Literatur, Lyrik · Photography

See

 

Walchensee Peter von Felbert
Peter von Felbert, Walchensee

Zwei Jungs in einem Boot in graubraungrüner Tracht und Umgebung auf einem leicht glitzernden opalgrünen See. Einer rudert das Boot, sich selbst und den anderen, bevor sie sich abwechseln werden. Vielleicht auch nicht. Es ist nicht ganz klar, ob das Wetter trüb, ob sich die Sonne schon vom Tag verabschiedet hat oder ob schlicht die Berge und Gestadegewächse dem Wasser die volle Lux verweigern. Ein See so weit das Bild nicht reicht, aber außer den beiden bayerisch sonntagsbezwirnten Knaben kein Mensch sonst in Sichtweite; nicht mal ein Reiher oder Vogel, von einem Schwan ja gar nicht zu reden.

Seit ich diese Fotografie 2009 für meine Frankfurter Wohnung kaufte, bin ich froh, dass sie mit mir wohnt, dass ich mit ihr wohne. Das 40×40 cm große Bild hing damals genau gegenüber dem Schreibtisch, und je nach Perspektive bildete ich mir ein, dass die gläserne Schreibtischplatte grenzenlos ans oder sogar ins Nass des Bildvordergrunds reichte. Bei Schwimmbädern nennt man diesen Effekt „Infinity Pool“; für mich war es die Blickachse meiner infiniten Sehnsucht nach Wasser.

Immer da, die Sehnsucht.

Nie da, ich.

Mir gefiel außerdem der Blick auf die beiden Jungs, die ich während der ein oder anderen Gedankenpause amüsiert betrachtete –, und sie rudern ließ, immer weiter,  – strengt euch bloß an –, die sich aber keinen Deut bewegten. Und doch kam aus dem Wasser feinste Dünung, ein kristallenes Lächeln. Schönste Ironie.

Die Fotografie stammt von Peter von Felbert, einem, wie ich finde, begnadeten Augenmenschen. Das Bild nannte er schlicht Walchensee; es entstammt der Serie Blaues Land. Das Bild zeigt den Walchensee – und zeigt ihn nicht…

Walchensee im Winter
Walchensee in München, Winter 2012

Als die Jungs und ich 2012 nach München zogen, ruderten wir mit diesem Zuzug nach Süden dem namensgebenden See entgegen, und, was ich damals nicht wusste, in die Nähe des Künstlers, dessen Heimat der Ruhrpott ist, und dessen Augen in Bayern und im Voralpenland leben. Der eigentliche Walchensee, Deutschlands größter Gebirgssee, liegt im Landkreis Bad Tölz, bei Kochel, umgeben von Herzogstand, Heimgarten und Jochberg.

An einem heißen Sommertag 2014 fuhr ich mit einem mir wichtigen Menschen an diesen mir wichtigen See, den ich ja noch gar nicht kannte. Als wir uns ihm aus Kochel heraus fahrend nach zahlreichen Kehren näherten, stockte mir der Atem: So ein Blau, wie dieser See es ins Auge schickte, hatte ich weiß Gott noch nie gesehen. Mit jedem Meter, den wir uns dem Wasser näherten, changierte das Blaugrünblau von Himmel und Wasser wieder anders. Auch Goethe, der ja bekanntlich auf seinem Weg nach Italien an jeder Milchkanne Halt und jeden Grashalm platt machte, konnte damals am Walchensee nicht einfach so vorbeikutschieren. Und noch nie ergab für mich ein Halt von Goethe mehr Sinn als im Moment dieser fast schon amourösen Andacht, die ich geistig und körperlich für diesen See abhielt. Ich war, so abgedroschen es klingen mag, schier überwältigt von so viel selbstbewusster Anmut zwischen drei Bergen. Der Tag war heiß, der 190 Meter tiefe See eiskalt. So blau und frech. Ich jauchzte, – und mein Herz war fortan hoffnungslos in diesem kalten Blau verloren.

