Buchbesprechung · Erinnerung · Fotografie · Media History · Photography · visual arts · Visual Culture

Rezension: “Eine Fotografie. Über die transdisziplinären Möglichkeiten der Bildforschung” (I. Ziehe & U. Hägele, 2017)

 

3664grossBilder tragen in ihrer Gegenwärtigkeit Vergangenes. Historizität.

Walter Benjamin schreibt bekanntlich in seinem Kunstwerk-Aufsatz, man habe lange behauptet, dass „’Nicht der Schrift-, sondern der Photographieunkundige […] der Analphabet der Zukunft‘“ sein werde. Allerdings müsse doch aber „nicht weniger als ein Analphabet ein Photograph gelten, der seine eigenen Bilder nicht lesen“ könne, womit er darauf abzielt zu fragen, ob nicht eigentlich „die Beschriftung […] zum wesentlichsten Bestandteil der Aufnahme“ werde.

Immerhin tragen heutige digitale Bilder ihre Informationen mit sich, ihre Metadaten, bestehend aus Angaben zur Zeit, oft Geodaten zum Ort der Aufnahme, Daten zu ihrer Auflösung, ihren Maßen. Damit ist künftigen Generationen von Bildforschern schon ein gutes Stück geholfen. Annotationen der Bildkreier und ihrer Betrachter tragen ihr übriges bei, digitale Bilder zu kontextualisieren. Was aber, wenn diese Informationen fehlen, wie bei älteren Fotografien üblich? Wenn Fotografie oder visuelles Artefaktum ‚nackt‘ daher kommen, ohne Metadaten, ohne Kontext? Dann wird aus einer möglicherweise einst (für die Fotografen, Knipser, ihre Rezipienten oder die dargestellten Subjekte) bedeutsamen Aufnahme schlicht „eine Fotografie“. Dies fragen und befragen die Autoren – Bildwissenschaftler, Archivare, Kuratoren, Fotografen – in dem von Irene Ziehe und Ulrich Hägele herausgegebenen und 2017 bei Waxmann erschienenen Band Eine Fotografie. Über die transdisziplinären Möglichkeiten der Bildforschung.

Für HSozKult habe ich den Band besprochen.

Irene Ziehe, Ulrich Hägele (Hg.): Eine Fotografie. Über die transdisziplinären Möglichkeiten der Bildforschung. Münster: Waxmann 2017.

 

Fotografie · Media History · Photography · Popular Culture · Publication · Theatre History

“Entrer dans l’image par le regard” – New Article Out

Etudes Theatrales L'Oeil et le TheatreEdited by Florence Baillet, this special issue of Études Théâtrales focuses on “L’œil et le théâtre. La question du regard au tournant des XIXe et XXe siècles sur les scènes européennes”. The volume was preceded by an international symposium on the same theme, organized by Florence Baillet (Sorbonne nouvelle, CEREG),  Arnaud Rykner (Sorbonne nouvelle, IRET), and Mireille Losco (ENSATT) at Université Sorbonne Nouvelle Paris 3, in April 2015.

My chapter “Entrer dans l’image par le regard: stéréscopie et théâtre” deals with the history of 3D images in theatre and popular culture in the 19th and 20th century.

(Nic Leonhardt: “Entrer dans l’image par le regard: stéréoscopie et théâtre”, in: L’oeil et le théâtre. Études Théâtrales, 65/ 2016, p. 41-51.)

Literatur, Lyrik · Photography

See

 

Walchensee Peter von Felbert
Peter von Felbert, Walchensee

Zwei Jungs in einem Boot in graubraungrüner Tracht und Umgebung auf einem leicht glitzernden opalgrünen See. Einer rudert das Boot, sich selbst und den anderen, bevor sie sich abwechseln werden. Vielleicht auch nicht. Es ist nicht ganz klar, ob das Wetter trüb, ob sich die Sonne schon vom Tag verabschiedet hat oder ob schlicht die Berge und Gestadegewächse dem Wasser die volle Lux verweigern. Ein See so weit das Bild nicht reicht, aber außer den beiden bayerisch sonntagsbezwirnten Knaben kein Mensch sonst in Sichtweite; nicht mal ein Reiher oder Vogel, von einem Schwan ja gar nicht zu reden.

Seit ich diese Fotografie 2009 für meine Frankfurter Wohnung kaufte, bin ich froh, dass sie mit mir wohnt, dass ich mit ihr wohne. Das 40×40 cm große Bild hing damals genau gegenüber dem Schreibtisch, und je nach Perspektive bildete ich mir ein, dass die gläserne Schreibtischplatte grenzenlos ans oder sogar ins Nass des Bildvordergrunds reichte. Bei Schwimmbädern nennt man diesen Effekt „Infinity Pool“; für mich war es die Blickachse meiner infiniten Sehnsucht nach Wasser.

