Buchbesprechung · Fotografie · Media History · Publication · Social Media

Die Welt im Selfie. Rezension zu Marco d’Eramos Besichtigung des touristischen Zeitalters

 

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Ich war da. Wasserburg im Selfie. Foto: Nic Leonhardt

Ich musste mal raus übers Wochenende. Etwas Anderes sehen, möglichst in einer Stunde ansteuerbar sollte das Ziel, nur mal andere Luft, andere Leute, und möglichst nahe am Wasser wollte ich sein. Nicht, um nichts zu tun, sondern um zu arbeiten. Das geht ganz gut: Arbeiten, wo andere Urlaub machen.

An diesem Wochenende sollte Fach-Literatur studiert werden zur Vorbereitung auf ein Seminar zur Theorie und Geschichte von Bildern und ihren Medien. Da ich eine Einheit zu Selfies und Selbstporträts im Seminarplan vorsehe, hatte ich mir aus den Neuerscheinungen zum Thema Marco d’Eramos Buch Die Welt im Selfie. Eine Besichtigung des touristischen Zeitalters (2018; im ital. Original Il selfie del mondo. Indagine sull’età del turismo (Mailand 2017)) besorgt. Mein Ort der Wahl war Wasserburg. Eine knappe Stunde von München entfernt, ich war noch nie da gewesen, und das Nomen des Ortes schien Omen für viel Wasser. Check. So fuhr ich Freitagabend mit der Eisenbahn zu meinem Wochenendarbeits-Ziel am Inn.

Am sehr frühen Morgen nach der Ankunft machte ich vor dem Frühstück einen Spaziergang, um den Ort ohne Trubel zu besichtigen. Auf der Inn-Brücke blieb ich stehen und genoss: die Luft, das Wasser, die Farben, den Moment. Schön! Ein älterer Einheimischer sprach mich an: “Ich bin der Jürgen, Grüß Gott”. Jürgen fragte, was mir denn besonders gefiele “hier bei uns am Inn”. – Alles. Ob ich gerne Fotos mache? Ja, im Grunde schon. Ob ich einen leichten Anstieg scheue? Nicht im Geringsten. Also spazierten wir hinauf zu einer Anhöhe oberhalb des Städtchens, deren Plattform eine schöne Aussicht versprach. – Und auch so hieß. Jürgen schlug vor, dass ich von dem Panorama am Inn ein Foto machte, mit mir davor. Mir schien das zu touristisch. Aber der Anblick war wirklich großartig. Besonders das Licht an diesem Morgen. Also gab ich nach, verzichtete aber zunächst auf mein Konterfei im Foto.

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Schöne Aussicht. Einzigartig. Wasserburg am Inn. Foto: Nic Leonhardt

Was ich durch die Linse sah, kannte ich bereits, ich hatte diese Ansicht schon einmal gesehen, genau so, – wo? …. Schoss mein Bildchen und ging wieder ins Tal. Als ich später die “Schöne Aussicht” in Wasserburg in die Suchmaschine meines Computers eingab, war mir klar, dass das Bild, das ich gesehen und selbst gefertigt hatte, bereits überdutzendfach in Reproduktion vorlag. Schöne Aussicht, alles klar. Ein Standort, der die beste Sicht verspricht – und damit die beste Aufnahme.

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Dutzendfache Ansichten der Schönen Aussicht. (Screenshot).

 

Wenn das Susan Sontag miterlebt hätte! – In ihrer kongenialen Essay-Sammlung Über Fotografie (On Photography, 1977) schrieb sie:

„Als Mittel zur Beglaubigung von Erfahrung verwandt, bedeutet das Fotografieren […] auch eine Form der Verweigerung von Erfahrung – indem diese auf die Suche nach fotogenen Gegenständen beschränkt wird, indem man Erfahrung in ein Abbild, ein Souvenir, verwandelt. Reisen wird zu einer Strategie, die darauf abzielt, möglichst viele Fotos zu machen. Allein schon das Hantieren mit der Kamera ist beruhigend und mildert das Gefühl der Desorientierung, das durch Reisen oft verschärft wird. Die meisten Touristen fühlen sich genötigt, die Kamera zwischen sich und alles Ungewöhnliche zu schieben, das ihnen begegnet. Nicht wissend, wie sie sonst reagieren sollten, machen sie eine Aufnahme. So wird Erfahrung in eine feste Form gebracht: stehenbleiben, knipsen, weitergehen. Diese Methode kommt insbesondere jenen Touristen entgegen, die zu Hause einer erbarmungslosen Arbeitsethik unterworfen sind.“ (zit. nach der dt. Ausgabe 111999, Frankfurt am Main. Fischer, S. 15-16).

