Conferences / Symposia · Developing Theatre · Global Arts · Theatergeschichte · Theaterwissenschaft · Theatre History

Indian Theatre Artists in the Cold War. ERC Workshop @ India International Centre

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I love traveling to India. There is always more than one reason to go there. One very good reason to book yet another flight to New Delhi is the very first workshop of our ERC research project Developing Theatre. The workshop is taking place at the beautiful India International Centre , from 29-30 September, 2017, and gathers theatre, art and media scholars and practitioners from India and Europe. Chief organiser is my colleague Gautam Chakrabarti  who outlines the agenda of the event as follows:

“Post-independence India was one of the key sites where the “cultural Cold War” was fought–more often than not– with as much gusto and ruthlessness as its ideological and military counterparts. Theatre was one of the core areas in which this cultural conflict was played out between the 1950s and 1980s, with almost all the major players, both individual and collective or institutional, in contemporary Indian theatre having gone through the ’rite de tomorrow passage’ of ideological training. Academic exploration of these political contestations and problematisations of cultural practices, especially in the Indian context, have opened up larger horizons of possible enquiry. This workshop seeks to bring practitioners, scholars and witnesses of this fascinating history into dialogue with one another.”

The workshop is internal. Please find here the Final Programme.

Performance Studies · Publication · Theater in München · Theater international · Theaterwissenschaft

Neue Publikation: Theater-Wissen quer denken

Leonhardt-Theater-Wissen-quer-denken_2017Ist Theater eine Kunst? Ein Medium? Eine Institution? Ein wenig von allem, ließe sich sagen. Es verfügt, gegenwärtig wie historisch, über einen Facettenreichtum wie kaum eine andere Kunst, Institution, wie kaum ein anderes Medium. Theater ist ein Verhandlungsspielraum: ein Ort und Raum des Spiels, der Gleichzeitiges mit Ungleichzeitigem konfrontiert, Gegenwärtiges mit Historischem, ästhetische Konvention und Subversion, sowie Konflikte – subjektive, politische, globale – in den Raum stellt.

Spätestens seit den Theatralitätsdebatten, den Studien zu Interkulturalität und Intermedialität und dem Aufkommen der Performance Studies in den 1990er und 2000er Jahren ist deutlich geworden, dass nicht nur Theater vielschichtig ist, sondern auch die Lesarten des Begriffs selbst. Diese Vielgesichtigkeit und Weite ihres Gegenstands hält die Theaterwissenschaft stets lebendig.

Die Beiträge in Theater-Wissen quer denken beleuchten Facetten szenischer Künste und gewähren einen Einblick in Arbeitsfelder, die den theaterwissenschaftlichen Diskurs in den vergangenen drei Jahrzehnten mitbestimmt haben: Theater und Medien, Theater-Ökonomie, Theater und/als Institution, Theater-Praxis und -Probe, Theater und urbane Kulturen, transnationale Theatergeschichte sowie Theater als ‚Interdisziplin‘. Der vorliegende Band ist gleichsam eine Festschrift für den Theaterwissenschaftler Christopher B. Balme. Die Autor*innen – allesamt Theaterwissenschaftler*innen und ehemalige Doktoranden und Habilitanden Balmes – sind in Forschung und Lehre sowie in theater-, kultur- und mediennahen Berufen tätig.

Mit Beiträgen von Aristita Albacan, Uta Atzpodien, Astrid Betz, Peter M. Boenisch, Chiara Buglioni, Iris Cseke, Wolf Dieter Ernst, Erika Fischer-Lichte, Julia Glesner, Alexander Jackob, Katharina Knüppel, Nic Leonhardt, Rashna Nicholson, Julia Pfahl, Kati Röttger, Constanze Schuler, Sabine Sörgel, Julia Stenzel, Berenika Szymanski-Düll, Gero Tögl, Christopher Vorwerk, Meike Wagner, Birgit Wiens und Johanna Zorn.

