Nuggets

Irre Stunde

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Vorbild: Entscheidet selbst, wann die Stunde voll ist.

Die Zeit beschäftigt. Wenn ich in mein Portfolio schaue, wird mir klar, wie sehr sie das tut, ständig taucht sie auf, in Texten, im Curriculum Vitae – und selbst in diesem Blog wird man als Autorin und Leserin immer wieder an die Zeit erinnert. Gnadenlose Timelines. Was war wann?

Es ist erstrebenswert und doch so schwer manchmal, im Hier und Jetzt und nur im Hier und Jetzt zu sehen und zu sein. Gottfried Keller (1819–1890) schreibt in seinem Gedicht „So werd ich manchmal irre an der Stunde…“:

So werd ich manchmal irre an der Stunde, an Tag und Jahr, ach, an der ganzen Zeit! […]  

Tritt denn kein Uhrenmacher kühn hervor, die irre Zeit mit Macht zu regulieren? Soll sie denn ganz in Staub und Rost verkümmern?

Die Zeilen dazwischen sind, wie so oft in Gedichten und Aphorismen über die Zeit, recht negativ und destruktiv. Bei allem Respekt vor der Poesis: Muss das sein?

“Irre an der Stunde” werde ich derzeit in einem beinahe rührenden Sinne stündlich. Und das hat mit dieser hier abgebildeten Uhr zu tun. Sie steht bei mir im Arbeitszimmer, hat alle meine Umzüge seit dem Abi mitgemacht. Von manchen Freunden und Mitbewohnern als kitschig diffamiert, blieb sie doch treuer bei mir als manche jene. Sie stammt von der Großmutter meines Vaters, der ihr irgendwann in einem Bastelwahn ein modernes Innenleben und ein Uhrwerk mit Big Ben-Klang-Geläut einbaute. Als Kinder haben mein großer Bruder und ich gerne im hinteren Holzfach der Uhr ein Osterei versteckt. Manchmal vergaßen wir das Versteck, wir rochen es irgendwann.

Beim Frühjahrsputz habe ich der alten Dame nun neue Batterien eingepflanzt. Jetzt schlägt sie zur vollen Stunde, wobei – jetzt kommen ihr süßer Tick und schalkiges Spiel mit der Zeit – sie selbst entscheidet, wann das ist: mal um punkt, mal um 3 nach, dann um 7 oder 17.

Ein Freigeist-Haushalt misst  die Zeit nach eigenem Takt 😉

So werd ich aktuell manchmal irre an der Stunde – und finde dies extrem erheiternd, weil wir einfach selbst und mehrfach stündlich entscheiden, wann sie voll ist.

Gute Zeiten! Gute Momente!

Literatur, Lyrik · Nuggets · Work-Life Balance

Lebenswucht

sonnenbank
photo: Nic Leonhardt, Rhodos

Manchmal rüttelt das Leben mit voller Wucht an Dir wie Starkwind an einem Fähnchen.

Du könntest kippen, das wäre ein Leichtes.

Du kannst aber auch in den Spiegel schauen und dankbar sein,

Dass dein Auge die Herrlichkeit der Weite blicken,

Deine Nase die Würze von Meer und Wäldern riechen,

Dein Haar der Wind zärteln

Und dein Mund Liebe, Trost und Stärke zusprechen kann.

 

Allgemein · Mensch & Tier · Nuggets · Work-Life Balance

Hallo Welt?

Friedenstaubenbaum
photo: Nic Leonhardt. Ein Friedensbaum in Frankfurt.

Vor ein paar Tagen war ich mal wieder mit dem Zug unterwegs. Mit meinem schweren Gepäck musste ich in Köln-Deutz von der U-Bahn in den ICE umsteigen. Wer schon mal als Reisender das Vergnügen mit dem Deutzer Bahnhof hatte, weiß vielleicht, dass es nicht auf den ersten Blick ersichtlich ist, wo genau die Fernzüge abfahren, wenn man an den Gleisen der Stadtbahn ankommt. Es war früh morgens, Pendelverkehr, ich orientierungslos. Aber zum Glück war die lange Halle voller Passanten. Da konnte ich ja jemanden fragen. Die Idee lag nahe, an der Umsetzung, indes, haperte es. Zwar fragte ich diesen und jenen, Sie und Ihn, jung und alt, – aber niemand nahm mich wahr. Alle huschten an mir vorbei, ohne mir auch nur einen Funken Aufmerksamkeit zu schenken. Ich atmete tief ein und hob erneut an, meine Frage zu stellen: „Entschuldigen Sie bitte, wo fahren denn hier die Fernzüge ab?“ – Keine Reaktion. Eine Pendler-Karawane von annähernd 100 Passanten pro Minute – aber keine Antwort. Plötzlich kapierte ich: Na klar!: Niemand reagierte, weil alle Kopfhörer auf oder in den Ohren hatten! Abschottung. Gegen den schlimmen Morgen. Gegen die lästige Außenwelt. Na prima.

