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Karl-Ferdinand-Werner Fellowship am DHI Paris

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Ich freue mich über und bin dankbar für die Zuweisung eines Karl Ferdinand Werner-Fellowships am Deutschen Historischen Institut (DHI) Paris für das Frühjahr 2018.

Das Fellowship steht im Kontext meiner aktuellen Forschung über Philanthropie und Kulturförderung nach 1945 im Rahmen des ERC-Projekts “Developing Theatre”.

Merci, Paris!

Buchbesprechung · Media History · Wissenschaftsalltag · Work-Life Balance

24 Hours a Day

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“Your purse is magically filled with twenty-four hours of the unmanufactured tissue of the universe of your life!” (A. Bennett, 1910. Photo: Nic Leonhardt)

When reading Cal Newport’s book Deep Work, I came across a handful of references he worked with, which sounded quite intriguing to me. I jotted down the most interesting titles and loaned them from the library. (yes, please call me old-fashioned ;-))
One of these references is Arnold Bennett‘s book How to live on 24 Hours a Day. A book targeting primarily the so called “white-collar workers“, and providing recommendations of how to make the most of a working day.

What is remarkable here is that Bennett’s little ‘guidebook‘ came out in 1910 (i.e. one hundred seven years ago!), – yet that it deals with the same themes like contemporary guidebooks and seminars: You would think that “work-life balance” is a case in point of the 21st century only, but Bennett’s book proves: It is not! Studying How to Live on 24 Hours a Day, I was surprised how similar the problems he addresses, and the advices he offers are to the ones we try to cope with nowadays on a daily basis.

I can only recommend to read the whole book, but for the hasty ones among you: here are some of Bennett’s recommendations in a nutshell. Enjoy!

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You wake up in the morning, and 24 hours are all yours (well, most of them)

„The supply of time is truly a daily miracle, an affair genuinely astonishing when one examines it. You wake up in the morning, and lo! Your purse is magically filled with twenty-four hours of the unmanufactured tissue of the universe of your life! It is yours. It is the most precious of possessions. A highly singular commodity, showered upon you in a manner as singular as the commodity itself! For remark! No one can take it from you. It is unstealable. And no one receives either more or less than you receive.“ (p. 16f)

Enjoy the moment, the Here & Now!

“[Y]ou cannot draw on the future. Impossible to get into debt! You can only waste the passing moment. You cannot waste to-morrow; it is kept for you. You cannot waste the next hour; it is kept for you. You cannot waste the next hour; it is kept for you.” (p. 17)

You have all the time there is

[Y]ou are constantly haunted by suppressed dissatisfaction with your own arrangement of your daily life; […] the primal cause of that inconvenient dissatisfaction is the feeling that you are every day leaving undone something which you would like to do, and which, indeed, you are always hoping to do when you have “more time”; [yet the] glaring, dazzling truth [is] that you never will have “more time,” since you already have all the time there is” (p. 25)

Be patient. Allow for human nature, especially your own 🙂

“Beware of undertaking too much at the start. Be content with quite a little. Allow for accidents, Allow for human nature, especially your own.” (p. 28)

Controlling your Mind (an Exercise)

“When you leave your house, concentrate your mind on a subject (no matter what, to begin with). You will not have gone ten yards before your mind has skipped away under your very eyes and is larking round the corner with another subject. Bring it back by the scruff of the neck. Ere you have reached the station you will have brought it back about forty times. Do not despair. Continue. […] By the regular practice of concentration (as to which there is no secret – save the secret of perseverance) you can tyrannise over your mind (which is not the highest part of you) every hour of the day, and in no matter what place.” (p. 47f)

(Arnold Bennett: How to Live on 24 Hours a Day. New York: George H. Doran Company 1910)

Buchbesprechung · Social Media · Wissenschaftsalltag · Work-Life Balance

Deep Work

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Interieur mit einer Frau am Klavier. (sie könnte auch schreiben). Vilhelm Hammershøi, 1901.

