiß: sie sind gerade gar nicht da. Zwar sitzen da ihre Körper, ich sehe ihre Strickjacken und die verhakten Beine, die entglittene Mimik … – aber ihre Köpfe sind woanders. Sie sind im Kontext, im Diskurs der Spuren, die sie verfolgen. Könnten Verschaltungen von Synapsen und Relationen, die wir automatisch herstellen, wenn wir versuchen, dem uns Dargebotenen einen Sinn zu geben, oder doch zumindest ein Verständnis zu entlocken, Geräusche machen, es wäre geschehen  um die Stille in der Sammlung. Da wäre Heavy Metal im Reading Room, Rock ‘n’ Roll im Repositorium – und das staubige, gelegentlich von Säurebefall geschädigte Papier zerstöbe in Brösel, zerstöbe… Aber es ist still, nur Flüstern und Rascheln, ein Magenknurren an Tisch 7.

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Arbeit im Archiv kann anstrengend sein. Eine alte Heizung wird dann zum Schatz. (Foto: Nic Leonhardt)

Mehr und mehr gibt es digitale Archive und digitalisierte Archivmaterialien, die sich sehr bequem zu Hause oder im gut gewärmten Büro sichten lassen. Auf großen Bildschirmen und in guter Auflösung. Über Stichwortsuchen lassen sich Text- und Bildmaterialien in wenigen Minuten erheben, das ist eine Arbeitserleichterung und Entlastung, die wahrlich ihres Gleichen sucht. Die Digitalisierung ist aber nicht nur für Archivbesucher von Vorteil, sondern dient auch der Präservation besonders brüchigen Materials. Die oben aufgeführten Strapazen bringen sie nicht mit sich. Was für ein Fortschritt für uns Forscher! – Und doch braucht es noch beides: die digital kuratierten und die konventionell verwahrten Bestände und Zugänge.

In der vergangenen Woche blätterte ich in den Unesco Archives in Paris einen nicht digital verfügbaren Akt aus dem Jahre 1947 durch und blieb an einer Stelle hängen. Ein archivales Punctum, um Roland Barthes’ Idee zu leihen. Das hat man manchmal im Archiv, eine Eingebung, dass ein Schnipsel potentielle Relevanz strahlt. Ein Produkt des Blätterns war diese Stelle, die ich in einer digitalisierten Quelle nicht gefunden hätte, nicht unbedingt jedenfalls, und die mich auf eine gänzlich neue Spur brachte. Über eine Woche verfolgte ich diese Spur, die Archivarin setzte all ihr Katalog- und Referenzwissen ein, sie teilte ihre Macht über das Erinnern, um mir zu ermöglichen, vergangenes Wissen neu zu lesen. Stieg in die Keller, klickte sich durch die virtuellen Zettelkästen, blätterte alte Findbücher, konsultierte ihre Kollegen. Kurz vor Schließung des Lesesaals gestern Abend fand ich dann den entscheidenden Absatz, den ich eine Woche gesucht hatte. Wir haben dann ein bisschen gefeiert, alle zusammen. –

Arbeiten im Archiv kann anstrengend sein. Manchmal gibt es aber auch magische Momente. Die aufgetane Fundstelle erfordert nun eine weitere neue Frage. Neue Spur verfolgen, Die Akten sind bestellt. Damit es weiter geht. Weiter heißt:  Vorfreudiges Aufgebot. Arbeit im Archiv.

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Meine Forschung wird derzeit gefördert durch das ERC-Projekt Developing Theatre an der LMU München sowie ein Fellowship am Deutschen Historischen Institut Paris.

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70 Jahre I.T.I. – Nuggets aus dem Archiv

ITI Gründung auf der Titelseite des Courier July 1948, Vol I , No 6
Titelblatt des Unesco Courier, Vol I, 6, 1948. Der Bericht über den ersten ITI-Kongress in Prag, 28. Juni bis 3. Juli 1948, ist Aufmacher.