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Zoe Leonard (b. 1961), detail of “You see I am here after all”, 2008. 3,851 vintage postcards. (Photo: Bill Jacobson, NY) 

Beim Anblick der Schönen Aussicht im fotografischen Pluraletantum musste ich an Zoe Leonards jüngste Schau im Whitney Museum New York denken, die ich dort im Mai gesehen hatte: eine Montage von Bildpostkarten der Niagara-Fälle aus sämtlichen Zeiten seit der Erfindung der Postkarte. Das Motiv: unverändert über Dekaden. Gigantisch clever, entlarvend, – und in der Redundanz urkomisch.

Wenn wir Bilder von der Welt im Foto aufnehmen, rahmen und markieren wir sie in sehenswerte Einheiten, in Einheiten des Sehens-Werten. Wie im Falle meiner Panorama-Wasserburg-Aufnahme oder der Kaskaden an immergleichen Ansichten der Niagara-Fälle wird deutlich, dass wir auch durch die zigste Aufnahme dasjenige markieren, was ohnehin bereits markiert ist. Dort die Wasserfälle – hier Wasserburg so weit das Auge reichte.

d'Eramo Dt CoverSo morgendlich in die Falle der visuellen Eroberung der Wasserburger Welt der Sehenswürdigkeiten spaziert, kam mir die eigentlich vorgesehene Aufgabe für diesen Tag, das Studium von d’Eramos Selfie-Buch, gerade recht. Ich setzte mich auf den malerischen Marktplatz, später an den noch malerischeren Inn, abends vor das entzückend malerische Rathaus und las, notierte, schaute, las, und betrieb Nabelschau mit d’Eramo. Marco d’Eramo lebt im beliebten Städtereiseziel Rom, ist einer der Gründer der Zeitung Il Manifesto und schreibt unter anderem für Lettre International, die taz und New Left Review. Der italienische Journalist studierte einst bei Pierre Bourdieu, und sein soziologisches ebenso wie sein kulturtheoretisches und anthropologisches Wissen sind in jedem Kapitel spürbar, wenn er auf Theorien und Denkanstöße von Dean MacCannell, Arjun Appadurai, Susan Sontag, Siegfried Kracauer, Walter Benjamin und andere zurück greift. Ständige Wegbegleiter seiner auch historischen Exkurse in die Welten des Reisens sind Schriftsteller und Künstler und ihre nicht selten kritisch-zynischen Haltungen zum Tourismus. (darunter natürlich Mark Twain und dessen Transatlantikreise-Schilderung Innocents Abroad 1867).

D’Eramos  Buch ist weniger eines über Selfies; aber es leiht die Form und die (kann man schon sagen?) kulturelle Praktik des Selfie-Machens als Geste, um das touristische Zeitalter einzufangen und den Spuren  nachzugehen, die wir in der Welt hinterlassen. Und die sind außerordentlich. Massiv. Zerstörerisch auch. D’Eramo unternimmt unterschiedliche Rahmungen: historisch, ökonomisch, infrastrukturell, literarisch, kulinarisch, numerisch – aber immer gnadenlos ehrlich. Was machen wir da eigentlich mit der Welt seit nurmehr knapp zwei Jahrhunderten? Wie generieren sich, vor allem wie gerieren sich die Milliarden Ferien-, Bildungs-, Konferenz-, Sex-, Städte-, Bade-, Gastro-, Medizin-, Freitodtouristen?

