Erinnerung · Fotografie · Media History · Photography · Social Media

Heimat, Film. Dem Andenken derer, die gingen und bleiben.

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Katzenvideos, neue Ausstellungen, was titeln Süddeutsche, Zeit, Zündfunk, was hat Sabine erlebt, was Caro, in welchen Teilen der Welt tingelt Simon schon wieder? Was gibt es Neues aus Uhlenbusch, in Harvard, im Forschungszentrum, im Theater, auf der Biennale, im Triathlon? Like, Dislike, zwinkernder Smiley, schallendes Lachen in gelb, blauer Daumen, hoch erhoben, rotes Herz.

Traurig mit Tränen. Pechschwarz war aus im Emoticon-Kolorit-Kombinat.

Beim Durchblättern der Facebook-Profile bleiben meine Augen an dem lachenden Foto eines Bekannten hängen. Kennt Ihr: So ein Strahlen, so strahlend, dass es das gesamte Gesicht in Falten wirft, auf charmanteste Weise, in schwarz-weiß. Lachfalten wie der Fächer einer Geisha. Der Rahmen des strahlenden Konterfeis lässt mein Herz kurz aussetzen. Der Rahmen ist die Todesanzeige dieses Bekannten, dem die Falten eignen. Gestorben am 27. Mai. Gestorben. Facebook-Update: Tod.

Feeling/ Activity?

(K)ein Emoticon. Chock. Eine reale Träne kullert über meine reale Wange und fällt auf das M meiner Tastatur. Matthias. Musiker. Mensch.

Die ersten Kommentare wurden schon hinterlassen. Unverständnis, Trauer, das mittlerweile gängige „R.I.P.“, das ich nicht mag. Nicht mal im Angesicht eines Todesfalls sind die User in der Lage, vollständige Sätze zu schreiben, Rest in Peace, Ruhe in Frieden. Passt in eine Zeile, Mann! Bekannte kommentieren das Lachen, das auch das Foto kommentiert, das den viel zu früh Verstorbenen kennzeichnete.

Die Fotografie eines Menschen, das wissen wir seit Roland Barthes’ Schrift Die helle Kammer, hält diesen in einem Augenblick fest – und verweist damit immer auch auf seine Vergänglichkeit. Der Tod im Foto.

Matthias. Ich habe ihn gut 15 Jahre nicht mehr live gesehen, ich wohne ja schon lange nicht mehr dort, wo er mal entfernt ein Nachbar war. Trotzdem weiß ich noch, wie dieses Lachen klingt. Ein Kämpfer, denn diese tückische Krankheit kam wieder und wieder wie die Fratze eines Springteufels. Als er damals zu Gast auf unserer Hochzeit war, lag der erste erfolgreiche Kampf gegen die Bestie in seinem Kopf schon Jahre zurück. Und ein paar Jahre später wieder der Springteufel, Kampf, Springteufel, Kampf, Springteufel … Scheiße.

Als ich meine Mutter anrufe, um mit ihr über den Todesfall zu sprechen, hat sie noch zwei weitere zu vermelden. Entfernte Bekannte, darunter einer meiner ehemaligen Lehrer. Ein Lebemann, der die Frauen mochte, Sportwagen und gute Kleidung. Dem eine Schulfreundin und ich ehrlich ins Gesicht sagten, dass wir es vorzogen, auf ein Konzert statt in seinen Geschichtsunterricht zu kommen, und der diese Ehrlichkeit schätzte; und der meinem damaligen Freund ins Ohr flüsterte, er solle bloß immer gut zu mir sein. Liebe, Respekt, Geduld. Und Liebe.

Letztes Jahr war auch das letzte für einen anderen Lehrer, dem ich intellektuell so viel verdanke, so Vieles, das ich ihm nie sagen konnte.

