bildende Kunst · Haiku · Literatur, Lyrik · Mensch & Tier · visual arts

Kunst ab, aus, an. Oder: Victoria’s Secret (#Haiku)

hylas
John W. Waterhouse (1849–1917), Hylas und die Nymphen

Magischer Lockruf.

Sur le pont, – jenseits lebt Kunst!

Spiel – Farbe – Stil – Fauves.

 

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*) Anfang Februar 2018 entfernte die Manchester Art Gallery das Bild Hylas und die Nymphen des Präraffaeliten John William Waterhouse (1849–1917) temporär aus der Ausstellung. Das Bild entbehrte für eine Weile den menschlichen (männlichen?) Blick. Die Aktion war unter anderem eine Re-Aktion auf die #metoo-Debatte. Derweil hängt die Arbeit wieder.

 

Literatur, Lyrik · Mensch & Tier · Sprache

Vom Theaterwissenschaf

schaf (2)
Collage: Nic Leonhardt

Heute Früh passierte, was lange schon passieren musste. Ausgerechnet in einem wichtigen Schreiben, das ich mit viel Mühe zusammengekritzelt hatte, wurde aus der viel gerühmten fruchtbaren Zusammenarbeit die furchtbare. – Während man jene hochlobtpreist, anstrebt und sich wünscht, bildet diese einen quälenden Umstand und formt eine miese Erfahrung, aus der nur der dringende Wunsch nach wiederum jener retten kann. Furchtbar. So was aber auch! Dabei passe ich immer tierisch auf, so wie ich auf der Hut bin, wenn ich verlautbaren lassen möchte, dass ich auf der Reise sei, aber keineswegs, ganz gleich, welche sexuelle Orientierung ich zeitaktuell bevorzuge, auf der Resie. Auf der Resie. Ja mei, naaa! Das gehört sich doch nicht… Apropos Bayern: in der zweiten Grundschulklasse hatte ich mal im Diktat eine 1-.  Warum? Ich hatte „gschneit“ geschrieben, „geschneit“ wäre richtig gewesen. „Die Nicki aus Bayern“ schrieb mein Klassenlehrer mit Augenzwinkern an den Rand. Ich fand das nicht lustig, denn die Nicki aus Bayern war in der damaligen Schlagerwelt ein bayerisches Cow-Girl mit einer Frisur, die  … – Aber lassen wir das. Gut, dass es damals noch kein Instagram gab.

Zurück zu weniger Furchtbarem.

Meinen Studierenden gebe ich immer mit auf den Weg, sie sollen bitte vor der Abgabe ihrer Haus- oder Abschlussarbeiten noch einmal alles gründlich Korrektur lesen. Der Fehlerteufel sitzt ja im Detail; er hopst wie ein kleines Äffchen durch die Texte und gebiert mal kleine, mal große Schäden. Einen wolligen Wonneproppen gebar er vor vielen Jahren in der Abschlussarbeit einer Kommilitonin in der Theaterwissenschaft. Dieses Wort sollte eigentlich das Schlusswort ihrer Zusammenfassung bilden: Theaterwissenschaft. Was für ein Coup: die Arbeit mit dem Wort beenden, das für das Fach steht, in dem sie verfasst wurde. Theaterwissenschaft ist wichtig! Ein Appell! An die Leser! Die Gutachter! Die Nachwelt! – Wäre da nicht die Sache mit dem Eigenleben der Tastatur gewesen. Was soll ich sagen: aus dem Fach wurde ein Tier, ein zauberhaft märchenhaftes, und zwar: das Theaterwissenschaf! Ein Theaterwissenschaf – das muss man sich leibhaftiglebhaft vorstellen – und schon kann das gerade allerorten auf Muffin-Förmchen, Bikini-Körbchen und Feuchttüchern präsente Einhorn einpacken.

Hätte ich die Wahl, ein Tier nach meinem Geschmack zu formen, wäre es zweifelsohne das Theaterwissenschaf. Die Gründe liegen auf der Hand für diejenigen, die meinen Hintergrund kennen: urtümlich vom Land, Grünzeug essende Tierfreundin, Theatre-Maniac und Wissenschaftlerin. Das Theaterwissenschaf wäre das i-Tüpfelchen meines Seıns.

Von Ferdinand de Saussure kennen wir ja die Perspektive auf sprachliche Zeichen als arbiträr. Was heißt das? Nun, stark vereinfacht erläutert: einen Baum „Baum“ zu nennen, ist arbiträr, das heißt, es ist eine willkürliche Setzung, der sich alle, die sich in einer gemeinsamen Sprache bewegen, fügen. Das Lautbild Baum ist der Vorstellung eines Baumes zugeordnet. Gleiches gilt für Tische, Stühle und so weiter. Ein Stuhl ist im Deutschen ein Stuhl. Das ist eine Konvention. Was passiert aber, wenn Maschinen, die denken, sie seien intelligenter als wir selbst, neue Arbitraritäten ersinnen?

