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70 Jahre I.T.I. – Nuggets aus dem Archiv

ITI Gründung auf der Titelseite des Courier July 1948, Vol I , No 6
Titelblatt des Unesco Courier, Vol I, 6, 1948. Der Bericht über den ersten ITI-Kongress in Prag, 28. Juni bis 3. Juli 1948, ist Aufmacher.

Es ist kaum vorstellbar, dass es die weltweit größte Organisation für die darstellenden Künste, das International Theatre Institute (ITI) mit mittlerweile über 90 nationalen/ regionalen Zentren, einmal nicht gegeben haben soll. In diesem Jahr, 2018, schaut die Organisation auf das 70. Jahr ihrer Gründung zurück: 1948. Die Gründung stand in engem Zusammenhang mit den damals wie heute wichtigen Prämissen internationaler Verständigung, sozialer und politischer Chancengleichheit und kulturellem Austausch, die neben vielen anderen Initiativen jener Jahre auch die United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization, kurz Unesco, zu ihrem Programm erhob.

Die Gründungsphase des ITI interessiert mich nicht nur als Forscherin, sondern auch als ihr Mitglied. Während meiner aktuellen Forschungsarbeit in Paris* fielen mir interessante, teils auch digital verfügbare Materialien aus den das Institut konstituierenden Jahren in die Hände.

logoBereits 1947 stand die Idee, ein internationales Theater-Institut zu gründen, bei der Unesco im Raum, stets betont auch durch den damaligen Generaldirektor der Unesco, Julian Huxley. Theater firmierte in den Unesco-Abteilungen zunächst unter “Arts and Letters”. Von Anfang an waren auch  für das Theater Verantwortliche registriert, darunter Maurice Kurtz (USA), B. Dhingra (Indien) und als Schriftführerin B. Musso (Frankreich).  Doch die Gründung eines internationalen Theater-Instituts war nicht nur eine Idee, sondern ein beabsichtigtes Vorhaben, das durchdacht und systematisch angegangen wurde. In seinem “Progress Report” vom 3. Juni 1947 berichtet Huxley: “Unesco plans to have established an International Theatre Institute. We have already arranged for a conference of leading experts in this field to be held in Paris in July.” Diese “leading experts”, es waren insgesamt 25 aus 14 Ländern, kamen denn auch zusammen, um sich über die Zielsetzungen und die Organisationsform des künftigen Länder übergreifenden Instituts zu verständigen. Der französische Autor und Dramatiker Armand Salacrou, Mitglied des Executive Committees des ITI und Präsident des French National Theatre Centre, erläutert das Vorgehen zur Auswahl der Experten in einer Ausgabe des Unesco-Magazins Courier: “First of all we set up a Theatre Committee made up of 30 members, on the model of the French National Commission for Unesco. The Theatre Committee consists of four high officials and seventeen distinguished personalities elected by the French theatre associations (the National Theatre Federation, the Society of Authors and the various trade unions representing writers, directors, actors, producers and so on). In turn, these twenty-one members of the Theatre Committee named nine prominent theatre men to form part of the Committee.” (Courier, Vol I, No. 5, June 1948, S. 6)

Kurtz on ITI Courier Vol I, 6, 1948
Auszug aus einem ausführlichen Artikel von Maurice Kurtz zur Gründungsphase des I.T.I. In Unesco Courier, I, 6, 1948, S. 6. (Aufs Bild klicken für Volltext)

Man beschloss, dass das Internationale Theater-Institut aus nationalen Centern und einer Hauptverwaltungsstelle (Headquarter) bestehen solle. Unesco initiierte das Vorhaben und finanzierte es anfänglich, aber es stand von vornherein fest, dass man dem ITI in der Folge Unabhängigkeit gewähre. In der allerersten Ausgabe des Courier heißt es unter der Überschrift “Highlights of Unesco Projects for New Year”: “In the field of Arts and Letters, Unesco will continue to support by technical advice the creation of an International Theatre Institute, independent of Unesco.” (Courier, Vol. I, Nr. 1, 1948, S. 6). Um die Eigenständigkeit des ITI zu unterstreichen, bezog es auch ab 1948 ein eigenes Gebäude in der 1, Rue de Millois, Paris (dort befinden sich auch heute noch Teile der ITI-Archive; das international office ist mittlerweile nach Shanghai umgesiedelt).