“Eine Milliarde und 186 Millionen Reisen pro Jahr [heutzutage] bedeuten, dass einer von sieben Menschen Auslandsreisen unternimmt […]. Zählte man zu guter Letzt auch noch Reisende im jeweils eigenen Land hinzu (deren Zahl man ermittelt, indem man die Anzahl der internationalen Touristen mit dem Faktor 4 multipliziert), so hätte man vor sich ein Bild der ganzen Menschheit in immerwährender, rastloser Betriebsamkeit.“ (S. 28)

9788807105272_quarta.jpg.600x800_q100_upscaleDie nicht enden wollenden organisierten Reisen sieht d’Eramo als bestes Beispiel dafür, was Henri Lefèbvre eine „bürokratische Gesellschaft des gelenkten Konsums“ nennt. Der Tourismus ist eine Erfindung des frühen 19. Jahrhunderts. Transport- und Kommunikationsmöglichkeiten, die es zum (organisierten) Reisen braucht, beginnen erst dann ausgeklügelt und kontinuierlich optimiert zu werden. Schiffe, Eisenbahnen, Fotografie, Presse, Bildpostkarten – alles Produkte des 19. Jahrhunderts, wie wir wissen. Die erste organisierte Reise gestaltet bekanntlich Thomas Cook (1808–1892) im Jahre 1841, den ersten Reiseführer ediert der Verlag Karl Baedeker 1832, die ersten Fotografien werden in den späten 1830er Jahren gefertigt. Hier werden Fäden gelegt, die immer dichter zusammen verwoben werden sollten, zu Kontributoren eines „tourism production system“, wie Stephen Britton es nennt, einer Industrie der Postkarten, Souvenirs, Reiseführer, Landkarten, Reisebüros und -Portalen wie Expedia, Tripadvisor etc. Im 20. Jahrhundert habe sich unsere Gesellschaft dann, so d’Eramo, zu einer “vollwertigen touristischen Gesellschaft” entwickelt, durch Kleinwagen, schnellere Züge und Billigflieger, und es gebe ausreichend Gründe zu behaupten, dass der Tourismus “die schwerste, die wichtigste Industrie des 21. Jahrhunderts“ (S. 15) sei. Diesen Befund auf den Schultern, reist D’Eramo in seiner informierten Studie durch die Orte und Zeiten, macht Snapshots von “Sehens-Würdigkeiten”, deren Komplexität er sodann aufpackt.

Carte Gastonomique de la France
Auch eine Form, sich reisend die Welt (hier Frankreich) einzuverleiben: Charles-Louis Cadet de Gassicourts (1769–1821) erste “Carte Gastronomique de la France”, 1809.

Das, was sehens-würdig ist, unterliegt durchaus einem historischen Wandel. Orte wie Friedhöfe, Leichenschauhäuser, Abwasserkanäle, wie sie unter anderem im 19. Jahrhundert als Must-Sees empfohlen wurden (etwa von Mark Twain), sind heute doch eher No-Go-Areas. Sehens-Würdigkeiten und Touristenziele unterliegen aber auch absurden ebenso wie perfiden Operationen: Markierungen des Sehenswerten und ihre Reproduktionen in Bildern und Tripadvisor und anderen Bewertungsportalen (siehe oben), Inszenierungen von Authentizität für das touristische Auge oder Paradoxien des Gastro-Tourismus daheim (z. B. die “Chinesität”: je mehr rote Ballons an der Decke und Drachen auf der Tapete eines China-Restaurants, desto weniger chinesisch das Essen), Disneylandisierung, Erfindung von Tradition und Nostalgisierung, Weltkulturerbe-Prädikate als Besuchermagneten, die (Kreation von) Ruinen, nachhaltig problematische Facetten des Reisens wie Kommerzialisierung, Zonenbildung (touristische Viertel vs. Viertel für die Einheimischen), Umweltprobleme, Konstruktion zum Preis der Destruktion, Ungleichheiten und so weiter. Allzu gerne sei man versucht, Touristen-Bashing zu betreiben, Reisewütige in ihrem Tun und Aktivismus zu belächeln. Auch dies eine Begleitbewegung zum Massentourismus. “Die Welt im Selfie” zu sehen, bedeutet aber auch, und dies macht d’Eramo selbstreflexiv klar, sich selbst mit ins Bild zu holen:

„Erst mit eingehenderem Studium wurde mir bewusst, dass hinter der Kritik am Tourismus nur die Weigerung steckte, sich im Spiegel zu betrachten und zu erkennen, dass die touristische Wahrnehmung bloß die besondere Weltwahrnehmung unserer Gesellschaft ist.“ (S. 293)

