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Plasticfantastic? (Fri)Days for Future im US-Alltag

Baum Wäsche

Gerade habe ich Wäsche aufgehängt. Im Garten. „Na und, wen kümmert’s? Ein Sack Reis in China…“, werdet Ihr jetzt denken. Ich gebe zu, diese Meldung ist relativ unspektakulär. Dass ich Wäsche aufgehängt habe, ist mir aber eine Meldung wert, weil ich es in einem Land tue, in dem im Grunde niemand Wäsche zum Trocknen in den Garten hängt. Nicht mal bei 30 Grad, so wie jetzt, heute, hier in Florida. Als der Freund, der uns derzeit im Sunshine State beherbergt, uns den Waschraum zeigte, war es für ihn selbstverständlich, uns den Wäschetrockner zu erklären. „Super, danke. Aber den werden wir hier in Florida wohl nicht brauchen, es ist ja immer so warm“, kommentierten wir – und schauten in ein erstauntes Gesicht, das uns verriet, dass er uns für ein klein bisschen ‚bonkers‘ hielt. Eine Wäscheleine gibt es nicht im Haus, die Wäsche hängt jetzt über Liegestühlen und auf Bügeln in den Bäumen. (Es hat übrigens nur das Verfassen dieser ersten Zeilen gebraucht, da waren die leichten Textilien schon schranktrocken). Es ist heiß, der Wind bläst. 365 Tage im Jahr. Aber die Floridianer bevorzugen einen Wäschetrockner, der die Arbeit nicht in unter 1,5 / 2 Stunden schafft und volle Lotte heiße Luft produziert; dabei gibt es draußen in Hülle und Fülle Fön for free …

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Plasticfantastic? Typisches Regal für Milchprodukte in amerikanischen Supermärkten. (Quelle: NeOnBRAND)

„America, the land of the free, they say“ singt Morrissey in America is not the world . „…and of opportunities..“ Aber Energiesparen ist nicht so das big Thema hier. Auf den Straßen sieht man einen Pick Up, Range Rover, und ein SUV nach dem anderen – besetzt zumeist von nur einer Person. Gestern ging ich zu Fuß zum Supermarkt. Wie, noch ein Sack Reis in China? Nein, wahrlich eine Meldung wert. Denn auf den 1500 Metern dorthin traf ich nur zwei Kinder auf ihren BMX-Rädern. Niemand sonst ohne fahrbaren Untersatz unterwegs. Niemand, der hier freiwillig geht. Das verstehe ich angesichts der Hitze. Die aber kann nicht der einzige Grund sein, weshalb nicht mehr Bewohner zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs sind, es kaum öffentlichen Personennahverkehr gibt (eine weitere Erklärung lieferte übrigens die New York Times hier). Dass ich einen Fußgängerweg benutzen konnte, ließ mich ja schon dankbar werden. Denn Fußgängerwege haben Seltenheitswert. Falls es hierzulande überhaupt welche gibt, hören sie oft im Nichts auf, einfach so. Umweltbewusster Fortbewegung liegen im Wortsinne Steine im Weg, – wenn man nicht gerade in einer Metropole mit Bus und U-Bahn lebt.

Auch die USA und Kanada begingen zwischen dem 20. und 27. September die Weltklima-Woche, den Global Climate Strike . So sehr ich hier auch nach Aktionen, Initiativen oder Tropfen auf den heißen Steinen suchte, die nach Klimaschutz  aussahen – nichts zu sehen, weit und breit kein Anzeichen. Im Gegenteil. Plastik all over, beim Essengehen, beim Einkaufen; in Bezug aufs Energiesparen: Klimaanlagen auf Hochtouren versus Wäschetrockner trotz Sonnenwärme; eiskalte Mega-Kühlschränke, kaum Recycling, Spritpreise billig wie sonstwas. Beim Abendessen vergangenen Freitag kamen mir fast die Tränen. Wir fuhren (natürlich mit dem Auto) zu einem „Restaurant“: Jede Gabel, jeder Becher, jeder Teller aus Plastik. An einem Friday for future empfand ich das als nochmal so schlimm wie ohnehin schon; gerade erst hatte ich mit meinen Freundinnen zu Hause über ihre Aktionen in den Gemeinden und an den Schulen ihrer Kinder gechattet. Mein transatlantischer Beitrag war beschämend. Jetzt könnte man sagen, ich könne ja auch zu Hause essen, also im Feriendomizil. Mache ich auch. Oft sogar. Aber vor dem Gang zum Herd muss ich mich durch Plastikberge wühlen: Gemüse in Plastik, mehrfach gewickelt und in aufwändig hergestellte so genannte „Container“ verpackt. Es schmeckt zwar nicht nach Plastik. Aber nach Gemüse auch nicht so recht. Einen Farmers‘ Markt haben sie hier nicht. Papierverpackungen, Glasflaschen? Sehr, sehr selten. Verzichtet man beim Einkaufen auf das Eintüten losen Gemüses (ja, das gibt es zum Glück doch auch!), steht garantiert an der Kasse ein hilfsbereiter Mitarbeiter, der ungefragt alles in Tüten packt. Immer schön doppelt getütet, die Tüten, damit sie den Einkauf auch halten. Sage ich dann „No plastic bag, please“ und stecke alles in den mitgebrachten Beutel, ernte ich einen irritierten Blick. Manchmal aber auch begleitet von einem „Thank you, I appreciate“; dann freue ich mich immer, dass da doch ein Bewusstsein ist. (Auch wenn 2018 einige Bundesstaaten explizit das Plastiktütenverbot verboten. Ja, Ihr habt richtig gelesen).