Walchensee
Walchensee. Blau. Und Grün. (Foto: Nic Leonhardt)

Wir tapsten das Ufer ab, Peter von Felberts Bild im Kopf gespeichert und auf der Suche nach seinem Aufnahmepunkt. Wir glaubten, ihn gefunden zu haben, aber eigentlich fanden wir ihn nicht. Und im Grunde war das auch völlig einerlei. Der Walchensee, der vor uns lag, hatte zunächst nur entfernt Ähnlichkeit mit dem See bei mir zu Hause, auf dem seit Jahren die Jungs in Sonntagstracht ihr Bötchen steuern. Aber sei’s drum. Auf der Suche nach der Vorlage eines Bildes, das mich seit Jahren treu über Höhen und Tiefen paddelte, hatte ich einen See gefunden, der so prall in seiner Schönheit dalag, dass er augenblicklich Aufs und Abs vergessen ließ… An jenem Tag im August verknallte ich mich bis über beide Ohren und Hals über Kopf in – ein Gewässer.

Als ich tags darauf die unzähligen Fotos, die ich vom Walchensee gefertigt hatte, auswertete, stach nur eins ins Auge:  die Schattierungen von Blau und Grün. Kein Vergleich mit dem Walchensee an der Wand. Und in meiner ursprünglichen Einfalt begriff ich allmählich, warum sich Peter von Felbert für genau dieses graunbraungrünopale Bild vom doch so blauen Walchensee entschieden hatte.

Erst im vergangenen Jahr, als ich den rudernden Jungs ein Partnerbild aus von Felberts Serie schenken wollte, diesmal ein Segelboot auf dem Chiemsee, traf ich den Fotografen in München. Wir wohnen gar nicht weit voneinander entfernt, München ist ja ein Dorf. Er verriet mir die Stelle, von der aus er damals die Aufnahme gemacht hatte, und die Geschichte der Jungs, und was sie damals so geschmückt in ihrem Nachen… – was sie wohl heute machen?

Hier bei mir zu Hause sind sie immerhin dem See ein ganzes Stück näher gekommen als damals am Main. Sie rudern, lassen rudern und rudern immer noch.  Sie scheinen den See wirklich zu lieben.

Ich versteh’ sie.

Literatur, Lyrik

Fenster zur Welt

fesnter-zu-welt
Foto: Nic Leonhardt. Ort: Bayrischzell.

Die alte Dame am Fenster gegenüber. Jeden Morgen um elf schaut sie heraus auf die Straße, hinüber auf die Häuser. Sieht, ob sich was tut. Sieht, was sich tut. Vielleicht schaut sie gar nicht, atmet nur und denkt und sinniert und erinnert und ist traurig oder froh. Ich würde ihr gern zuwinken, aber was, wenn sie es sieht? Denkt sie, dass ich sie beobachtet habe? Dass es ihr peinlich sein muss, dass ich sie sehe? Muss ich peinlich berührt sein, weil ich sie so anstarre und mir Gedanken mache? Ist es in Ordnung, über sie zu rätseln, nur weil sie aus dem Fenster schaut, so wie ältere Menschen das gern tun, weil sie sonst nichts haben in dieser Stunde? Ich würde ihr trotzdem gern zuwinken; meine Oma hätte zurück gewinkt, und sie hätte ihr Apfelbäckchenlächeln gelacht, die alte Narbe tief in Furchen.

Stünde sie noch mal am Fenster, wie würde ich winken, wie würde sie lachen…

Ich würde auch gern hoch gehen zu ihr, mal sehen was sie so treibt und so zu erzählen hat. Wie sie meine Rosen findet, ob sie sich an ihnen erfreut morgens um elf, wenn ihr Blick auch meinen Balkon streift? Ich würde gern zu ihr hochgehen und mit ihr plaudern. Über sie und ihre Vergangenheit, die Gegenwart und wie sie sie sieht, und die Zukunft, ja, die Zukunft: Wird sich noch mehr ändern, oder wird doch alles dasselbe bleiben in dieser Welt?

Ich schaue auch gern nach draußen, auch wenn sich gerade gar nichts tut. Sinniere, denke nach, klinke mich kurz aus diesem Getös’ hier, setze Raum und Zeit schachmatt, erinnere, denke, rechne und bin so merkwürdig traurigfroh. Ich würde gern hochgehen und ihr sagen, was ich so denke, wenn ich hinausstarre, und mit ihr gemeinsam vergleichen, was wir sehen – in einem sehr weiten Sinn sehen. Wer sagt schon , dass wir sehen, was wir sehen?