Was ich kritisch anzumerken hätte, beobachtet der Verfasser am Ende selbst: das Mäandern durch das Thema, das mich als Leserin einerseits in den Bann zieht, mich aber andererseits auch gelegentlich ohne Orientierung hinterließ. Man kann d’Eramo beinahe zusehen, wie er das Thema selbst entdeckt – und stolpert und flaniert förmlich mit. In einem Postskriptum offenbart d’Eramo dann auch, dass er eigentlich nur über die Touristenstadt hatte schreiben wollen. Im Prozess des Schreibens habe er aber realisiert, dass er über die Touristengesellschaft unseres touristischen Zeitalters schrieb und schreiben musste. Für diese ‘Themaverfehlung’ können wir nur dankbar sein, denn dieses profund recherchierte und so unerbittlich entlarvend, aber stellenweise sehr frech verfasste Buch ist als Sach- ebenso wie als Reiselektüre tauglich. Martina Kempter besorgte eine wahrlich gelungene  Übersetzung ins Deutsche.

Nach der Lektüre hatte ich den Eindruck, an unzähligen Orten und Zeiten gewesen zu sein und mit d’Eramos Hilfe multiperspektivisches Sight-Seeing betrieben zu haben. Dabei war ich ja nur mal schnell in Wasserburg am Inn. Apropos: ich habe dann doch noch ein Selfie gemacht. Weil die Aussicht so ‘sehenswürdig’, so ‘schön’ anmutete. – Und damit man daheim auch glaubt, dass ich wirklich dort war.

Marco d’Eramo Die Welt im Selfie. Eine Besichtigung des touristischen Zeitalters. Frankfurt am Main: Suhrkamp / Insel 2018. ISBN 978-3-518-42809-2, 362 Seiten, ausführliches Sach- und Ortsregister, keine Abbildungen.

Schöne Aussicht

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Globale Theatergeschichte schreiben – Ein Porträt im DFG-Magazin

Royal Opera House Mumbai

Kunst darf alles, Theater ist grenzenlos. Wie aber schreibt man ihre Geschichte(n)? – Die performativen Künste aus einer transnationalen, transregionalen, transkulturellen Perspektive zu schreiben, scheint so offenkundig – wie es lange ein Desiderat blieb. Mit einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Reinhart Koselleck Projekt, “Global Theatre History”, das 2010 am Institut für Theaterwissenschaft der LMU München seine Anfänge nahm, haben wir dies zunächst im Kleinen probiert. Das internationale Netzwerk an wissenschaftlichen Partnern wuchs und wuchs in den Jahren. Fragen wurden mehr, unbearbeitete Felder der Theaterhistoriographie poppten auf. Als die Förderung naturgemäß 2016 auslief, waren wir uns schnell einig, dass das erst der Anfang sein konnte. Also formten wir  das Centre for Global Theatre History, um den Diskurs um die historischen Verflechtungen der Theaterkünste über Grenzen hinweg weiterzuführen.
In der aktuellen Ausgabe des DFG-Magazins habe ich über unsere Ansätze und Arbeit berichtet. Zum Artikel geht es hier: Nic Leonhardt: “Der Vorhang fällt nie”. In:  forschung. Das Magazin der Deutschen Forschungsgemeinschaft. 2/2018, S. 22–27.
GTH Centre Logo Jan 2017Noch mehr Global Theatre Histories: www.gth.theaterwissenschaft.uni-muenchen.de www.gth.hypotheses.org
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SIBMAS Conference in Paris, Talk on Historical Images of the Audience

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photo: Barry Houlihan. Merci!

In the framework of this year’s conference of the Société internationale des bibliothèques, musées et archives des arts du spectacle (SIBMAS) in Paris, I talked about my work on visual arts and historical depictions and concepts of “the audience” in different cultural spheres. The talk was entitled Veo Veo* – in ‘5D’: Iconographies of Theatrical Audiences as Archival Bequests of Perception.

 

The theme of this year’s SIBMAS conference is “Being Successful together. Participate, share, cooperate in safeguarding  performing arts heritage”.  (Programme).

