Buchbesprechung · Wissenschaftsalltag · Work-Life Balance

Denken. Zwickelfrei. – Über C. Ankowitschs Buch “Warum Einstein niemals Socken trug”

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So richtig sicher weiß ich gar nicht, warum mir dieses Buch von Christian Ankowitsch in die Hände fiel und ich es mitnahm. Warum Einstein niemals Socken trug. – Solcherlei Titel gibt es ja viele: Warum Männer nicht einparken können und Frauen irgendwas… – oder so ähnlich. Diesen „Warum…“-Titeln für Sachthemen, die aber dann so vereinfacht und stereotyp dargestellt werden, dass ihre Erläuterungen auch nicht mehr taugen, begegne ich immer mit Skepsis. Aber: „Einstein“, „niemals Socken“ – diese Titelworte fand ich sympathisch. Ich bin zwar nicht annähernd Einstein, aber ich trage auch nicht gerne und nur selten Socken; nur, wenn es nicht anders geht. Ich trage übrigens auch keine Kragen, Sakkos, Anzughosen, enge Halstücher. Sie schnüren mich ein und behindern mich so am Sein. Ich war also neugierig, warum Einstein niemals Socken trug und mochte diese textile Verschwisterung jenseits unseres IQ. Und dann gefiel mir aber auch der Untertitel des Buches, Wie scheinbar Nebensächliches unser Denken beeinflusst, denn in einer Gesellschaft wie der unsrigen übertünchen oft Leistungslisten, Leistungsschau und ostentative heiße Luft die leisen Töne und Marginalitäten. Zu Unrecht, wie ich finde.

Das Buch kam also mit, begleitete mich zur Abendlektüre auf meine jüngste Konferenzreise und kitzelte meine Neugierde, Kollegen zu befragen, ob und welche Nebensächlichkeiten eigentlich  IHR Denken beeinflussen. Nicht alle hatten ein Bewusstsein dafür, aber manche teilten, teils scheu, teils aufgeregt, ihre kleinen Geheimnisse: Im Stehen schreiben, der eine spezielle Tee beim Konzipieren einer Idee, mit Musik denken, analysieren beim Backen, ein solider Stuhl zum Korrigieren, Tür auf, Tür zu, je nach Aufgabe. Und so weiter. Schmecken, bewegen, eine Körperhaltung – und dann das Denken…

 

978-3-87134-793-1Körper und Geist als getrennte Entitäten zu betrachten, hat bekanntlich der französische Philosoph René Descartes in den (späteren Aufklärungs-)Diskurs eingebracht („cogito ergo sum“). Diese Trennung hat sich über die Zeiten hartnäckig gehalten und wurde mit einigen Bewertungen versehen, zumeist zuungunsten von Körper und Emotion als dem Denken hinderliche, „duselige“ Stolpersteine. Jüngste Achtsamkeitstrainings und körpertherapeutische Herangehensweisen in Bereichen wie der Psychologie, der Pädagogik oder dem Coaching u.a. reden wieder mehr der engen Zusammenarbeit, ja eigentlichen Untrennbarkeit, von Körper und Geist das Wort. In seinem Buch zieht Christian Ankowitsch zahlreiche Beispiele heran, die wir als Leserinnen und Leser zu einem Großteil kennen, weil wir sie selbst (unbewusst) erleben: Vorahnungen, körperliche Blockaden als Signale, ein “je ne sais quoi”, das unser Denken und Handeln beeinflusst. Wichtige Marker. Anhand solcher Beispiele arbeitet der Autor im Zugriff auf Lesarten der Neuro- und Kognitionswissenschaften, Philosophie und Psychologie heraus, wie ungemein spielerisch und kreativ Körper und Geist Team-Arbeit betreiben. Ständig. Wie erklären wir uns die Welt? Wie erinnern wir uns? Werden kognitive Fähigkeiten vom Körper mitgeformt? etwa durch die Art, wie wir uns bewegen? durch die Körperhaltung, den Raum, in dem wir tätig sind? Ankowitsch geht diesen Fragen in fünf Teilen nach:

