Fotografie · Media History · Photography · Popular Culture · Publication · Theatre History

“Entrer dans l’image par le regard” – New Article Out

Etudes Theatrales L'Oeil et le TheatreEdited by Florence Baillet, this special issue of Études Théâtrales focuses on “L’œil et le théâtre. La question du regard au tournant des XIXe et XXe siècles sur les scènes européennes”. The volume was preceded by an international symposium on the same theme, organized by Florence Baillet (Sorbonne nouvelle, CEREG),  Arnaud Rykner (Sorbonne nouvelle, IRET), and Mireille Losco (ENSATT) at Université Sorbonne Nouvelle Paris 3, in April 2015.

My chapter “Entrer dans l’image par le regard: stéréscopie et théâtre” deals with the history of 3D images in theatre and popular culture in the 19th and 20th century.

(Nic Leonhardt: “Entrer dans l’image par le regard: stéréoscopie et théâtre”, in: L’oeil et le théâtre. Études Théâtrales, 65/ 2016, p. 41-51.)

Erinnerung · Fotografie · Media History · Photography · Social Media

Heimat, Film. Dem Andenken derer, die gingen und bleiben.

20170524_151231_resized

Katzenvideos, neue Ausstellungen, was titeln Süddeutsche, Zeit, Zündfunk, was hat Sabine erlebt, was Caro, in welchen Teilen der Welt tingelt Simon schon wieder? Was gibt es Neues aus Uhlenbusch, in Harvard, im Forschungszentrum, im Theater, auf der Biennale, im Triathlon? Like, Dislike, zwinkernder Smiley, schallendes Lachen in gelb, blauer Daumen, hoch erhoben, rotes Herz.

Traurig mit Tränen. Pechschwarz war aus im Emoticon-Kolorit-Kombinat.

Beim Durchblättern der Facebook-Profile bleiben meine Augen an dem lachenden Foto eines Bekannten hängen. Kennt Ihr: So ein Strahlen, so strahlend, dass es das gesamte Gesicht in Falten wirft, auf charmanteste Weise, in schwarz-weiß. Lachfalten wie der Fächer einer Geisha. Der Rahmen des strahlenden Konterfeis lässt mein Herz kurz aussetzen. Der Rahmen ist die Todesanzeige dieses Bekannten, dem die Falten eignen. Gestorben am 27. Mai. Gestorben. Facebook-Update: Tod.

Feeling/ Activity?

(K)ein Emoticon. Chock. Eine reale Träne kullert über meine reale Wange und fällt auf das M meiner Tastatur. Matthias. Musiker. Mensch.

Die ersten Kommentare wurden schon hinterlassen. Unverständnis, Trauer, das mittlerweile gängige „R.I.P.“, das ich nicht mag. Nicht mal im Angesicht eines Todesfalls sind die User in der Lage, vollständige Sätze zu schreiben, Rest in Peace, Ruhe in Frieden. Passt in eine Zeile, Mann! Bekannte kommentieren das Lachen, das auch das Foto kommentiert, das den viel zu früh Verstorbenen kennzeichnete.

Die Fotografie eines Menschen, das wissen wir seit Roland Barthes’ Schrift Die helle Kammer, hält diesen in einem Augenblick fest – und verweist damit immer auch auf seine Vergänglichkeit. Der Tod im Foto.

Matthias. Ich habe ihn gut 15 Jahre nicht mehr live gesehen, ich wohne ja schon lange nicht mehr dort, wo er mal entfernt ein Nachbar war. Trotzdem weiß ich noch, wie dieses Lachen klingt. Ein Kämpfer, denn diese tückische Krankheit kam wieder und wieder wie die Fratze eines Springteufels. Als er damals zu Gast auf unserer Hochzeit war, lag der erste erfolgreiche Kampf gegen die Bestie in seinem Kopf schon Jahre zurück. Und ein paar Jahre später wieder der Springteufel, Kampf, Springteufel, Kampf, Springteufel … Scheiße.

