Literatur, Lyrik · Work-Life Balance

Kleine Inseln

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Pulau Sibu, Malaysia (Foto: Nic Leonhardt)

Immer wenn ich als Kind vor dem Bücherregal meiner Tante stand, fiel mein Blick sofort auf den einen Buchrücken: weiß, bunte Schnörkelschrift, Niemand ist eine Insel. Von Johannes Mario Simmel. Das Buch habe ich nie gelesen, der Titel beschäftigt mich indes immer wieder mal. Ich weiß noch, dass ich als Kind dachte: „Tss, natürlich ist niemand eine Insel“, denn ich wusste ja sehr gut, wie zum Beispiel Amrum aussieht oder Sylt (zu jener Zeit hatten viele diesen Aufkleber auf dem Auto). Und natürlich gab es ja nicht nur einen Unterschied zwischen Mensch und Insel, sondern ziemlich viele. Ich glaubte dem Titel nicht, und doch faszinierte er mich (und tut es offenkundig noch immer, sonst würde ich nicht diesen Text damit beginnen).

Im Vorwort zu einem Buch, das ich meinem Partner vor einigen Jahren widmete, kam die Insel dann erneut ins Spiel, denn als solche empfand ich ihn während der nicht immer leichten Arbeit am Buch und dankte ihm dafür, dass er mir “stets eine Insel” gewesen war. Also gab es doch jemanden, der eine Insel sein kann; eine Insel für jemanden, und das heißt: ein Fluchtort, ein Halt, ein klar umgrenztes Gebiet in einer Flut von Möglichkeiten und gedanklichem Wirrwarr.

Simmel hatte übrigens den Titel dem englischen Schriftsteller John Donne (ca. 1572-1631) entlehnt. Donne formulierte 1623 „No man is an island, entire of itself“, also „Niemand ist eine Insel, ganz in sich“ (auch in der Version „I-land“, also „Ich-Land“), und was er damit meinte, wird in den Folgeworten deutlich: „Every man is a piece of the continent, a part of the main“, also „Jeder Mensch ist ein Teil des Kontinents, ein Teil vom Ganzen.“ Vor diesem Hintergrund bekommt Niemand ist eine Insel eine leicht andere Note – und lässt sich doch gut zusammenfügen mit der Idee, dass jemand jemandem ein Eiland sein kann. Wir sind Steinchen eines Mosaiks, Teile eines großen Puzzles. Und nur durch unser Zutun, unser Tun für Andere, unsere Interaktion ergibt die ganze Sache hier ein Bild, einen Sinn.

Unser Alltag ist, das brauchen wir nicht zu lesen, denn wir erleben es permanent (zuweilen schmerzlich), von Hektik getrieben, ist von Leistungsdruck und Optimierungsstrategien geprägt. Ganz gleich, welchen Berufen wir nachgehen, spüren wir den Druck und die Maßlosigkeit der Anforderungen, denen wir gerecht werden sollen. Wir orientieren uns an den Maßgaben und Zeitdiktaten Anderer. Das kann uns im positiven Sinne dazu verhelfen, dem Alltag eine Struktur zu geben. Das kann uns aber auch durcheinanderwirbeln, so dass wir uns fühlen wie in einer Zentrifuge: wir wissen nicht mehr, wo oben und unten, links und rechts – und wo wir selbst eigentlich geblieben.

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Kreuzweg auf dem Filerimos, Rhodos (Foto: Nic Leonhardt)

In solchen Momenten helfen, was ich gerne „Kleine Inseln“ nenne: kleine Fluchten, mal kurz an- und innehalten, damit es wieder weitergeht. Die Sinne entspannen und schärfen, denn auch ihnen wird im Höher-Schneller-Weiter-Karussell einiges abverlangt. Ich weiß, dass Zeit ein Faktor ist, aber dafür sind die Inseln ja kleine.

