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Neue Publikation zu digitalen Manifesten

clear the air 2017

95 Thesen –

pünktlich zum Reformationstags-Jubiläum in diesem “Luther-Jahr” ist der Band Clear the Air. Künstlermanifeste seit den 1960er Jahren, herausgegeben von Burcu Dogramaci und Katja Schneider mit meinem Essay „Nägel mit Köpfen? Mehr oder weniger 95 Überlegungen zu digitalen Manifesten” erschienen.

“Was wäre, rein hypothetisch, wenn Luther heute lebte und auf die Idee käme, seine 95 Thesen zu verbreiten? Welchen Ort würde er wählen? Wer wäre sein Publikum? Welches Medium zöge er vor zur Veröffentlichung seiner Gedanken? Und bliebe er bei der Anzahl oder würde er kürzen, im Sinne der Aufmerksamkeitsökonomie heutiger Prosumer, des Nachrichtenwerts und der Effizienz heutiger digitaler Kultur? Nagel und Hammer zur Untermauerung seiner Absicht reichten heute wohl nicht mehr. Wollte er digital seine Ideen verbreiten, müsste er so rebellisch vorgehen wie seine Aktion am letzten Oktobertag des Jahres 1517 ex post anmutet, wenn er nicht wollte, dass seine Thesen untergehen in der Vielfalt digitaler Kultur.”

 

Nic Leonhardt: „Nägel mit Köpfen? Mehr oder weniger 95 Überlegungen zu digitalen Manifesten”, in: Burcu Dogramaci, Katja Schneider (Hg.): »Clear the Air« – Künstlermanifeste seit den 1960er Jahren. Bielefeld: transcript 2017, S. 347–366.

 

Fotografie · Media History · Photography · Popular Culture · Publication · Theatre History

“Entrer dans l’image par le regard” – New Article Out

Etudes Theatrales L'Oeil et le TheatreEdited by Florence Baillet, this special issue of Études Théâtrales focuses on “L’œil et le théâtre. La question du regard au tournant des XIXe et XXe siècles sur les scènes européennes”. The volume was preceded by an international symposium on the same theme, organized by Florence Baillet (Sorbonne nouvelle, CEREG),  Arnaud Rykner (Sorbonne nouvelle, IRET), and Mireille Losco (ENSATT) at Université Sorbonne Nouvelle Paris 3, in April 2015.

My chapter “Entrer dans l’image par le regard: stéréscopie et théâtre” deals with the history of 3D images in theatre and popular culture in the 19th and 20th century.

(Nic Leonhardt: “Entrer dans l’image par le regard: stéréoscopie et théâtre”, in: L’oeil et le théâtre. Études Théâtrales, 65/ 2016, p. 41-51.)

Allgemein · Mensch & Tier · Nuggets · Work-Life Balance

Hallo Welt?

Friedenstaubenbaum
photo: Nic Leonhardt. Ein Friedensbaum in Frankfurt.

Vor ein paar Tagen war ich mal wieder mit dem Zug unterwegs. Mit meinem schweren Gepäck musste ich in Köln-Deutz von der U-Bahn in den ICE umsteigen. Wer schon mal als Reisender das Vergnügen mit dem Deutzer Bahnhof hatte, weiß vielleicht, dass es nicht auf den ersten Blick ersichtlich ist, wo genau die Fernzüge abfahren, wenn man an den Gleisen der Stadtbahn ankommt. Es war früh morgens, Pendelverkehr, ich orientierungslos. Aber zum Glück war die lange Halle voller Passanten. Da konnte ich ja jemanden fragen. Die Idee lag nahe, an der Umsetzung, indes, haperte es. Zwar fragte ich diesen und jenen, Sie und Ihn, jung und alt, – aber niemand nahm mich wahr. Alle huschten an mir vorbei, ohne mir auch nur einen Funken Aufmerksamkeit zu schenken. Ich atmete tief ein und hob erneut an, meine Frage zu stellen: „Entschuldigen Sie bitte, wo fahren denn hier die Fernzüge ab?“ – Keine Reaktion. Eine Pendler-Karawane von annähernd 100 Passanten pro Minute – aber keine Antwort. Plötzlich kapierte ich: Na klar!: Niemand reagierte, weil alle Kopfhörer auf oder in den Ohren hatten! Abschottung. Gegen den schlimmen Morgen. Gegen die lästige Außenwelt. Na prima.