Nic Leonhardt (Hg.): Theater-Wissen quer denken. Facetten szenischer Künste aus drei Jahrzehnten. Berlin: Neofelis 2017. ISBN: 978-3-95808-147-5 – Preis: 28.00 €

 

Literatur, Lyrik · Mensch & Tier · Sprache

Vom Theaterwissenschaf

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Collage: Nic Leonhardt

Heute Früh passierte, was lange schon passieren musste. Ausgerechnet in einem wichtigen Schreiben, das ich mit viel Mühe zusammengekritzelt hatte, wurde aus der viel gerühmten fruchtbaren Zusammenarbeit die furchtbare. – Während man jene hochlobtpreist, anstrebt und sich wünscht, bildet diese einen quälenden Umstand und formt eine miese Erfahrung, aus der nur der dringende Wunsch nach wiederum jener retten kann. Furchtbar. So was aber auch! Dabei passe ich immer tierisch auf, so wie ich auf der Hut bin, wenn ich verlautbaren lassen möchte, dass ich auf der Reise sei, aber keineswegs, ganz gleich, welche sexuelle Orientierung ich zeitaktuell bevorzuge, auf der Resie. Auf der Resie. Ja mei, naaa! Das gehört sich doch nicht… Apropos Bayern: in der zweiten Grundschulklasse hatte ich mal im Diktat eine 1-.  Warum? Ich hatte „gschneit“ geschrieben, „geschneit“ wäre richtig gewesen. „Die Nicki aus Bayern“ schrieb mein Klassenlehrer mit Augenzwinkern an den Rand. Ich fand das nicht lustig, denn die Nicki aus Bayern war in der damaligen Schlagerwelt ein bayerisches Cow-Girl mit einer Frisur, die  … – Aber lassen wir das. Gut, dass es damals noch kein Instagram gab.

Zurück zu weniger Furchtbarem.

Meinen Studierenden gebe ich immer mit auf den Weg, sie sollen bitte vor der Abgabe ihrer Haus- oder Abschlussarbeiten noch einmal alles gründlich Korrektur lesen. Der Fehlerteufel sitzt ja im Detail; er hopst wie ein kleines Äffchen durch die Texte und gebiert mal kleine, mal große Schäden. Einen wolligen Wonneproppen gebar er vor vielen Jahren in der Abschlussarbeit einer Kommilitonin in der Theaterwissenschaft. Dieses Wort sollte eigentlich das Schlusswort ihrer Zusammenfassung bilden: Theaterwissenschaft. Was für ein Coup: die Arbeit mit dem Wort beenden, das für das Fach steht, in dem sie verfasst wurde. Theaterwissenschaft ist wichtig! Ein Appell! An die Leser! Die Gutachter! Die Nachwelt! – Wäre da nicht die Sache mit dem Eigenleben der Tastatur gewesen. Was soll ich sagen: aus dem Fach wurde ein Tier, ein zauberhaft märchenhaftes, und zwar: das Theaterwissenschaf! Ein Theaterwissenschaf – das muss man sich leibhaftiglebhaft vorstellen – und schon kann das gerade allerorten auf Muffin-Förmchen, Bikini-Körbchen und Feuchttüchern präsente Einhorn einpacken.

Hätte ich die Wahl, ein Tier nach meinem Geschmack zu formen, wäre es zweifelsohne das Theaterwissenschaf. Die Gründe liegen auf der Hand für diejenigen, die meinen Hintergrund kennen: urtümlich vom Land, Grünzeug essende Tierfreundin, Theatre-Maniac und Wissenschaftlerin. Das Theaterwissenschaf wäre das i-Tüpfelchen meines Seıns.

Von Ferdinand de Saussure kennen wir ja die Perspektive auf sprachliche Zeichen als arbiträr. Was heißt das? Nun, stark vereinfacht erläutert: einen Baum „Baum“ zu nennen, ist arbiträr, das heißt, es ist eine willkürliche Setzung, der sich alle, die sich in einer gemeinsamen Sprache bewegen, fügen. Das Lautbild Baum ist der Vorstellung eines Baumes zugeordnet. Gleiches gilt für Tische, Stühle und so weiter. Ein Stuhl ist im Deutschen ein Stuhl. Das ist eine Konvention. Was passiert aber, wenn Maschinen, die denken, sie seien intelligenter als wir selbst, neue Arbitraritäten ersinnen?