Die Beschilderung war bescheiden. Also fasste ich mir ein Herz, stellte mich in die Bahnhofshalle und rief laut: „Gibt es hier irgendwen ohne Kopfhörer, der mir eine Frage beantworten kann?“–  Wusch ! – zog man an mir vorbei. Und doch: eine junge Frau blieb stehen und nahm sich meiner an. Helfen konnte sie mir zwar nicht, aber ich war ja mittlerweile schon dankbar, dass sie mich hörte. Wir wünschten uns noch einen guten Tag, und nach einigen Umwegen fand ich den Fernbahnhof dann auch.

Meine Frage blieb nur noch: bin ich eigentlich deppert oder was war das gerade für eine Szene? Und noch eine zweite Frage: Was wäre denn, wenn ich noch wichtigere Hilfe bräuchte – als nur eine Auskunft?

Die Szene beschäftigte mich, weil sie einen Einblick in den Alltag gewährt, an dem ich teilhabe, den ich mir aber in einer idealen Welt eigentlich anders vorstelle. Ganz ehrlich, war ich auch etwas erschüttert. Am meisten über die mediale Abschottung und die weiterführende Überlegung, was passieren würde, wenn wirklich etwas passierte….

Dass Paare und Freunde zusammen ausgehen und dann nur mit ihren Smartphones beschäftigt sind, dass regelmäßig in ihre Displays versunkene Fußgänger in andere hineinlaufen, — daran haben wir uns ja schon gewöhnt. Irre eigentlich. Medien sind super. Morgens Musik auf den Ohren – so nachvollziehbar. Und doch…

Im Zug kreisten meine Gedanken weiter um dieses Thema. Dann rief mich eine Freundin an. Sie erzählte aufgeregt von einem online-Dating-Portal, auf dem sie seit einigen Wochen ihr privates Glück versucht. Wunderbare Technik, die Singles auf der Suche matchen kann, die sich ansonsten vermutlich nicht begegnet wären. Wir leben für die Arbeit, daher leben wir in Orten, an die uns die Arbeit zieht, nicht immer die Liebe. Seit ein paar Tagen gab es da nun also den Einen, der meiner Freundin virtuell den Hof machte und den Kopf verdrehte. Geschwärmt hatte sie, und ich mich für ihre klitzekleine Verknalltheit gefreut. Also wartete ich gespannt auf ihre News.

„Stell dir vor, er hat gestern Abend wieder geschrieben“, setzte sie an. „Und? Was schreibt er? Seht Ihr euch mal?“ – „Halt dich fest, er schrieb”, – und dann las sie vor: “‚Hey, Sugar, bin heute Abend in der Nähe von Deinem Wohnort mit ein paar Freunden unterwegs. Bist du zufällig da? Wir brauchen noch eine geile Sau wie Dich.’ – Das hat er geschrieben.“ „DAS hat er geschrieben?“ „Ja, genau das.“ — Wir schwiegen uns an.

Leute gibt’s. Die gibt’s —

häufiger als man will.

Heute Morgen zum Beispiel kommentierte auf Facebook ein Bekannter einen meiner Kommentare auf ein albernes Video mit den Worten: „Halt endlich mal deine beschissene Fresse.“ Ich musste es noch mal lesen, und noch mal, und versuchte, diese Haltung, diese Aggression zu verstehen. Aber es ergab aus dem Kontext keinen Sinn. „Beschissene Fresse“. Wow. So begann der Tag ja rosig. Der verbalaggressive Bekannte hat übrigens einen Blumenladen. Er verkauft bunte Freuden der Natur… Ich werde hinfahren und eine Rose kaufen – und ihn fragen, wie er das genau meinte. Oder soll ich besser schweigen?

Jetzt bin ich nicht sicher, welcher Start in den Tag mir lieber war: der, an dem man mir kein Gehör schenkte, oder der, an dem man mich sehr wohl wahrnahm, aber mir übelst dissend den Mund verbot? Und meine Freundin? Besser ohne Liebe – als SO was?

Fragen über Fragen.

Aber ich bin sicher, wir finden Antworten – wenn wir uns zuhören.

Hallo Welt?

Hallo Welt!

Taube

Nuggets

Freiwasser

Fundstücke am Strand
photo: Nic Leonhardt, Kerala

Wohin geht das Meer, wenn die Ebbe kommt?
Wer hat jetzt mehr von dem, was uns mangelt?
Wo war das Wasser über die Zeit, wenn es zur Stunde zurückkehrt?
Wem wurde genommen, was wir nun haben?