Jeden Morgen stehe ich am Fenster und schaue, ob sie noch schaut, unfrisiert (für wen auch?), hoffentlich noch schaut?

Literatur, Lyrik · Nuggets · Work-Life Balance

Lebenswucht

sonnenbank

Manchmal rüttelt das Leben mit voller Wucht an Dir wie Starkwind an einem Fähnchen.

Du könntest kippen, das wäre ein Leichtes.

Du kannst aber auch in den Spiegel schauen und dankbar sein,

Dass dein Auge die Herrlichkeit der Weite blicken,

Deine Nase die Würze von Meer und Wäldern riechen,

Dein Haar der Wind zärteln

Und dein Mund Liebe, Trost und Stärke zusprechen kann.

 

Literatur, Lyrik · Mensch & Tier

Der Haken (Ein Gleichnis)

angler

Ein Angler angelte einen Wurm. Den hatte ein  schlauer Fisch an den Haken geheftet!

Der Angler aber war dumm und grillte abends Wurmfleisch ohne Gräten. So froh war er, etwas gefangen zu haben!

Daraufhin verließ die Anglersfrau den dummen Angler und angelte sich einen Gärtner. Der konnte sogar Gurken von Zucchini unterscheiden. So schlau war der!

Der schlaue Fisch aber lachte laute, große Wellen ins Meer.

Das taten ihm alle anderen Fische gleich.

Von da an kam Leben ins Wasser.

Der Angler aber hing die Angel an den Haken. Und stürzte kopfüber ins Nass.

Literatur, Lyrik · Work-Life Balance

Kleine Inseln

kleine insel
Pulau Sibu, Malaysia (Foto: Nic Leonhardt)

Immer wenn ich als Kind vor dem Bücherregal meiner Tante stand, fiel mein Blick sofort auf den einen Buchrücken: weiß, bunte Schnörkelschrift, Niemand ist eine Insel. Von Johannes Mario Simmel. Das Buch habe ich nie gelesen, der Titel beschäftigt mich indes immer wieder mal. Ich weiß noch, dass ich als Kind dachte: „Tss, natürlich ist niemand eine Insel“, denn ich wusste ja sehr gut, wie zum Beispiel Amrum aussieht oder Sylt (zu jener Zeit hatten viele diesen Aufkleber auf dem Auto). Und natürlich gab es ja nicht nur einen Unterschied zwischen Mensch und Insel, sondern ziemlich viele. Ich glaubte dem Titel nicht, und doch faszinierte er mich (und tut es offenkundig noch immer, sonst würde ich nicht diesen Text damit beginnen).

Im Vorwort zu einem Buch, das ich meinem Partner vor einigen Jahren widmete, kam die Insel dann erneut ins Spiel, denn als solche empfand ich ihn während der nicht immer leichten Arbeit am Buch und dankte ihm dafür, dass er mir “stets eine Insel” gewesen war. Also gab es doch jemanden, der eine Insel sein kann; eine Insel für jemanden, und das heißt: ein Fluchtort, ein Halt, ein klar umgrenztes Gebiet in einer Flut von Möglichkeiten und gedanklichem Wirrwarr.

Simmel hatte übrigens den Titel dem englischen Schriftsteller John Donne (ca. 1572-1631) entlehnt. Donne formulierte 1623 „No man is an island, entire of itself“, also „Niemand ist eine Insel, ganz in sich“ (auch in der Version „I-land“, also „Ich-Land“), und was er damit meinte, wird in den Folgeworten deutlich: „Every man is a piece of the continent, a part of the main“, also „Jeder Mensch ist ein Teil des Kontinents, ein Teil vom Ganzen.“ Vor diesem Hintergrund bekommt Niemand ist eine Insel eine leicht andere Note – und lässt sich doch gut zusammenfügen mit der Idee, dass jemand jemandem ein Eiland sein kann. Wir sind Steinchen eines Mosaiks, Teile eines großen Puzzles. Und nur durch unser Zutun, unser Tun für Andere, unsere Interaktion ergibt die ganze Sache hier ein Bild, einen Sinn.