  • Grundsätzliches über Kopf und Körper: hier werden Antworten auf Fragen gesucht, warum wir „mit dem linken Knie denken“, warum wir alles gleichzeitig machen und das sehr in Ordnung ist, was Philosophen über Geist und Körper dachten, warum Karussell fahren sinnvoll sein kann.
  • Fühlen: welche Wirkkraft haben Gefühle im Denken, und warum ist warme Suppe Wohltat?
  • Wahrnehmen, Lernen und Verstehen: wie erlangen wir Orientierung in einer Welt ohne Orientierung? Wie können wir unsere Aufmerksamkeit lenken? Warum ist Erinnern ohne Körper nicht ‚denkbar‘, und warum sind Kinder aufmerksamer, wenn sie aus dem Fenster gucken?
  • Neue Ideen entwickeln, urteilen und handeln: empfiehlt das Schließen der Augen zur Förderung der Kreativität, erörtert den Zusammenhang von sauberen Händen und moralischen Urteilen, Holzstühlen und Entscheidungskraft, die Genialität des Verbunds von Sprach- und Weltbildern.
  • Deshalb trug Einstein niemals Socken: geht schließlich Einsteins Füßen nach und befragt das Zusammenspiel von Kleidung, Körper, Kopf –, das allerdings bis dahin in der Lektüre längst evident geworden ist.

Ankowitsch beschließt seine kenntnisreichen und ungleich amüsanteren Ausführungen noch mit „12+1 Hinweisen“, die er zum Beflügeln des Denkens im Alltag empfiehlt. Unser Gehirn ist neuroplastisch, da ist nichts in Stein gemeißelt, Veränderungen, neue Verschaltungen sind, Gesundheit vorausgesetzt, lebenslang möglich. Das ist schon alles ziemlich clever eingerichtet. Wir können die Kognition tunen, wir können zum Beispiel lächeln, auch wenn uns nicht danach ist, weil es die Stimmung hebt; das Licht dimmen, wenn eine gute Idee verlangt wird; uns aufrecht hinstellen, wenn ein Vortrag ansteht; einem Gegenüber die Hand auf den Rücken auflegen, um sie/ ihn zu beruhigen; Sport treiben, um auch geistig fit zu bleiben, etc. Es sind dies kleine Tricks, die gar nicht so unbekannt sind, aber es ist gut, sie sich noch einmal vor Augen zu führen. Apropos „vor Augen führen“ – auch so ein Dreh, der in Ankowitschs Buch offenkund wird: Wir stellen uns einen Gedanken oder Sachverhalt wie ein Objekt vor unser Gesichtsfeld, damit wir es besser anschauen und damit besser begreifen können. Körper und Geist im Team. Heitererhellende Holistik.

Was Einstein angeht, hatte seine Ablehnung der Socke übrigens einen erstaunlich banalen Grund. Aber es ging hier ja auch um die Nebensächlichkeit zur Beförderung des großen Denkens – das durch die Power der Nebensache auch schon wieder weniger groß ist, wenn ich es mir recht überlege.

Trug Descartes eigentlich gerne Socken? Mir sind keine Äußerungen seinerseits dazu bekannt. – Vielleicht haben sie ihn auch nie gezwickt. Es ist anzunehmen.

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Christian Ankowitsch: Warum Einstein niemals Socken trug. Wie scheinbar Nebensächliches unser Denken beeinflusst. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 2017 [2016].

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Deep Work

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Interieur mit einer Frau am Klavier. (sie könnte auch schreiben). Vilhelm Hammershøi, 1901.

 

Es war an einem Sonntag neulich. Lockere Ruhe draußen, leichte Unruhe drinnen. Ich blickte auf die Woche zurück, bilanzierte, ob ich für mich erreicht hatte, was ich mir montags zuvor vorgenommen, welche Ereignisse und Begegnungen gut, welche nicht so gut gelaufen waren. Ob ich jeden Tag ein bisschen glücklich war, Zeit für kreative Arbeit, die Natur und meine Freunde gehabt hatte. Die Bilanz fiel nicht so rosig aus. An diesem Morgen war ich mir selbst die größte Sonntagspredigerkritikerin guter alter Schule objektiver Nabelschau. Da war zu viel Zeit auf der Strecke geblieben die Woche. Zeit für Käse und Nebensächliches, von dem man auch denken könnte, es sei profund und zielführend. Zeit aber, die bei näherer und ehrlicher Analyse vergeudet worden war. Käse, der mich zu oft weggezogen hatte von einem Zustand des Suhlens in Zeit, der mich die Zeit vergessen lässt.