 

Es war an einem Sonntag neulich. Lockere Ruhe draußen, leichte Unruhe drinnen. Ich blickte auf die Woche zurück, bilanzierte, ob ich für mich erreicht hatte, was ich mir montags zuvor vorgenommen, welche Ereignisse und Begegnungen gut, welche nicht so gut gelaufen waren. Ob ich jeden Tag ein bisschen glücklich war, Zeit für kreative Arbeit, die Natur und meine Freunde gehabt hatte. Die Bilanz fiel nicht so rosig aus. An diesem Morgen war ich mir selbst die größte Sonntagspredigerkritikerin guter alter Schule objektiver Nabelschau. Da war zu viel Zeit auf der Strecke geblieben die Woche. Zeit für Käse und Nebensächliches, von dem man auch denken könnte, es sei profund und zielführend. Zeit aber, die bei näherer und ehrlicher Analyse vergeudet worden war. Käse, der mich zu oft weggezogen hatte von einem Zustand des Suhlens in Zeit, der mich die Zeit vergessen lässt.

Was das für ein Zustand ist? Es ist ein Zustand des Flows, des völlig-Versunkenseins, des nicht-Wahrnehmens des Außen, weil die gegenwärtige Beschäftigung sprichwörtlich „in den Bann zieht“, im Hier und Jetzt das Hier und Jetzt feiert. Ein Zustand, der sich durch geübte Meditation herbeiführen lässt – oder durch das Tun von Dingen, die man gerne tut. Irre gerne. Mit Leidenschaft.

In einem Lied von Jochen Distelmeyer/Blumfeld, Sonntag, singt das lyrische Ich, es sei zu Hause geblieben, weil es einen Text schreiben wollte (“Ich wollt’n Text schreiben und bin zu Haus geblieben”). Das verstehe ich so gut! Einen Text zu schreiben, der einem etwas bedeutet, kann dazu führen, dass man während des Schreibens das Außen vergisst. Man vergisst zu antworten, zu essen, zu trinken, die Spülmaschine auszuräumen, man hört das Telefon, aber geht nicht ran, weil es so weit weg ist, so weit weg. Wenn ich einen solchen Text schreibe, dann bin ich ‚im Text‘, wie ich es nenne, bin sein Webstuhl und Gewebe. Herrlich ist das. – Das Texten hier als Beispiel für einen Zustand des Flows. Ich könnte auch das Malen anführen, die Arbeit mit Bildern, das Musikhören und -machen, im Schnee sein oder im Wasser, oder wo und worin auch immer. Ihr versteht, was ich meine, wenn Ihr Zustände des Flows kennt. Sie sind ziemlich fett. Und doch sind sie im Alltag ziemlich mager.

In jener meiner Wochenbilanz fehlten diese Momente der vollen Wucht an Konzentration. Sie sind ja ohnehin sehr selten. Sie werden seltener zudem durch die ständigen Ablenkungen, die sich in unseren Alltag geschlichen haben. Zeitdiebe, Energiefresserchen, die alle etwas von unserem Zeit-, Energie- und Aufmerksamkeitskuchen abhaben wollen. Und was mache ich? Ich füttere sie, und raube mir damit selbst mein Glücksfutter: Flows, Konzentration, Fokus – oder, wie es der amerikanische Wissenschaftler und Autor Cal Newport benennt: „Deep Work“.

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Fokus, Fokus, Fokus! Der Artist Charles Blondin überquert 1859 die Nigara-Fälle auf einem Hochseil. (Zeitgenöss. Stereofotografie)

