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Heimat – Tanz – Digital

Heimat Tanz
Auszug aus dem aktuellen Jahrbuch Tanz 2018, Berlin: der Theaterverlag Friedrich Berlin

tanz_Jahrbuch_2018

Was ist Heimat? Und welche Rollen kommen digitalen Medien im Vermitteln von Heimatgefühl zuteil? Für das diesjährige Jahrbuch Tanz sprach ich mit drei jungen Tänzern des Bayerischen Juniorballetts München/ Junior Company über diese Fragen. Was bedeutet Heimat für sie, die aus Australien, Texas und Berlin für ihre weitere Ausbildung und erste Engagements nach Europa kamen und aktuell in München als Stipendiaten der Heinz Bosl-Stiftung lernen und leben? Ist Zuhause ein physischer Ort? –

Artikel und Interview sind im Jahrbuch Tanz 2018 abgedruckt, das es seit 21. August 2018 im Handel gibt und über den Theaterverlag, Buchhandlungen und gut sortierte Zeitschriftenläden erhältlich ist.

Literatur, Lyrik · Photography

See

 

Walchensee Peter von Felbert
Peter von Felbert, Walchensee

Zwei Jungs in einem Boot in graubraungrüner Tracht und Umgebung auf einem leicht glitzernden opalgrünen See. Einer rudert das Boot, sich selbst und den anderen, bevor sie sich abwechseln werden. Vielleicht auch nicht. Es ist nicht ganz klar, ob das Wetter trüb, ob sich die Sonne schon vom Tag verabschiedet hat oder ob schlicht die Berge und Gestadegewächse dem Wasser die volle Lux verweigern. Ein See so weit das Bild nicht reicht, aber außer den beiden bayerisch sonntagsbezwirnten Knaben kein Mensch sonst in Sichtweite; nicht mal ein Reiher oder Vogel, von einem Schwan ja gar nicht zu reden.

Seit ich diese Fotografie 2009 für meine Frankfurter Wohnung kaufte, bin ich froh, dass sie mit mir wohnt, dass ich mit ihr wohne. Das 40×40 cm große Bild hing damals genau gegenüber dem Schreibtisch, und je nach Perspektive bildete ich mir ein, dass die gläserne Schreibtischplatte grenzenlos ans oder sogar ins Nass des Bildvordergrunds reichte. Bei Schwimmbädern nennt man diesen Effekt „Infinity Pool“; für mich war es die Blickachse meiner infiniten Sehnsucht nach Wasser.

Immer da, die Sehnsucht.

Nie da, ich.

Mir gefiel außerdem der Blick auf die beiden Jungs, die ich während der ein oder anderen Gedankenpause amüsiert betrachtete –, und sie rudern ließ, immer weiter,  – strengt euch bloß an –, die sich aber keinen Deut bewegten. Und doch kam aus dem Wasser feinste Dünung, ein kristallenes Lächeln. Schönste Ironie.

Die Fotografie stammt von Peter von Felbert, einem, wie ich finde, begnadeten Augenmenschen. Das Bild nannte er schlicht Walchensee; es entstammt der Serie Blaues Land. Das Bild zeigt den Walchensee – und zeigt ihn nicht…

Walchensee im Winter
Walchensee in München, Winter 2012

Als die Jungs und ich 2012 nach München zogen, ruderten wir mit diesem Zuzug nach Süden dem namensgebenden See entgegen, und, was ich damals nicht wusste, in die Nähe des Künstlers, dessen Heimat der Ruhrpott ist, und dessen Augen in Bayern und im Voralpenland leben. Der eigentliche Walchensee, Deutschlands größter Gebirgssee, liegt im Landkreis Bad Tölz, bei Kochel, umgeben von Herzogstand, Heimgarten und Jochberg.

An einem heißen Sommertag 2014 fuhr ich mit einem mir wichtigen Menschen an diesen mir wichtigen See, den ich ja noch gar nicht kannte. Als wir uns ihm aus Kochel heraus fahrend nach zahlreichen Kehren näherten, stockte mir der Atem: So ein Blau, wie dieser See es ins Auge schickte, hatte ich weiß Gott noch nie gesehen. Mit jedem Meter, den wir uns dem Wasser näherten, changierte das Blaugrünblau von Himmel und Wasser wieder anders. Auch Goethe, der ja bekanntlich auf seinem Weg nach Italien an jeder Milchkanne Halt und jeden Grashalm platt machte, konnte damals am Walchensee nicht einfach so vorbeikutschieren. Und noch nie ergab für mich ein Halt von Goethe mehr Sinn als im Moment dieser fast schon amourösen Andacht, die ich geistig und körperlich für diesen See abhielt. Ich war, so abgedroschen es klingen mag, schier überwältigt von so viel selbstbewusster Anmut zwischen drei Bergen. Der Tag war heiß, der 190 Meter tiefe See eiskalt. So blau und frech. Ich jauchzte, – und mein Herz war fortan hoffnungslos in diesem kalten Blau verloren.

