Buchbesprechung · Social Media · Wissenschaftsalltag · Work-Life Balance

Deep Work

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Interieur mit einer Frau am Klavier. (sie könnte auch schreiben). Vilhelm Hammershøi, 1901.

 

Es war an einem Sonntag neulich. Lockere Ruhe draußen, leichte Unruhe drinnen. Ich blickte auf die Woche zurück, bilanzierte, ob ich für mich erreicht hatte, was ich mir montags zuvor vorgenommen, welche Ereignisse und Begegnungen gut, welche nicht so gut gelaufen waren. Ob ich jeden Tag ein bisschen glücklich war, Zeit für kreative Arbeit, die Natur und meine Freunde gehabt hatte. Die Bilanz fiel nicht so rosig aus. An diesem Morgen war ich mir selbst die größte Sonntagspredigerkritikerin guter alter Schule objektiver Nabelschau. Da war zu viel Zeit auf der Strecke geblieben die Woche. Zeit für Käse und Nebensächliches, von dem man auch denken könnte, es sei profund und zielführend. Zeit aber, die bei näherer und ehrlicher Analyse vergeudet worden war. Käse, der mich zu oft weggezogen hatte von einem Zustand des Suhlens in Zeit, der mich die Zeit vergessen lässt.

Was das für ein Zustand ist? Es ist ein Zustand des Flows, des völlig-Versunkenseins, des nicht-Wahrnehmens des Außen, weil die gegenwärtige Beschäftigung sprichwörtlich „in den Bann zieht“, im Hier und Jetzt das Hier und Jetzt feiert. Ein Zustand, der sich durch geübte Meditation herbeiführen lässt – oder durch das Tun von Dingen, die man gerne tut. Irre gerne. Mit Leidenschaft.

In einem Lied von Jochen Distelmeyer/Blumfeld, Sonntag, singt das lyrische Ich, es sei zu Hause geblieben, weil es einen Text schreiben wollte (“Ich wollt’n Text schreiben und bin zu Haus geblieben”). Das verstehe ich so gut! Einen Text zu schreiben, der einem etwas bedeutet, kann dazu führen, dass man während des Schreibens das Außen vergisst. Man vergisst zu antworten, zu essen, zu trinken, die Spülmaschine auszuräumen, man hört das Telefon, aber geht nicht ran, weil es so weit weg ist, so weit weg. Wenn ich einen solchen Text schreibe, dann bin ich ‚im Text‘, wie ich es nenne, bin sein Webstuhl und Gewebe. Herrlich ist das. – Das Texten hier als Beispiel für einen Zustand des Flows. Ich könnte auch das Malen anführen, die Arbeit mit Bildern, das Musikhören und -machen, im Schnee sein oder im Wasser, oder wo und worin auch immer. Ihr versteht, was ich meine, wenn Ihr Zustände des Flows kennt. Sie sind ziemlich fett. Und doch sind sie im Alltag ziemlich mager.

In jener meiner Wochenbilanz fehlten diese Momente der vollen Wucht an Konzentration. Sie sind ja ohnehin sehr selten. Sie werden seltener zudem durch die ständigen Ablenkungen, die sich in unseren Alltag geschlichen haben. Zeitdiebe, Energiefresserchen, die alle etwas von unserem Zeit-, Energie- und Aufmerksamkeitskuchen abhaben wollen. Und was mache ich? Ich füttere sie, und raube mir damit selbst mein Glücksfutter: Flows, Konzentration, Fokus – oder, wie es der amerikanische Wissenschaftler und Autor Cal Newport benennt: „Deep Work“.

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Fokus, Fokus, Fokus! Der Artist Charles Blondin überquert 1859 die Nigara-Fälle auf einem Hochseil. (Zeitgenöss. Stereofotografie)