Noch am selben Tag machte ich als Hauptparasiten die sozialen Netzwerke aus: meine Mitgliedschaft bei XING hatte mir zwar interessante Aufträge für meine freie Arbeit beschert; allerdings hatten sich in der letzten Zeit unangemessen eindeutige Anfragen von männlichen Nutzern gehäuft, die diese „Business-Plattform“ als online-Dating- oder Tinder-Alternative missverstanden. „Mir gefällt dein Profil, hier ist meine Nummer. Würd’ mich freuen.“ Und selbst das Ignorieren dieser, ähm, Angebote, erforderte Aufwand, den ich im Grunde nicht bereit bin zu leisten. Es mag Frauen geben, denen das gefällt, mir gefällt das nicht. Und so gaben diese gehäuften ungefragten Anfragen eine gute Gelegenheit, mich von diesem Portal wieder abzumelden.( Den Missbrauch ihrer eigentlichen Geschäftsidee meldete ich den Leitern von XING, aber sie hatten keine Lust, darauf zu reagieren; jedenfalls bis heute nicht. Vielleicht kommt da ja noch was…) Na, und dann stellte ich fest, dass ich Facebook zwar mochte und gerne nutzte – an dem Leitspruch des Unternehmens, stets in Verbindung mit seinen Freunden in der Welt zu sein, ist ja etwas dran –, ich aber eigentlich gar nicht alle mir dort zugänglichen Informationen gebrauchen konnte. Eine Binsenweisheit, sagt Ihr. Ich weiß. So nutzlos die Infos: mein armes Gehirn reagiert aber trotzdem auf neue Infos und Posts – und muss sie dann verarbeiten. Permanent. Und selbst, wenn ich nur scrolle, schaue, was denn jene Freunde in der Welt so machen. Meine Aufmerksamkeit wird gelenkt, und das Problem ist: ich bin nicht diejenige, die die Zügel hält. Ich bin nicht Herrin über die Lenkung. Und die geliebten Zustände des Flows? Erreiche ich am wenigsten mit Facebook. Here you go.

In meiner kleinen Sonntagsanalyse machte ich neben XING also Facebook als weiteren kleinen Störenfried aus – und deaktivierte mein Profil. Und so ging das dann weiter: die e-mail-Bilanz: welche sind wirklich wichtig, welche nicht so, und welche überhaupt nicht? Messenger, WhatsApp: brauche ich das wirklich? Oder wäre nicht ein Telefonat ohnehin netter? Oder gar die Freunde, mit denen ich hin und her schreibe, live zu sehen? Die 2 Stunden Zugfahrt auf mich zu nehmen, um sie mal wieder in den Arm zu nehmen, wären doch ein Klacks, oder? Eben.

Deep Work _Cover dtDeep Work_Cover engIn einer dann folgenden Woche „Reparaturlaub“ in Kerala, Indien, las ich den Bestseller von Cal Newport, Konzentriert Arbeiten. Regeln für eine Welt voller Ablenkungen, der 2017 von Jordan T. A. Wegberg ins Deutsche übersetzt, 2016 unter dem Titel Deep Work in den USA erschienen war. Ich hatte mich ja in meiner kleinen sonntäglichen Bestandsaufnahme – „Ich wollt’n Text schreiben – und bin zu Haus geblieben“ – schon selbst ganz gut gebrieft. Von Newport erwartete ich dann weitere Tipps. Und die bekam ich auch. Deep Work/ Konzentriert arbeiten – ist ein Buch, ein Symptom unserer Zeit. Es konzentriert sich hauptsächlich auf „Wissensarbeiter“, Menschen also, die Berufen nachgehen, die häufig auch ein hohes Maß an Konzentration erfordern, an Ruhezonen zum durchdachten Durchdenken von Aufgaben, neuen Konzepten, Entwickeln von Ideen und der entsprechenden Vermittlung.