Als ich meine Mutter anrufe, um mit ihr über den Todesfall zu sprechen, hat sie noch zwei weitere zu vermelden. Entfernte Bekannte, darunter einer meiner ehemaligen Lehrer. Ein Lebemann, der die Frauen mochte, Sportwagen und gute Kleidung. Dem eine Schulfreundin und ich ehrlich ins Gesicht sagten, dass wir es vorzogen, auf ein Konzert statt in seinen Geschichtsunterricht zu kommen, und der diese Ehrlichkeit schätzte; und der meinem damaligen Freund ins Ohr flüsterte, er solle bloß immer gut zu mir sein. Liebe, Respekt, Geduld. Und Liebe.

Letztes Jahr war auch das letzte für einen anderen Lehrer, dem ich intellektuell so viel verdanke, so Vieles, das ich ihm nie sagen konnte.

Im Grunde geht jetzt jedes Jahr mindestens einer. Dann setzt jedes Mal ein Innehalten Gedenken in Gang. Zeitparadoxie, Zentrifuge von Zeitgespür und –Spur. Die sprichwörtliche Minute des Gedenkens. Es ist seltsam: in unseren Erzählungen spielen viele dieser schon Verstorbenen eine Rolle, besonders wenn sie Wegbegleiter von Jugend und Adoleszenz. Egal wie marginal die Rolle, die sie besetzten: ein Tick, ein Spruch, eine Schrulligkeit, ein gemeinsames Fest, ein geteilter Lachanfall, gemeinsame Zeugenschaft eines schönen Moments oder einer Ungeheuerlichkeit – Sie spielten hinein, sie gingen hinaus und bleiben in diesem Leben, sind in der Lebenserzählung in einer merkwürdigen Form fragloser Zeitlosigkeit gespeichert, als wäre das alles erst gestern gewesen und würde morgen weitergehen.

Facebook suggeriert eine tragikomische Timeline, eine Zeitleiste und Chronik unserer Leben, mit Kreuzungen und Erinnerungen, „Lebensereignissen“, ja, so nennen sie wichtige Stationen, die man mit Datum und Bildern versehen kann. M. – Neulich noch den Auftritt mit der Band gepostet, Bilder vom Feiern. Strahlendes Konterfei. Die Anzeige als Chock. Ende der Zeitleiste.

Und darüber und darunter Katzenvideos. Trumpige Trolle, neueste Ausstellungen, Gastro-Tipps. Like, oder nee, doch nicht. Susi, Rafael und Christine interessieren sich für ein Event in meiner Nähe nächste Woche.

Schnickschnack, das alles.

Und dann diese Bilder des Chocks. Sepia-Spulen alter Heimat.

Gedenken. An.

Und danke.

Literatur, Lyrik · Photography

See

 

Walchensee Peter von Felbert
Peter von Felbert, Walchensee

Zwei Jungs in einem Boot in graubraungrüner Tracht und Umgebung auf einem leicht glitzernden opalgrünen See. Einer rudert das Boot, sich selbst und den anderen, bevor sie sich abwechseln werden. Vielleicht auch nicht. Es ist nicht ganz klar, ob das Wetter trüb, ob sich die Sonne schon vom Tag verabschiedet hat oder ob schlicht die Berge und Gestadegewächse dem Wasser die volle Lux verweigern. Ein See so weit das Bild nicht reicht, aber außer den beiden bayerisch sonntagsbezwirnten Knaben kein Mensch sonst in Sichtweite; nicht mal ein Reiher oder Vogel, von einem Schwan ja gar nicht zu reden.

Seit ich diese Fotografie 2009 für meine Frankfurter Wohnung kaufte, bin ich froh, dass sie mit mir wohnt, dass ich mit ihr wohne. Das 40×40 cm große Bild hing damals genau gegenüber dem Schreibtisch, und je nach Perspektive bildete ich mir ein, dass die gläserne Schreibtischplatte grenzenlos ans oder sogar ins Nass des Bildvordergrunds reichte. Bei Schwimmbädern nennt man diesen Effekt „Infinity Pool“; für mich war es die Blickachse meiner infiniten Sehnsucht nach Wasser.

Immer da, die Sehnsucht.

Nie da, ich.

Mir gefiel außerdem der Blick auf die beiden Jungs, die ich während der ein oder anderen Gedankenpause amüsiert betrachtete –, und sie rudern ließ, immer weiter,  – strengt euch bloß an –, die sich aber keinen Deut bewegten. Und doch kam aus dem Wasser feinste Dünung, ein kristallenes Lächeln. Schönste Ironie.