Wir verfügen mittlerweile ja alle über beste Schreibwerkzeuge, Smartphones, Computer aller Fruchtsorten mit Rechtschreibprüfung. Die Zusammenarbeit mit Korrekturprogrammen gestaltet sich indessen oft furchtbar (ja, ich meine hier furchtbar, nicht fruchtbar, hier nicht). In meinem Schreiben heute war die Korrekturfunktion keine Hilfe. Und auch das Schaf von damals wurde nicht mit roten Schlangenlinien unterlegt. Es steht also zu vermuten, dass das Programm ebenso an Theaterwissenschafe glaubt wie wir an Einhörner. Und es bläst ins selbe Horn, wenn es automatisch korrigiert. Wenn man da nicht aufpasst – schafft der Schaft der Fehlerteufel-Feder einen Stall voller Schafe im Text. Ich weiß ja nicht, welche kryptischen Nachrichten Ihr schon aus Versehen bekommen oder selbst verschickt habt. Mein Smartphone machte schon aus Derrida ein „Dreirad“; mein neueres Modell erkennt den französischen Philosophen immerhin als Mann, benennt ihn allerdings in „Derrick“ um. Man will das fast für eine Freudsche Fehlleistung halten. Ebenso wie übrigens vor wenigen Wochen mein liebevoll an meinen besten Freund gerichtetes Kosewort „Honey“ zu „Honecker“ wurde. Mein Freund wunderte sich nicht wenig über die merkwürdige Anrede. Zum Glück kennt er mich.

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Derridas Dreirad oder doch Derricks?

Vielleicht wäre die Welt aber auch bunter, wenn wir die Geräte einfach ließen, und sie furchtbar fruchtbar ihr sprachliches Unvermögen weiter zu Gold dichteten. Da würde dann Derrida auf dem Dreirad zu Derrick fahren, oder den Honecker besuchen, alles friedlich, alles bunt. Oder auch grün, wenn die Resie mal wieder auf ihre Weise über die Wiese auf die Reise ginge…

… derweil graste auf der Wiesenbühne genüsslich das arbiträr gebaute, aber gebildete Theaterwissenschaf …

 

Theater in München · Theatergeschichte · Theaterzauber · Zeitgeschichte

Sommer, Theater …

Es ist Sommer. Noch ist er da und allerorten ein Thema, dabei sind die Meisten hierzulande in den wohl verdienten Ferien. In Magazinen und Zeitungen, im Flurgespräch und sozialen Netzwerken wird der Sommer zu Zeiten des Sommerlochs zum gelbleuchtenden Füller desselben. Für passionierte Theatergängerinnen wie mich ist der Sommer neben allem Schönen auch eine Zeit der Entbehrung. Es sind Theaterferien, Spielzeitpause… Gut, dass es Festivals gibt, die Ruhr-Triennale, Biennalen dort und da. Es ist eine Entbehrung. Aber es ist eine Entbehrung auf hohem Lebens-Niveau.

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Hauptbild: Innenraum des Münchner Cuvilliès-Theaters nach 1945. aus: Neumann: “Bewahren und Forschen”. 2016. Rechts: Logo des Deutschen Bühnenvereins – und ganz meine Meinung.

Im Sommer 1945 hatten die Menschen mannigfach Grund zur Sorge. Der Krieg war zu Ende, das Land lag in Trümmern. Was mich im Angesicht dieses graugrausamen Bilds des Schutts und Staubs neben allem, was an diesem schrecklichen Krieg beklagenswert ist, immer wieder rührt und bewegt, ist der Wille zum Theater: kaum dass der letzte Donner verhallt ist, aber noch dissonant nachtönt, bahnt sich dieser Wille seinen Weg. Der Wille, Theater zu machen, der Wille, Theater zu schauen. Weil es ein Menschenwille ist, weil Theater sein muss. Zu allen Zeiten.