Das Problem, das Newport ausfindig macht: eine fragmentierte Aufmerksamkeit. Statt „deep work“, also konzentrierter Arbeit, die eine längere Phase un(!)unterbrochener Aufmerksamkeit verlangt, quillt „shallow work“, also oberflächliche, anspruchslose Tätigkeit, in den Vordergrund. Sich auf eine McKinsey-Studie beziehend, formuliert Newport zu Beginn seines Buches, „dass der durchschnittliche Wissensarbeiter über 60 Prozent der Arbeitswoche mit elektronischer Kommunikation und Internetsuche verbringt, wobei knapp 30 Prozent der Arbeitszeit allein auf das Lesen und Beantworten von E-mails entfallen.“ Ach du Schreck! Wenn man dann noch in Betracht zieht, dass in vielen Arbeitsbereichen regelmäßig Meeting-Marathons abgehalten werden, lässt sich ohne viel Konzentration ausrechnen, wie viel Zeit noch für Konzentration bleibt. Da stimmt doch ‘was nicht. Finde ich. Und findet auch Newport. Sein Befund: in einer Kultur wie der gegenwärtigen (lassen wir mal den Kollektivsingular hier stehen, wissend, dass hier in Sachen Kultur eigentlich noch eine Differenzierung her müsste) hat Deep Work einen „schweren Stand“. Einen schweren Stand „gegenüber dem unablässigen Geklingel von Tweets, Likes, getaggten Fotos, Walls, Posts und all den anderen Aktivitäten, die uns heute als notwendig verkauft werden, lediglich weil sie existieren.“

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Gargantuas Fütterung. Unersättlich… (Gustave Doré, um 1868)

Ich will ja, aber sie lassen mich nicht.

Ist das wirklich so? Es ließe sich auch formulieren, dass ich mich lasse, weil ich will. Dann lenken nicht die anderen oder die Ablenkungstools meine Aufmerksamkeit, sondern ich (mich) selbst. Das führt zu den Vorschlägen, die Newport, zuweilen etwas redundant und abgeleitet von meist dem amerikanischen Kontext entstammenden Beispielen, unterbreitet. Diese Vorschläge beschreibt er mal als Philosophien, mal als Regeln, mal als Disziplinen.

Hier eine Auswahl von 10:

  • Rituale schaffen
  • Große Gesten schaffen – zur Erfüllung der eigenen Ziele großzügig mit sich sein
  • Konzentrieren auf das Allerwichtigste
  • (eigene) Zielsetzungen prioritär setzen
  • Einen Rhythmus der Verantwortlichkeit schaffen
  • Faul sein ( das heißt, kleinen Verantwortlichkeiten, die sich in der Summe zu einem Aufmerksamkeitsdieb von einem Gargantua-mäßigen Ausmaß aufblasen, tschüss zu sagen)
  • Auszeiten einplanen
  • Langeweile zulassen
  • Soziale Netzwerke verlassen
  • Die Pause von der Konzentration der Pause von der Ablenkung vorziehen

Das Buch ist keine Vor-Schrift. Eine solche würde die individuelle Freiheit konzentrierten Arbeitens beschneiden. Newport hat zwar seinen eigenen Standpunkt, lässt aber auch kritische Stimmen zu, und liefert somit eine fundiert recherchierte Übersicht und Anleitung für Menschen, die sich nach dem Flow sehnen, den sie von der Arbeit oder einer anderen Leidenschaft kennen – aber lange schon nicht mehr erfahren haben. An einigen Stellen ärgerte ich mich über den Effizienz-Gedanken im ökonomischen Sinne, den Newport partiell vertritt. Aber ich sehe das so: der Weg ist das Ziel. Mich tangiert hier die Effizienz nicht, mich interessiert an Deep Work die Tiefe. Der Flow.

Die nächste Sonntagsbilanz fiel schon anders aus. Die Woche in Indien, mit Newports Buch als abendlicher Lese-Krücke und kleinen Brücke in den Wiedererwerb der tiefenbohrenden Schönheit des Denkens, Schreibens, Malens, Was-auch-immers hatte alte Synapsen wieder neu verschaltet. ‚Deep Work‘ stellt sich nicht von alleine ein. Geduld ist gefragt. In erster Linie Geduld mit sich selbst. Es hilft zu wissen, dass die Phasen höchster Konzentration über 4 Stunden pro Tag nicht hinausgehen, wenn man sich auf Newports Analysen verlässt. Da kann man sich auch über eine Stunde Fokus schon freuen. Klasse, nicht Masse. (Herrje, die alten Weisheiten. Aber irgendwas muss ja dran sein an den Sprüchen.)

