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Georg II von Meiningen – Interview über den “Theaterherzog” in der WDR-Sendung ‘Zeitzeichen’

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Georg II, Herzog von Sachsen-Meiningen (1826-1914)

“Die Meininger” – in Deutschland kommen Studierende der Theaterwissenschaft um diesen Namen nicht herum. Er steht für die Theatergruppe um Herzog Georg II von Sachsen-Meiningen (1826–1914) und ist beinahe Synonym für eine historistisch präzise und ungleich üppigere Ausgestaltung von Bühne, Kostüm und Spiel im 19. Jahrhundert. Der Kunst- und Geschichte-Interessierte Georg II betrieb für seine Bühnenarbeit ein penibles Studium von Zeit, Kultur und Ästhetik der aufzuführenden Stücke. Maßgeblich begleitet wurde er in seiner Theaterarbeit von seiner dritten Frau, der Schauspielerin Ellen Franz, auch Freifrau von Heldburg (1839–1923), die ihn mit ihrer Erfahrung und Expertise als Schauspielerin enorm unterstützte und in seiner Theatergruppe Organisation, Dramaturgie sowie das Training mit den Schauspielern übernahm (ein Aspekt, den es künftig prominenter zu platzieren gilt im Sinne einer paritätischen Historiographie – denn “die Meininger” – das ist auch Ellen Franz).

ellen franz
Ellen Franz, Freifrau von Heldburg (1839-1923)

Am 25. Juni ist der Todestag von Georg II. Der WDR bringt in seiner Sendung Zeitzeichen ein Feature über Georg II, für das mich der betreuende Redakteur, Christoph Vormweg, vor wenigen Wochen im Studio in Köln interviewte.

 

wdr logoSendezeiten:

Dienstag, 25. Juni 2019, 9:45-10 Uhr (WDR 5)

Dienstag, 25. Juni 2019, 17:45-18 Uhr (WDR 3)

Forschung · Theater in München · Theatergeschichte · Theaterwissenschaft · Theatre Archives · Theatre History · Wissenschaftsalltag

Vigilanzkulturen – Neues Forschungsprojekt zu ‘Theatersteuerung’ nach 1918 bewilligt

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Eröffnungssitzung der verfassungsgebenden Deutschen Nationalversammlung im Deutschen Nationaltheater in Weimar. Am Rednerpult: Friedrich Ebert (LeMO/ DHM)

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat am 22. Mai 2019 den Sonderforschungsbereich 1369, Vigilanzkulturen bewilligt, einen auf 12 Jahre angelegten interdisziplinären Forschungsverbund an der LMU München.

Gemeinsam mit meinem Kollegen Christopher Balme werde ich im Rahmen dieses Projekts das Teilprojekt Theatersteuerung: Theater, Politik und Öffentlichkeit nach 1918 in Deutschland leiten. Das Projekt beschäftigt sich mit der Frage, auf welche Weise sich das Verhältnis zwischen Theater, Politik und Öffentlichkeit zwischen 1918 und 1936 durch die Aufhebung der Zensur, verstärktes finanzielles Engagement der öffentlichen Hand und Kontrolle durch die öffentliche Meinung, verstanden hier als Presse und Theaterpublikum, veränderte. Theater, so argumentieren wir, lässt sich als Ort der erhöhten, konzentrierten Aufmerksamkeit fassen und somit als (analytischer) Schauplatz einer gesteigerten Responsibiliserung der politischen und künstlerischen Akteure gegenüber dem Publikum. Dem Projekt sind für die erste Förderphase zwei Doktorarbeiten zugeordnet, nämlich Decensorship: Theaterskandale und Öffentlichkeit sowie Vom Hofamt zur charismatischen Herrschaft: Der Intendant als Vigilanzfigur.

Das Projekt nimmt seinen Anlauf zum 1. Juli 2019. Wir freuen uns sehr über die Bewilligung und die kommenden Jahre im gemeinsamen wissenschaftlichen fächerübergreifenden Austausch über das so relevante Thema “Vigilanz”.

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Die Theaterzensur lebt selbst nach ihrer Abschaffung noch weiter… Auszug aus dem “Vorwärts” vom 3. Juni 1919.
European Theatre · Forscher-Freuden · Global Arts · Global Theatre History · Media History · News · Publikationen · Theatre History · Transatlantic Cultural Exchange · Transnational History

Ankündigung: neues Buch

978-3-8471-0805-4_600x600In Kürze erscheint meine jüngste Monographie Theater über Ozeane. Vermittler transatlantischen Austauschs (1890–1925) bei Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen.