Noch am selben Tag machte ich als Hauptparasiten die sozialen Netzwerke aus: meine Mitgliedschaft bei XING hatte mir zwar interessante Aufträge für meine freie Arbeit beschert; allerdings hatten sich in der letzten Zeit unangemessen eindeutige Anfragen von männlichen Nutzern gehäuft, die diese „Business-Plattform“ als online-Dating- oder Tinder-Alternative missverstanden. „Mir gefällt dein Profil, hier ist meine Nummer. Würd’ mich freuen.“ Und selbst das Ignorieren dieser, ähm, Angebote, erforderte Aufwand, den ich im Grunde nicht bereit bin zu leisten. Es mag Frauen geben, denen das gefällt, mir gefällt das nicht. Und so gaben diese gehäuften ungefragten Anfragen eine gute Gelegenheit, mich von diesem Portal wieder abzumelden.( Den Missbrauch ihrer eigentlichen Geschäftsidee meldete ich den Leitern von XING, aber sie hatten keine Lust, darauf zu reagieren; jedenfalls bis heute nicht. Vielleicht kommt da ja noch was…) Na, und dann stellte ich fest, dass ich Facebook zwar mochte und gerne nutzte – an dem Leitspruch des Unternehmens, stets in Verbindung mit seinen Freunden in der Welt zu sein, ist ja etwas dran –, ich aber eigentlich gar nicht alle mir dort zugänglichen Informationen gebrauchen konnte. Eine Binsenweisheit, sagt Ihr. Ich weiß. So nutzlos die Infos: mein armes Gehirn reagiert aber trotzdem auf neue Infos und Posts – und muss sie dann verarbeiten. Permanent. Und selbst, wenn ich nur scrolle, schaue, was denn jene Freunde in der Welt so machen. Meine Aufmerksamkeit wird gelenkt, und das Problem ist: ich bin nicht diejenige, die die Zügel hält. Ich bin nicht Herrin über die Lenkung. Und die geliebten Zustände des Flows? Erreiche ich am wenigsten mit Facebook. Here you go.

In meiner kleinen Sonntagsanalyse machte ich neben XING also Facebook als weiteren kleinen Störenfried aus – und deaktivierte mein Profil. Und so ging das dann weiter: die e-mail-Bilanz: welche sind wirklich wichtig, welche nicht so, und welche überhaupt nicht? Messenger, WhatsApp: brauche ich das wirklich? Oder wäre nicht ein Telefonat ohnehin netter? Oder gar die Freunde, mit denen ich hin und her schreibe, live zu sehen? Die 2 Stunden Zugfahrt auf mich zu nehmen, um sie mal wieder in den Arm zu nehmen, wären doch ein Klacks, oder? Eben.

Deep Work _Cover dtDeep Work_Cover engIn einer dann folgenden Woche „Reparaturlaub“ in Kerala, Indien, las ich den Bestseller von Cal Newport, Konzentriert Arbeiten. Regeln für eine Welt voller Ablenkungen, der 2017 von Jordan T. A. Wegberg ins Deutsche übersetzt, 2016 unter dem Titel Deep Work in den USA erschienen war. Ich hatte mich ja in meiner kleinen sonntäglichen Bestandsaufnahme – „Ich wollt’n Text schreiben – und bin zu Haus geblieben“ – schon selbst ganz gut gebrieft. Von Newport erwartete ich dann weitere Tipps. Und die bekam ich auch. Deep Work/ Konzentriert arbeiten – ist ein Buch, ein Symptom unserer Zeit. Es konzentriert sich hauptsächlich auf „Wissensarbeiter“, Menschen also, die Berufen nachgehen, die häufig auch ein hohes Maß an Konzentration erfordern, an Ruhezonen zum durchdachten Durchdenken von Aufgaben, neuen Konzepten, Entwickeln von Ideen und der entsprechenden Vermittlung.

Das Problem, das Newport ausfindig macht: eine fragmentierte Aufmerksamkeit. Statt „deep work“, also konzentrierter Arbeit, die eine längere Phase un(!)unterbrochener Aufmerksamkeit verlangt, quillt „shallow work“, also oberflächliche, anspruchslose Tätigkeit, in den Vordergrund. Sich auf eine McKinsey-Studie beziehend, formuliert Newport zu Beginn seines Buches, „dass der durchschnittliche Wissensarbeiter über 60 Prozent der Arbeitswoche mit elektronischer Kommunikation und Internetsuche verbringt, wobei knapp 30 Prozent der Arbeitszeit allein auf das Lesen und Beantworten von E-mails entfallen.“ Ach du Schreck! Wenn man dann noch in Betracht zieht, dass in vielen Arbeitsbereichen regelmäßig Meeting-Marathons abgehalten werden, lässt sich ohne viel Konzentration ausrechnen, wie viel Zeit noch für Konzentration bleibt. Da stimmt doch ‘was nicht. Finde ich. Und findet auch Newport. Sein Befund: in einer Kultur wie der gegenwärtigen (lassen wir mal den Kollektivsingular hier stehen, wissend, dass hier in Sachen Kultur eigentlich noch eine Differenzierung her müsste) hat Deep Work einen „schweren Stand“. Einen schweren Stand „gegenüber dem unablässigen Geklingel von Tweets, Likes, getaggten Fotos, Walls, Posts und all den anderen Aktivitäten, die uns heute als notwendig verkauft werden, lediglich weil sie existieren.“

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Gargantuas Fütterung. Unersättlich… (Gustave Doré, um 1868)

Ich will ja, aber sie lassen mich nicht.