In Blumfelds Sonntag-Lied ist die Königin der Ablenkung vom Schreiben übrigens die Natur. Fair enough, das lässt sich das lyrische Ich gefallen. Plötzlich nicht mehr zu Hause, sondern draußen singt es: „Der Tag scheint rüber zu mir wie ich so durch die Schöpfung spazier’. Alles will blühen, ohne was davon zu haben.“

Zweckfrei Schönes. Gibt es mehr? Gibt es Besseres? Flora. Fauna. Flow!

Und den Text, den Text hat das Ich ja trotzdem geschrieben. Oder gerade deswegen.

Da fang’ ich doch gleich mal an!

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Stanhope Forbes, Ladies at Work at the Newlyn Art School (1910.)

 

Theater international · Theaterzauber · Wissenschaftsalltag

ITI Germany

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Seit Juni 2017 bin ich Mitglied des ITI Germany, Deutsches Zentrum des Internationalen Theaterinstituts. Ich freue mich außerordentlich über die Aufnahme durch den Vorstand.

Das ITI Germany ist Teil des 1948 gegründeten internationalen Theater-Netzwerks “International Theatre Institute” (ITI), das, initiiert und unter der Schirmherrschaft der UNESCO, den Austausch der Theaterschaffenden der Welt unterstützt, befördert und ihm dient. Das deutsche Zentrum gibt es seit 1955, seit 1957 in der Bundesrepublik. In der ehemaligen DDR wurde das ITI 1959 eingerichtet; zwei Jahre nach der Wende, 1991, wurden die beiden Sektionen zum ITI Germany vereint.

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Je problematischer und konfliktreicher die Welt im Kleinen und im Großen, desto wichtiger sind Theater und Kunst, weil sie über Grenzen Austausch von Kulturen ermöglichen und uns daran erinnern, dass wir alle aus demselben Holz geschnitzt sind. Theater sehe ich als einen Verhandlungs-Spielraum. Jeden Tag mehr. Jeden Tag aufs Neue. Hier kann alles gezeigt, alles sichtbar gemacht, alles verhandelt werden. Deswegen ist Theater immer aktuell. Deswegen ist Theater nie aus der Zeit. Deswegen kennt Theater keine Grenzen. Deswegen muss Theater einfach sein.

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International Theatre Institute (ITI). Headquarter in Shanghai. (photo: Nic Leonhardt, May 2017) 
Wissenschaftsalltag · Work-Life Balance

Von Zeitkuchen und Zeitsuchen

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Wayne Thiebaud. Display Cakes, 1963.

Als ich noch ein Teenager war, traf ich mich gelegentlich mit einem älteren Bekannten (der gerade so erwachsen genannt werden konnte), um uns gemeinsam über die Philosophie der Existentialisten und die Konsumkritik Wolfgang Schmidbauers auszutauschen (ja, genau, der ist Paartherapeut und schreibt fürs ZEIT-Magazin). Dieser Bekannte, nennen wir ihn Frederick, entwickelte als Adoleszenter eine Theorie vom individuellen liebesrelevanten Gefühlshaushalt, die er „Gefühlskuchentheorie“ nannte. Das Theorem lautete: „Jeder Mensch verfügt Zeit seines Lebens über einen einzigen Gefühlskuchen. Sind die Gefühle einmal investiert, sind sie weg, so wie ein Stück Kuchen fehlt, wenn man es gegessen hat.“ Ich war immer nur einen Krümel überzeugt von diesem Theorem, sagen wir ein achtel Kuchenstück überzeugt, der Rest war Zweifel. Ich tat allerdings den folgenschweren Schritt, eine Analogie zu schaffen zwischen Fredericks Gefühlskuchen und dem Kuchen unserer Lebenszeit und realisierte dadurch (wenn ich bei Fredericks Logik blieb), dass von den X Tagen, die mir zum Leben verfügbar sind, mit jedem Tag ein Plus ein Minus bedeutete: Je mehr Zeit ich hier verbrachte, desto weniger würde ich hier verbringen. Das ist angesichts unserer Vergänglichkeit ziemlich natürlich (über Religionen und ihre Unterschiede hinsichtlich der Konzeption von Lebenszeit möchte ich jetzt nicht sprechen), aber als Teenager traf mich diese Erkenntnis wie ein Kirschkern aus einer Zwille. Seitdem kreisen meine Gedanken immer wieder um diese unsere Freundin und Feindin. Die Zeit.