Die Fotografie stammt von Peter von Felbert, einem, wie ich finde, begnadeten Augenmenschen. Das Bild nannte er schlicht Walchensee; es entstammt der Serie Blaues Land. Das Bild zeigt den Walchensee – und zeigt ihn nicht…

Walchensee im Winter
Walchensee in München, Winter 2012

Als die Jungs und ich 2012 nach München zogen, ruderten wir mit diesem Zuzug nach Süden dem namensgebenden See entgegen, und, was ich damals nicht wusste, in die Nähe des Künstlers, dessen Heimat der Ruhrpott ist, und dessen Augen in Bayern und im Voralpenland leben. Der eigentliche Walchensee, Deutschlands größter Gebirgssee, liegt im Landkreis Bad Tölz, bei Kochel, umgeben von Herzogstand, Heimgarten und Jochberg.

An einem heißen Sommertag 2014 fuhr ich mit einem mir wichtigen Menschen an diesen mir wichtigen See, den ich ja noch gar nicht kannte. Als wir uns ihm aus Kochel heraus fahrend nach zahlreichen Kehren näherten, stockte mir der Atem: So ein Blau, wie dieser See es ins Auge schickte, hatte ich weiß Gott noch nie gesehen. Mit jedem Meter, den wir uns dem Wasser näherten, changierte das Blaugrünblau von Himmel und Wasser wieder anders. Auch Goethe, der ja bekanntlich auf seinem Weg nach Italien an jeder Milchkanne Halt und jeden Grashalm platt machte, konnte damals am Walchensee nicht einfach so vorbeikutschieren. Und noch nie ergab für mich ein Halt von Goethe mehr Sinn als im Moment dieser fast schon amourösen Andacht, die ich geistig und körperlich für diesen See abhielt. Ich war, so abgedroschen es klingen mag, schier überwältigt von so viel selbstbewusster Anmut zwischen drei Bergen. Der Tag war heiß, der 190 Meter tiefe See eiskalt. So blau und frech. Ich jauchzte, – und mein Herz war fortan hoffnungslos in diesem kalten Blau verloren.

Walchensee
Walchensee. Blau. Und Grün. (Foto: Nic Leonhardt)

Wir tapsten das Ufer ab, Peter von Felberts Bild im Kopf gespeichert und auf der Suche nach seinem Aufnahmepunkt. Wir glaubten, ihn gefunden zu haben, aber eigentlich fanden wir ihn nicht. Und im Grunde war das auch völlig einerlei. Der Walchensee, der vor uns lag, hatte zunächst nur entfernt Ähnlichkeit mit dem See bei mir zu Hause, auf dem seit Jahren die Jungs in Sonntagstracht ihr Bötchen steuern. Aber sei’s drum. Auf der Suche nach der Vorlage eines Bildes, das mich seit Jahren treu über Höhen und Tiefen paddelte, hatte ich einen See gefunden, der so prall in seiner Schönheit dalag, dass er augenblicklich Aufs und Abs vergessen ließ… An jenem Tag im August verknallte ich mich bis über beide Ohren und Hals über Kopf in – ein Gewässer.

Als ich tags darauf die unzähligen Fotos, die ich vom Walchensee gefertigt hatte, auswertete, stach nur eins ins Auge:  die Schattierungen von Blau und Grün. Kein Vergleich mit dem Walchensee an der Wand. Und in meiner ursprünglichen Einfalt begriff ich allmählich, warum sich Peter von Felbert für genau dieses graunbraungrünopale Bild vom doch so blauen Walchensee entschieden hatte.

Erst im vergangenen Jahr, als ich den rudernden Jungs ein Partnerbild aus von Felberts Serie schenken wollte, diesmal ein Segelboot auf dem Chiemsee, traf ich den Fotografen in München. Wir wohnen gar nicht weit voneinander entfernt, München ist ja ein Dorf. Er verriet mir die Stelle, von der aus er damals die Aufnahme gemacht hatte, und die Geschichte der Jungs, und was sie damals so geschmückt in ihrem Nachen… – was sie wohl heute machen?

Hier bei mir zu Hause sind sie immerhin dem See ein ganzes Stück näher gekommen als damals am Main. Sie rudern, lassen rudern und rudern immer noch.  Sie scheinen den See wirklich zu lieben.

Ich versteh’ sie.