Ein kurzer Spaziergang im Freien zum Beispiel, ohne Handy, einfach nur gehen, hinhören, schauen, ein Detail erspähen. An einem Detail sich erfreuen, birgt große Phantasie-Inseln: Eine Schnecke beobachten, wie sie sich über den Weg arbeitet, die Maserung eines Blattes in Augenschein nehmen, einem Vogellaut lauschen –und vom anderen Stimmengewirr differenzieren. Den Duft einer Blüte schnuppern, den wir ansonsten gar nicht wahrnehmen. Blumen schenken. Sich selbst oder einer anderen Person, die vielleicht ein bisschen Farbenfreude gebrauchen kann. Überhaupt, die Farben. Je nach Jahreszeit sehen wir da draußen mehr als fifty shades von Grün oder Gelb. Manche Tiere haben Haare aller Couleur im Fell, so schön und leuchtend, dass man nicht glauben mag, dass das alles Natur ist. Kinder haben mehr noch als wir blinden Erwachsenen einen Blick für diese Dinge.

Kindisch-Sein ist eine weitere Insel, die uns innehalten und die Sachen umzukehren hilft. Neugierig sein, Fragen stellen, ist das eine; das andere ist, wie ein Kind zu tanzen, ein Lied zu trällern, zwischendurch mal rückwärts zu gehen oder auf dem Fahrrad Wettrennen durch den Park zu spielen – zumindest imaginär. Ein Lobgesang auf unsere Imagination! Was ist da nicht alles in unseren Köpfen gespeichert und wartet nur darauf, abgerufen zu werden. Es ist durchaus legitim, mal den Blick vom Bildschirm zu nehmen, um in einem fernen Punkt den letzten Spaziergang am Meer zu imaginieren, den weiten Blick vom Berggipfel ins Tal zu erinnern, dazu die Stille, ein Segelflugzeug am Himmel an einem frischen Frühlingstag oder die ausgiebige Party neulich plötzlich wieder im Blut zu haben meinen. Auch wenn man physisch nicht an diesen Orten ist, so verändert sich doch die Haltung, selbst wenn es danach weiter geht in der Routine. Und die müden Augen haben auch mal Pause.

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Walchensee. (Foto: Nic Leonhardt)

Ein und aus. Atmen ist im Trend, weil, so scheint es, wir durch die ganze Hektik diesen Trend verpennt haben. Sehr bewusst ein- und ausatmen –––– ach, das tut ungemein gut (wir wissen das, vergessen es aber schnell auch wieder). Oder eine Wechselatmung, wie sie aus dem Yoga oder dem Ayurveda bekannt ist. Nur ein paar Minuten machen wacher und schärfen die Sinne. Musik ist eine Insel und hat retardierende oder Energie spendende Wirkungen, je nach Stil und Vorlieben. Ich kenne Kollegen, die während der Arbeit über Lautsprecher Meeresrauschen hören oder Vogelgezwitscher; oder bei Klaviermusik besser tippen können, ganz so, als sei die Tastatur eine Klaviatur.

Kraft-Oasen? Mit Freunden lachen, mit ihnen Dinge teilen, traurige und schöne. – Du bist nicht allein.

All dies sind nur einige kleine Inseln. Ich bin sicher, da gibt es noch unzählige andere. Apropos andere: schaffen wir uns selbst im Alltag Inseln, können wir auch anderen besser und gestärkter eine Insel sein. Und da kommt wieder der Buch-Titel ins Spiel, Niemand ist eine Insel, „ …, so ganz in sich selbst. Jeder Mensch ist ein Teil des Kontinents, ein Teil vom Ganzen“, so Donne vor knapp 400 Jahren .

Wenn wir uns Inseln erlauben, sind wir nicht nur Rädchen in einem grantigen Getriebe, sondern funkelnde Steinchen für ein malerisches Mosaik. Und für diese Inselfluchten brauchen wir nicht einmal ein Ticket zu lösen. Wir stellen es uns einfach selbst aus.