Was das für ein Zustand ist? Es ist ein Zustand des Flows, des völlig-Versunkenseins, des nicht-Wahrnehmens des Außen, weil die gegenwärtige Beschäftigung sprichwörtlich „in den Bann zieht“, im Hier und Jetzt das Hier und Jetzt feiert. Ein Zustand, der sich durch geübte Meditation herbeiführen lässt – oder durch das Tun von Dingen, die man gerne tut. Irre gerne. Mit Leidenschaft.

In einem Lied von Jochen Distelmeyer/Blumfeld, Sonntag, singt das lyrische Ich, es sei zu Hause geblieben, weil es einen Text schreiben wollte (“Ich wollt’n Text schreiben und bin zu Haus geblieben”). Das verstehe ich so gut! Einen Text zu schreiben, der einem etwas bedeutet, kann dazu führen, dass man während des Schreibens das Außen vergisst. Man vergisst zu antworten, zu essen, zu trinken, die Spülmaschine auszuräumen, man hört das Telefon, aber geht nicht ran, weil es so weit weg ist, so weit weg. Wenn ich einen solchen Text schreibe, dann bin ich ‚im Text‘, wie ich es nenne, bin sein Webstuhl und Gewebe. Herrlich ist das. – Das Texten hier als Beispiel für einen Zustand des Flows. Ich könnte auch das Malen anführen, die Arbeit mit Bildern, das Musikhören und -machen, im Schnee sein oder im Wasser, oder wo und worin auch immer. Ihr versteht, was ich meine, wenn Ihr Zustände des Flows kennt. Sie sind ziemlich fett. Und doch sind sie im Alltag ziemlich mager.

In jener meiner Wochenbilanz fehlten diese Momente der vollen Wucht an Konzentration. Sie sind ja ohnehin sehr selten. Sie werden seltener zudem durch die ständigen Ablenkungen, die sich in unseren Alltag geschlichen haben. Zeitdiebe, Energiefresserchen, die alle etwas von unserem Zeit-, Energie- und Aufmerksamkeitskuchen abhaben wollen. Und was mache ich? Ich füttere sie, und raube mir damit selbst mein Glücksfutter: Flows, Konzentration, Fokus – oder, wie es der amerikanische Wissenschaftler und Autor Cal Newport benennt: „Deep Work“.

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Fokus, Fokus, Fokus! Der Artist Charles Blondin überquert 1859 die Nigara-Fälle auf einem Hochseil. (Zeitgenöss. Stereofotografie)

Noch am selben Tag machte ich als Hauptparasiten die sozialen Netzwerke aus: meine Mitgliedschaft bei XING hatte mir zwar interessante Aufträge für meine freie Arbeit beschert; allerdings hatten sich in der letzten Zeit unangemessen eindeutige Anfragen von männlichen Nutzern gehäuft, die diese „Business-Plattform“ als online-Dating- oder Tinder-Alternative missverstanden. „Mir gefällt dein Profil, hier ist meine Nummer. Würd’ mich freuen.“ Und selbst das Ignorieren dieser, ähm, Angebote, erforderte Aufwand, den ich im Grunde nicht bereit bin zu leisten. Es mag Frauen geben, denen das gefällt, mir gefällt das nicht. Und so gaben diese gehäuften ungefragten Anfragen eine gute Gelegenheit, mich von diesem Portal wieder abzumelden.( Den Missbrauch ihrer eigentlichen Geschäftsidee meldete ich den Leitern von XING, aber sie hatten keine Lust, darauf zu reagieren; jedenfalls bis heute nicht. Vielleicht kommt da ja noch was…) Na, und dann stellte ich fest, dass ich Facebook zwar mochte und gerne nutzte – an dem Leitspruch des Unternehmens, stets in Verbindung mit seinen Freunden in der Welt zu sein, ist ja etwas dran –, ich aber eigentlich gar nicht alle mir dort zugänglichen Informationen gebrauchen konnte. Eine Binsenweisheit, sagt Ihr. Ich weiß. So nutzlos die Infos: mein armes Gehirn reagiert aber trotzdem auf neue Infos und Posts – und muss sie dann verarbeiten. Permanent. Und selbst, wenn ich nur scrolle, schaue, was denn jene Freunde in der Welt so machen. Meine Aufmerksamkeit wird gelenkt, und das Problem ist: ich bin nicht diejenige, die die Zügel hält. Ich bin nicht Herrin über die Lenkung. Und die geliebten Zustände des Flows? Erreiche ich am wenigsten mit Facebook. Here you go.