Die Beschilderung war bescheiden. Also fasste ich mir ein Herz, stellte mich in die Bahnhofshalle und rief laut: „Gibt es hier irgendwen ohne Kopfhörer, der mir eine Frage beantworten kann?“–  Wusch ! – zog man an mir vorbei. Und doch: eine junge Frau blieb stehen und nahm sich meiner an. Helfen konnte sie mir zwar nicht, aber ich war ja mittlerweile schon dankbar, dass sie mich hörte. Wir wünschten uns noch einen guten Tag, und nach einigen Umwegen fand ich den Fernbahnhof dann auch.

Meine Frage blieb nur noch: bin ich eigentlich deppert oder was war das gerade für eine Szene? Und noch eine zweite Frage: Was wäre denn, wenn ich noch wichtigere Hilfe bräuchte – als nur eine Auskunft?

Die Szene beschäftigte mich, weil sie einen Einblick in den Alltag gewährt, an dem ich teilhabe, den ich mir aber in einer idealen Welt eigentlich anders vorstelle. Ganz ehrlich, war ich auch etwas erschüttert. Am meisten über die mediale Abschottung und die weiterführende Überlegung, was passieren würde, wenn wirklich etwas passierte….

Dass Paare und Freunde zusammen ausgehen und dann nur mit ihren Smartphones beschäftigt sind, dass regelmäßig in ihre Displays versunkene Fußgänger in andere hineinlaufen, — daran haben wir uns ja schon gewöhnt. Irre eigentlich. Medien sind super. Morgens Musik auf den Ohren – so nachvollziehbar. Und doch…

Im Zug kreisten meine Gedanken weiter um dieses Thema. Dann rief mich eine Freundin an. Sie erzählte aufgeregt von einem online-Dating-Portal, auf dem sie seit einigen Wochen ihr privates Glück versucht. Wunderbare Technik, die Singles auf der Suche matchen kann, die sich ansonsten vermutlich nicht begegnet wären. Wir leben für die Arbeit, daher leben wir in Orten, an die uns die Arbeit zieht, nicht immer die Liebe. Seit ein paar Tagen gab es da nun also den Einen, der meiner Freundin virtuell den Hof machte und den Kopf verdrehte. Geschwärmt hatte sie, und ich mich für ihre klitzekleine Verknalltheit gefreut. Also wartete ich gespannt auf ihre News.

„Stell dir vor, er hat gestern Abend wieder geschrieben“, setzte sie an. „Und? Was schreibt er? Seht Ihr euch mal?“ – „Halt dich fest, er schrieb”, – und dann las sie vor: “‚Hey, Sugar, bin heute Abend in der Nähe von Deinem Wohnort mit ein paar Freunden unterwegs. Bist du zufällig da? Wir brauchen noch eine geile Sau wie Dich.’ – Das hat er geschrieben.“ „DAS hat er geschrieben?“ „Ja, genau das.“ — Wir schwiegen uns an.

Leute gibt’s. Die gibt’s —

häufiger als man will.

Heute Morgen zum Beispiel kommentierte auf Facebook ein Bekannter einen meiner Kommentare auf ein albernes Video mit den Worten: „Halt endlich mal deine beschissene Fresse.“ Ich musste es noch mal lesen, und noch mal, und versuchte, diese Haltung, diese Aggression zu verstehen. Aber es ergab aus dem Kontext keinen Sinn. „Beschissene Fresse“. Wow. So begann der Tag ja rosig. Der verbalaggressive Bekannte hat übrigens einen Blumenladen. Er verkauft bunte Freuden der Natur… Ich werde hinfahren und eine Rose kaufen – und ihn fragen, wie er das genau meinte. Oder soll ich besser schweigen?

Jetzt bin ich nicht sicher, welcher Start in den Tag mir lieber war: der, an dem man mir kein Gehör schenkte, oder der, an dem man mich sehr wohl wahrnahm, aber mir übelst dissend den Mund verbot? Und meine Freundin? Besser ohne Liebe – als SO was?

Fragen über Fragen.

Aber ich bin sicher, wir finden Antworten – wenn wir uns zuhören.

Hallo Welt?

Hallo Welt!

Taube