Literatur, Lyrik

Ascona

Balkenhol Ausschnitt
Stephan Balkenhol, Detail einer Plastik

Promenade. Eine lebende Statue. Michael Jackson oder Mozart. Ein junger Mann am Ufer. Dick ist er. Schaut der lebenden Skulptur zu, beobachtet. Man sieht ihm an, dass er nicht sicher ist, ob er Geld geben soll oder nicht. Stiehlt sich beschämt davon. Aber nur ein paar Meter weiter, bis er außer Sichtweite des Performers. Dort bleibt er stehen und gräbt in seinen Hosentaschen, minutenlang. Er geht etwas nervös, im besten Falle unsicher. Auf und ab. Nach links und rechts. Schaut immer wieder verstohlen zu dem Performer rüber, der weiterhin sein Ding macht. Statue.

 

Der Dicke ist, man kann es nicht anders sagen, dick. Eine ausgewaschene schwarze Jeans hängt ihm tief auf den speckigen Hüften, ein schwarzes T-Shirt gibt sich Mühe, darüber zu fallen, aber es hängt, aufgehalten in seinem eigentlichen textilen Fluss von einem ziemlich dicken Bauch; spannt an der stärksten Stelle. Sein Gesicht ist konturenlos. Profil zu haben, übt er. Noch immer steht er, die eine Hand in der Hosentasche, die andere verlegen an der Nase. Männer, wenn sie unsicher, verlegen oder verlogen, greifen sich an die Nasenspitze. Vielleicht um zu überprüfen, ob da was raushängt. Oder es ist eine dieser archaischen Übersprungshandlungen, die im Alltag so geläufig, und die den Menschen so versöhnlich in die Nähe des Tieres rücken. Der Performer? Macht seine Faxen, immer wieder, wenn da ja jemand da ist, jemand kommt, auf ihn zu, suggeriert er Stein. Zwinkert. Nicht. Es muss über Maßen anstrengend sein, den lieben langen Tag auf dieser Säule zu stehen und sich steif zu geben wie eine Statue. Manchmal zischt es aus dem stillen Kunstmarmor, ruft Kuckuck oder pfeift einem Passanten oder einer Passantin hinterher. Regungslos. Aufmerksamkeit ist Kapital. Speist sich aus der Spannung zwischen absoluter Steifheit und dem plötzlichen Erwachen der Skulptur, die keine ist; da in dem pittoresken Bild, in das er sich einfügt, zwischen diesen Bilderbuch-Bäumen vor dem Bilderbuch-See und unter der Bilderbuch-Sonne und dem erwartbaren unerwarteten Einbruch der Lebendigkeit des Leibes.

Softeis und Kaffee.

Links im Bild tut sich was. Aus den Hosentaschen wird eine Geldbörse hervorgekramt, der Dicke öffnet sie, sortiert Münzen aus. Wieviel. Es ist. Zählt nicht. Die Blechdose, die der Performer aufgestellt hat, bekommt plötzlich Grund zur Resonanz gefüttert. Es ist ein schepperndes Geräusch. Blechern sonor in Ermangelung. Gleichviel, es kommt Geld in die Kasse. Der Performer nickt und bewegt, die Passanten an, ihn zu bewegen, kleinste Regungen. Sie lachen über die absurde Situation und werfen dankbar für die so kindische Erfahrung des Schrecks ihre Rappen ins Blech. Jetzt kommt Leben in den Scheuen im schwarzen T-Shirt. Beherzt und mit ziemlich großen Schritten bewegt er sich auf die weiße Skulptur zu, wirft die warm und feucht gewordenen Münzen aus der Hose in die Dose. Der Performer quittiert’s mit einem Handschlag, die Skulptur formt die weiß behandschuhte Hand zu einer Faust und trifft den Rücken der ebenfalls gefausteten Hand des Scheuen. Der spielt mit, immer leicht zeitversetzt. Kommt Regung in ihn. Auch. Schnickschnackschnuck für Große. Den etwas stolprigen Handshake beendet der aus Stein mit Daumen hoch. Du bist OK. Es hat lange gedauert, bis es dazu kam, zu dieser Begegnung. Warum? Münzen geworfen, Hände getauscht, in Kontakt, Aufmerksamkeit. Performer, Passanten, persönlich. Die Währung der lebenden Statue ist auch die des Dicken. Er verlässt diese kleine Bühne aus pittoreskem Pflaster.

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Lebende Statue

Als er so weggeht, wieder in die linke Bildhälfte sich bewegt, sieht man, dass sein Gesicht gerötet ist; hektische rote Flecken verteilen sich ungelernt auf der ohnehin blässlich roten Haut des jungen Mannes. In die Rötung hinein zeichnet sich ein Grinsen. Es ist ansteckend. Zufrieden, formt die linke Hand zu einer Siegerfaust. Jetzt schon sicherer. Geschafft! Welchen Deal hat er laufen mit sich? Ein Schritt ist getan. Das Grinsen. Mit Verve zückt er das Smart Phone, stellt sicher den See in die Mitte seines Bildes – und knipst. Wischt und klickt. Vielleicht postet er das Bild. Das noch wichtiger ist für ihn als alle Anderen. Seine Gesten sind Salven. Er geht links aus der Szene, blickt noch einmal kurz zurück zum Schauplatz. Schreitet.