Hunger, Armut, den Lärm der Bomben im Ohr, Krankheit, Trauer, Verzweiflung, Hoffnung – was war, was wird? In die durcheinander- und aufrüttelnde Stimmung unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges mischt sich im gesamten deutschsprachigen Raum auch der Wunsch nach Theater. Machen, Spielen, Anschauen, Diskutieren. Jede noch so kaputte Spielstätte wird rasch wiedereröffnet, neue Räume werden gesucht, alte und neue kreative Kräfte gebündelt, ja sogar Schauspielschulen nehmen den Lehrbetrieb wieder auf oder werden neu gegründet (darunter die Otto-Falckenberg-Schule, 1946). Theater setzte von jeher und setzt auch nach 1945 schöpferische, diskursive und physische Energien frei, die ex post schlicht überwältigen – im Guten wie im Schlechten.

Bereits am 8. August 1945 informiert der Münchner Bürgermeister Franz Stadelmayer den Stadtrat über die Entscheidung des Oberbürgermeisters, die Münchner Kammerspiele zum Winter wieder zu eröffnen. Das Schreiben befindet sich im Bestand des Kulturamtes des Stadtarchivs München, im Akt „Inbetriebnahme der beiden städtischen Bühnen der Kammerspiele im Schauspielhaus und des Volkstheaters. 1945/46“. Im gleichen Ordner ist auch ein Schreiben der amerikanischen Besatzungsbehörde abgelegt, in dem darüber informiert wird, dass das Schauspielhaus nicht mehr länger der amerikanischen Armee zur Verfügung stehe, sondern wieder für „Vorstellungen für die Zivilbevölkerung“ frei sei. Beide Notizen sind in Auszügen auf der Website www.100mk.de wiedergegeben, auf der sich auch Teile dieses Blog-Eintrags finden.*

Es ist Sommer. Auch dieses Jahr wieder. Und doch so ganz anders als 1945…

In Zeiten meines Luxus-Jammers fiel mir dieser Moment des Aufbruchs wieder ein. Mit Ehrfurcht vor dem Willen zum Wollen des Spiels im Sommer wirklicher Entbehrung.

*) Bei 100mk.de handelt es sich um ein von den Dramaturgen Sabrina Schmidt, Jeroen Versteele und mir kuratiertes studentisches Projekt anlässlich des 100. Geburtstages der Münchner Kammerspiele 2012.)

Buchbesprechung · Media History · Wissenschaftsalltag · Work-Life Balance

24 Hours a Day

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“Your purse is magically filled with twenty-four hours of the unmanufactured tissue of the universe of your life!” (A. Bennett, 1910. Photo: Nic Leonhardt)

When reading Cal Newport’s book Deep Work, I came across a handful of references he worked with, which sounded quite intriguing to me. I jotted down the most interesting titles and loaned them from the library. (yes, please call me old-fashioned ;-))
One of these references is Arnold Bennett‘s book How to live on 24 Hours a Day. A book targeting primarily the so called “white-collar workers“, and providing recommendations of how to make the most of a working day.

What is remarkable here is that Bennett’s little ‘guidebook‘ came out in 1910 (i.e. one hundred seven years ago!), – yet that it deals with the same themes like contemporary guidebooks and seminars: You would think that “work-life balance” is a case in point of the 21st century only, but Bennett’s book proves: It is not! Studying How to Live on 24 Hours a Day, I was surprised how similar the problems he addresses, and the advices he offers are to the ones we try to cope with nowadays on a daily basis.

I can only recommend to read the whole book, but for the hasty ones among you: here are some of Bennett’s recommendations in a nutshell. Enjoy!