 

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Im Rampenlicht: “The Theatre Cat”

Historische Forschung im Archiv generiert ihren Zauber auch durch unverhoffte Funde, die sich beim Durchblättern von Materialien auftun. Die Abweichung vom eigentlichen Fokus, vom wissenschaftlichen Erkenntnisinteresse, das der Entscheidung, einen Korpus zu sichten, stets vorausgeht, ist nicht zu planen. Die Aufmerksamkeit wird (ab-)gelenkt, wenn sich ein Stichwort oder ein Bild in den Augenwinkel schiebt, auf das ein anderes berufliches oder auch persönliches Interesse geeicht ist. Diese Ablenkungen sind höchst willkommen. Denn durch sie kann im besten wissenschaftlichen Sinne der Zufall eine neue Idee zuspielen – auf anderen Ebenen mag er in einem Schmunzeln münden, und plötzlich fühlt man sich dem historischen Material noch ein Stückchen näher. Es wird ‘heutiger’.

The Theatre Cat New York Dramatic Mirror March 1894

Cat content ist so eine Aufmerksamkeitsumlenkungsfalle. Als Begriff recht rezent und in enger Verbindung mit digitalen (sozialen) Medien genutzt, als Phänomen aber doch mindestens so alt wie die Presse. Gefunden in einer März-Ausgabe des New York Dramatic Mirror aus dem Jahr 1894 (einem Fachjournal für die darstellenden Künste), – zufällig natürlich – , offenbart der Artikel “The Theatre Cat”, dass man auch vor 124 Jahren mit Speck schlicht Mäuse fing. In den Medien wie im Theater. Im Kontext der entsprechenden Zeitungsseite ist die Meldung gar einer Personalie vorangestellt, und auch hinsichtlich der Zeichenanzahl sind die Prioritäten hier klar gesetzt: im Rampenlicht gewinnt das Feline! Im geschilderten Fall stiehlt eine gelbe Katze dem Hamlet-Darsteller die Show, Shakespeares Stoff die Tragik, und dem porträtierten Courtlandt Palmer den Medienauftritt für sein Debüt als Pianist:

The Theatre Cat New York Dramatic Mirror March 1894

“EVERY well-organized theatre – like every well-conducted newspaper – should have a cat. And there are probably few theatres in New York that do not keep one of those useful animals for the purposes for which the cat seems to have been created. But there are theatres that keep a cat so carelessly that the feline, when supposed to be watching for rats or mice in some dark corner, now and then walks disconcertingly in upon some critical scene in a play and queers the performance. 

The unexpected – especially if it be in the theatre – seems always to please an audience, if it has no element of danger. If it have [sic] an element of absurd contrast, the surer it will be to please. And the love of the ludicrous is so strong that the average theatre auditor will relax from intense sympathy with a sublime personation even of SHAKESPEARE to exercise the risibles over the accidental advent of a cat upon the scene. 

This is suggested by the interruption of a performance of Hamlet in the Schiller Theatre, Chicago, the other day, by a yellow cat that became meteorically active from stage fright the moment it confronted the footlights.

The animal alarmed as well as disconcerted the actors on the stage, not excepting the star himself, and it was some minutes after it had disappeared “like a yellow streak” from the scene that anything like seriousness was restored. As it was, Hamlet from that moment ceased to be tragedy for that night. 

We in New York see the cat occasionally; and whether it be yellow or black, brindle or gray, the result is always the same. Not even the most intense and exciting moment of an IRVING production can successfully withstand the intrusion of a cat.”

(The New York Dramatic Mirror, 3 March, 1894)

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Rezension: “Eine Fotografie. Über die transdisziplinären Möglichkeiten der Bildforschung” (I. Ziehe & U. Hägele, 2017)

 

3664grossBilder tragen in ihrer Gegenwärtigkeit Vergangenes. Historizität.

Walter Benjamin schreibt bekanntlich in seinem Kunstwerk-Aufsatz, man habe lange behauptet, dass „’Nicht der Schrift-, sondern der Photographieunkundige […] der Analphabet der Zukunft‘“ sein werde. Allerdings müsse doch aber „nicht weniger als ein Analphabet ein Photograph gelten, der seine eigenen Bilder nicht lesen“ könne, womit er darauf abzielt zu fragen, ob nicht eigentlich „die Beschriftung […] zum wesentlichsten Bestandteil der Aufnahme“ werde.

