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Leu. Bukolisch?

Lione Venezia Nic Leonhardt
Löwe im Dickicht. Giardini, Venezia (photo: Nic Leonhardt)

“Was für ein herrlicher Wald!”, rief der Löwe und sah sich erfreut um. “An so einem schönen Ort war ich noch nie.” “Ich finde ihn eher unheimlich”, sagte die Vogelscheuche. “Überhaupt nicht”, sagte der Löwe. “Hier und nirgendwo sonst möchte ich leben. Fühl doch nur, wie weich das Laub unter den Füßen ist, und sieh, wie saftig und grün das Moos ist, das sich an diese alten Bäume schmiegt. Ein behaglicheres Zuhause kann sich ein wildes Tier gar nicht wünschen.” (Der Zauberer von Oz)

 

Wer (wie ich) den Löwen in seinem Namen trägt, ist empfänglich für Löwenbilder. In meinem aktuellen Wohnort München gibt es so viele Löwen im Bild/nis wie Gondeln in Venedig. Vor der Residenz hockt eine Löwenskulptur mit gülden leuchtender Nase: Die Münchner stoppen am Leu, wann immer sie ihn passieren, und rubbeln sein Riechorgan. Das bringt Glück. Und Geld. Sagen sie. München ist wohlhabend. Es hat hier ‘viel Löwe’. –

Noch mehr Löwen lungern in Venedig. Als ich in der vergangenen Woche die Biennale dort besuchte und die Giardini passierte, lugte dieser steinerne Löwe aus dem Dickicht hervor. Sein Gesichtsausdruck – konsterniert – lässt vermuten, dass ihm das Grün über die Jahre gewaltig über den Kopf gewachsen…. Mehr vom Guten ist zu viel. Ein Embarras de Richesse. Wohl gebrüllt? Bukolisch geseufzt, Löwe.

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Im Rampenlicht: “The Theatre Cat”

Historische Forschung im Archiv generiert ihren Zauber auch durch unverhoffte Funde, die sich beim Durchblättern von Materialien auftun. Die Abweichung vom eigentlichen Fokus, vom wissenschaftlichen Erkenntnisinteresse, das der Entscheidung, einen Korpus zu sichten, stets vorausgeht, ist nicht zu planen. Die Aufmerksamkeit wird (ab-)gelenkt, wenn sich ein Stichwort oder ein Bild in den Augenwinkel schiebt, auf das ein anderes berufliches oder auch persönliches Interesse geeicht ist. Diese Ablenkungen sind höchst willkommen. Denn durch sie kann im besten wissenschaftlichen Sinne der Zufall eine neue Idee zuspielen – auf anderen Ebenen mag er in einem Schmunzeln münden, und plötzlich fühlt man sich dem historischen Material noch ein Stückchen näher. Es wird ‘heutiger’.

The Theatre Cat New York Dramatic Mirror March 1894

Cat content ist so eine Aufmerksamkeitsumlenkungsfalle. Als Begriff recht rezent und in enger Verbindung mit digitalen (sozialen) Medien genutzt, als Phänomen aber doch mindestens so alt wie die Presse. Gefunden in einer März-Ausgabe des New York Dramatic Mirror aus dem Jahr 1894 (einem Fachjournal für die darstellenden Künste), – zufällig natürlich – , offenbart der Artikel “The Theatre Cat”, dass man auch vor 124 Jahren mit Speck schlicht Mäuse fing. In den Medien wie im Theater. Im Kontext der entsprechenden Zeitungsseite ist die Meldung gar einer Personalie vorangestellt, und auch hinsichtlich der Zeichenanzahl sind die Prioritäten hier klar gesetzt: im Rampenlicht gewinnt das Feline! Im geschilderten Fall stiehlt eine gelbe Katze dem Hamlet-Darsteller die Show, Shakespeares Stoff die Tragik, und dem porträtierten Courtlandt Palmer den Medienauftritt für sein Debüt als Pianist:

The Theatre Cat New York Dramatic Mirror March 1894

“EVERY well-organized theatre – like every well-conducted newspaper – should have a cat. And there are probably few theatres in New York that do not keep one of those useful animals for the purposes for which the cat seems to have been created. But there are theatres that keep a cat so carelessly that the feline, when supposed to be watching for rats or mice in some dark corner, now and then walks disconcertingly in upon some critical scene in a play and queers the performance. 