(Artikel aktualisiert & ergänzt durch neues Material per 27.02.18)

Es ist kaum vorstellbar, dass es die weltweit größte Organisation für die darstellenden Künste, das International Theatre Institute (ITI) mit mittlerweile über 90 nationalen/ regionalen Zentren, einmal nicht gegeben haben soll. In diesem Jahr, 2018, schaut die Organisation auf das 70. Jahr ihrer Gründung zurück: 1948. Die Gründung stand in engem Zusammenhang mit den damals wie heute wichtigen Prämissen internationaler Verständigung, sozialer und politischer Chancengleichheit und kulturellem Austausch, die neben vielen anderen Initiativen jener Jahre auch die United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization, kurz Unesco, zu ihrem Programm erhob.

Die Gründungsphase des ITI interessiert mich nicht nur als Forscherin, sondern auch als ihr Mitglied. Während meiner aktuellen Forschungsarbeit in Paris* fielen mir interessante, teils auch digital verfügbare Materialien aus den das Institut konstituierenden Jahren in die Hände.

logoBereits 1947 stand die Idee, ein internationales Theater-Institut zu gründen, bei der Unesco im Raum, stets betont auch durch den damaligen Generaldirektor der Unesco, Julian Huxley. Theater firmierte in den Unesco-Abteilungen zunächst unter “Arts and Letters”. Von Anfang an waren auch  für das Theater Verantwortliche registriert, darunter Maurice Kurtz (USA), B. Dhingra (Indien) und als Schriftführerin B. Musso (Frankreich).  Doch die Gründung eines internationalen Theater-Instituts war nicht nur eine Idee, sondern ein beabsichtigtes Vorhaben, das durchdacht und systematisch angegangen wurde. In seinem “Progress Report” vom 3. Juni 1947 berichtet Huxley: “Unesco plans to have established an International Theatre Institute. We have already arranged for a conference of leading experts in this field to be held in Paris in July.” Und der  Unesco Monitor, das Publikationsorgan der Organisation für 1947 (ab 1948 abgelöst durch den Courier), meldet in der Ausgabe vom August: “Personnel of the Arts and Letters section were named to act as secretariat for the international conference of theatre experts at Unesco House July 28–August 1 under the chairmanship of Mr. J.B. Priestley, for the purpose of considering the foundation of an International Theatre Institute.”ITI is planned

Unter dem Vorsitz des britischen Dramatikers und Journalisten John Boynton Priestley (1894–1984) kamen also die “leading experts”, es waren insgesamt 25 aus 14 Ländern, im Juli 1947 im Unesco Haus in Paris zusammen, um sich über die Zielsetzungen und die Organisationsform des künftigen Länder übergreifenden Instituts zu verständigen. Der französische Autor und Dramatiker Armand Salacrou, Mitglied des Executive Committees des ITI und Präsident des French National Theatre Centre, erläutert das Vorgehen zur Auswahl der Experten in einer Ausgabe des Unesco-Magazins Courier: “First of all we set up a Theatre Committee made up of 30 members, on the model of the French National Commission for Unesco. The Theatre Committee consists of four high officials and seventeen distinguished personalities elected by the French theatre associations (the National Theatre Federation, the Society of Authors and the various trade unions representing writers, directors, actors, producers and so on). In turn, these twenty-one members of the Theatre Committee named nine prominent theatre men to form part of the Committee.” (Courier, Vol I, No. 5, June 1948, S. 6)

Kurtz on ITI Courier Vol I, 6, 1948
Auszug aus einem ausführlichen Artikel von Maurice Kurtz zur Gründungsphase des I.T.I. In Unesco Courier, I, 6, 1948, S. 6. (Aufs Bild klicken für Volltext)

Man beschloss, dass das Internationale Theater-Institut aus nationalen Centern und einer Hauptverwaltungsstelle (Headquarter) bestehen solle. Unesco initiierte das Vorhaben und finanzierte es anfänglich, aber es stand von vornherein fest, dass man dem ITI in der Folge Unabhängigkeit gewähre. In der allerersten Ausgabe des Courier heißt es unter der Überschrift “Highlights of Unesco Projects for New Year”: “In the field of Arts and Letters, Unesco will continue to support by technical advice the creation of an International Theatre Institute, independent of Unesco.” (Courier, Vol. I, Nr. 1, 1948, S. 6). Um die Eigenständigkeit des ITI zu unterstreichen, bezog es auch ab 1948 ein eigenes Gebäude in der 1, Rue de Millois, Paris (dort befinden sich auch heute noch Teile der ITI-Archive; das international office ist mittlerweile nach Shanghai umgesiedelt).

