Literatur, Lyrik · Mensch & Tier · Sprache

Vom Theaterwissenschaf

schaf (2)
Collage: Nic Leonhardt

Heute Früh passierte, was lange schon passieren musste. Ausgerechnet in einem wichtigen Schreiben, das ich mit viel Mühe zusammengekritzelt hatte, wurde aus der viel gerühmten fruchtbaren Zusammenarbeit die furchtbare. – Während man jene hochlobtpreist, anstrebt und sich wünscht, bildet diese einen quälenden Umstand und formt eine miese Erfahrung, aus der nur der dringende Wunsch nach wiederum jener retten kann. Furchtbar. So was aber auch! Dabei passe ich immer tierisch auf, so wie ich auf der Hut bin, wenn ich verlautbaren lassen möchte, dass ich auf der Reise sei, aber keineswegs, ganz gleich, welche sexuelle Orientierung ich zeitaktuell bevorzuge, auf der Resie. Auf der Resie. Ja mei, naaa! Das gehört sich doch nicht… Apropos Bayern: in der zweiten Grundschulklasse hatte ich mal im Diktat eine 1-.  Warum? Ich hatte „gschneit“ geschrieben, „geschneit“ wäre richtig gewesen. „Die Nicki aus Bayern“ schrieb mein Klassenlehrer mit Augenzwinkern an den Rand. Ich fand das nicht lustig, denn die Nicki aus Bayern war in der damaligen Schlagerwelt ein bayerisches Cow-Girl mit einer Frisur, die  … – Aber lassen wir das. Gut, dass es damals noch kein Instagram gab.

Zurück zu weniger Furchtbarem.

Meinen Studierenden gebe ich immer mit auf den Weg, sie sollen bitte vor der Abgabe ihrer Haus- oder Abschlussarbeiten noch einmal alles gründlich Korrektur lesen. Der Fehlerteufel sitzt ja im Detail; er hopst wie ein kleines Äffchen durch die Texte und gebiert mal kleine, mal große Schäden. Einen wolligen Wonneproppen gebar er vor vielen Jahren in der Abschlussarbeit einer Kommilitonin in der Theaterwissenschaft. Dieses Wort sollte eigentlich das Schlusswort ihrer Zusammenfassung bilden: Theaterwissenschaft. Was für ein Coup: die Arbeit mit dem Wort beenden, das für das Fach steht, in dem sie verfasst wurde. Theaterwissenschaft ist wichtig! Ein Appell! An die Leser! Die Gutachter! Die Nachwelt! – Wäre da nicht die Sache mit dem Eigenleben der Tastatur gewesen. Was soll ich sagen: aus dem Fach wurde ein Tier, ein zauberhaft märchenhaftes, und zwar: das Theaterwissenschaf! Ein Theaterwissenschaf – das muss man sich leibhaftiglebhaft vorstellen – und schon kann das gerade allerorten auf Muffin-Förmchen, Bikini-Körbchen und Feuchttüchern präsente Einhorn einpacken.

Hätte ich die Wahl, ein Tier nach meinem Geschmack zu formen, wäre es zweifelsohne das Theaterwissenschaf. Die Gründe liegen auf der Hand für diejenigen, die meinen Hintergrund kennen: urtümlich vom Land, Grünzeug essende Tierfreundin, Theatre-Maniac und Wissenschaftlerin. Das Theaterwissenschaf wäre das i-Tüpfelchen meines Seıns.

Von Ferdinand de Saussure kennen wir ja die Perspektive auf sprachliche Zeichen als arbiträr. Was heißt das? Nun, stark vereinfacht erläutert: einen Baum „Baum“ zu nennen, ist arbiträr, das heißt, es ist eine willkürliche Setzung, der sich alle, die sich in einer gemeinsamen Sprache bewegen, fügen. Das Lautbild Baum ist der Vorstellung eines Baumes zugeordnet. Gleiches gilt für Tische, Stühle und so weiter. Ein Stuhl ist im Deutschen ein Stuhl. Das ist eine Konvention. Was passiert aber, wenn Maschinen, die denken, sie seien intelligenter als wir selbst, neue Arbitraritäten ersinnen?

Wir verfügen mittlerweile ja alle über beste Schreibwerkzeuge, Smartphones, Computer aller Fruchtsorten mit Rechtschreibprüfung. Die Zusammenarbeit mit Korrekturprogrammen gestaltet sich indessen oft furchtbar (ja, ich meine hier furchtbar, nicht fruchtbar, hier nicht). In meinem Schreiben heute war die Korrekturfunktion keine Hilfe. Und auch das Schaf von damals wurde nicht mit roten Schlangenlinien unterlegt. Es steht also zu vermuten, dass das Programm ebenso an Theaterwissenschafe glaubt wie wir an Einhörner. Und es bläst ins selbe Horn, wenn es automatisch korrigiert. Wenn man da nicht aufpasst – schafft der Schaft der Fehlerteufel-Feder einen Stall voller Schafe im Text. Ich weiß ja nicht, welche kryptischen Nachrichten Ihr schon aus Versehen bekommen oder selbst verschickt habt. Mein Smartphone machte schon aus Derrida ein „Dreirad“; mein neueres Modell erkennt den französischen Philosophen immerhin als Mann, benennt ihn allerdings in „Derrick“ um. Man will das fast für eine Freudsche Fehlleistung halten. Ebenso wie übrigens vor wenigen Wochen mein liebevoll an meinen besten Freund gerichtetes Kosewort „Honey“ zu „Honecker“ wurde. Mein Freund wunderte sich nicht wenig über die merkwürdige Anrede. Zum Glück kennt er mich.

Dreirad
Derridas Dreirad oder doch Derricks?

Vielleicht wäre die Welt aber auch bunter, wenn wir die Geräte einfach ließen, und sie furchtbar fruchtbar ihr sprachliches Unvermögen weiter zu Gold dichteten. Da würde dann Derrida auf dem Dreirad zu Derrick fahren, oder den Honecker besuchen, alles friedlich, alles bunt. Oder auch grün, wenn die Resie mal wieder auf ihre Weise über die Wiese auf die Reise ginge…

… derweil graste auf der Wiesenbühne genüsslich das arbiträr gebaute, aber gebildete Theaterwissenschaf …