Im Grunde geht jetzt jedes Jahr mindestens einer. Dann setzt jedes Mal ein Innehalten Gedenken in Gang. Zeitparadoxie, Zentrifuge von Zeitgespür und –Spur. Die sprichwörtliche Minute des Gedenkens. Es ist seltsam: in unseren Erzählungen spielen viele dieser schon Verstorbenen eine Rolle, besonders wenn sie Wegbegleiter von Jugend und Adoleszenz. Egal wie marginal die Rolle, die sie besetzten: ein Tick, ein Spruch, eine Schrulligkeit, ein gemeinsames Fest, ein geteilter Lachanfall, gemeinsame Zeugenschaft eines schönen Moments oder einer Ungeheuerlichkeit – Sie spielten hinein, sie gingen hinaus und bleiben in diesem Leben, sind in der Lebenserzählung in einer merkwürdigen Form fragloser Zeitlosigkeit gespeichert, als wäre das alles erst gestern gewesen und würde morgen weitergehen.

Facebook suggeriert eine tragikomische Timeline, eine Zeitleiste und Chronik unserer Leben, mit Kreuzungen und Erinnerungen, „Lebensereignissen“, ja, so nennen sie wichtige Stationen, die man mit Datum und Bildern versehen kann. M. – Neulich noch den Auftritt mit der Band gepostet, Bilder vom Feiern. Strahlendes Konterfei. Die Anzeige als Chock. Ende der Zeitleiste.

Und darüber und darunter Katzenvideos. Trumpige Trolle, neueste Ausstellungen, Gastro-Tipps. Like, oder nee, doch nicht. Susi, Rafael und Christine interessieren sich für ein Event in meiner Nähe nächste Woche.

Schnickschnack, das alles.

Und dann diese Bilder des Chocks. Sepia-Spulen alter Heimat.

Gedenken. An.

Und danke.

Media History · Photography · Publication

Ins Bild vertiefen durch 3D

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Zu Beginn des laufenden Jahres kam meine Monographie Durch Blicke im Bild. Stereoskopie im 19. und frühen 20. Jahrhundert, verlegt bei Neofelis in Berlin, auf den Markt. Mittlerweile hat die Rezeption eingesetzt, und ich freue mich über positive Kritik, etwa diese hier von Simon Trautmann auf literaturkritik.de.

Das Buch versammelt rund 40 Stereo-Bilder – allerdings liegt kein Stereobetrachter bei, der die Bilder dann auch in 3D sichtbar werden ließe. Das finden viele Leser schade, und ich auch. Zwei Gründe ließen uns uns gegen die Beigabe einer Brille entscheiden, die ich hier kurz skizzieren möchte: zunächst einmal ein ganz vertriebspraktischer: die Bücher hätten mitsamt den Brillen eingeschweißt werden müssen. Das hätten die Brillen möglicherweise nicht schadlos überstanden, und dann ist Plastikfolie nicht gerade umweltfreundlich. Der zweite Grund ist der, dass eine Brille allein nicht gereicht hätte, weil in dem Buch unterschiedliche Stereo-Bilder zu sehen sind. Es hätte zumindest auch noch einer zusätzlichen Anaglyphen-Brille bedurft.

Wer gerne die Brille zum Buch hätte, kann sich gerne an mich wenden oder bestellt sich einen Prismenlinsenbetrachter mit Lorgnette und, für die Betrachtung der Farb-Anaglyphenbilder, eine rot/grün oder rot/blau-Brille gegen eine geringe Gebühr im perspektrum 3D-Shop www.perspektrum.de.

Viel Spaß beim Eintauchen 😀

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Zur historischen Praxis des 3D-Sehens und dem Stereoskop als “Massenmedium” im 19. und frühen 20. Jahrhundert sind von mir ferner erschienen:

  • “Entrer dans l’image par le regard : stéréoscopie et théâtre”, in: Etudes théâtrales (Feb 2017)
  • „Erlebnis, Erfahrung, Experiment. 3D als idée fixe in Theater und Medien“, in: Bernd Stiegler (Hg.): 3D. (AugenBlick. Konstanzer Hefte zur Medienwissenschaft). Heft 62/63, August. Marburg: Schüren 2015.
  • „Theater und visuelle Kultur im 19. Jahrhundert. Modi der Relation aus historischer Perspektive“, in: K. Röttger und Alexander Jackob (Hg.) Theater und Bild. Inszenierungen des Sehens. Bielefeld: transcript (2009): 233-254.
  • „.’…in die Tiefe des Bildes hineingezogen’. Die Stereofotografie als visuelles Massenmedium des 19. Jahrhunderts“,in: Ch. Balme, M. Moninger (Hg.) Crossing Media. Theater, Film, Fotografie, Neue Medien. München: epodium (2004): 99-108.
  • „Raum im Bild – Bild als Raum. Stereofotografie und Theater im 19. Jahrhundert“, in: Ch. Balme, E. Fischer-Lichte, St. Grätzel (Hg.) Theater als Paradigma der Moderne? Positionen zwischen historischer Avantgarde und Medienzeitalter. Tübingen: Francke (2002): 457-466.

 

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Handstereoskop nach Oliver Wendell Holmes (1809-1894)
Allgemein · Media History · Photography · Publication · Theatre History

‘Durch Blicke im Bild’ – jetzt im Handel

Mein neues Buch, Durch Blicke im Bild. Stereoskopie im 19. und frühen 20. Jahrhundert ist fertig und ab sofort im Handel.

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Aus dem Klappentext:

“Sog, Schwindel und Staunen bezeugen Betrachter stereoskopischer Bilder. Sie erfahren das zweidimensionale Bild als plastisches, changieren zwischen mentalen und physischen Räumen. Die Funktionsweise der Stereoskopie ist denkbar einfach und doch effektvoll: Beim Anschauen in einem Stereoskop verschmelzen zweidimensio­nale Doppel-Aufnahmen desselben Motivs zu einem dreidimensio­nal wirkenden Einzelbild. Entwickelt aus naturwissenschaftlichen Erkenntnissen über binokulares Raumsehen, wird die Stereoskopie ab der Mitte des 19. Jahrhunderts bis ins frühe 20. Jahrhundert weltweit zu einem populären Medium der Unterhaltung, Unterweisung und Dokumentation: Der plastische Effekt und die damit verbundene, von Zeitzeugen attestierte ‚Realitätstreue‘ machen Stereobilder und -serien geeignet für virtuelle Reisen, Bildende Kunst, naturwissenschaftliche Forschung, Sach- und Länderkunde, einen imaginären Theaterbesuch oder die (sehr private) Ansicht pornografischer Bilder.

Durch Blicke im Bild beleuchtet anhand zahlreicher Abbildungen aus der fokussierten Zeitspanne (1840–1930) die technischen, ökonomischen, populär- und visuellkulturellen Facetten und Anwendungsbereiche der Stereofotografie als ein Medium, das zeitgleich mit der Fotografie floriert und vor der Erfindung des Films durch Drei­dimensionalität und Serialität Bewegung im Bild suggeriert – bislang aber von der Medien- und Kulturgeschichtsschreibung ausgeklammert wurde. Die Studie ist damit eine wesentliche historiographische Ergänzung zur Forschung über zeitgenössische 3D-Filme.”

Durch Blicke im Bild. Stereoskopie im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Berlin: Neofelis 2016.

Print: (Soft-over), ISBN: 978-3-95808-006-5 (20,00 €)

e-Book (pdf), ISBN: 978-3-95808-050-8 (20,00 €)

Bestellt beim Verlag oder unterstützt den Buchhändler vor Ort!  🙂

Experiential Research · Media History

Schattentanz / Tanzschatten – Eine Bilderserie zum Zeichnen mit Licht

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Diese Serie hat der Zufall begonnen: beim Tanzen schien die Abendsonne durchs Fenster und   warf den tanzenden Schatten – meinen Schatten im Tanz – an die weiße Wand, überdimensioniert, aber doch klar erkennbar. Ich nahm meine Kamera zur Hand, um dieses unmittelbar „von der Natur gepinselte“ Schattenbild aufzunehmen. Die Herausforderung lag nicht darin, der Tanzbewegung für den Moment der Aufnahme Einhalt zu gebieten, sondern den Schattenwurf der Kamera, die ich ja selbst hielt, im Bild zu unterdrücken. Es gelang, aber die Körperbewegungen richteten sich fortan nach ihrer Schattenwirkung. Eine ganze Serie ist daraus entstanden – Schattentanz/Tanzschatten-Bilder -;  das hier wiedergegebene (einmal horizontal gespiegelte) Bild ist nur ein Baustein.