Aus dem Klappentext:

“Sei es Artistik, Oper, Tanz, Schauspiel, Musical, Comedy oder Drama: die internationale Theaterszene im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert wurde stark gesteuert durch die Profession des Vermittlers. Dieser Band betritt die infrastrukturellen »Hinterbühnen« globaler kultureller Mobilität im Zeitraum von 1890 bis 1925. Diskursiv verortet sich die Studie im Forschungsfeld der Globalgeschichte und -theorie. Der gewählte geografische Fokus ist ein transatlantischer, begründet durch den regen Austausch zwischen Europa und Nord- sowie Südamerika. Gesteuert wurde dieser Austausch wesentlich durch professionelle, international tätige Theatervermittler (Agenten, Broker). Die enorme Handlungsmacht der Vermittler im fokussierten Zeitraum wurde bisher kaum wissenschaftlich erforscht.”

Am Beispiel ausgewählter Agentinnen und Agenten – der Amerikanerin Elisabeth Marbury, der in Budapest geborenen deutsch-Amerikanerin Alice Kauser, des österreichisch-amerikanischen ‘Globetrotters’ Richard Pitrot und des in Deutschland geborenen ehemaligen Kontorsionisten H. B. Marinelli – erörtere ich in diesem Buch die Professionalisierung und Praktiken künstlerischer transatlantischer Vermittlung.

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Globale Theatergeschichte schreiben – Ein Porträt im DFG-Magazin

Royal Opera House Mumbai

Kunst darf alles, Theater ist grenzenlos. Wie aber schreibt man ihre Geschichte(n)? – Die performativen Künste aus einer transnationalen, transregionalen, transkulturellen Perspektive zu schreiben, scheint so offenkundig – wie es lange ein Desiderat blieb. Mit einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Reinhart Koselleck Projekt, “Global Theatre History”, das 2010 am Institut für Theaterwissenschaft der LMU München seine Anfänge nahm, haben wir dies zunächst im Kleinen probiert. Das internationale Netzwerk an wissenschaftlichen Partnern wuchs und wuchs in den Jahren. Fragen wurden mehr, unbearbeitete Felder der Theaterhistoriographie poppten auf. Als die Förderung naturgemäß 2016 auslief, waren wir uns schnell einig, dass das erst der Anfang sein konnte. Also formten wir  das Centre for Global Theatre History, um den Diskurs um die historischen Verflechtungen der Theaterkünste über Grenzen hinweg weiterzuführen.
In der aktuellen Ausgabe des DFG-Magazins habe ich über unsere Ansätze und Arbeit berichtet. Zum Artikel geht es hier: Nic Leonhardt: “Der Vorhang fällt nie”. In:  forschung. Das Magazin der Deutschen Forschungsgemeinschaft. 2/2018, S. 22–27.
GTH Centre Logo Jan 2017Noch mehr Global Theatre Histories: www.gth.theaterwissenschaft.uni-muenchen.de www.gth.hypotheses.org
Theater in München · Theatergeschichte · Theaterzauber · Zeitgeschichte

Sommer, Theater …

Es ist Sommer. Noch ist er da und allerorten ein Thema, dabei sind die Meisten hierzulande in den wohl verdienten Ferien. In Magazinen und Zeitungen, im Flurgespräch und sozialen Netzwerken wird der Sommer zu Zeiten des Sommerlochs zum gelbleuchtenden Füller desselben. Für passionierte Theatergängerinnen wie mich ist der Sommer neben allem Schönen auch eine Zeit der Entbehrung. Es sind Theaterferien, Spielzeitpause… Gut, dass es Festivals gibt, die Ruhr-Triennale, Biennalen dort und da. Es ist eine Entbehrung. Aber es ist eine Entbehrung auf hohem Lebens-Niveau.

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Hauptbild: Innenraum des Münchner Cuvilliès-Theaters nach 1945. aus: Neumann: “Bewahren und Forschen”. 2016. Rechts: Logo des Deutschen Bühnenvereins – und ganz meine Meinung.

Im Sommer 1945 hatten die Menschen mannigfach Grund zur Sorge. Der Krieg war zu Ende, das Land lag in Trümmern. Was mich im Angesicht dieses graugrausamen Bilds des Schutts und Staubs neben allem, was an diesem schrecklichen Krieg beklagenswert ist, immer wieder rührt und bewegt, ist der Wille zum Theater: kaum dass der letzte Donner verhallt ist, aber noch dissonant nachtönt, bahnt sich dieser Wille seinen Weg. Der Wille, Theater zu machen, der Wille, Theater zu schauen. Weil es ein Menschenwille ist, weil Theater sein muss. Zu allen Zeiten.