Bis die Wellen wieder
unsere nackten Füße umspielen
spülen Gezeitenspiele Spuren
in den Sand und schlucken
unsere Leute, Laute, Launen.

Freigeistig kommt und geht das Meer.
Recht hat’s, doch
raunen rauschend seine Muscheln uns ins Ohr,
dass wir nur kleine Fische
(mit dummstummen Fragen).

Experiential Research · Nuggets

Veo veo

Hügel über Shilparamam, Hyderabad (Indien). Foto: Nic Leonhardt
Hügel über Shilparamam, Hyderabad (Indien). Foto: Nic Leonhardt

Da steht er nun und blickt in die Ferne auf Bäume, Räume und Gebäude, die er nicht mehr bewachen, nicht mehr befeuern kann. Dumm gelaufen: Gewehr stibitzt. – Von hinten sieht nun seine rechte, in die Luft gehobene Hand wie ein Gruß aus, oder eine Drohgebärde. Von vorne gesehen, sieht man die Finger vergeblich etwas krallen, was nicht mehr da ist. Von hinten Bedrohung, von vorne ein Jammerlappen. Entmachtet. Ein Feldherrenhügel ohne Feldherr.
Den Feldstecher in ihren Händen, wacht Sie als wahre Herrscherin über den panoramatischen Blick. Von hinten wie von vorn. Ihre Sandalen sind Kothurn. Sie spielt die Größe. Die sie hat. Sie spielt  – sie aus. Ich sehe was, was du nicht siehst: Sieht so viel mehr als Er. – “Veo veo”.

Zur Feier des Tages steht die bunte Dose mit den Seifenblasen schon bereit.

Sie werden über seinen Soldatenschädel in die Ferne schweben.

Allgemein · Experiential Research · Nuggets · Photography

Bildgebende Verfahren

“Röntgens Rätsel” (Schattenbilder, Serie 3, Nic Leonhardt)

„Natürlich sind Fotografien Kunstprodukte. Aber in einer von fotografischen Relikten übersäten Welt haben sie offenbar auch als Fundobjekte ihren Reiz, als zufällige Ausschnitte der Welt. Sie profitieren also gleichzeitig vom Prestige der Kunst und von der Magie der Wirklichkeit. Sie sind wolkige Gebilde der Phantasie und winzige Informationssplitter.“

(Susan Sontag, Über Fotografie)

Allgemein · Nuggets · Work-Life Balance

L’esprit de l’escalier (auf Griechisch)

Treppenwitz
Zinnoberrote Treppe ins Nichts. Strand von Ialysos, Rhodos. Photo: Nic Leonhardt

Die Treppe hinauf und dann? Ende Gelände?

Zu den bereicherndsten Unternehmungen in diesem Jahr gehörten zweifelsohne meine „Arbeitsferien“ auf einer griechischen Insel. Aufstehen, schreiben, schwimmen, schreiben, windsurfen, schreiben, laufen, schreiben, Freunde treffen, im Schlaf dem Gezirpe lauschen, aufstehen, schreiben…. Jeden Tag. Zehn Tage lang. Und weil es so gut tat, noch mal 7 mehr. Am Meer zu sein beflügelte und befreite, fokussierte und relativierte in einer Weise, die ich ganz vergessen hatte und lange nicht mehr wahrgenommen.

Großes griechisches Glück!

Auf einem meiner morgendlichen Strandspaziergänge begegnete mir dann diese zinnoberrote Treppe. Oder erschien sie mir? Ich weiß es nicht. Jedenfalls stand sie da im Wasser, knallig, der Lack ein wenig ab, mischte sie sich kühn ins Blau des Wassers und des Himmels und ins Beigegrau der Steine und zerklüfteten Umrisse von Festland am Horizont. Im Kontext meiner „Arbeitsferien“ – mit der Hand auf dem Herzen eine Contradictio in adiecto… –, führte mir diese kleine freche Treppe, die entweder ein Bootsmann vergessen oder das Meer zurück an Land gespült hatte, vor Augen, dass ich doch im Grunde Sisyphos’ Schwester: Immer weiter die Treppe hinauf, die Karriereleiter, so gesehen, und dann? Wer weiß denn, was dann kommt. Ich wollte es wissen, stieg hinauf, oben das morsche Treppenholz unter den nackten Fußsohlen, aber im Blick das Wasser, den Boden, um die Nase den Wind. Wesentliches.

Es ist gut möglich, dass wir oben etwas ganz anderes antreffen, als das, wofür wir uns unten abstrampeln. Vielleicht müssen wir aber erst die Stufen hoch, um zu sehen, was wir unten insgeheim schon erahnten.