Unser Alltag ist, das brauchen wir nicht zu lesen, denn wir erleben es permanent (zuweilen schmerzlich), von Hektik getrieben, ist von Leistungsdruck und Optimierungsstrategien geprägt. Ganz gleich, welchen Berufen wir nachgehen, spüren wir den Druck und die Maßlosigkeit der Anforderungen, denen wir gerecht werden sollen. Wir orientieren uns an den Maßgaben und Zeitdiktaten Anderer. Das kann uns im positiven Sinne dazu verhelfen, dem Alltag eine Struktur zu geben. Das kann uns aber auch durcheinanderwirbeln, so dass wir uns fühlen wie in einer Zentrifuge: wir wissen nicht mehr, wo oben und unten, links und rechts – und wo wir selbst eigentlich geblieben.

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Kreuzweg auf dem Filerimos, Rhodos (Foto: Nic Leonhardt)

In solchen Momenten helfen, was ich gerne „Kleine Inseln“ nenne: kleine Fluchten, mal kurz an- und innehalten, damit es wieder weitergeht. Die Sinne entspannen und schärfen, denn auch ihnen wird im Höher-Schneller-Weiter-Karussell einiges abverlangt. Ich weiß, dass Zeit ein Faktor ist, aber dafür sind die Inseln ja kleine.

Ein kurzer Spaziergang im Freien zum Beispiel, ohne Handy, einfach nur gehen, hinhören, schauen, ein Detail erspähen. An einem Detail sich erfreuen, birgt große Phantasie-Inseln: Eine Schnecke beobachten, wie sie sich über den Weg arbeitet, die Maserung eines Blattes in Augenschein nehmen, einem Vogellaut lauschen –und vom anderen Stimmengewirr differenzieren. Den Duft einer Blüte schnuppern, den wir ansonsten gar nicht wahrnehmen. Blumen schenken. Sich selbst oder einer anderen Person, die vielleicht ein bisschen Farbenfreude gebrauchen kann. Überhaupt, die Farben. Je nach Jahreszeit sehen wir da draußen mehr als fifty shades von Grün oder Gelb. Manche Tiere haben Haare aller Couleur im Fell, so schön und leuchtend, dass man nicht glauben mag, dass das alles Natur ist. Kinder haben mehr noch als wir blinden Erwachsenen einen Blick für diese Dinge.

Kindisch-Sein ist eine weitere Insel, die uns innehalten und die Sachen umzukehren hilft. Neugierig sein, Fragen stellen, ist das eine; das andere ist, wie ein Kind zu tanzen, ein Lied zu trällern, zwischendurch mal rückwärts zu gehen oder auf dem Fahrrad Wettrennen durch den Park zu spielen – zumindest imaginär. Ein Lobgesang auf unsere Imagination! Was ist da nicht alles in unseren Köpfen gespeichert und wartet nur darauf, abgerufen zu werden. Es ist durchaus legitim, mal den Blick vom Bildschirm zu nehmen, um in einem fernen Punkt den letzten Spaziergang am Meer zu imaginieren, den weiten Blick vom Berggipfel ins Tal zu erinnern, dazu die Stille, ein Segelflugzeug am Himmel an einem frischen Frühlingstag oder die ausgiebige Party neulich plötzlich wieder im Blut zu haben meinen. Auch wenn man physisch nicht an diesen Orten ist, so verändert sich doch die Haltung, selbst wenn es danach weiter geht in der Routine. Und die müden Augen haben auch mal Pause.

bild walchensee
Walchensee. (Foto: Nic Leonhardt)

Ein und aus. Atmen ist im Trend, weil, so scheint es, wir durch die ganze Hektik diesen Trend verpennt haben. Sehr bewusst ein- und ausatmen –––– ach, das tut ungemein gut (wir wissen das, vergessen es aber schnell auch wieder). Oder eine Wechselatmung, wie sie aus dem Yoga oder dem Ayurveda bekannt ist. Nur ein paar Minuten machen wacher und schärfen die Sinne. Musik ist eine Insel und hat retardierende oder Energie spendende Wirkungen, je nach Stil und Vorlieben. Ich kenne Kollegen, die während der Arbeit über Lautsprecher Meeresrauschen hören oder Vogelgezwitscher; oder bei Klaviermusik besser tippen können, ganz so, als sei die Tastatur eine Klaviatur.