ITI Broschüre designed von Jean Picart Le Doux
Erste Broschüre des ITI, 1948. Das Cover gestaltete der französische Künstler Jean Picart Le Doux (1902–1982)

Der bereits oben erwähnte, für Theater zuständige und an der Initiierung des ITI maßgeblich beteiligte Maurice Kurtz unterstrich 1948 die Notwendigkeit der Gründung mit den Worten: “The fact that Unesco has, at the outset of its activities, taken the initiative in this undertaking is a concrete indication that Theatre has an important role to play in furthering international understanding.” (so abgedruckt in der ITI Broschüre von 1948, siehe nebenstehende Abbildung). Die internationale Verständigung zu befördern, war folglich Ziel nicht nur der Unesco, sondern auch des ITI.

Für eine bessere Vernetzung der Theaterschaffenden in der Welt zu sorgen, ihren ideellen, aber auch ganz realen praktischen Austausch zu fördern, etwa in Form von Festivals, Konferenzen oder Workshops, sowie den besseren Fluss von Informationen über bühnenpraktisches Wissen zu ermöglichen, waren weitere Aufgaben. Das ITI “is designed to promote international exchange in the world of theatre, to facilitate the movement of theatrical troupes, scripts, ideas and all kinds of theatre information”, heißt es in Courier, Vol I, Nr. 1, 1948. Nicht immer ging die Umsetzung dieser Ziele ohne Probleme über die Bühne. Geographische und politische Asymmetrien waren nicht nur damals Hindernisse, die sich regelmäßig in den Akten des ITI finden lassen.

Ein erster Kongress, der vom 28. Juni bis 3. Juli 1948 in Prag stattfand, markierte gleichermaßen den offiziellen Beginn für das ITI. Die teilnehmenden Vertreter kamen aus Ägypten, Australien, Belgien, Brasilien, Chile, China, England, Finnland, Frankreich, Haiti, Italien, Luxemburg, Schweiz, Südafrika, Österreich, Ungarn sowie den Vereinigten Staaten. Prag war absichtlich als Tagungsort ausgewählt worden, als “the centre of poor, ruined Europe”, wie Salacrou unterstrich. Theaterschaffende aus unterschiedlichen Ländern trafen dort zusammen, “to study common problems, exchange information, form friendships and embark upon a constructive task in the interests of human culture. Is not this, in the year 1948, a great achievement?”, fragte Salacrou rhetorisch. Und auch der heutige Blick belässt diese Frage bei einer rhetorischen.  Ja, das ist es in der Tat.

ITIWenn ich mir die politische Weltlage, wie sie sich gegenwärtig geriert, so anschaue, kann ich nicht umhin, Kurtz’ Worte zu unterstreichen: “Theatre has an important role to play in furthering international understanding.” – Und diese soll es bitte auch in den kommenden 70 Jahren unbedingt ausüben.

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*) Die erwähnten Archivmaterialien entstammen den Repositorien des Unesco Archives und seiner digitalen Sammlungen. Der Courier ist in Volltext online zugänglich. Meine Archivarbeit wird derzeit gefördert durch das ERC-Projekt Developing Theatre an der LMU München ein Fellowship am Deutschen Historischen Institut Paris.

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Forschungsfutter & Flanieren à Paris

 

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“Blickwispern füllt die Passagen.” –  (Walter Benjamin, Das Passagenwerk , 1927)

Wenn der schöne Trubel des Semesters abklingt und die vorlesungsfreie Zeit beginnt, tauchen wir Forscherinnen gerne in die Archive ab oder ziehen uns in unsere Schreibstuben zurück, um der Recherche und dem Schreiben Zeit und Raum zu geben.    Mit Hilfe eines Karl Ferdinand Werner-Fellowships am Deutschen Historischen Institut Paris werde ich mich im Februar und März den hiesigen Schatzkammern des Wissens, vor allem den UNESCO  Archives, der gut sortierten Bibliothek des DHI und der Bibliothèque Nationale hingeben und freue mich auf viele gute Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen vor Ort. – Und die Kunst zu erleben, die abends wartet, Flâneuse zu sein in der ‘Hauptstadt des 19. Jahrhunderts’.    Mein Aufenthalt steht im Zusammenhang mit dem ERC-Forschungsprojekt Developing Theatre (LMU München, Department Kunstwissenschaften), das sich der Frage nach der Förderung und Beförderung darstellender Künste in Praxis, Theorie und Ausbildung in so genannten Schwellenländern nach dem Zweiten Weltkrieg widmet. Theaterspiel, und -Ausbildung wird unmittelbar nach dem Krieg eine weltweite Wichtigkeit zuteil: als Mittel zur Herstellung internationaler Verbindungen und der Verständigung von Ländern. Developing Theatre unternimmt eine grundlegende Neubewertung der Geschichtsschreibung des Theaters vor dem Hintergrund international koordinierter “Entwicklungs-” und “Modernisierungs-“initiativen und -programme”. Unter dem Stichwort der „Theaterkompetenz“ oder des „Theater-Expertentums“ geht es Fragen nach Finanzierungsorganisationen, Künstler-Ausbildung, -Förderung, -Vernetzung und -Versetzung, nach, beleuchtet die Rolle von Universitäten und Regierungen entlang der „Entwicklungs“diskurse am Beispiel der darstellenden Künste.  Mehr zu diesem groß angelegten Europäischen Forschungsprojekt ist auf der Haupt-Website des Projekts zugänglich. Das Projekt firmiert unter dem Dach des Centre for Global Theatre History. Unser Blog informiert über Neuigkeiten, Funde aus dem Archiv, Events und Konferenzen der mit dem Centre Affiliierten.