Hunger, Armut, den Lärm der Bomben im Ohr, Krankheit, Trauer, Verzweiflung, Hoffnung – was war, was wird? In die durcheinander- und aufrüttelnde Stimmung unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges mischt sich im gesamten deutschsprachigen Raum auch der Wunsch nach Theater. Machen, Spielen, Anschauen, Diskutieren. Jede noch so kaputte Spielstätte wird rasch wiedereröffnet, neue Räume werden gesucht, alte und neue kreative Kräfte gebündelt, ja sogar Schauspielschulen nehmen den Lehrbetrieb wieder auf oder werden neu gegründet (darunter die Otto-Falckenberg-Schule, 1946). Theater setzte von jeher und setzt auch nach 1945 schöpferische, diskursive und physische Energien frei, die ex post schlicht überwältigen – im Guten wie im Schlechten.

Bereits am 8. August 1945 informiert der Münchner Bürgermeister Franz Stadelmayer den Stadtrat über die Entscheidung des Oberbürgermeisters, die Münchner Kammerspiele zum Winter wieder zu eröffnen. Das Schreiben befindet sich im Bestand des Kulturamtes des Stadtarchivs München, im Akt „Inbetriebnahme der beiden städtischen Bühnen der Kammerspiele im Schauspielhaus und des Volkstheaters. 1945/46“. Im gleichen Ordner ist auch ein Schreiben der amerikanischen Besatzungsbehörde abgelegt, in dem darüber informiert wird, dass das Schauspielhaus nicht mehr länger der amerikanischen Armee zur Verfügung stehe, sondern wieder für „Vorstellungen für die Zivilbevölkerung“ frei sei. Beide Notizen sind in Auszügen auf der Website www.100mk.de wiedergegeben, auf der sich auch Teile dieses Blog-Eintrags finden.*

Es ist Sommer. Auch dieses Jahr wieder. Und doch so ganz anders als 1945…

In Zeiten meines Luxus-Jammers fiel mir dieser Moment des Aufbruchs wieder ein. Mit Ehrfurcht vor dem Willen zum Wollen des Spiels im Sommer wirklicher Entbehrung.

*) Bei 100mk.de handelt es sich um ein von den Dramaturgen Sabrina Schmidt, Jeroen Versteele und mir kuratiertes studentisches Projekt anlässlich des 100. Geburtstages der Münchner Kammerspiele 2012.)

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Phonographisch-kinematographischer Unterricht: Ein Vorschlag von G. Lefeuve 1900

Der ERste Internationale Theater-Kongress

Anlässlich des ersten Internationalen Theater-Kongresses in Paris 1900 gelangt ein Vorschlag zu Protokoll, der gleich zweifach verblüffend aktuell scheint; nämlich einmal vor dem Hintergrund des Einsatzes von (digitalen) Technologien im Bereich der Schauspiel- und Tanzausbildung (vgl. etwa W. Forsythe’s „Digital Dance School“, 1994-2011) und zweitens auf dem Gebiet der Archivierung und Vermittlung von Schauspiel- und Körperwissen in Fach-Sammlungen und Ausstellungen.

Es ist der Musikkritiker der Brüsseler Zeitung Indépendance Belge, Gabriel Lefeuve, der sich durch den sinnvollen Einsatz neuer Medien um 1900 Bahnbrechendes für den dramatischen Unterricht und die Bewahrung kulturellen Wissens verspricht. Hier die Notiz zu Lefeuves Vorschlag im Wortlaut (man beachte, dass sich in diesem Jahr die weltweit erste Filmvorführung durch die Skladanowskys lediglich zum fünften Mal jährte!):

 „Eine wahre Revolution des dramatischen Unterrichts verspricht sich Herr Lefeuve von der Benutzung des Phonographen und Kinematographen, die das wirkliche Leben fixieren und die durch Reproduzierung des Spiels und der Deklamation die „Erfindungen“ großer Schauspieler verewigen und die Tradition fortpflanzen helfen. Im Interesse eines solchen phonographisch-kinematographischen Unterrichts, im Interesse der Schauspielkunst überhaupt fordert Herr Lefeuve, daß von jedem im Handel erscheinenden phonographisch-kinematographischen Artikel ein Specimen an ein gesetzliches Depôt abgeliefert werden solle. Desgleichen beantragt er die Gründung von nationalen Theater-Museen, wo Modelle von Theatern, wo Dekorationen, Perücken, Autographien und Biographien gesammelt werden könnten.”   

(Bruno Petzold: „Der erste Internationale Theater-Kongreß“, Bühne und Welt, III. Jg., 1. Halbjahr, 1901)