Nuggets · Work-Life Balance

MomentMal

MomentMal
Schneeweißes Momentmal in den Ammergauer Alpen. Foto: Volker Kämpf

Am Ende eines Jahres müssen immer alle ein Fazit ziehen in diesem Land: Wer wird Sportler des Jahres? Was ist das Wort, was das Unwort des Jahres? Welches werten wir als Foto des Jahres? Das Ereignis aus Jahr X? Und so weiter. 365 Tage voll mit Momenten, die meisten unbewusst wahrgenommen. Was sticht da heraus?

Eine altbewährte Übung in meinem wissenschaftlichen Arbeitsumfeld besteht darin, die „Erfolge“ des Jahres aufzulisten. Da mir der Begriff des Erfolgs nicht behagt, spreche ich von der Liste lieber als einem Bilanznotat. Die Übung besteht also darin, alles zu notieren, was wir gemacht oder geleistet haben. Das kann in der Wissenschaft einiges sein. Neben einer seitenlangen Liste an Speziellem ergibt dies auch folgende Erkenntnisse:

  • Vieles geriete in Vergessenheit, auch wenn es zum Zeitpunkt der Erarbeitung ein alles bestimmendes Thema, manchmal eine dunkle to do-Wolke war, wären wir nicht angehalten, es zu notieren ( – Aufschreiben hilft – ).
  • Würde uns jemand zu Jahresbeginn sagen: „All dies soll dein Werk für die kommenden 12 Monate sein. – Und mehr!“, würden wir diesen Jemand wahlweise auslachen oder schnell zu Plan B hinüberwechseln ( – nicht-Wissen kann auch ein Segen sein – ).
  • Der dritte und sicherlich erhellendste Punkt ist aber der zu erkennen, wo eigentlich die Zeit geblieben ist. Die Zeit, diese unsere Freundin und Feindin webt sich ins Notat und lässt sich nicht über-, aber zumindest auflisten. Dass wir sie am Ende des Jahres, nach 365 Tagen, auffangen wollen und in Augenschein nehmen, liegt in der Ironie der Sache ( – je mehr Zeit, desto weniger, je weniger desto mehr – )

Am Ende jedes Jahres ein Fazit: die Notationen sind immer spezifisch, gleich indes bleiben die Erkenntnisse:

Die Neugierde war und bleibt der Motor; den Rückenwind leiht die Leidenschaft; Inseln schaffen kleine Fluchten – Freunde zum Beispiel, ein Tanz, Musik im Körper, übers oder durchs Wasser gleiten, den Berg hinauf, hinab oder durch die Wälder stromern. Und bei allem nicht vergessen, dass die Kerneinheit doch der Moment.


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Gold

Tsam
Gold, was glänzt. Photo: Nic Leonhardt

Diese Hand gehört Tsam.

Tsam hat einen Motorrad- und Rad-Verleih mit angeschlossener Werkstatt in Griechenland. Wir kamen neulich ins Gespräch. Manchmal kommt Tsam nicht weiter mit einer Reparatur, grübelt stundenlang, wo das Problem liegen könnte, konsultiert Freunde und Fachleute. Dann legt er die Grübelei beiseite und macht eine Pause, einfach irgendwas anderes tun – und plötzlich kommt die Lösung! Sie lag so nahe! Das ist beim Schreiben auch so oder beim Entwickeln einer Idee, nicke ich ihm zu. Dann plaudern wir noch ein Weilchen, bis die Sonne Adieu sagt.

Ob ich seine Hände fotografieren dürfe, frage ich ihn. Hände, wie ich sie noch nie sah. So voller Öl, Dreck und Leidenschaft fürs Tüfteln, aber der Ring an seiner Linken glitzert und glänzt so güldenelegant, als könnte ihm das alles nichts anhaben.

Tsams Hand tat einen Glücksgriff. Ich durfte ihn festhalten.