Ist das wirklich so? Es ließe sich auch formulieren, dass ich mich lasse, weil ich will. Dann lenken nicht die anderen oder die Ablenkungstools meine Aufmerksamkeit, sondern ich (mich) selbst. Das führt zu den Vorschlägen, die Newport, zuweilen etwas redundant und abgeleitet von meist dem amerikanischen Kontext entstammenden Beispielen, unterbreitet. Diese Vorschläge beschreibt er mal als Philosophien, mal als Regeln, mal als Disziplinen.

Hier eine Auswahl von 10:

  • Rituale schaffen
  • Große Gesten schaffen – zur Erfüllung der eigenen Ziele großzügig mit sich sein
  • Konzentrieren auf das Allerwichtigste
  • (eigene) Zielsetzungen prioritär setzen
  • Einen Rhythmus der Verantwortlichkeit schaffen
  • Faul sein ( das heißt, kleinen Verantwortlichkeiten, die sich in der Summe zu einem Aufmerksamkeitsdieb von einem Gargantua-mäßigen Ausmaß aufblasen, tschüss zu sagen)
  • Auszeiten einplanen
  • Langeweile zulassen
  • Soziale Netzwerke verlassen
  • Die Pause von der Konzentration der Pause von der Ablenkung vorziehen

Das Buch ist keine Vor-Schrift. Eine solche würde die individuelle Freiheit konzentrierten Arbeitens beschneiden. Newport hat zwar seinen eigenen Standpunkt, lässt aber auch kritische Stimmen zu, und liefert somit eine fundiert recherchierte Übersicht und Anleitung für Menschen, die sich nach dem Flow sehnen, den sie von der Arbeit oder einer anderen Leidenschaft kennen – aber lange schon nicht mehr erfahren haben. An einigen Stellen ärgerte ich mich über den Effizienz-Gedanken im ökonomischen Sinne, den Newport partiell vertritt. Aber ich sehe das so: der Weg ist das Ziel. Mich tangiert hier die Effizienz nicht, mich interessiert an Deep Work die Tiefe. Der Flow.

Die nächste Sonntagsbilanz fiel schon anders aus. Die Woche in Indien, mit Newports Buch als abendlicher Lese-Krücke und kleinen Brücke in den Wiedererwerb der tiefenbohrenden Schönheit des Denkens, Schreibens, Malens, Was-auch-immers hatte alte Synapsen wieder neu verschaltet. ‚Deep Work‘ stellt sich nicht von alleine ein. Geduld ist gefragt. In erster Linie Geduld mit sich selbst. Es hilft zu wissen, dass die Phasen höchster Konzentration über 4 Stunden pro Tag nicht hinausgehen, wenn man sich auf Newports Analysen verlässt. Da kann man sich auch über eine Stunde Fokus schon freuen. Klasse, nicht Masse. (Herrje, die alten Weisheiten. Aber irgendwas muss ja dran sein an den Sprüchen.)

In Blumfelds Sonntag-Lied ist die Königin der Ablenkung vom Schreiben übrigens die Natur. Fair enough, das lässt sich das lyrische Ich gefallen. Plötzlich nicht mehr zu Hause, sondern draußen singt es: „Der Tag scheint rüber zu mir wie ich so durch die Schöpfung spazier’. Alles will blühen, ohne was davon zu haben.“

Zweckfrei Schönes. Gibt es mehr? Gibt es Besseres? Flora. Fauna. Flow!

Und den Text, den Text hat das Ich ja trotzdem geschrieben. Oder gerade deswegen.

Da fang’ ich doch gleich mal an!

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Stanhope Forbes, Ladies at Work at the Newlyn Art School (1910.)

 

Erinnerung · Fotografie · Media History · Photography · Social Media

Heimat, Film. Dem Andenken derer, die gingen und bleiben.

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Photo: Nic Leonhardt

Katzenvideos, neue Ausstellungen, was titeln Süddeutsche, Zeit, Zündfunk, was hat Sabine erlebt, was Caro, in welchen Teilen der Welt tingelt Simon schon wieder? Was gibt es Neues aus Uhlenbusch, in Harvard, im Forschungszentrum, im Theater, auf der Biennale, im Triathlon? Like, Dislike, zwinkernder Smiley, schallendes Lachen in gelb, blauer Daumen, hoch erhoben, rotes Herz.

Traurig mit Tränen. Pechschwarz war aus im Emoticon-Kolorit-Kombinat.