Den Schatten als Bild zu erkennen – und mannigfaltig medial aufzuzeichnen – , zieht sich durch die Geschichte von Kunst und Medien. Zwei Referenzen drangen sich mir im Kontext dieses Momentes des Bilder-Aufnehmens auf, in denen einmal der Schatten auf Bühnenboden und See fällt und in einer Lithographie festgehalten wird, und einmal auf ein Blatt Papier von Künstlerhand gezeichnet und von der Sonne / Photo-Chemie fixiert ist: Die unten  abgebildete Lithographie zeigt Fanny Elssler im „Shadow Dance“/ „Schattentanz“ aus dem Ballett La Sylphide, angefertigt 1846 durch Sarony & Major. (Napoleon Sarony (1821-1896) begann knapp zehn Jahre später seine Arbeit als Photograph). Die Lithographen beleuchten den Moment, in dem das (fingierte) Mondlicht Sylphides /Elsslers Tanz als Schatten auf der Oberfläche eines Sees abzeichnet.

Fanny Elssler Shadow Dance La Sylphide

In zeitlicher Nähe zu dieser Lithographie, nämlich 1844, veröffentlicht William Henry Fox Talbot (1800-1877) sein Buch The Pencil of Nature. Darin beschreibt er zu Beginn, wie er mit Hilfe einer Camera Obscura die Umrisse von Objekten aufzuzeichnen vermochte. „This method was, to take a Camera Obscura, and to throw the image of the objects on a piece of transparent tracing paper laid on a pane of glass in the focus of the instrument. On this paper the objects are distinctly seen, and can be traced on it with a pencil with some degree of accuracy, though not without much time and trouble. […] And this led me to reflect on the inimitable beauty of the pictures of nature’s painting which the glass lens of the Camera throws upon the paper in its focus—fairy pictures, creations of a moment, and destined as rapidly to fade away. It was during these thoughts that the idea occurred to me…how charming it would be if it were possible to cause these natural images to imprint themselves durably, and remain fixed upon the paper!“(http://www.gutenberg.org/files/33447/33447-pdf.pdf) Das gelingt Talbot schließlich auch: er platziert verschiedene Objekte auf mit Kochsalz und Silbernitrat präpariertes und dadurch lichtempfindlich gewordenes Papier und lässt die Sonnen wirken: die belichteten Stellen färben sich dunkel, die durch die Objekte belegten Stellen bleiben hell, die Umrisse der Objekte „zeichnen sich ab“. „Sciagraphs“ nennt er diese Bilder:„Schattenzeichnungen“!

Media History

“Take a Pic and Post it!” – Wie funktionierte das vor 100 Jahren?

Egal wo wir sind auf der Welt, nehmen wir Bilder von uns und unserer Umgebung auf, um sie mit einer (weltweiten) Community zu teilen. Diese heutzutage gängige Praxis des “Take a  Pic and Post it” wirft Fragen auf  nach der historischen Dimension, nämlich: Wie gelangt eigentlich ein Bild von A nach B im 19. und frühen 20. Jahrhundert? In einem kleinen Essay habe ich versucht, dieser Frage nachzugehen. Die Antworten sind noch lange nicht hinreichend erforscht, aber wir sollten (gemeinsam) daran arbeiten. In dem Essay geht die Reise in verschiedene Regionen der Welt, in die Bildgeschichte, ein Heißluftballon kommt zur Sprache, ein Pony-Express tritt auf, ein Seil-Artist, Illustrierte Zeitungen, Zeichner, Tele-Fotos und Agenturen spielen einige zentrale Rollen.

 

Take a Pic and Post it