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You wake up in the morning, and 24 hours are all yours (well, most of them)

„The supply of time is truly a daily miracle, an affair genuinely astonishing when one examines it. You wake up in the morning, and lo! Your purse is magically filled with twenty-four hours of the unmanufactured tissue of the universe of your life! It is yours. It is the most precious of possessions. A highly singular commodity, showered upon you in a manner as singular as the commodity itself! For remark! No one can take it from you. It is unstealable. And no one receives either more or less than you receive.“ (p. 16f)

Enjoy the moment, the Here & Now!

“[Y]ou cannot draw on the future. Impossible to get into debt! You can only waste the passing moment. You cannot waste to-morrow; it is kept for you. You cannot waste the next hour; it is kept for you. You cannot waste the next hour; it is kept for you.” (p. 17)

You have all the time there is

[Y]ou are constantly haunted by suppressed dissatisfaction with your own arrangement of your daily life; […] the primal cause of that inconvenient dissatisfaction is the feeling that you are every day leaving undone something which you would like to do, and which, indeed, you are always hoping to do when you have “more time”; [yet the] glaring, dazzling truth [is] that you never will have “more time,” since you already have all the time there is” (p. 25)

Be patient. Allow for human nature, especially your own 🙂

“Beware of undertaking too much at the start. Be content with quite a little. Allow for accidents, Allow for human nature, especially your own.” (p. 28)

Controlling your Mind (an Exercise)

“When you leave your house, concentrate your mind on a subject (no matter what, to begin with). You will not have gone ten yards before your mind has skipped away under your very eyes and is larking round the corner with another subject. Bring it back by the scruff of the neck. Ere you have reached the station you will have brought it back about forty times. Do not despair. Continue. […] By the regular practice of concentration (as to which there is no secret – save the secret of perseverance) you can tyrannise over your mind (which is not the highest part of you) every hour of the day, and in no matter what place.” (p. 47f)

(Arnold Bennett: How to Live on 24 Hours a Day. New York: George H. Doran Company 1910)

Buchbesprechung · Social Media · Wissenschaftsalltag · Work-Life Balance

Deep Work

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Interieur mit einer Frau am Klavier. (sie könnte auch schreiben). Vilhelm Hammershøi, 1901.

 

Es war an einem Sonntag neulich. Lockere Ruhe draußen, leichte Unruhe drinnen. Ich blickte auf die Woche zurück, bilanzierte, ob ich für mich erreicht hatte, was ich mir montags zuvor vorgenommen, welche Ereignisse und Begegnungen gut, welche nicht so gut gelaufen waren. Ob ich jeden Tag ein bisschen glücklich war, Zeit für kreative Arbeit, die Natur und meine Freunde gehabt hatte. Die Bilanz fiel nicht so rosig aus. An diesem Morgen war ich mir selbst die größte Sonntagspredigerkritikerin guter alter Schule objektiver Nabelschau. Da war zu viel Zeit auf der Strecke geblieben die Woche. Zeit für Käse und Nebensächliches, von dem man auch denken könnte, es sei profund und zielführend. Zeit aber, die bei näherer und ehrlicher Analyse vergeudet worden war. Käse, der mich zu oft weggezogen hatte von einem Zustand des Suhlens in Zeit, der mich die Zeit vergessen lässt.

Was das für ein Zustand ist? Es ist ein Zustand des Flows, des völlig-Versunkenseins, des nicht-Wahrnehmens des Außen, weil die gegenwärtige Beschäftigung sprichwörtlich „in den Bann zieht“, im Hier und Jetzt das Hier und Jetzt feiert. Ein Zustand, der sich durch geübte Meditation herbeiführen lässt – oder durch das Tun von Dingen, die man gerne tut. Irre gerne. Mit Leidenschaft.