Media History · Photography · Publication

Ins Bild vertiefen durch 3D

9783958080065_Durch-Blicke-im-Bild_01

Zu Beginn des laufenden Jahres kam meine Monographie Durch Blicke im Bild. Stereoskopie im 19. und frühen 20. Jahrhundert, verlegt bei Neofelis in Berlin, auf den Markt. Mittlerweile hat die Rezeption eingesetzt, und ich freue mich über positive Kritik, etwa diese hier von Simon Trautmann auf literaturkritik.de.

Das Buch versammelt rund 40 Stereo-Bilder – allerdings liegt kein Stereobetrachter bei, der die Bilder dann auch in 3D sichtbar werden ließe. Das finden viele Leser schade, und ich auch. Zwei Gründe ließen uns uns gegen die Beigabe einer Brille entscheiden, die ich hier kurz skizzieren möchte: zunächst einmal ein ganz vertriebspraktischer: die Bücher hätten mitsamt den Brillen eingeschweißt werden müssen. Das hätten die Brillen möglicherweise nicht schadlos überstanden, und dann ist Plastikfolie nicht gerade umweltfreundlich. Der zweite Grund ist der, dass eine Brille allein nicht gereicht hätte, weil in dem Buch unterschiedliche Stereo-Bilder zu sehen sind. Es hätte zumindest auch noch einer zusätzlichen Anaglyphen-Brille bedurft.

Wer gerne die Brille zum Buch hätte, kann sich gerne an mich wenden oder bestellt sich einen Prismenlinsenbetrachter mit Lorgnette und, für die Betrachtung der Farb-Anaglyphenbilder, eine rot/grün oder rot/blau-Brille gegen eine geringe Gebühr im perspektrum 3D-Shop www.perspektrum.de.

Viel Spaß beim Eintauchen 😀

*        *       *        *        *        *        *        *       *        *        *        *

Zur historischen Praxis des 3D-Sehens und dem Stereoskop als “Massenmedium” im 19. und frühen 20. Jahrhundert sind von mir ferner erschienen:

  • “Entrer dans l’image par le regard : stéréoscopie et théâtre”, in: Etudes théâtrales (Feb 2017)
  • „Erlebnis, Erfahrung, Experiment. 3D als idée fixe in Theater und Medien“, in: Bernd Stiegler (Hg.): 3D. (AugenBlick. Konstanzer Hefte zur Medienwissenschaft). Heft 62/63, August. Marburg: Schüren 2015.
  • „Theater und visuelle Kultur im 19. Jahrhundert. Modi der Relation aus historischer Perspektive“, in: K. Röttger und Alexander Jackob (Hg.) Theater und Bild. Inszenierungen des Sehens. Bielefeld: transcript (2009): 233-254.
  • „.’…in die Tiefe des Bildes hineingezogen’. Die Stereofotografie als visuelles Massenmedium des 19. Jahrhunderts“,in: Ch. Balme, M. Moninger (Hg.) Crossing Media. Theater, Film, Fotografie, Neue Medien. München: epodium (2004): 99-108.
  • „Raum im Bild – Bild als Raum. Stereofotografie und Theater im 19. Jahrhundert“, in: Ch. Balme, E. Fischer-Lichte, St. Grätzel (Hg.) Theater als Paradigma der Moderne? Positionen zwischen historischer Avantgarde und Medienzeitalter. Tübingen: Francke (2002): 457-466.

 

stereoskop
Handstereoskop nach Oliver Wendell Holmes (1809-1894)
Allgemein · Media History · Photography · Publication · Theatre History

‘Durch Blicke im Bild’ – jetzt im Handel

Mein neues Buch, Durch Blicke im Bild. Stereoskopie im 19. und frühen 20. Jahrhundert ist fertig und ab sofort im Handel.