Immerhin tragen heutige digitale Bilder ihre Informationen mit sich, ihre Metadaten, bestehend aus Angaben zur Zeit, oft Geodaten zum Ort der Aufnahme, Daten zu ihrer Auflösung, ihren Maßen. Damit ist künftigen Generationen von Bildforschern schon ein gutes Stück geholfen. Annotationen der Bildkreier und ihrer Betrachter tragen ihr übriges bei, digitale Bilder zu kontextualisieren. Was aber, wenn diese Informationen fehlen, wie bei älteren Fotografien üblich? Wenn Fotografie oder visuelles Artefaktum ‚nackt‘ daher kommen, ohne Metadaten, ohne Kontext? Dann wird aus einer möglicherweise einst (für die Fotografen, Knipser, ihre Rezipienten oder die dargestellten Subjekte) bedeutsamen Aufnahme schlicht „eine Fotografie“. Dies fragen und befragen die Autoren – Bildwissenschaftler, Archivare, Kuratoren, Fotografen – in dem von Irene Ziehe und Ulrich Hägele herausgegebenen und 2017 bei Waxmann erschienenen Band Eine Fotografie. Über die transdisziplinären Möglichkeiten der Bildforschung.

Für HSozKult habe ich den Band besprochen.

Irene Ziehe, Ulrich Hägele (Hg.): Eine Fotografie. Über die transdisziplinären Möglichkeiten der Bildforschung. Münster: Waxmann 2017.

 

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Greatest Showman. Digitale Spuren

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(The) Greatest Showman. Hugh Jackman als P.T. Barnum.

Das Kino entdeckt die Show um die Show derzeit wieder neu, populäre Unterhaltungsformen, die zu Zuschauermagneten wurden, als es noch kein Kino gab, keinen Fernseher, – von Konsolen und Netflix nicht zu reden. Das 19. Jahrhundert ist dahin gehend eine wahre Wundertüte.

Als romantisierte flitterglitterpopcornige Spektakeltüte kommt auch der Film The Greatest Showman  von Michael Gracey daher, der seit 4. Januar 2018 in deutschen Lichtspielhäusern läuft. Es gab zahlreiche Vorberichte und Features zum Film, ebenso wie es bereits ausreichend Kritiken gibt. Wie stets, wenn es um Stoff geht, der “nach wahren Begebenheiten” gestrickt ist, wird dort unermüdlich um die “Authentizität” gefeilscht, die Diskrepanz von “damals und heute” und die Diskussion darüber, ob nun zu viel oder zu wenig Spektakel, ob zu viel oder zu wenig “amerikanische” Stilistik, Konvention, Rezeptionsgewohnheit verwoben und zugemutet seien.  Die Kulturgeschichtsforschung hat sich aus verschiedenen Blickwinkeln dem Phänomen P.T. Barnum genähert. Ich biete hier ein paar digitale Spuren an, die Filmsehende vielleicht Lust haben zu verfolgen, um nach dem Kinobesuch noch ein bisschen tiefer in die Kiste der Geschichte und Ungereimtheiten des Showbusiness zu klicken.

barnum-poster-960x640Greatest Showman kreist um die zweifelsohne schillernde Figur des Showman, Impresarios, Schaustellers, Museumsdirektors, Zirkusdirektors und frühen Marketing-Exerten Phineas Taylor Barnum (5. Juli 1810–7. April 1891) (im Film gespielt von Hugh Jackman), der, wie der Film illustriert, populäre Unterhaltungsformen wie Ausstellungen von Riesen, Zwergen, ‘Kuriositäten’ etc. zum Industriezweig gestaltete.