In einem Lied von Jochen Distelmeyer/Blumfeld, Sonntag, singt das lyrische Ich, es sei zu Hause geblieben, weil es einen Text schreiben wollte (“Ich wollt’n Text schreiben und bin zu Haus geblieben”). Das verstehe ich so gut! Einen Text zu schreiben, der einem etwas bedeutet, kann dazu führen, dass man während des Schreibens das Außen vergisst. Man vergisst zu antworten, zu essen, zu trinken, die Spülmaschine auszuräumen, man hört das Telefon, aber geht nicht ran, weil es so weit weg ist, so weit weg. Wenn ich einen solchen Text schreibe, dann bin ich ‚im Text‘, wie ich es nenne, bin sein Webstuhl und Gewebe. Herrlich ist das. – Das Texten hier als Beispiel für einen Zustand des Flows. Ich könnte auch das Malen anführen, die Arbeit mit Bildern, das Musikhören und -machen, im Schnee sein oder im Wasser, oder wo und worin auch immer. Ihr versteht, was ich meine, wenn Ihr Zustände des Flows kennt. Sie sind ziemlich fett. Und doch sind sie im Alltag ziemlich mager.

In jener meiner Wochenbilanz fehlten diese Momente der vollen Wucht an Konzentration. Sie sind ja ohnehin sehr selten. Sie werden seltener zudem durch die ständigen Ablenkungen, die sich in unseren Alltag geschlichen haben. Zeitdiebe, Energiefresserchen, die alle etwas von unserem Zeit-, Energie- und Aufmerksamkeitskuchen abhaben wollen. Und was mache ich? Ich füttere sie, und raube mir damit selbst mein Glücksfutter: Flows, Konzentration, Fokus – oder, wie es der amerikanische Wissenschaftler und Autor Cal Newport benennt: „Deep Work“.

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Fokus, Fokus, Fokus! Der Artist Charles Blondin überquert 1859 die Nigara-Fälle auf einem Hochseil. (Zeitgenöss. Stereofotografie)

Noch am selben Tag machte ich als Hauptparasiten die sozialen Netzwerke aus: meine Mitgliedschaft bei XING hatte mir zwar interessante Aufträge für meine freie Arbeit beschert; allerdings hatten sich in der letzten Zeit unangemessen eindeutige Anfragen von männlichen Nutzern gehäuft, die diese „Business-Plattform“ als online-Dating- oder Tinder-Alternative missverstanden. „Mir gefällt dein Profil, hier ist meine Nummer. Würd’ mich freuen.“ Und selbst das Ignorieren dieser, ähm, Angebote, erforderte Aufwand, den ich im Grunde nicht bereit bin zu leisten. Es mag Frauen geben, denen das gefällt, mir gefällt das nicht. Und so gaben diese gehäuften ungefragten Anfragen eine gute Gelegenheit, mich von diesem Portal wieder abzumelden.( Den Missbrauch ihrer eigentlichen Geschäftsidee meldete ich den Leitern von XING, aber sie hatten keine Lust, darauf zu reagieren; jedenfalls bis heute nicht. Vielleicht kommt da ja noch was…) Na, und dann stellte ich fest, dass ich Facebook zwar mochte und gerne nutzte – an dem Leitspruch des Unternehmens, stets in Verbindung mit seinen Freunden in der Welt zu sein, ist ja etwas dran –, ich aber eigentlich gar nicht alle mir dort zugänglichen Informationen gebrauchen konnte. Eine Binsenweisheit, sagt Ihr. Ich weiß. So nutzlos die Infos: mein armes Gehirn reagiert aber trotzdem auf neue Infos und Posts – und muss sie dann verarbeiten. Permanent. Und selbst, wenn ich nur scrolle, schaue, was denn jene Freunde in der Welt so machen. Meine Aufmerksamkeit wird gelenkt, und das Problem ist: ich bin nicht diejenige, die die Zügel hält. Ich bin nicht Herrin über die Lenkung. Und die geliebten Zustände des Flows? Erreiche ich am wenigsten mit Facebook. Here you go.

