Publication

3D – Geschichte “tiefgreifender” Bilder

9783894729622

Die (erneute) Renaissance des 3D-Kinos lässt Fragen nach der Geschichte dreidimensionaler Bilder stellen. Das Themenheft “3D” der Zeitschrift Augenblick aus dem Schüren-Verlag versammelt Beiträge von Medien-, Film-, Kunst- und Kulturwissenschaftlern, die sich aus verschiedenen Blickwinkeln der Geschichte und Rezeption der Stereoskopie und Stereofotografie nähern. Mein Aufsatz über “3D als idée fixe” ist ebenfalls vertreten.

Experiential Research · Nuggets

Veo veo

Hügel über Shilparamam, Hyderabad (Indien). Foto: Nic Leonhardt
Hügel über Shilparamam, Hyderabad (Indien). Foto: Nic Leonhardt

Da steht er nun und blickt in die Ferne auf Bäume, Räume und Gebäude, die er nicht mehr bewachen, nicht mehr befeuern kann. Dumm gelaufen: Gewehr stibitzt. – Von hinten sieht nun seine rechte, in die Luft gehobene Hand wie ein Gruß aus, oder eine Drohgebärde. Von vorne gesehen, sieht man die Finger vergeblich etwas krallen, was nicht mehr da ist. Von hinten Bedrohung, von vorne ein Jammerlappen. Entmachtet. Ein Feldherrenhügel ohne Feldherr.
Den Feldstecher in ihren Händen, wacht Sie als wahre Herrscherin über den panoramatischen Blick. Von hinten wie von vorn. Ihre Sandalen sind Kothurn. Sie spielt die Größe. Die sie hat. Sie spielt  – sie aus. Ich sehe was, was du nicht siehst: Sieht so viel mehr als Er. – “Veo veo”.

Zur Feier des Tages steht die bunte Dose mit den Seifenblasen schon bereit.

Sie werden über seinen Soldatenschädel in die Ferne schweben.

Experiential Research · Photography · Theaterzauber

Punctum

augenauf
Augen: meine. Foto: ich.

Die Mediathek lief. Eine Krimiserie zur Morgengymnastik. Da wirkte ein Schauspieler mit, den ich irgendwoher zu kennen glaubte. Diese Augen. Aber es war nicht wie gewöhnlich, also dass man einen Schauspieler einfach so zu (er)kennen glaubt, sondern ich wusste, dass ich mit diesem Gesicht, mit diesem Blick, genau mit diesem dunklen, schönen Augenpaar und den sehr eigenen Nasolabialfalten über eine erinnert längere Zeit einen sehr intensiven, intimen, ja anziehendverstörenden Austausch hatte…Wann war das? Belladonna. Wo? Nur das Bild hatte sich mir eingefräst. Barthes’ Punctum! Das Studium?

Ich recherchierte und fand. Schockiert war ich zu lesen, dass diese Augen mittlerweile für immer geschlossen sind. Dabei war es doch erst neulich? Guntram Brattia. Er spielte/ wir trafen uns am Münchner Residenztheater in Eurydice:: Noir Désir, dieser eigenwilligen Arbeit von Bernhard Mikeska, deren intimer Konfrontation von Schauspieler und Zuschauer ich diese Begegnung verdanke. Guntram Brattia sitzt da in einem Drecksloch und raucht. Er ist ziemlich unfreundlich in dem/ als das, was er da spielt: (im Video ab Minute 1:10) Da sitzt er und wandelt und raucht und schaut und blickt und starrt. Mich an. Euch an.

Nie mehr. Nur noch im Fernsehen.

Jetzt sitzt da das Foto im Kopf. Ein eingefrästes Bild von einem Bild. Raucht und schaut und trägt Vergänglichkeit in sich. Sitzt und wandelt und blickt  mich immer noch an wie morgen Du.

So intensiv kann nur Theater wirken. (Oder das Leben)