Walchensee
Walchensee. Blau. Und Grün. (Foto: Nic Leonhardt)

Wir tapsten das Ufer ab, Peter von Felberts Bild im Kopf gespeichert und auf der Suche nach seinem Aufnahmepunkt. Wir glaubten, ihn gefunden zu haben, aber eigentlich fanden wir ihn nicht. Und im Grunde war das auch völlig einerlei. Der Walchensee, der vor uns lag, hatte zunächst nur entfernt Ähnlichkeit mit dem See bei mir zu Hause, auf dem seit Jahren die Jungs in Sonntagstracht ihr Bötchen steuern. Aber sei’s drum. Auf der Suche nach der Vorlage eines Bildes, das mich seit Jahren treu über Höhen und Tiefen paddelte, hatte ich einen See gefunden, der so prall in seiner Schönheit dalag, dass er augenblicklich Aufs und Abs vergessen ließ… An jenem Tag im August verknallte ich mich bis über beide Ohren und Hals über Kopf in – ein Gewässer.

Als ich tags darauf die unzähligen Fotos, die ich vom Walchensee gefertigt hatte, auswertete, stach nur eins ins Auge:  die Schattierungen von Blau und Grün. Kein Vergleich mit dem Walchensee an der Wand. Und in meiner ursprünglichen Einfalt begriff ich allmählich, warum sich Peter von Felbert für genau dieses graunbraungrünopale Bild vom doch so blauen Walchensee entschieden hatte.

Erst im vergangenen Jahr, als ich den rudernden Jungs ein Partnerbild aus von Felberts Serie schenken wollte, diesmal ein Segelboot auf dem Chiemsee, traf ich den Fotografen in München. Wir wohnen gar nicht weit voneinander entfernt, München ist ja ein Dorf. Er verriet mir die Stelle, von der aus er damals die Aufnahme gemacht hatte, und die Geschichte der Jungs, und was sie damals so geschmückt in ihrem Nachen… – was sie wohl heute machen?

Hier bei mir zu Hause sind sie immerhin dem See ein ganzes Stück näher gekommen als damals am Main. Sie rudern, lassen rudern und rudern immer noch.  Sie scheinen den See wirklich zu lieben.

Ich versteh’ sie.

Literatur, Lyrik

Herr Traudich – eine Relation

Gustave Caillebotte_Detail
Gustave Caillebotte, Rue de Paris, temps de pluie (1877, Detail)

Herr Traudich ging an einem Tag

von Wolken frei und Regen

dorthin, wo niemand Sonne mag

und wo nur Winde fegen.

Er machte Ehre seinem Nam’

und wanderte ohn’ Zaudern.

Als er an jenen Orte kam,

da packte ihn ein Schaudern:

Ringsum erblickte er nur Grau,

kein Gelb, kein Rot, Orange nicht.

Nicht mal ein sattes Dunkelblau,

kein Scheinwerfer, kein Standlicht.

Natürlich war es auch kein Wunder

an einem Ort, wo’s nieselt,

dass Hose, Hemd, sprich: Traudichs Plunder,

vom Regen nass gerieselt.

Herr Traudichs Plan war, hier vor Ort

den Leuten, die dort leben

wohl wollend, aber schnurr-sofort,

ein Lehrstück mitzugeben:

Er wollte diesen armen Menschen,

die nichts als Regen kennen

und sturmzerhackte Fichtentännchen

den Weg zur Sonne nennen.

Ganz gut gelaunt trotz trübem Pusten

ging pitschnass er auf Straßen,

wo er nichts hörte als nur Husten

und schnupfverstopfte Nasen.

traudichHerr Traudich sprach zwei Männer an,

die rote Nasen hatten:

„Sagt, Männer, mir, sagt mir als Mann,

habt Ihr den Wind nicht satte?“

„Was meinst für einen Wind nur du

und warum soll er satt sein?

Pack’ dir halt deine Ohren zu

und deine Nase warm ein.“

So sprachen sie und zogen fort

der Regen fiel vom Himmel.

Was für ein sonderbarer Ort –

an Häuserwänden Schimmel.

Zwei Frauen kamen ihm entgegen

mit feuerroten Wangen.

„Sagt, Frauen, nervt Euch nicht der Regen,

der Himmel – stets verhangen?“

„Die wen’gen Tropfen, lieber Mann,

die kann die Frucht gebrauchen.

Was alles hier gedeihen kann!

Und Feuer kann nicht rauchen.“

Herr Traudich wagte weiter nun

die Menschen hier zu fragen,

was sie bei solchem Wetter tun

und was zum Grau sie sagen.

Gustave Caillebotte_Detail

Zwei Kinder spielten regennass

von Mütze bis zu Socken!

„Sagt mir, Ihr Kinder, macht das Spaß,

im Matschkasten zu hocken?“

„Wir spielen doch in grobem Sand

in Matsch nicht, nicht in Schlacken!

Hast du denn nicht sofort erkannt,

dass Sandkuchen wir backen?!“

Ganz irritiert zog Traudich weiter

es blies ohn’ Unterlass.

Die Leute blieben dennoch heiter,

sie lebten nass – mit Spaß ?!?!

Doch Traudich fror nur, musste niesen

er zitterte am Leibe.

Er wollte weg vom Strömengießen

zurück in seine Bleibe.

Daheim zog er die Kleider aus

und musste eingestehen:

ein jeder fühlt sich dort zu Haus’,

wo Heimatwinde wehen.

(Nic Leonhardt, Herr Traudich  (Ur-Version: Köln 06. Oktober 1996))