In meiner kleinen Sonntagsanalyse machte ich neben XING also Facebook als weiteren kleinen Störenfried aus – und deaktivierte mein Profil. Und so ging das dann weiter: die e-mail-Bilanz: welche sind wirklich wichtig, welche nicht so, und welche überhaupt nicht? Messenger, WhatsApp: brauche ich das wirklich? Oder wäre nicht ein Telefonat ohnehin netter? Oder gar die Freunde, mit denen ich hin und her schreibe, live zu sehen? Die 2 Stunden Zugfahrt auf mich zu nehmen, um sie mal wieder in den Arm zu nehmen, wären doch ein Klacks, oder? Eben.

Deep Work _Cover dtDeep Work_Cover engIn einer dann folgenden Woche „Reparaturlaub“ in Kerala, Indien, las ich den Bestseller von Cal Newport, Konzentriert Arbeiten. Regeln für eine Welt voller Ablenkungen, der 2017 von Jordan T. A. Wegberg ins Deutsche übersetzt, 2016 unter dem Titel Deep Work in den USA erschienen war. Ich hatte mich ja in meiner kleinen sonntäglichen Bestandsaufnahme – „Ich wollt’n Text schreiben – und bin zu Haus geblieben“ – schon selbst ganz gut gebrieft. Von Newport erwartete ich dann weitere Tipps. Und die bekam ich auch. Deep Work/ Konzentriert arbeiten – ist ein Buch, ein Symptom unserer Zeit. Es konzentriert sich hauptsächlich auf „Wissensarbeiter“, Menschen also, die Berufen nachgehen, die häufig auch ein hohes Maß an Konzentration erfordern, an Ruhezonen zum durchdachten Durchdenken von Aufgaben, neuen Konzepten, Entwickeln von Ideen und der entsprechenden Vermittlung.

Das Problem, das Newport ausfindig macht: eine fragmentierte Aufmerksamkeit. Statt „deep work“, also konzentrierter Arbeit, die eine längere Phase un(!)unterbrochener Aufmerksamkeit verlangt, quillt „shallow work“, also oberflächliche, anspruchslose Tätigkeit, in den Vordergrund. Sich auf eine McKinsey-Studie beziehend, formuliert Newport zu Beginn seines Buches, „dass der durchschnittliche Wissensarbeiter über 60 Prozent der Arbeitswoche mit elektronischer Kommunikation und Internetsuche verbringt, wobei knapp 30 Prozent der Arbeitszeit allein auf das Lesen und Beantworten von E-mails entfallen.“ Ach du Schreck! Wenn man dann noch in Betracht zieht, dass in vielen Arbeitsbereichen regelmäßig Meeting-Marathons abgehalten werden, lässt sich ohne viel Konzentration ausrechnen, wie viel Zeit noch für Konzentration bleibt. Da stimmt doch ‘was nicht. Finde ich. Und findet auch Newport. Sein Befund: in einer Kultur wie der gegenwärtigen (lassen wir mal den Kollektivsingular hier stehen, wissend, dass hier in Sachen Kultur eigentlich noch eine Differenzierung her müsste) hat Deep Work einen „schweren Stand“. Einen schweren Stand „gegenüber dem unablässigen Geklingel von Tweets, Likes, getaggten Fotos, Walls, Posts und all den anderen Aktivitäten, die uns heute als notwendig verkauft werden, lediglich weil sie existieren.“

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Gargantuas Fütterung. Unersättlich… (Gustave Doré, um 1868)

Ich will ja, aber sie lassen mich nicht.

Ist das wirklich so? Es ließe sich auch formulieren, dass ich mich lasse, weil ich will. Dann lenken nicht die anderen oder die Ablenkungstools meine Aufmerksamkeit, sondern ich (mich) selbst. Das führt zu den Vorschlägen, die Newport, zuweilen etwas redundant und abgeleitet von meist dem amerikanischen Kontext entstammenden Beispielen, unterbreitet. Diese Vorschläge beschreibt er mal als Philosophien, mal als Regeln, mal als Disziplinen.