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Sommer, Theater …

Es ist Sommer. Noch ist er da und allerorten ein Thema, dabei sind die Meisten hierzulande in den wohl verdienten Ferien. In Magazinen und Zeitungen, im Flurgespräch und sozialen Netzwerken wird der Sommer zu Zeiten des Sommerlochs zum gelbleuchtenden Füller desselben. Für passionierte Theatergängerinnen wie mich ist der Sommer neben allem Schönen auch eine Zeit der Entbehrung. Es sind Theaterferien, Spielzeitpause… Gut, dass es Festivals gibt, die Ruhr-Triennale, Biennalen dort und da. Es ist eine Entbehrung. Aber es ist eine Entbehrung auf hohem Lebens-Niveau.

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Hauptbild: Innenraum des Münchner Cuvilliès-Theaters nach 1945. aus: Neumann: “Bewahren und Forschen”. 2016. Rechts: Logo des Deutschen Bühnenvereins – und ganz meine Meinung.

Im Sommer 1945 hatten die Menschen mannigfach Grund zur Sorge. Der Krieg war zu Ende, das Land lag in Trümmern. Was mich im Angesicht dieses graugrausamen Bilds des Schutts und Staubs neben allem, was an diesem schrecklichen Krieg beklagenswert ist, immer wieder rührt und bewegt, ist der Wille zum Theater: kaum dass der letzte Donner verhallt ist, aber noch dissonant nachtönt, bahnt sich dieser Wille seinen Weg. Der Wille, Theater zu machen, der Wille, Theater zu schauen. Weil es ein Menschenwille ist, weil Theater sein muss. Zu allen Zeiten.

Hunger, Armut, den Lärm der Bomben im Ohr, Krankheit, Trauer, Verzweiflung, Hoffnung – was war, was wird? In die durcheinander- und aufrüttelnde Stimmung unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges mischt sich im gesamten deutschsprachigen Raum auch der Wunsch nach Theater. Machen, Spielen, Anschauen, Diskutieren. Jede noch so kaputte Spielstätte wird rasch wiedereröffnet, neue Räume werden gesucht, alte und neue kreative Kräfte gebündelt, ja sogar Schauspielschulen nehmen den Lehrbetrieb wieder auf oder werden neu gegründet (darunter die Otto-Falckenberg-Schule, 1946). Theater setzte von jeher und setzt auch nach 1945 schöpferische, diskursive und physische Energien frei, die ex post schlicht überwältigen – im Guten wie im Schlechten.

Bereits am 8. August 1945 informiert der Münchner Bürgermeister Franz Stadelmayer den Stadtrat über die Entscheidung des Oberbürgermeisters, die Münchner Kammerspiele zum Winter wieder zu eröffnen. Das Schreiben befindet sich im Bestand des Kulturamtes des Stadtarchivs München, im Akt „Inbetriebnahme der beiden städtischen Bühnen der Kammerspiele im Schauspielhaus und des Volkstheaters. 1945/46“. Im gleichen Ordner ist auch ein Schreiben der amerikanischen Besatzungsbehörde abgelegt, in dem darüber informiert wird, dass das Schauspielhaus nicht mehr länger der amerikanischen Armee zur Verfügung stehe, sondern wieder für „Vorstellungen für die Zivilbevölkerung“ frei sei. Beide Notizen sind in Auszügen auf der Website www.100mk.de wiedergegeben, auf der sich auch Teile dieses Blog-Eintrags finden.*

Es ist Sommer. Auch dieses Jahr wieder. Und doch so ganz anders als 1945…

In Zeiten meines Luxus-Jammers fiel mir dieser Moment des Aufbruchs wieder ein. Mit Ehrfurcht vor dem Willen zum Wollen des Spiels im Sommer wirklicher Entbehrung.

*) Bei 100mk.de handelt es sich um ein von den Dramaturgen Sabrina Schmidt, Jeroen Versteele und mir kuratiertes studentisches Projekt anlässlich des 100. Geburtstages der Münchner Kammerspiele 2012.)