In meiner kleinen Sonntagsanalyse machte ich neben XING also Facebook als weiteren kleinen Störenfried aus – und deaktivierte mein Profil. Und so ging das dann weiter: die e-mail-Bilanz: welche sind wirklich wichtig, welche nicht so, und welche überhaupt nicht? Messenger, WhatsApp: brauche ich das wirklich? Oder wäre nicht ein Telefonat ohnehin netter? Oder gar die Freunde, mit denen ich hin und her schreibe, live zu sehen? Die 2 Stunden Zugfahrt auf mich zu nehmen, um sie mal wieder in den Arm zu nehmen, wären doch ein Klacks, oder? Eben.

Deep Work _Cover dtDeep Work_Cover engIn einer dann folgenden Woche „Reparaturlaub“ in Kerala, Indien, las ich den Bestseller von Cal Newport, Konzentriert Arbeiten. Regeln für eine Welt voller Ablenkungen, der 2017 von Jordan T. A. Wegberg ins Deutsche übersetzt, 2016 unter dem Titel Deep Work in den USA erschienen war. Ich hatte mich ja in meiner kleinen sonntäglichen Bestandsaufnahme – „Ich wollt’n Text schreiben – und bin zu Haus geblieben“ – schon selbst ganz gut gebrieft. Von Newport erwartete ich dann weitere Tipps. Und die bekam ich auch. Deep Work/ Konzentriert arbeiten – ist ein Buch, ein Symptom unserer Zeit. Es konzentriert sich hauptsächlich auf „Wissensarbeiter“, Menschen also, die Berufen nachgehen, die häufig auch ein hohes Maß an Konzentration erfordern, an Ruhezonen zum durchdachten Durchdenken von Aufgaben, neuen Konzepten, Entwickeln von Ideen und der entsprechenden Vermittlung.

Das Problem, das Newport ausfindig macht: eine fragmentierte Aufmerksamkeit. Statt „deep work“, also konzentrierter Arbeit, die eine längere Phase un(!)unterbrochener Aufmerksamkeit verlangt, quillt „shallow work“, also oberflächliche, anspruchslose Tätigkeit, in den Vordergrund. Sich auf eine McKinsey-Studie beziehend, formuliert Newport zu Beginn seines Buches, „dass der durchschnittliche Wissensarbeiter über 60 Prozent der Arbeitswoche mit elektronischer Kommunikation und Internetsuche verbringt, wobei knapp 30 Prozent der Arbeitszeit allein auf das Lesen und Beantworten von E-mails entfallen.“ Ach du Schreck! Wenn man dann noch in Betracht zieht, dass in vielen Arbeitsbereichen regelmäßig Meeting-Marathons abgehalten werden, lässt sich ohne viel Konzentration ausrechnen, wie viel Zeit noch für Konzentration bleibt. Da stimmt doch ‘was nicht. Finde ich. Und findet auch Newport. Sein Befund: in einer Kultur wie der gegenwärtigen (lassen wir mal den Kollektivsingular hier stehen, wissend, dass hier in Sachen Kultur eigentlich noch eine Differenzierung her müsste) hat Deep Work einen „schweren Stand“. Einen schweren Stand „gegenüber dem unablässigen Geklingel von Tweets, Likes, getaggten Fotos, Walls, Posts und all den anderen Aktivitäten, die uns heute als notwendig verkauft werden, lediglich weil sie existieren.“

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Gargantuas Fütterung. Unersättlich… (Gustave Doré, um 1868)

Ich will ja, aber sie lassen mich nicht.

