Buchbesprechung · Forscher-Freuden · Literatur, Lyrik · Publikationen · Sprache · Work-Life Balance

Wunderkammer Sprache. Lese-Empfehlung

In Zeiten wie diesen, in denen wir alle durch ein Virus durcheinander geschüttelt werden wie Hartweizenlettern in einer atemwegsbefeuchtenden Buchstabensuppe, tut es unglaublich gut, sich nach dem x-ten Zoom-Meeting im Dauerbildschirm-Home-Office aufs Sofa zu legen und ein Buch durchzustöbern, das Vertrautes im Gewand des Kuriosen bereit hält. Ein Buch wie ein Kaminfeuer, eine schnurrende Katze oder Waffeln mit heißen Kirschen und Vanilleeis. Oder einfach alles zusammen. Kurzum: ein Buch, das die Bücherwurmseele wärmt und einen mit dem guten Gefühl in die Kissen fallen lässt, etwas für die Bildung, Entspannung und Erheiterung zu tun. Ein Buch wie Die Wunderkammer der deutschen Sprache, herausgegeben von Thomas Böhm und Carsten Pfeiffer, “gefüllt”, wie es im Untertitel heißt, “mit Wortschönheiten, Kuriositäten, Alltagspoesie und Episoden der Sprachgeschichte”.

Wer Sprache mag und sich angesichts aktuell eindimensionaler Schlagzeilen und Syntax- und Semantikverkümmerung durch neuere Medien mal wieder nach Wortschönheit und Sprachschatz sehnt, der/ dem sei dieses 300 Seiten starke Buch ans Herz gelegt. Man findet dort alles Mögliche aus der Geschichte und dem Nähkästchen der deutschen Sprache.

Die Wunderkammer – in der frühen Neuzeit meinte dieser Begriff einen Ort des Sammelns von Kunstgegenständen, Knochen, Karten, Automaten, ausgestopften Tieren und anderen Kuriositäten –, versammelt so unterschiedliche Kapitel der deutschen Sprache wie etwa die 50 Wörter von Zweijährigen, Auszüge aus Rechtschreibreformen, die nie umgesetzt wurden, Wortschönheiten aus dem Grimmschen Wörterbuch, Barockdeutsch, Jugend-, Fach- und Gaunersprache, Spuren zum Pennsylvania-Deutsch in den USA oder Namdeutsch in Namibia, Antworten darauf, warum der Bismarckhering heißt, wie er heißt, Küchenlexika, “falsche Freunde”, Wörter und Unwörter des Jahres in der Schweiz, Deutschland, Österreich, Sprache der Normen, Schüttelreime und so weiter und so fort.

Zu Wort über das Wort kommen auch Schriftsteller und Übersetzer, die 10 ihrer Lieblingsvokabeln aus dem Deutschen auflisten; samt Erläuterung, warum die 10 auserwählten Wörter zu ihren favorisierten Zungenschmeichlern gehören.

Das kaleidoskopische Buch wird zudem bereichert durch die graphische Gestaltung von Erik Schöfer und 2xGoldstein. Dem sprachwissenschaftlichen und germanistischen Blick wird auffallen, dass sämtliche Einträge ohne Referenzen auskommen; das ist aber auch mein einziges Monitum an dieser ansonsten ansprechenden und gelungenen Ausgabe.

Wer also Sprache mag, kann mit diesem Buch mehrere gemütliche Abende oder Nachmittage verbringen. Und ganz sicher finden sich mannigfaltige Anregungen, mit der Familie, den Partnern oder Freunden weiterzuquatschen. Vielleicht sogar, um mehr Pep ins Deutsch-Homeschooling zu bringen. Die Wunderkammer der deutschen Sprache ist ein absolut willkommener Gegenpol zum gerade Ton angebenden Diskurs um das Wort mit dem Anfangsbuchstaben C. …

__________________________

Thomas Böhm & Carsten Pfeiffer (Hg.): Die Wunderkammer der deutschen Sprache.

Berlin: Verlag das Kulturelle Gedächtnis
ISBN: 978-3-946990-31-4
Erstveröffentlichung: 2019

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s