Barnum tritt als junger Mann in den dreißiger Jahren einer Schauspielergesellschaft bei, später einer Kunstreitergesellschaft, und macht sich kurz danach selbständig, indem er eine ältere Frau, die er für die “Amme Washingtons” ausgibt, für Geld zur Schau stellt. Er übernimmt 1840 das Amerikanische Museum in New York, ein markant populäres Haus, eine Mixtur aus Zoo, Kuriositätenkabinett und Theater. Später macht er die in seinem Heimatland noch gänzlich unbekannte schwedische Sängerin Jenny Lind in Amerika berühmt (die im aktuellen Musical-Film von Rebecca Ferguson gespielt wird). Barnum selbst hatte sie bis zu ihrem Auftritt in den USA nie gehört, behauptet aber schlicht ihre Berühmtheit auf dem Kontinent, publiziert rege im Vorfeld ihres US-Engagements über ihre Popularität, so dass sie, in den USA angekommen, von einer frenetischen Menge wie ein Star empfangen wird (dabei kennt sie im Grunde noch niemand). Er leitet die Konzerte der irischen Opernsängerin Catharine Hayes und betreut (angeblich) die erste Gastspielreise der französischen Schauspielerin Sarah Bernhardt in Amerika. Er unternimmt Tourneen mit einer Menagerie und einer asiatischen Karawane, stellt Kinder und Hunde aus. Nach finanziellem Bankrott in den sechziger Jahren – das American Museum brannte 1865 nieder – gelingt ihm mit der Wiedereröffnung des Museums am Broadway der wirtschaftliche Aufschwung.

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Zeichnung von A. R. Waud: Brand des American Museum am 13. Juli 1865, erschienen in Harper’s Weekly, 29. Juli 1865.

Der “Greatest Showman of the World” entdeckt eine Marktlücke in der Präsentation der “Greatest Wonders in the World”: Tiere, Kleinwüchsige, Tätowierte, Menschen mit Gendefekten. Zu seinen bekanntesten Protagonisten gehören sicherlich der Kleinwüchsige Charles Stratton, besser bekannt unter dem Namen “General Tom Thumb” und die behaarte Frau Julia Pastrana.

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P.T. Barnum und “General Tom Thumb” (i.e. Charles Stratton)

Für die damalige Zeit eine Sensation, selbst von Medizinern wegen der anatomischen Besonderheiten der ausgestellten Menschen als Anschauungsobjekte gefragt, sind diese Zurschaustellungen aus heutiger Sicht politisch und ethisch nicht im Geringsten mehr vertretbar. Zahlreiche Studien haben sich mit diesem Thema der “Völkerschauen” und “Freak-Shows” befasst, wie sie Barnum, nach ihm aber auch zahlreiche andere Impresarios der Zeit, veranstalten. Ich nenne hier nur Garland Thomson 1997; Gernig 2001Stammberger 2011.  Die Zeitungen der Zeit berichten in relativer Häufigkeit von Barnums neuesten Unternehmungen, und die starke Medienpräsenz verhilft ihm  zu einem hohen Bekanntheitsgrad auch in Deutschland; seine Unternehmungen bekommen Modellcharakter auch für die Unterhaltungsbranche außerhalb der USA, Barnum wird eine – nicht besonders kritisch reflektierte –Referenz für ‘best-practice showbusiness’.

201110211654Barnum gilt als Pionier marktstrategischen Handelns im Bereich populärer Unterhaltung. Nicht nur, dass er innovative Ideen für seine Exponate entwickelt. Recht schnell erkennt er die damals noch nicht besonders gängige Reklame, das Marketing,  als einen der Kardinalwege zu wirtschaftlichem Erfolg. Seine Überlegungen und Erfahrungen hierzu verschriftlicht er 1884 in The Art of Moneygetting, Or: Hints ad Helps to Make a Fortune; eine Schrift, die rasch auch in andere Sprachen übersetzt wird. Im Deutschen erscheint sie zunächst seriell in der illustrierten Familienzeitschrift Die Gartenlaube, 1887 kommt die Übersetzung durch Leopold Katscher bereits in der zweiten Auflage unter dem Titel Die Kunst Geld zu machen. Nützliche Winke und beherzigenswerhe Rathschläge beim Verlag Elwin Staude, Berlin, heraus. Der Text ist an manchen Stellen verblüffend heutig und gleicht Wirtschafts- und Marketing-Ratgebern, die 100 und weitere Jahre später erscheinen. Es macht Spaß, ihn zu lesen – etwa in der digitalisierten Fassung des Projekt Gutenberg, das aktuell 56.000 copyrightfreie Werke der Weltliteratur verfügbar hält. Auch als Audio-Book sind Barnums “Hints and Helps” disponibel.