Ist das wirklich so? Es ließe sich auch formulieren, dass ich mich lasse, weil ich will. Dann lenken nicht die anderen oder die Ablenkungstools meine Aufmerksamkeit, sondern ich (mich) selbst. Das führt zu den Vorschlägen, die Newport, zuweilen etwas redundant und abgeleitet von meist dem amerikanischen Kontext entstammenden Beispielen, unterbreitet. Diese Vorschläge beschreibt er mal als Philosophien, mal als Regeln, mal als Disziplinen.

Hier eine Auswahl von 10:

  • Rituale schaffen
  • Große Gesten schaffen – zur Erfüllung der eigenen Ziele großzügig mit sich sein
  • Konzentrieren auf das Allerwichtigste
  • (eigene) Zielsetzungen prioritär setzen
  • Einen Rhythmus der Verantwortlichkeit schaffen
  • Faul sein ( das heißt, kleinen Verantwortlichkeiten, die sich in der Summe zu einem Aufmerksamkeitsdieb von einem Gargantua-mäßigen Ausmaß aufblasen, tschüss zu sagen)
  • Auszeiten einplanen
  • Langeweile zulassen
  • Soziale Netzwerke verlassen
  • Die Pause von der Konzentration der Pause von der Ablenkung vorziehen

Das Buch ist keine Vor-Schrift. Eine solche würde die individuelle Freiheit konzentrierten Arbeitens beschneiden. Newport hat zwar seinen eigenen Standpunkt, lässt aber auch kritische Stimmen zu, und liefert somit eine fundiert recherchierte Übersicht und Anleitung für Menschen, die sich nach dem Flow sehnen, den sie von der Arbeit oder einer anderen Leidenschaft kennen – aber lange schon nicht mehr erfahren haben. An einigen Stellen ärgerte ich mich über den Effizienz-Gedanken im ökonomischen Sinne, den Newport partiell vertritt. Aber ich sehe das so: der Weg ist das Ziel. Mich tangiert hier die Effizienz nicht, mich interessiert an Deep Work die Tiefe. Der Flow.

Die nächste Sonntagsbilanz fiel schon anders aus. Die Woche in Indien, mit Newports Buch als abendlicher Lese-Krücke und kleinen Brücke in den Wiedererwerb der tiefenbohrenden Schönheit des Denkens, Schreibens, Malens, Was-auch-immers hatte alte Synapsen wieder neu verschaltet. ‚Deep Work‘ stellt sich nicht von alleine ein. Geduld ist gefragt. In erster Linie Geduld mit sich selbst. Es hilft zu wissen, dass die Phasen höchster Konzentration über 4 Stunden pro Tag nicht hinausgehen, wenn man sich auf Newports Analysen verlässt. Da kann man sich auch über eine Stunde Fokus schon freuen. Klasse, nicht Masse. (Herrje, die alten Weisheiten. Aber irgendwas muss ja dran sein an den Sprüchen.)

In Blumfelds Sonntag-Lied ist die Königin der Ablenkung vom Schreiben übrigens die Natur. Fair enough, das lässt sich das lyrische Ich gefallen. Plötzlich nicht mehr zu Hause, sondern draußen singt es: „Der Tag scheint rüber zu mir wie ich so durch die Schöpfung spazier’. Alles will blühen, ohne was davon zu haben.“

Zweckfrei Schönes. Gibt es mehr? Gibt es Besseres? Flora. Fauna. Flow!

Und den Text, den Text hat das Ich ja trotzdem geschrieben. Oder gerade deswegen.

Da fang’ ich doch gleich mal an!

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Stanhope Forbes, Ladies at Work at the Newlyn Art School (1910.)