Wir verfügen mittlerweile ja alle über beste Schreibwerkzeuge, Smartphones, Computer aller Fruchtsorten mit Rechtschreibprüfung. Die Zusammenarbeit mit Korrekturprogrammen gestaltet sich indessen oft furchtbar (ja, ich meine hier furchtbar, nicht fruchtbar, hier nicht). In meinem Schreiben heute war die Korrekturfunktion keine Hilfe. Und auch das Schaf von damals wurde nicht mit roten Schlangenlinien unterlegt. Es steht also zu vermuten, dass das Programm ebenso an Theaterwissenschafe glaubt wie wir an Einhörner. Und es bläst ins selbe Horn, wenn es automatisch korrigiert. Wenn man da nicht aufpasst – schafft der Schaft der Fehlerteufel-Feder einen Stall voller Schafe im Text. Ich weiß ja nicht, welche kryptischen Nachrichten Ihr schon aus Versehen bekommen oder selbst verschickt habt. Mein Smartphone machte schon aus Derrida ein „Dreirad“; mein neueres Modell erkennt den französischen Philosophen immerhin als Mann, benennt ihn allerdings in „Derrick“ um. Man will das fast für eine Freudsche Fehlleistung halten. Ebenso wie übrigens vor wenigen Wochen mein liebevoll an meinen besten Freund gerichtetes Kosewort „Honey“ zu „Honecker“ wurde. Mein Freund wunderte sich nicht wenig über die merkwürdige Anrede. Zum Glück kennt er mich.

Dreirad
Derridas Dreirad oder doch Derricks?

Vielleicht wäre die Welt aber auch bunter, wenn wir die Geräte einfach ließen, und sie furchtbar fruchtbar ihr sprachliches Unvermögen weiter zu Gold dichteten. Da würde dann Derrida auf dem Dreirad zu Derrick fahren, oder den Honecker besuchen, alles friedlich, alles bunt. Oder auch grün, wenn die Resie mal wieder auf ihre Weise über die Wiese auf die Reise ginge…

… derweil graste auf der Wiesenbühne genüsslich das arbiträr gebaute, aber gebildete Theaterwissenschaf …

 

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Backwaters

backwaters
Backwaters in Kerala, India (photo: Nic Leonhardt)

I made this short film (klick on the pic above) when standing on the bow of a wooden ship cruising on the backwaters of Kerala, India, last summer.
Initially I had planned to add music to this gentle cruise; yet I finally decided to let nature’s own sound sing to you.
You might want to turn the sound off and indulge in the visuals; or  add your own music for enhancing or changing the movie’s character.

Enjoy! And be good to yourself 🙂

Literatur, Lyrik · Mensch & Tier

Der Haken (Ein Gleichnis)

angler

Ein Angler angelte einen Wurm. Den hatte ein  schlauer Fisch an den Haken geheftet!

Der Angler aber war dumm und grillte abends Wurmfleisch ohne Gräten. So froh war er, etwas gefangen zu haben!

Daraufhin verließ die Anglersfrau den dummen Angler und angelte sich einen Gärtner. Der konnte sogar Gurken von Zucchini unterscheiden. So schlau war der!

Der schlaue Fisch aber lachte laute, große Wellen ins Meer.

Das taten ihm alle anderen Fische gleich.

Von da an kam Leben ins Wasser.

Der Angler aber hing die Angel an den Haken. Und stürzte kopfüber ins Nass.

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Hallo Welt?

Friedenstaubenbaum
photo: Nic Leonhardt. Ein Friedensbaum in Frankfurt.

Vor ein paar Tagen war ich mal wieder mit dem Zug unterwegs. Mit meinem schweren Gepäck musste ich in Köln-Deutz von der U-Bahn in den ICE umsteigen. Wer schon mal als Reisender das Vergnügen mit dem Deutzer Bahnhof hatte, weiß vielleicht, dass es nicht auf den ersten Blick ersichtlich ist, wo genau die Fernzüge abfahren, wenn man an den Gleisen der Stadtbahn ankommt. Es war früh morgens, Pendelverkehr, ich orientierungslos. Aber zum Glück war die lange Halle voller Passanten. Da konnte ich ja jemanden fragen. Die Idee lag nahe, an der Umsetzung, indes, haperte es. Zwar fragte ich diesen und jenen, Sie und Ihn, jung und alt, – aber niemand nahm mich wahr. Alle huschten an mir vorbei, ohne mir auch nur einen Funken Aufmerksamkeit zu schenken. Ich atmete tief ein und hob erneut an, meine Frage zu stellen: „Entschuldigen Sie bitte, wo fahren denn hier die Fernzüge ab?“ – Keine Reaktion. Eine Pendler-Karawane von annähernd 100 Passanten pro Minute – aber keine Antwort. Plötzlich kapierte ich: Na klar!: Niemand reagierte, weil alle Kopfhörer auf oder in den Ohren hatten! Abschottung. Gegen den schlimmen Morgen. Gegen die lästige Außenwelt. Na prima.