Beim Durchblättern der Facebook-Profile bleiben meine Augen an dem lachenden Foto eines Bekannten hängen. Kennt Ihr: So ein Strahlen, so strahlend, dass es das gesamte Gesicht in Falten wirft, auf charmanteste Weise, in schwarz-weiß. Lachfalten wie der Fächer einer Geisha. Der Rahmen des strahlenden Konterfeis lässt mein Herz kurz aussetzen. Der Rahmen ist die Todesanzeige dieses Bekannten, dem die Falten eignen. Gestorben am 27. Mai. Gestorben. Facebook-Update: Tod.

Feeling/ Activity?

(K)ein Emoticon. Chock. Eine reale Träne kullert über meine reale Wange und fällt auf das M meiner Tastatur. Matthias. Musiker. Mensch.

Die ersten Kommentare wurden schon hinterlassen. Unverständnis, Trauer, das mittlerweile gängige „R.I.P.“, das ich nicht mag. Nicht mal im Angesicht eines Todesfalls sind die User in der Lage, vollständige Sätze zu schreiben, Rest in Peace, Ruhe in Frieden. Passt in eine Zeile, Mann! Bekannte kommentieren das Lachen, das auch das Foto kommentiert, das den viel zu früh Verstorbenen kennzeichnete.

Die Fotografie eines Menschen, das wissen wir seit Roland Barthes’ Schrift Die helle Kammer, hält diesen in einem Augenblick fest – und verweist damit immer auch auf seine Vergänglichkeit. Der Tod im Foto.

Matthias. Ich habe ihn gut 15 Jahre nicht mehr live gesehen, ich wohne ja schon lange nicht mehr dort, wo er mal entfernt ein Nachbar war. Trotzdem weiß ich noch, wie dieses Lachen klingt. Ein Kämpfer, denn diese tückische Krankheit kam wieder und wieder wie die Fratze eines Springteufels. Als er damals zu Gast auf unserer Hochzeit war, lag der erste erfolgreiche Kampf gegen die Bestie in seinem Kopf schon Jahre zurück. Und ein paar Jahre später wieder der Springteufel, Kampf, Springteufel, Kampf, Springteufel … Scheiße.

Als ich meine Mutter anrufe, um mit ihr über den Todesfall zu sprechen, hat sie noch zwei weitere zu vermelden. Entfernte Bekannte, darunter einer meiner ehemaligen Lehrer. Ein Lebemann, der die Frauen mochte, Sportwagen und gute Kleidung. Dem eine Schulfreundin und ich ehrlich ins Gesicht sagten, dass wir es vorzogen, auf ein Konzert statt in seinen Geschichtsunterricht zu kommen, und der diese Ehrlichkeit schätzte; und der meinem damaligen Freund ins Ohr flüsterte, er solle bloß immer gut zu mir sein. Liebe, Respekt, Geduld. Und Liebe.

Letztes Jahr war auch das letzte für einen anderen Lehrer, dem ich intellektuell so viel verdanke, so Vieles, das ich ihm nie sagen konnte.

Im Grunde geht jetzt jedes Jahr mindestens einer. Dann setzt jedes Mal ein Innehalten Gedenken in Gang. Zeitparadoxie, Zentrifuge von Zeitgespür und –Spur. Die sprichwörtliche Minute des Gedenkens. Es ist seltsam: in unseren Erzählungen spielen viele dieser schon Verstorbenen eine Rolle, besonders wenn sie Wegbegleiter von Jugend und Adoleszenz. Egal wie marginal die Rolle, die sie besetzten: ein Tick, ein Spruch, eine Schrulligkeit, ein gemeinsames Fest, ein geteilter Lachanfall, gemeinsame Zeugenschaft eines schönen Moments oder einer Ungeheuerlichkeit – Sie spielten hinein, sie gingen hinaus und bleiben in diesem Leben, sind in der Lebenserzählung in einer merkwürdigen Form fragloser Zeitlosigkeit gespeichert, als wäre das alles erst gestern gewesen und würde morgen weitergehen.

Facebook suggeriert eine tragikomische Timeline, eine Zeitleiste und Chronik unserer Leben, mit Kreuzungen und Erinnerungen, „Lebensereignissen“, ja, so nennen sie wichtige Stationen, die man mit Datum und Bildern versehen kann. M. – Neulich noch den Auftritt mit der Band gepostet, Bilder vom Feiern. Strahlendes Konterfei. Die Anzeige als Chock. Ende der Zeitleiste.

Und darüber und darunter Katzenvideos. Trumpige Trolle, neueste Ausstellungen, Gastro-Tipps. Like, oder nee, doch nicht. Susi, Rafael und Christine interessieren sich für ein Event in meiner Nähe nächste Woche.

Schnickschnack, das alles.

Und dann diese Bilder des Chocks. Sepia-Spulen alter Heimat.

Gedenken. An.

Und danke.