ITI Broschüre designed von Jean Picart Le Doux
Erste Broschüre des ITI, 1948. Das Cover gestaltete der französische Künstler Jean Picart Le Doux (1902–1982)

Der bereits oben erwähnte, für Theater zuständige und an der Initiierung des ITI maßgeblich beteiligte Maurice Kurtz unterstrich 1948 die Notwendigkeit der Gründung mit den Worten: “The fact that Unesco has, at the outset of its activities, taken the initiative in this undertaking is a concrete indication that Theatre has an important role to play in furthering international understanding.” (so abgedruckt in der ITI Broschüre von 1948, siehe nebenstehende Abbildung). Die internationale Verständigung zu befördern, war folglich Ziel nicht nur der Unesco, sondern auch des ITI.

Für eine bessere Vernetzung der Theaterschaffenden in der Welt zu sorgen, ihren ideellen, aber auch ganz realen praktischen Austausch zu fördern, etwa in Form von Festivals, Konferenzen oder Workshops, sowie den besseren Fluss von Informationen über bühnenpraktisches Wissen zu ermöglichen, waren weitere Aufgaben. Das ITI “is designed to promote international exchange in the world of theatre, to facilitate the movement of theatrical troupes, scripts, ideas and all kinds of theatre information”, heißt es in Courier, Vol I, Nr. 1, 1948. Nicht immer ging die Umsetzung dieser Ziele ohne Probleme über die Bühne. Geographische und politische Asymmetrien waren nicht nur damals Hindernisse, die sich regelmäßig in den Akten des ITI finden lassen.

Ein erster Kongress, der vom 28. Juni bis 3. Juli 1948 in Prag stattfand, markierte gleichermaßen den offiziellen Beginn für das ITI. Die teilnehmenden Vertreter kamen aus Ägypten, Australien, Belgien, Brasilien, Chile, China, England, Finnland, Frankreich, Haiti, Italien, Luxemburg, Schweiz, Südafrika, Österreich, Ungarn sowie den Vereinigten Staaten. Prag war absichtlich als Tagungsort ausgewählt worden, als “the centre of poor, ruined Europe”, wie Salacrou unterstrich. Theaterschaffende aus unterschiedlichen Ländern trafen dort zusammen, “to study common problems, exchange information, form friendships and embark upon a constructive task in the interests of human culture. Is not this, in the year 1948, a great achievement?”, fragte Salacrou rhetorisch. Und auch der heutige Blick belässt diese Frage bei einer rhetorischen.  Ja, das ist es in der Tat.

ITIWenn ich mir die politische Weltlage, wie sie sich gegenwärtig geriert, so anschaue, kann ich nicht umhin, Kurtz’ Worte zu unterstreichen: “Theatre has an important role to play in furthering international understanding.” – Und diese soll es bitte auch in den kommenden 70 Jahren unbedingt ausüben.

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*) Die erwähnten Archivmaterialien entstammen den Repositorien des Unesco Archives und seiner digitalen Sammlungen. Der Courier ist in Volltext online zugänglich. Meine Archivarbeit wird derzeit gefördert durch das ERC-Projekt Developing Theatre an der LMU München ein Fellowship am Deutschen Historischen Institut Paris.

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Forschungsfutter & Flanieren à Paris

 

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“Blickwispern füllt die Passagen.” –  (Walter Benjamin, Das Passagenwerk , 1927)