Die Beschilderung war bescheiden. Also fasste ich mir ein Herz, stellte mich in die Bahnhofshalle und rief laut: „Gibt es hier irgendwen ohne Kopfhörer, der mir eine Frage beantworten kann?“–  Wusch ! – zog man an mir vorbei. Und doch: eine junge Frau blieb stehen und nahm sich meiner an. Helfen konnte sie mir zwar nicht, aber ich war ja mittlerweile schon dankbar, dass sie mich hörte. Wir wünschten uns noch einen guten Tag, und nach einigen Umwegen fand ich den Fernbahnhof dann auch.

Meine Frage blieb nur noch: bin ich eigentlich deppert oder was war das gerade für eine Szene? Und noch eine zweite Frage: Was wäre denn, wenn ich noch wichtigere Hilfe bräuchte – als nur eine Auskunft?

Die Szene beschäftigte mich, weil sie einen Einblick in den Alltag gewährt, an dem ich teilhabe, den ich mir aber in einer idealen Welt eigentlich anders vorstelle. Ganz ehrlich, war ich auch etwas erschüttert. Am meisten über die mediale Abschottung und die weiterführende Überlegung, was passieren würde, wenn wirklich etwas passierte….

Dass Paare und Freunde zusammen ausgehen und dann nur mit ihren Smartphones beschäftigt sind, dass regelmäßig in ihre Displays versunkene Fußgänger in andere hineinlaufen, — daran haben wir uns ja schon gewöhnt. Irre eigentlich. Medien sind super. Morgens Musik auf den Ohren – so nachvollziehbar. Und doch…

Im Zug kreisten meine Gedanken weiter um dieses Thema. Dann rief mich eine Freundin an. Sie erzählte aufgeregt von einem online-Dating-Portal, auf dem sie seit einigen Wochen ihr privates Glück versucht. Wunderbare Technik, die Singles auf der Suche matchen kann, die sich ansonsten vermutlich nicht begegnet wären. Wir leben für die Arbeit, daher leben wir in Orten, an die uns die Arbeit zieht, nicht immer die Liebe. Seit ein paar Tagen gab es da nun also den Einen, der meiner Freundin virtuell den Hof machte und den Kopf verdrehte. Geschwärmt hatte sie, und ich mich für ihre klitzekleine Verknalltheit gefreut. Also wartete ich gespannt auf ihre News.

„Stell dir vor, er hat gestern Abend wieder geschrieben“, setzte sie an. „Und? Was schreibt er? Seht Ihr euch mal?“ – „Halt dich fest, er schrieb”, – und dann las sie vor: “‚Hey, Sugar, bin heute Abend in der Nähe von Deinem Wohnort mit ein paar Freunden unterwegs. Bist du zufällig da? Wir brauchen noch eine geile Sau wie Dich.’ – Das hat er geschrieben.“ „DAS hat er geschrieben?“ „Ja, genau das.“ — Wir schwiegen uns an.

Leute gibt’s. Die gibt’s —

häufiger als man will.

Heute Morgen zum Beispiel kommentierte auf Facebook ein Bekannter einen meiner Kommentare auf ein albernes Video mit den Worten: „Halt endlich mal deine beschissene Fresse.“ Ich musste es noch mal lesen, und noch mal, und versuchte, diese Haltung, diese Aggression zu verstehen. Aber es ergab aus dem Kontext keinen Sinn. „Beschissene Fresse“. Wow. So begann der Tag ja rosig. Der verbalaggressive Bekannte hat übrigens einen Blumenladen. Er verkauft bunte Freuden der Natur… Ich werde hinfahren und eine Rose kaufen – und ihn fragen, wie er das genau meinte. Oder soll ich besser schweigen?

Jetzt bin ich nicht sicher, welcher Start in den Tag mir lieber war: der, an dem man mir kein Gehör schenkte, oder der, an dem man mich sehr wohl wahrnahm, aber mir übelst dissend den Mund verbot? Und meine Freundin? Besser ohne Liebe – als SO was?

Fragen über Fragen.

Aber ich bin sicher, wir finden Antworten – wenn wir uns zuhören.

Hallo Welt?

Hallo Welt!

Taube