Um meinen Gefühlskuchen sorge ich mich nicht, aber um den Zeitkuchen. Und wenn ich mich so umschaue, im Umfeld, privat und beruflich, in der Ratgeberliteratur, auf Kalendersprüchen, auf Blogs, Business-Portalen und in populärwissenschaftlichen Sendungen, bin ich nicht die Einzige. Zeit soll genossen, dosiert, gelebt, gemessen, genommen, gemanagt, herbeigesehnt, eingespart, investiert, qualitativ ver- und zugeteilt (man sagt heute quality time, me-time), optimiert, geteilt und bezahlt werden. Zeit vergeht, fehlt, dominiert, heilt, kommt, ist Geld, hat man nicht, alles hat seine Zeit, gut Ding will Weile…, eile mit Weile, Zeit verstreicht, verrinnt, zerrinnt, kommt wieder, nie mehr, ­– morgen ist auch noch ein Tag. Was du heute kannst besorgen, was gestern war und heute ist-und-so-weiter.

safranski_zeitSymptomatisch für die Komplexität von Zeit und die Vielschichtigkeit unserer Beschäftigung mit ihr ist das im Jahr 2015 erschienene Buch Zeit. Was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen von Rüdiger Safranski. Ich bekam es zum Geburtstag geschenkt, und da dieser Tag seit ich atmen kann auf das Jahresende fällt (ich bin qua Geburt zwischen den Jahren geparkt mit allen Konsequenzen) war es genau das richtige Geschenk für mich. Ich habe es verschlungen.

Eigentlich wollte ich schon zu Beginn des neuen Jahres ein paar Zeilen über das Buch schreiben, neues Jahr, neue Ideen … „Die Zeit des Anfangens ist, bei halbwegs glücklichem Verlauf, der lichterlohe Moment, da man sich mit der Zeit im Bunde fühlt.“, schreibt Safranski. – Aber wie das dann so ist: ich wollte über Zeit schreiben und hatte schlichtweg keine. Oder, mit Safranski paraphrasiert: ich wurde in der „Zeit des Anfangens wieder zurück[gelenkt] in die Bahnen des Gesellschaftlichen.“ Und da fand ich mich dann (wie viele von Euch sicherlich auch), wieder. Hingelenkt, aufgespurt auf die Drähte dieses Korsetts, das wir doch eigentlich längst gesprengt geglaubt hatten? – doch halt!: das ist lange her, und bezog sich eher auf den weiblichen Torso als auf die Zeit. Mittlerweile tragen wir wieder freiwillig Mieder UND das Zeitkorsett schnürt uns ein. Wo sind die Haken?

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Tempus fugit. Time flies. Die Zeit fliegt. Fliehen geht nicht.

Was macht sie nur mit uns, die Zeit? Was machen wir nur mit ihr?