Vielleicht, eventuell, spricht er morgen ein Mädchen an.

Ausstellung · bildende Kunst · Bildtheorie · Kunstgeschichte · Literatur, Lyrik · Nuggets · Tanz · visual arts

Maravil

Auf einer Vernissage in der Galerie Benjamin Eck in München vergangene Woche lernte ich die bezaubernden Plastiken der katalanischen Bildhauer Joan Coderch und Javier Malavim kennen. Die Bronze-Figuren sind gerade einmal einen Meter groß, strahlen aber eine Kraft und Körperlichkeit, wie ich es selten in einer Skulptur dieser Größe gesehen habe. Vielleicht war die Wirkung der hölzernen Moriskentänzer von Erasmus Grasser, die dieser 1480 kreierte, damals eine ähnliche für seine Zeitgenossen; Edgar Degas’ “Grande Danseuse/ Petite Danseuse” oder die sinnlichen Arbeiten Auguste Rodins wickeln noch heute unseren Blick ein.

Wenige Tage nach meiner ersten Begegnung mit Coderchs und Malavims “The Great Swan” und “Swan Dance” habe ich die beiden Figuren erneut in der Galerie besucht. Ihre Bewegungen sind so unglaublich gut gebildet – sie würden G.E.Lessing ein weiteres Exempel für den von ihm beschriebenen “fruchtbaren Augenblick” bieten…

Ich musste über sie schreiben.  ´

maravil

Audio · Erinnerung · Experiential Research · Film · Forscher-Freuden · Literatur, Lyrik · News · Work-Life Balance

Gestern erst – erste Gehversuche auf Vimeo

 

gestern erst

Seit langem schon hatte ich vor, eigene Texte einzusprechen. Arbeit und Alltag hielten Herz und Kopf mit anderem auf Trab. Zum Jahresbeginn habe ich mich dann endlich auf Expedition in dieses Neuland gewagt. Einen ersten Versuch habe ich an diesem Wochenende mit meinem Text Gestern erst gestartet, den ich im Herbst 2007 in New York schrieb, und der in Schriftform schon länger auf diesem Blog zu lesen ist. Auf einer zweiten Tonspur habe ich meine Version von Ne me quitte pas von Jacques Brel eingesungen, das schien mir zur Stimmung des Textes zu passen. Es rauscht noch ein wenig, aber die Fehler lernt man durchs Probieren erst. Das ist, was ich “experiential research” nenne – Erforschen durch Erfahren und Erleben.

Zum Audio-Video gelangt Ihr durch Klick auf das Bild.

Fotografie · Literatur, Lyrik · Mensch & Tier · Nuggets

Leu. Bukolisch?

Lione Venezia Nic Leonhardt
Löwe im Dickicht. Giardini, Venezia (photo: Nic Leonhardt)

“Was für ein herrlicher Wald!”, rief der Löwe und sah sich erfreut um. “An so einem schönen Ort war ich noch nie.” “Ich finde ihn eher unheimlich”, sagte die Vogelscheuche. “Überhaupt nicht”, sagte der Löwe. “Hier und nirgendwo sonst möchte ich leben. Fühl doch nur, wie weich das Laub unter den Füßen ist, und sieh, wie saftig und grün das Moos ist, das sich an diese alten Bäume schmiegt. Ein behaglicheres Zuhause kann sich ein wildes Tier gar nicht wünschen.” (Der Zauberer von Oz)

 

Wer (wie ich) den Löwen in seinem Namen trägt, ist empfänglich für Löwenbilder. In meinem aktuellen Wohnort München gibt es so viele Löwen im Bild/nis wie Gondeln in Venedig. Vor der Residenz hockt eine Löwenskulptur mit gülden leuchtender Nase: Die Münchner stoppen am Leu, wann immer sie ihn passieren, und rubbeln sein Riechorgan. Das bringt Glück. Und Geld. Sagen sie. München ist wohlhabend. Es hat hier ‘viel Löwe’. –

Noch mehr Löwen lungern in Venedig. Als ich in der vergangenen Woche die Biennale dort besuchte und die Giardini passierte, lugte dieser steinerne Löwe aus dem Dickicht hervor. Sein Gesichtsausdruck – konsterniert – lässt vermuten, dass ihm das Grün über die Jahre gewaltig über den Kopf gewachsen…. Mehr vom Guten ist zu viel. Ein Embarras de Richesse. Wohl gebrüllt? Bukolisch geseufzt, Löwe.