Wenn der schöne Trubel des Semesters abklingt und die vorlesungsfreie Zeit beginnt, tauchen wir Forscherinnen gerne in die Archive ab oder ziehen uns in unsere Schreibstuben zurück, um der Recherche und dem Schreiben Zeit und Raum zu geben.    Mit Hilfe eines Karl Ferdinand Werner-Fellowships am Deutschen Historischen Institut Paris werde ich mich im Februar und März den hiesigen Schatzkammern des Wissens, vor allem den UNESCO  Archives, der gut sortierten Bibliothek des DHI und der Bibliothèque Nationale hingeben und freue mich auf viele gute Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen vor Ort. – Und die Kunst zu erleben, die abends wartet, Flâneuse zu sein in der ‘Hauptstadt des 19. Jahrhunderts’.    Mein Aufenthalt steht im Zusammenhang mit dem ERC-Forschungsprojekt Developing Theatre (LMU München, Department Kunstwissenschaften), das sich der Frage nach der Förderung und Beförderung darstellender Künste in Praxis, Theorie und Ausbildung in so genannten Schwellenländern nach dem Zweiten Weltkrieg widmet. Theaterspiel, und -Ausbildung wird unmittelbar nach dem Krieg eine weltweite Wichtigkeit zuteil: als Mittel zur Herstellung internationaler Verbindungen und der Verständigung von Ländern. Developing Theatre unternimmt eine grundlegende Neubewertung der Geschichtsschreibung des Theaters vor dem Hintergrund international koordinierter “Entwicklungs-” und “Modernisierungs-“initiativen und -programme”. Unter dem Stichwort der „Theaterkompetenz“ oder des „Theater-Expertentums“ geht es Fragen nach Finanzierungsorganisationen, Künstler-Ausbildung, -Förderung, -Vernetzung und -Versetzung, nach, beleuchtet die Rolle von Universitäten und Regierungen entlang der „Entwicklungs“diskurse am Beispiel der darstellenden Künste.  Mehr zu diesem groß angelegten Europäischen Forschungsprojekt ist auf der Haupt-Website des Projekts zugänglich. Das Projekt firmiert unter dem Dach des Centre for Global Theatre History. Unser Blog informiert über Neuigkeiten, Funde aus dem Archiv, Events und Konferenzen der mit dem Centre Affiliierten.

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Entgegenkommende Aufnahmen – Toscanini-Exhibition in der NYPL

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Info-Tafel zur Präservation von Drahtton-Aufnahmen. Aus der Ausstellung Toscanini: Preserving a Legacy in Sound, NYPL for the Performing Arts

Was wir über die Gesellschaft, was wir über die Geschichte, was wir über ihre Künste wissen, wissen wir zu einem erheblichen Teil über die Medien, die sie uns vermitteln. Die Reproduktionstechnik, formuliert Walter Benjamin bekanntlich um die Wende zum 20. Jahrhundert, löse das Reproduzierte aus dem Bereich der Tradition ab und stelle durch die Vervielfältigung an die Stelle der Einmaligkeit die Vielfältigkeit. Im gleichen Atemzug erlaube die technische Reproduzierbarkeit der Reproduktion aber auch, der/dem je Aufnehmenden in ihrer/ seiner jeweiligen Situation entgegenzukommen, womit sie das Reproduzierte auch aktualisiere.

Für ein Sammeln, Bewahren, Schützen und zugänglich-Machen der Gleichzeitigkeit ungleichzeitiger medialer Erinnerungen an Vergangenes haben wir Museen, Sammlungen, Archive. Wie kommen sie uns entgegen, das Reproduzierte in unserer Zeitgegenwart, in unserer jeweiligen auch ‘medialen Situation’ zu verstehen – auch wenn es Jahrzehnte, Jahrhunderte alt ist und zunächst fern unserer täglichen Wahrnehmungshorizonte liegt?

In einer besonders  gelungenen Kuration stellt sich die Ausstellung Toscanini: Preserving a Legacy in Sound der New York Public Library for the Performing Arts in New York, deren Eröffnung ich während meines Forschungsaufenthalts vergangene Woche beiwohnen konnte, diese Frage –und beantwortet sie, wie ich finde, recht clever. Genau so wünsche ich mir Vermittlung im Museum mit Einblick ins Machen und die Machbarkeit von Präservation, analog und digital.

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Italienische Briefmarke zum Gedenken an Toscaninis 50. Todestag 2007.

Im noch laufenden Jahr wurde vielerorts an den 150. Geburtstag des italienischen Dirigenten Arturo Toscanini (1867-1957) erinnert: mit Ausstellungen, neuen Editionen seiner Dirigate, biographischen Texten.