Fragen, die auch Rüdiger Safranski stellt: an die Geschichte, die Philosophie, die Naturwissenschaften, die Künste. Interessanterweise beginnt er sein Buch mit der Langeweile, dann widmet er sich dem Anfangen, den Zeiten der Sorge, der vergesellschafteten Zeit, der bewirtschafteten Zeit, der Lebens- und Weltzeit, der Weltraumzeit, der Eigenzeit, unserem Spiel mit ihr, erfüllter Zeit und Ewigkeit. Immer wieder flicht er die Stimmen und Ansätze von Philosophen, Religionstheoretikern und Künstlern unterschiedlicher Zeiten in seine Ausführungen ein und verweist damit indirekt auf die Zeit und Kulturen übergreifende Beschäftigung mit Zeit, die longue durée der Zeit als Gegenstand und Thema, wenn man so will. Die Zeit beschäftigt und hält beschäftigt, dauerhaft.

„Man könnte einfach sagen: Die Zeit ist dasjenige, was die Uhren messen. Was aber messen die Uhren?“ fragt Safranski im Kapitel Vergesellschaftete Zeit. Nun: „Zeit ist das Dauern, bei dem man ein Früher und Später markieren kann und dazwischen die Intervalle zählt.“

Intervalle zählen…

Ich halte hier mal inne, die Zeit muss sein, Generalpause für ein paar Intervalle, für ein persönliches Zahlen-Beispiel:

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Time-Sheets. Muster fürs Mustern.

Vom Arbeitstag, dessen gesetzliches Maximum 10 Stunden nicht überschreiten sollte, und auch das nur in Ausnahmefällen (geht manchmal, meistens nicht), soll man, wie Projekt- und Zeitmanagement-Coaches empfehlen, nicht mehr als 60% verplanen. Soweit so gut. In dem neuen Projekt, in dem ich forsche, müssen wir Wissenschaftler „Time Sheets“ ausfüllen, das will die EU, die das Projekt finanziert, so. Time Sheets sind Zeit(erfassungs-)-Blätter. Ja, genau. Sie wirken auf uns Geisteswissenschaftler und Künstler wie von einem anderen Stern. Dennoch sind sie als (vermeintlich objektive) Erfassungsinstrumente der Zeit interessant, um zu schauen, wo die Zeit eigentlich geblieben ist, und was uns bleibt von dem, was uns noch bleibt.

  • Hier ein paar Zahlen aus meinem privaten Alltag, Durchschnitt:

Schlafen: 8 Stunden; tägliche Gymnastik und Sport: 1-1,5 Stunden, Morgenritual: 30 Minuten, Essen netto ca. 1 Stunde, üblicher Kleinkram (Katze, Küche, Korrespondenz, Einkauf, Haushalt, Fahrradschloss auf- und absperren, so Sachen) in Summe ca. 1,5 Stunden; Tanzstunde: 2-3 Stunden; gehe ich abends nicht tanzen, treibe ich Sport, arbeite, gehe ins Theater oder treffe Freunde: gleicher Zeitbedarf.

  • Zahlen aus dem beruflichen Alltag, die das Time Sheet nur zum Teil misst:

Viele Tätigkeiten meiner Arbeit lassen sich nicht beziffern, aber nach langjähriger Erfahrung kann ich sagen, dass ich zum Beispiel für das Verfassen eines Empfehlungsschreibens 30-45 Minuten benötige, für Lektüre und Gutachten einer Bachelorarbeit 3-4 Stunden, einer Masterarbeit etwa 5. Die Vorbereitung einer Seminarsitzung nimmt Pi mal Daumen das doppelte an Zeit des Seminars in Anspruch, das sind also bei einem 90 Minuten-Kurs  3 Stunden. Für die Vorbereitung einer 90-minütigen Vorlesung rechne ich im Schnitt 2,5 Tage, wenn ich sie noch nie gehalten habe, einen Vormittag, wenn ich sie nur aktualisiere. Einen Vortrag zu schreiben, kommt dem Zeitbedarf für eine Vorlesung gleich, wenn ich im Thema bin; der Bedarf verdoppelt sich mindestens, wenn es noch weiterer Recherchen bedarf (übrigens rechnet man 3 Minuten Redezeit für eine DIN A4-Seite getippt in 1,5-fachem Zeilenabstand, Schriftgröße 12). Ähnliches gilt für einen Fachaufsatz, für den ich, Recherchen nicht eingeschlossen, eine richtig fette Woche benötige. Für eine Kolumne sitze ich zwischen 30 Minuten und 3 Stunden an der Tastatur, je nach Komplexität des Themas; eine Reportage zu schreiben, kostet gut einen vollen Tag, manchmal 2. All dem voran geht, dass ich in den Zeiten „dazwischen“ mental ‚schwanger gehe‘ mit Aufsatz, Vortrag oder journalistischem Text, ihn gedanklich visualisiere. Und dann ist all dem vorauszusetzen, dass ich all diese Arbeiten neben zahlreichen anderen Aufgaben erledige, die sich nicht beziffern lassen. Momentan schreibe ich zwei Bücher. Die Zeit, die das braucht, habe ich nicht erfasst, denn ich arbeite seit Jahren immer wieder daran. (die Zahlenbeispiele mögen für andere Kollegen anders aussehen, ich speise sie hier nur aus meinem persönlichen Arbeitsalltag).