Immer da, die Sehnsucht.

Nie da, ich.

Mir gefiel außerdem der Blick auf die beiden Jungs, die ich während der ein oder anderen Gedankenpause amüsiert betrachtete –, und sie rudern ließ, immer weiter,  – strengt euch bloß an –, die sich aber keinen Deut bewegten. Und doch kam aus dem Wasser feinste Dünung, ein kristallenes Lächeln. Schönste Ironie.

Die Fotografie stammt von Peter von Felbert, einem, wie ich finde, begnadeten Augenmenschen. Das Bild nannte er schlicht Walchensee; es entstammt der Serie Blaues Land. Das Bild zeigt den Walchensee – und zeigt ihn nicht…

Walchensee im Winter
Walchensee in München, Winter 2012

Als die Jungs und ich 2012 nach München zogen, ruderten wir mit diesem Zuzug nach Süden dem namensgebenden See entgegen, und, was ich damals nicht wusste, in die Nähe des Künstlers, dessen Heimat der Ruhrpott ist, und dessen Augen in Bayern und im Voralpenland leben. Der eigentliche Walchensee, Deutschlands größter Gebirgssee, liegt im Landkreis Bad Tölz, bei Kochel, umgeben von Herzogstand, Heimgarten und Jochberg.

An einem heißen Sommertag 2014 fuhr ich mit einem mir wichtigen Menschen an diesen mir wichtigen See, den ich ja noch gar nicht kannte. Als wir uns ihm aus Kochel heraus fahrend nach zahlreichen Kehren näherten, stockte mir der Atem: So ein Blau, wie dieser See es ins Auge schickte, hatte ich weiß Gott noch nie gesehen. Mit jedem Meter, den wir uns dem Wasser näherten, changierte das Blaugrünblau von Himmel und Wasser wieder anders. Auch Goethe, der ja bekanntlich auf seinem Weg nach Italien an jeder Milchkanne Halt und jeden Grashalm platt machte, konnte damals am Walchensee nicht einfach so vorbeikutschieren. Und noch nie ergab für mich ein Halt von Goethe mehr Sinn als im Moment dieser fast schon amourösen Andacht, die ich geistig und körperlich für diesen See abhielt. Ich war, so abgedroschen es klingen mag, schier überwältigt von so viel selbstbewusster Anmut zwischen drei Bergen. Der Tag war heiß, der 190 Meter tiefe See eiskalt. So blau und frech. Ich jauchzte, – und mein Herz war fortan hoffnungslos in diesem kalten Blau verloren.

Walchensee
Walchensee. Blau. Und Grün. (Foto: Nic Leonhardt)

Wir tapsten das Ufer ab, Peter von Felberts Bild im Kopf gespeichert und auf der Suche nach seinem Aufnahmepunkt. Wir glaubten, ihn gefunden zu haben, aber eigentlich fanden wir ihn nicht. Und im Grunde war das auch völlig einerlei. Der Walchensee, der vor uns lag, hatte zunächst nur entfernt Ähnlichkeit mit dem See bei mir zu Hause, auf dem seit Jahren die Jungs in Sonntagstracht ihr Bötchen steuern. Aber sei’s drum. Auf der Suche nach der Vorlage eines Bildes, das mich seit Jahren treu über Höhen und Tiefen paddelte, hatte ich einen See gefunden, der so prall in seiner Schönheit dalag, dass er augenblicklich Aufs und Abs vergessen ließ… An jenem Tag im August verknallte ich mich bis über beide Ohren und Hals über Kopf in – ein Gewässer.

Als ich tags darauf die unzähligen Fotos, die ich vom Walchensee gefertigt hatte, auswertete, stach nur eins ins Auge:  die Schattierungen von Blau und Grün. Kein Vergleich mit dem Walchensee an der Wand. Und in meiner ursprünglichen Einfalt begriff ich allmählich, warum sich Peter von Felbert für genau dieses graunbraungrünopale Bild vom doch so blauen Walchensee entschieden hatte.

Erst im vergangenen Jahr, als ich den rudernden Jungs ein Partnerbild aus von Felberts Serie schenken wollte, diesmal ein Segelboot auf dem Chiemsee, traf ich den Fotografen in München. Wir wohnen gar nicht weit voneinander entfernt, München ist ja ein Dorf. Er verriet mir die Stelle, von der aus er damals die Aufnahme gemacht hatte, und die Geschichte der Jungs, und was sie damals so geschmückt in ihrem Nachen… – was sie wohl heute machen?

Hier bei mir zu Hause sind sie immerhin dem See ein ganzes Stück näher gekommen als damals am Main. Sie rudern, lassen rudern und rudern immer noch.  Sie scheinen den See wirklich zu lieben.

Ich versteh’ sie.