9783958080065_Durch-Blicke-im-Bild_01

Aus dem Klappentext:

“Sog, Schwindel und Staunen bezeugen Betrachter stereoskopischer Bilder. Sie erfahren das zweidimensionale Bild als plastisches, changieren zwischen mentalen und physischen Räumen. Die Funktionsweise der Stereoskopie ist denkbar einfach und doch effektvoll: Beim Anschauen in einem Stereoskop verschmelzen zweidimensio­nale Doppel-Aufnahmen desselben Motivs zu einem dreidimensio­nal wirkenden Einzelbild. Entwickelt aus naturwissenschaftlichen Erkenntnissen über binokulares Raumsehen, wird die Stereoskopie ab der Mitte des 19. Jahrhunderts bis ins frühe 20. Jahrhundert weltweit zu einem populären Medium der Unterhaltung, Unterweisung und Dokumentation: Der plastische Effekt und die damit verbundene, von Zeitzeugen attestierte ‚Realitätstreue‘ machen Stereobilder und -serien geeignet für virtuelle Reisen, Bildende Kunst, naturwissenschaftliche Forschung, Sach- und Länderkunde, einen imaginären Theaterbesuch oder die (sehr private) Ansicht pornografischer Bilder.

Durch Blicke im Bild beleuchtet anhand zahlreicher Abbildungen aus der fokussierten Zeitspanne (1840–1930) die technischen, ökonomischen, populär- und visuellkulturellen Facetten und Anwendungsbereiche der Stereofotografie als ein Medium, das zeitgleich mit der Fotografie floriert und vor der Erfindung des Films durch Drei­dimensionalität und Serialität Bewegung im Bild suggeriert – bislang aber von der Medien- und Kulturgeschichtsschreibung ausgeklammert wurde. Die Studie ist damit eine wesentliche historiographische Ergänzung zur Forschung über zeitgenössische 3D-Filme.”

Durch Blicke im Bild. Stereoskopie im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Berlin: Neofelis 2016.

Print: (Soft-over), ISBN: 978-3-95808-006-5 (20,00 €)

e-Book (pdf), ISBN: 978-3-95808-050-8 (20,00 €)

Bestellt beim Verlag oder unterstützt den Buchhändler vor Ort!  🙂

Experiential Research · Photography · Theaterzauber

Punctum

augenauf
Augen: meine. Foto: ich.

Die Mediathek lief. Eine Krimiserie zur Morgengymnastik. Da wirkte ein Schauspieler mit, den ich irgendwoher zu kennen glaubte. Diese Augen. Aber es war nicht wie gewöhnlich, also dass man einen Schauspieler einfach so zu (er)kennen glaubt, sondern ich wusste, dass ich mit diesem Gesicht, mit diesem Blick, genau mit diesem dunklen, schönen Augenpaar und den sehr eigenen Nasolabialfalten über eine erinnert längere Zeit einen sehr intensiven, intimen, ja anziehendverstörenden Austausch hatte…Wann war das? Belladonna. Wo? Nur das Bild hatte sich mir eingefräst. Barthes’ Punctum! Das Studium?

Ich recherchierte und fand. Schockiert war ich zu lesen, dass diese Augen mittlerweile für immer geschlossen sind. Dabei war es doch erst neulich? Guntram Brattia. Er spielte/ wir trafen uns am Münchner Residenztheater in Eurydice:: Noir Désir, dieser eigenwilligen Arbeit von Bernhard Mikeska, deren intimer Konfrontation von Schauspieler und Zuschauer ich diese Begegnung verdanke. Guntram Brattia sitzt da in einem Drecksloch und raucht. Er ist ziemlich unfreundlich in dem/ als das, was er da spielt: (im Video ab Minute 1:10) Da sitzt er und wandelt und raucht und schaut und blickt und starrt. Mich an. Euch an.

Nie mehr. Nur noch im Fernsehen.

Jetzt sitzt da das Foto im Kopf. Ein eingefrästes Bild von einem Bild. Raucht und schaut und trägt Vergänglichkeit in sich. Sitzt und wandelt und blickt  mich immer noch an wie morgen Du.

So intensiv kann nur Theater wirken. (Oder das Leben)

Allgemein · Experiential Research · Nuggets · Photography

Bildgebende Verfahren

“Röntgens Rätsel” (Schattenbilder, Serie 3, Nic Leonhardt)

„Natürlich sind Fotografien Kunstprodukte. Aber in einer von fotografischen Relikten übersäten Welt haben sie offenbar auch als Fundobjekte ihren Reiz, als zufällige Ausschnitte der Welt. Sie profitieren also gleichzeitig vom Prestige der Kunst und von der Magie der Wirklichkeit. Sie sind wolkige Gebilde der Phantasie und winzige Informationssplitter.“

(Susan Sontag, Über Fotografie)