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Tic-Tac-Tic-Tac-Tic-Tac–

Ausgerechnet die spießigen, aus der Zeit gefallenen Time Sheets führen noch mal vor Augen, dass man, wenn man seine Arbeit gewissenhaft tut, hinten und vorne nicht mit der verfügbaren Zeit hinkommt. Das ist ein allseits bekanntes Problem in der Wissenschaft (und sicherlich nicht nur dort), aber es hilft nur initial etwas, darüber zu schreiben, was ja, zum Glück!, gehäuft passiert. Damit es besser (im Sinne von „zu bewältigen“) wird, hilft nur handeln. Jetzt und morgen und nicht aufhören damit. Aber das lenkt jetzt in ein gänzlich neues brisantes Feld. Es hat aber mit Safranskis Kapiteln zur vergesellschafteten Zeit ebenso zu tun wie mit der bewirtschafteten Zeit – und der Zeit der Sorge, denn die ist allerorten groß.

Neben der Sorge sind bestimmte Gefühlszustände an Zeit gebunden: Sehnsucht etwa, Erinnerung, Vermissen, Ekstase. „Die Romantiker haben es gehört, dieses rauschende Rad der Zeit, das die Lebenszeit mit seinem Lärm und der unaufhörlichen Bewegtheit erfüllt. Sie haben aber auch nach etwas anderem gesucht, etwas, das aus diesem elenden Kreisen herausführt; Wackenroder nennt es die verzehrende  Sehnsucht nach unbekannten schönen Dingen.“ (Safranski)

Ich fröne gerne der Sehnsucht, noch lieber aber erfülle ich sie mir, surfe das rauschende Rad. Wenn ich beim Tanzen und in der Musik die Zeit zähle, zähle ich den Takt (übrigens mag ich Synkopen, weil sie für einen Moment die Zeit so schön frech durcheinander bringen), aber während ich zähle, tanze ich, bin ich „im Moment“. Das ist groß. Die schönste Zeit ist überhaupt die, die man gar nicht misst, sondern nur genießt. Da sein. Fertig. Angefangen.

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Gut, dass wir Zeit für Kunst haben, Kunst für die Zeit .

Was die Zeit mit uns macht, machen wir mit ihr.
Die Zeit wird Raum, die Liebe bleibt…Wie schön ist das?!

Teenagerzeit… Was wohl Frederick heute so treibt? Steine rollen wie Camus’ Sisyphos? Schmidbauer lesen? Lieben? Gefühlskuchen bröseln? Auf die 50 zugehen. Nun, das ist gewiss, es lässt sich auch ausrechnen.

Es wäre interessant ihn noch mal zu treffen. Auf einen Zeitkuchen zur Kuchenzeit um Vier. Vielleicht hat Herr Safranski ja Lust und Zeit (sein Buch hat er ja jetzt geschrieben) und kann auch kommen. Auf ein Stündchen. Morgen. Irgendwann.

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(Schreibzeit: 2 Stunden)