The unexpected – especially if it be in the theatre – seems always to please an audience, if it has no element of danger. If it have [sic] an element of absurd contrast, the surer it will be to please. And the love of the ludicrous is so strong that the average theatre auditor will relax from intense sympathy with a sublime personation even of SHAKESPEARE to exercise the risibles over the accidental advent of a cat upon the scene. 

This is suggested by the interruption of a performance of Hamlet in the Schiller Theatre, Chicago, the other day, by a yellow cat that became meteorically active from stage fright the moment it confronted the footlights.

The animal alarmed as well as disconcerted the actors on the stage, not excepting the star himself, and it was some minutes after it had disappeared “like a yellow streak” from the scene that anything like seriousness was restored. As it was, Hamlet from that moment ceased to be tragedy for that night. 

We in New York see the cat occasionally; and whether it be yellow or black, brindle or gray, the result is always the same. Not even the most intense and exciting moment of an IRVING production can successfully withstand the intrusion of a cat.”

(The New York Dramatic Mirror, 3 March, 1894)

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bildende Kunst · Haiku · Literatur, Lyrik · Mensch & Tier · visual arts

Kunst ab, aus, an. Oder: Victoria’s Secret (#Haiku)

hylas
John W. Waterhouse (1849–1917), Hylas und die Nymphen

Magischer Lockruf.

Sur le pont, – jenseits lebt Kunst!

Spiel – Farbe – Stil – Fauves.

 

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*) Anfang Februar 2018 entfernte die Manchester Art Gallery das Bild Hylas und die Nymphen des Präraffaeliten John William Waterhouse (1849–1917) temporär aus der Ausstellung. Das Bild entbehrte für eine Weile den menschlichen (männlichen?) Blick. Die Aktion war unter anderem eine Re-Aktion auf die #metoo-Debatte. Derweil hängt die Arbeit wieder.

 

Literatur, Lyrik · Mensch & Tier · Sprache

Vom Theaterwissenschaf

schaf (2)
Collage: Nic Leonhardt

Heute Früh passierte, was lange schon passieren musste. Ausgerechnet in einem wichtigen Schreiben, das ich mit viel Mühe zusammengekritzelt hatte, wurde aus der viel gerühmten fruchtbaren Zusammenarbeit die furchtbare. – Während man jene hochlobtpreist, anstrebt und sich wünscht, bildet diese einen quälenden Umstand und formt eine miese Erfahrung, aus der nur der dringende Wunsch nach wiederum jener retten kann. Furchtbar. So was aber auch! Dabei passe ich immer tierisch auf, so wie ich auf der Hut bin, wenn ich verlautbaren lassen möchte, dass ich auf der Reise sei, aber keineswegs, ganz gleich, welche sexuelle Orientierung ich zeitaktuell bevorzuge, auf der Resie. Auf der Resie. Ja mei, naaa! Das gehört sich doch nicht… Apropos Bayern: in der zweiten Grundschulklasse hatte ich mal im Diktat eine 1-.  Warum? Ich hatte „gschneit“ geschrieben, „geschneit“ wäre richtig gewesen. „Die Nicki aus Bayern“ schrieb mein Klassenlehrer mit Augenzwinkern an den Rand. Ich fand das nicht lustig, denn die Nicki aus Bayern war in der damaligen Schlagerwelt ein bayerisches Cow-Girl mit einer Frisur, die  … – Aber lassen wir das. Gut, dass es damals noch kein Instagram gab.

Zurück zu weniger Furchtbarem.

Meinen Studierenden gebe ich immer mit auf den Weg, sie sollen bitte vor der Abgabe ihrer Haus- oder Abschlussarbeiten noch einmal alles gründlich Korrektur lesen. Der Fehlerteufel sitzt ja im Detail; er hopst wie ein kleines Äffchen durch die Texte und gebiert mal kleine, mal große Schäden. Einen wolligen Wonneproppen gebar er vor vielen Jahren in der Abschlussarbeit einer Kommilitonin in der Theaterwissenschaft. Dieses Wort sollte eigentlich das Schlusswort ihrer Zusammenfassung bilden: Theaterwissenschaft. Was für ein Coup: die Arbeit mit dem Wort beenden, das für das Fach steht, in dem sie verfasst wurde. Theaterwissenschaft ist wichtig! Ein Appell! An die Leser! Die Gutachter! Die Nachwelt! – Wäre da nicht die Sache mit dem Eigenleben der Tastatur gewesen. Was soll ich sagen: aus dem Fach wurde ein Tier, ein zauberhaft märchenhaftes, und zwar: das Theaterwissenschaf! Ein Theaterwissenschaf – das muss man sich leibhaftiglebhaft vorstellen – und schon kann das gerade allerorten auf Muffin-Förmchen, Bikini-Körbchen und Feuchttüchern präsente Einhorn einpacken.