Kraft-Oasen? Mit Freunden lachen, mit ihnen Dinge teilen, traurige und schöne. – Du bist nicht allein.

All dies sind nur einige kleine Inseln. Ich bin sicher, da gibt es noch unzählige andere. Apropos andere: schaffen wir uns selbst im Alltag Inseln, können wir auch anderen besser und gestärkter eine Insel sein. Und da kommt wieder der Buch-Titel ins Spiel, Niemand ist eine Insel, „ …, so ganz in sich selbst. Jeder Mensch ist ein Teil des Kontinents, ein Teil vom Ganzen“, so Donne vor knapp 400 Jahren .

Wenn wir uns Inseln erlauben, sind wir nicht nur Rädchen in einem grantigen Getriebe, sondern funkelnde Steinchen für ein malerisches Mosaik. Und für diese Inselfluchten brauchen wir nicht einmal ein Ticket zu lösen. Wir stellen es uns einfach selbst aus.

Literatur, Lyrik

Herr Traudich – eine Relation

Gustave Caillebotte_Detail
Gustave Caillebotte, Rue de Paris, temps de pluie (1877, Detail)

Herr Traudich ging an einem Tag

von Wolken frei und Regen

dorthin, wo niemand Sonne mag

und wo nur Winde fegen.

Er machte Ehre seinem Nam’

und wanderte ohn’ Zaudern.

Als er an jenen Orte kam,

da packte ihn ein Schaudern:

Ringsum erblickte er nur Grau,

kein Gelb, kein Rot, Orange nicht.

Nicht mal ein sattes Dunkelblau,

kein Scheinwerfer, kein Standlicht.

Natürlich war es auch kein Wunder

an einem Ort, wo’s nieselt,

dass Hose, Hemd, sprich: Traudichs Plunder,

vom Regen nass gerieselt.

Herr Traudichs Plan war, hier vor Ort

den Leuten, die dort leben

wohl wollend, aber schnurr-sofort,

ein Lehrstück mitzugeben:

Er wollte diesen armen Menschen,

die nichts als Regen kennen

und sturmzerhackte Fichtentännchen

den Weg zur Sonne nennen.

Ganz gut gelaunt trotz trübem Pusten

ging pitschnass er auf Straßen,

wo er nichts hörte als nur Husten

und schnupfverstopfte Nasen.

traudichHerr Traudich sprach zwei Männer an,

die rote Nasen hatten:

„Sagt, Männer, mir, sagt mir als Mann,

habt Ihr den Wind nicht satte?“

„Was meinst für einen Wind nur du

und warum soll er satt sein?

Pack’ dir halt deine Ohren zu

und deine Nase warm ein.“

So sprachen sie und zogen fort

der Regen fiel vom Himmel.

Was für ein sonderbarer Ort –

an Häuserwänden Schimmel.

Zwei Frauen kamen ihm entgegen

mit feuerroten Wangen.

„Sagt, Frauen, nervt Euch nicht der Regen,

der Himmel – stets verhangen?“

„Die wen’gen Tropfen, lieber Mann,

die kann die Frucht gebrauchen.

Was alles hier gedeihen kann!

Und Feuer kann nicht rauchen.“

Herr Traudich wagte weiter nun

die Menschen hier zu fragen,

was sie bei solchem Wetter tun

und was zum Grau sie sagen.

Gustave Caillebotte_Detail

Zwei Kinder spielten regennass

von Mütze bis zu Socken!

„Sagt mir, Ihr Kinder, macht das Spaß,

im Matschkasten zu hocken?“

„Wir spielen doch in grobem Sand

in Matsch nicht, nicht in Schlacken!

Hast du denn nicht sofort erkannt,

dass Sandkuchen wir backen?!“

Ganz irritiert zog Traudich weiter

es blies ohn’ Unterlass.

Die Leute blieben dennoch heiter,

sie lebten nass – mit Spaß ?!?!

Doch Traudich fror nur, musste niesen

er zitterte am Leibe.

Er wollte weg vom Strömengießen

zurück in seine Bleibe.

Daheim zog er die Kleider aus

und musste eingestehen:

ein jeder fühlt sich dort zu Haus’,

wo Heimatwinde wehen.

(Nic Leonhardt, Herr Traudich  (Ur-Version: Köln 06. Oktober 1996))