In der von Jonathan Hiam kuratierten Ausstellung in der NYPL for the Performing Arts geht es auch um die künstlerischen und biographischen Stationen Toscaninis. Es geht aber vor allem um Idee und Auftrag des “Preserving a Legacy in Sound”. Und damit um das faszinierende Zusammenspiel von Toscaninis Handschrift und Auftritt in einer musikhistorisch nicht einfachen Periode zwischen einerseits dem späten 19. und der Mitte des 20. Jahrhunderts und einer medial und technologischen ‘Turbozeit’. Denn die Arbeit des ‘Maestros’ mit dem photographischen Gedächtnis verläuft in zeitlicher Koinzidenz mit der Erfindung und Verfeinerung akustischer Aufnahmetechniken.

Das “Entgegenkommen” für uns Aufnehmende in der ‘heutigen Situation’, i.e. der digitalen Kultur und Tranformation, besteht in der transparenten Zusammenführung von Toscaninis Dirigaten – vor allem  in Kontext seines Wirkens am und mit dem NBC Symphony Orchestra von 1937 bis 1954 – mit den Möglichkeiten des digitalen Recordings: Wie lassen sich historische Aufnahmen von Klang mit Hilfe heutiger digitaler Technologien reproduzieren und zugänglich machen, so dass die Erzählung der Geschichte eine Geschichte ihrer Klänge und verständlich sein kann? *) 

 

Die komplette Ausstellung verläuft folglich in drei Strängen auf dem Basso Continuo der Zeit: auf der Ebene der biographischen Etappen Arturo Toscaninis, entlang der je innovativen und zeitspezifischen Aufnahmetechniken und Aufnahmen seiner Dirigate und im Hinblick auf die konservatorische und vermittelnde Sorgfalt digitaler Aufbereitung des Nachlasses in Ton und Text. Mehr als 43.000 Objekte aus Toscaninis Schaffenszeit befinden sich in der Rodgers and Hammerstein Archives of Recorded Sounds-Collection der NYPL for the Performing Arts,  die 1987 von Toscaninis Familie an die Bibliothek übertragen wurde. (siehe hierzu auch diesen Artikel in der New York Times). In der jüngst eröffneten Ausstellung sind Aufnahmen von Toscaninis Konzerten, aber auch seiner persönlichen Lieblingsmusik auf Shellack, Vinyl, Selenophon sowie in Radio- und Fernsehaufnahmen anzuschauen und in ihrer digitalen Bewahrung anzuhören. Sie sollen das Original nicht nur schützen, sondern ihm auch klanglich so nahe wie möglich kommen (zumindest der Aufnahme; die eigentliche Performance ist volatil, wie wir wissen).

Das dichte Ineinandergreifen von Musik und ihrer Aufnahme, von Toscaninis künstlerischer Handschrift und seinem auch medial beförderten Erfolg wird in dieser Schau besonders anschaulich herausgestellt. Ein feines, wenn man so will, museumspädagogisches Asset sind zusätzlich die Schaukästen und interaktiven Displays, die die Arbeitsschritte der Digitalisierung verdeutlichen. An einem live-Tisch werden ab sofort zusätzlich diese Prozesse in einer Face-to-Face-Begegnung zwischen Besuchern und den IT-Spezialisten der NYPL weiter erörtert werden.

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Wie funktioniert eigentlich digitale Preservation? Das Zeigen des Machens ist ein wichtiger Bestandteil der Ausstellung “Toscanini: Preserving a Legacy in Sound” (Foto: Nic Leonhardt)

 

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Toscanini: Preserving a Legacy in SoundNew York Public Library for the Performing Arts. (28. November  – 7. April 2018).

Kurator: Jonathan Hiam.

*) Als weitere umfassende Sound-Archive, die nicht nur Musik, sondern auch vernakuläre Klänge, vor allem historisch, erfassen, seien hier genannt: das Archive of Recorded Sound der Stanford University; das Sound Archive der British Library; das Berliner Phonogramm-Archiv. 

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Karl-Ferdinand-Werner Fellowship am DHI Paris

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Ich freue mich über und bin dankbar für die Zuweisung eines Karl Ferdinand Werner-Fellowships am Deutschen Historischen Institut (DHI) Paris für das Frühjahr 2018.

Das Fellowship steht im Kontext meiner aktuellen Forschung über Philanthropie und Kulturförderung nach 1945 im Rahmen des ERC-Projekts “Developing Theatre”.

Merci, Paris!