Hätte ich die Wahl, ein Tier nach meinem Geschmack zu formen, wäre es zweifelsohne das Theaterwissenschaf. Die Gründe liegen auf der Hand für diejenigen, die meinen Hintergrund kennen: urtümlich vom Land, Grünzeug essende Tierfreundin, Theatre-Maniac und Wissenschaftlerin. Das Theaterwissenschaf wäre das i-Tüpfelchen meines Seıns.

Von Ferdinand de Saussure kennen wir ja die Perspektive auf sprachliche Zeichen als arbiträr. Was heißt das? Nun, stark vereinfacht erläutert: einen Baum „Baum“ zu nennen, ist arbiträr, das heißt, es ist eine willkürliche Setzung, der sich alle, die sich in einer gemeinsamen Sprache bewegen, fügen. Das Lautbild Baum ist der Vorstellung eines Baumes zugeordnet. Gleiches gilt für Tische, Stühle und so weiter. Ein Stuhl ist im Deutschen ein Stuhl. Das ist eine Konvention. Was passiert aber, wenn Maschinen, die denken, sie seien intelligenter als wir selbst, neue Arbitraritäten ersinnen?

Wir verfügen mittlerweile ja alle über beste Schreibwerkzeuge, Smartphones, Computer aller Fruchtsorten mit Rechtschreibprüfung. Die Zusammenarbeit mit Korrekturprogrammen gestaltet sich indessen oft furchtbar (ja, ich meine hier furchtbar, nicht fruchtbar, hier nicht). In meinem Schreiben heute war die Korrekturfunktion keine Hilfe. Und auch das Schaf von damals wurde nicht mit roten Schlangenlinien unterlegt. Es steht also zu vermuten, dass das Programm ebenso an Theaterwissenschafe glaubt wie wir an Einhörner. Und es bläst ins selbe Horn, wenn es automatisch korrigiert. Wenn man da nicht aufpasst – schafft der Schaft der Fehlerteufel-Feder einen Stall voller Schafe im Text. Ich weiß ja nicht, welche kryptischen Nachrichten Ihr schon aus Versehen bekommen oder selbst verschickt habt. Mein Smartphone machte schon aus Derrida ein „Dreirad“; mein neueres Modell erkennt den französischen Philosophen immerhin als Mann, benennt ihn allerdings in „Derrick“ um. Man will das fast für eine Freudsche Fehlleistung halten. Ebenso wie übrigens vor wenigen Wochen mein liebevoll an meinen besten Freund gerichtetes Kosewort „Honey“ zu „Honecker“ wurde. Mein Freund wunderte sich nicht wenig über die merkwürdige Anrede. Zum Glück kennt er mich.

Dreirad
Derridas Dreirad oder doch Derricks?

Vielleicht wäre die Welt aber auch bunter, wenn wir die Geräte einfach ließen, und sie furchtbar fruchtbar ihr sprachliches Unvermögen weiter zu Gold dichteten. Da würde dann Derrida auf dem Dreirad zu Derrick fahren, oder den Honecker besuchen, alles friedlich, alles bunt. Oder auch grün, wenn die Resie mal wieder auf ihre Weise über die Wiese auf die Reise ginge…

… derweil graste auf der Wiesenbühne genüsslich das arbiträr gebaute, aber gebildete Theaterwissenschaf …

 

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Backwaters

backwaters
Backwaters in Kerala, India (photo: Nic Leonhardt)

I made this short film (klick on the pic above) when standing on the bow of a wooden ship cruising on the backwaters of Kerala, India, last summer.
Initially I had planned to add music to this gentle cruise; yet I finally decided to let nature’s own sound sing to you.
You might want to turn the sound off and indulge in the visuals; or  add your own music for enhancing or changing the movie’s character.

Enjoy! And be good to yourself 🙂