Barnums American Museum lässt sich ebenfalls virtuell ‘besichtigen’: im “Lost Museum”:  Das American  Social History Institute und Center for Media and Learning  des Graduate Centers der City University of New York machte in Zusammenarbeit mit dem  Roy Rosenzweig Center for History and New Media der George Mason University im Projekt Lost Museum Bestände, Referenzen und Lehrmaterialien über das Museum digital verfügbar.

 

 

 

 

 

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Computerliebe. Ein Essay

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Computer Nr. 3. France Gall. Plattencover von Decca, 1968.

Am 7. Januar 2018 verstarb die Sängerin France Gall (Isabelle Genevieve Marie Anne Gall), der wir den unglaublichen Song Computer Nr 3 verdanken. 1968 kam er heraus, also vor nurmehr 50 Jahren.

Es war mehr Zufall, dass ich vor zwei Jahren über dieses Lied stolperte, das mir bis dato unbekannt war. Wer auf digitalen Plattformen nach Produkten, Personen, Artefakten et cetera sucht, erhält bekanntlich auch automatisch generierte, den Resultaten vergleichbare Empfehlungen verwandter Ergebnisse. So auch auf YouTube. Auf meine Suche nach einem anderen Stück aus den sechziger Jahren wurde mir zum Anhören eben auch Computer Nr. 3 vorgeschlagen. Das empfohlene Video zeigte France Galls Auftritt bei der Endrunde des Ersten Deutschen Schlagerwettbewerbs, die am 4. Juli 1968 live aus der Philharmonie in Berlin im ZDF übertragen wurde. Walter Giller moderierte. Veranstalter war der “Verein zur Förderung der deutschen Tanz- und Unterhaltungsmusik“, Deutschlandfunk, ZDF.

Computer Nr. 3 erreichte Platz 3 im Wettbewerb. (Auf dem ersten Platz lag das Lied Harlekin, gesungen von Siw Malmkvist, auf dem zweiten der Song Wärst du doch in Düsseldorf geblieben, gesungen von Dorthe).

Der Refrain von Computer Nr. 3 lautet:

Der Computer Nr. 3 sucht für mich den richtigen Boy, und die Liebe ist garantiert für beide dabei. Der Computer weiß genau für jeden Mann die richtige Frau, und das Glück fällt im Augenblick aus seiner Kartei.

Verblüffend an diesem Liedtext, der aus der Feder des deutschen Schlagertexters Georg Buscher (1923-2005) stammte, die Komposition von Christian Bruhn (geb. 1934), scheint aus heutiger Sicht die inhaltliche Nähe zu den Leitlinien und Möglichkeiten von online-Dating-Plattformen wie Elite Partner, Parship oder Tinder. Verblüffend deswegen, weil es in den 1960er Jahren diese Plattformen noch nicht gibt, der Text jedoch ihre Möglichkeiten visionär vorwegnimmt; und, mehr noch, ist zwar der Begriff des Computers seit etwa 1962 gebräuchlich; allerdings gibt es keinen Computer, der annähernd zu dem in der Lage ist, was France Gall in ihrem lyrischen Ich sich hier erdichtet: „für jeden Mann die richtige Frau zu finden“. Schaut man in die Geschichte der Computer, so lässt sich für das Entstehungsjahr dieses Songs, 1968, notieren, dass die amerikanische Firma Hewlett Packard den Computer Nr. 9100 A auf den Markt bringt, den ersten technischen Desktop Computer von HP; im Grunde kann man ihn auch als eine Rechenmaschine bezeichnen. In den zeitgenössischen Werbeanzeigen schrieb man ihm allerhand Fähigkeiten zu – , nicht aber, dass er in der Lage sei, Männer und Frauen zu verbinden.

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Computer Nr. 9100A von Hewlett Packard, 1968

France Galls Hit nahm ich zum Anlass, nach weiteren populärkulturellen Phänomenen zu fahnden, die thematisieren, wie neue Technologien zwischenmenschliche Beziehungen verhandeln, befördern oder auch verhindern.

Meine Überlegungen habe ich in Computerliebe _ Ein Essay von Nic Leonhardt zusammengetragen. Sie sind lange nicht vollendet; über Ergänzungen freue ich mich.

“Lange war ich einsam, heut’ bin ich verliebt,
und nur darum ist das so,
weil es die Technik und die Wissenschaft
und Elektronengehirne gibt.”

(France Gall, Computer Nr. 3, 1968)