Hier eine Auswahl von 10:

  • Rituale schaffen
  • Große Gesten schaffen – zur Erfüllung der eigenen Ziele großzügig mit sich sein
  • Konzentrieren auf das Allerwichtigste
  • (eigene) Zielsetzungen prioritär setzen
  • Einen Rhythmus der Verantwortlichkeit schaffen
  • Faul sein ( das heißt, kleinen Verantwortlichkeiten, die sich in der Summe zu einem Aufmerksamkeitsdieb von einem Gargantua-mäßigen Ausmaß aufblasen, tschüss zu sagen)
  • Auszeiten einplanen
  • Langeweile zulassen
  • Soziale Netzwerke verlassen
  • Die Pause von der Konzentration der Pause von der Ablenkung vorziehen

Das Buch ist keine Vor-Schrift. Eine solche würde die individuelle Freiheit konzentrierten Arbeitens beschneiden. Newport hat zwar seinen eigenen Standpunkt, lässt aber auch kritische Stimmen zu, und liefert somit eine fundiert recherchierte Übersicht und Anleitung für Menschen, die sich nach dem Flow sehnen, den sie von der Arbeit oder einer anderen Leidenschaft kennen – aber lange schon nicht mehr erfahren haben. An einigen Stellen ärgerte ich mich über den Effizienz-Gedanken im ökonomischen Sinne, den Newport partiell vertritt. Aber ich sehe das so: der Weg ist das Ziel. Mich tangiert hier die Effizienz nicht, mich interessiert an Deep Work die Tiefe. Der Flow.

Die nächste Sonntagsbilanz fiel schon anders aus. Die Woche in Indien, mit Newports Buch als abendlicher Lese-Krücke und kleinen Brücke in den Wiedererwerb der tiefenbohrenden Schönheit des Denkens, Schreibens, Malens, Was-auch-immers hatte alte Synapsen wieder neu verschaltet. ‚Deep Work‘ stellt sich nicht von alleine ein. Geduld ist gefragt. In erster Linie Geduld mit sich selbst. Es hilft zu wissen, dass die Phasen höchster Konzentration über 4 Stunden pro Tag nicht hinausgehen, wenn man sich auf Newports Analysen verlässt. Da kann man sich auch über eine Stunde Fokus schon freuen. Klasse, nicht Masse. (Herrje, die alten Weisheiten. Aber irgendwas muss ja dran sein an den Sprüchen.)

In Blumfelds Sonntag-Lied ist die Königin der Ablenkung vom Schreiben übrigens die Natur. Fair enough, das lässt sich das lyrische Ich gefallen. Plötzlich nicht mehr zu Hause, sondern draußen singt es: „Der Tag scheint rüber zu mir wie ich so durch die Schöpfung spazier’. Alles will blühen, ohne was davon zu haben.“

Zweckfrei Schönes. Gibt es mehr? Gibt es Besseres? Flora. Fauna. Flow!

Und den Text, den Text hat das Ich ja trotzdem geschrieben. Oder gerade deswegen.

Da fang’ ich doch gleich mal an!

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Stanhope Forbes, Ladies at Work at the Newlyn Art School (1910.)

 

Fotografie · Media History · Photography · Popular Culture · Publication · Theatre History

“Entrer dans l’image par le regard” – New Article Out

Etudes Theatrales L'Oeil et le TheatreEdited by Florence Baillet, this special issue of Études Théâtrales focuses on “L’œil et le théâtre. La question du regard au tournant des XIXe et XXe siècles sur les scènes européennes”. The volume was preceded by an international symposium on the same theme, organized by Florence Baillet (Sorbonne nouvelle, CEREG),  Arnaud Rykner (Sorbonne nouvelle, IRET), and Mireille Losco (ENSATT) at Université Sorbonne Nouvelle Paris 3, in April 2015.

My chapter “Entrer dans l’image par le regard: stéréscopie et théâtre” deals with the history of 3D images in theatre and popular culture in the 19th and 20th century.

(Nic Leonhardt: “Entrer dans l’image par le regard: stéréoscopie et théâtre”, in: L’oeil et le théâtre. Études Théâtrales, 65/ 2016, p. 41-51.)