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Ich weiß, dass es auch viele Umweltaktivisten in den USA gibt oder zumindest umweltbewusste Mitmenschen, die ein Auge auf unsere ökologische Gegenwart und Zukunft werfen und durch ihr Handeln zu einem größeren Bewusstwerden beitragen. Den Handel und die Hersteller zum Handeln bewegen. Kleine Schritte gehen, weil viele kleine Schritte auch mobil machen können. In Deutschland haben wir angefangen, Strohhalme aus Plastik durch solche aus Papier zu ersetzen. Mir fallen wenig Gelegenheiten ein, zu denen ich überhaupt einen Strohhalm verwende. Aber sei’s drum, ich verstehe die Botschaft: Es sind die kleinen Dinge. Zahnbürsten aus Plastik haben Geschwister aus Bambusholz bekommen, für die Plastiktüten im Laden muss man seit einem guten Jahr zahlen, seitdem hat sich der Gebrauch drastisch verringert. Ein Plastiktütenverbotsverbot verbietet sich jenseits des Ozeans. Gut so. Im kulturellen Vergleich kommt mir das allerdings vor wie eine Lachnummer. Was ist mein Strohhalm gegenüber einer Plastik-Gallone Orangensaft, der genauso gut in einer Mehrwegflasche angeboten werden könnte? Mehrweg gibt es hier aber nicht. Kuchen, Kekse, Brot? Wrapped in plastic. Ich bin hier nur zu Gast, und auch nicht das erste Mal in Amerika unterwegs. In Deutschland versuche ich so wenig wie möglich in Plastik Verpacktes zu kaufen oder aus Plastik Hergestelltes zu besitzen. Das ist schon nicht leicht. Aber hier ist es fast unmöglich.

Mein Umweltbeitrag muss hier anders ausfallen. Jetzt will ich künftig zum Essen außer Haus mein Besteck mitnehmen. Gelegentlich gehe ich zu Fuß zum Einkaufen. Während ich hier bin, trenne ich den Müll. Eine einzige Box gibt es hier für „Recycling“: Glas, Papier, Plastik: alles rein, was nicht Restmüll ist. Kaum einer aber trennt im Sunshine State. „Ist eh nur Geldmacherei“, sagt unser Gastgeber. (Trennt aber mit uns solidarisch, seit wir hier sind, danke dafür, bro :-)). Eigentlich Verantwortliche, die wahren Klimasünder, seien andere Branchen, ganz vorn‘ dabei, auf den ersten Plätzen: Construction Business, amerikanisches Militär, Landwirtschaft, Automobilindustrie. Strohhalm aus Papier, Plastiktütenverzicht, Jute statt Plastik? Ein fast mitleidiges Kichern. Alles Augenwischerei. Eine Art Feel Good-App für kleine Lichter. Wir Einzelne? Könnten ohnehin nichts tun, you understand?  – „America is not the world“. Aber auf der Rangliste der größten Umweltsünder belegt es, neben Saudi-Arabien, den ersten Platz. Das Prickeln einer Coladose braut im Kern weltumspannende Umwelt-Explosion. Es brodelt…Heißer Stein, steter Tropfen … Fragen.

Frau Sonne hat die Wäsche getrocknet. Ich befreie die Bäume von ihrem textilen Schmuck. Kleine Schritte. Day by day. Nicht nur Freitags.

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Digitalminimal. Unplugged in Kontakt

 

Analogue Guy in a Digital World
An analog guy in a digital age

Wie sich die Zeiten ändern. Vor vielen, vielen Jahren, als ich noch bei meinen Eltern wohnte, war es eher normal als ungewöhnlich, dass jemand bei uns vorbeikam. Einfach so. Die Verwandtschaft, Nachbarn, andere Besucher – sie schneiten ohne große Ankündigung oder vorherige Vereinbarung herein. Die Tür stand immer offen, von Frühjahr bis Herbst war die Veranda einladend und groß genug für alle. Wer von außen sehen konnte, dass wir draußen waren, kam einfach auch noch hinzu. Manchmal blieb man zu Kaffee und Kuchen oder doch gleich über den Abend zum Grillen. Dabei wollten all jene Besucher „nur mal eben hallo sagen“.

Es wurde selten „nur mal eben hallo gesagt“. Die lieben Stippvisitoren, sie blieben. Es wurden aktueller Klatsch und Tratsch ausgetauscht, nach dem Warmlaufen des Gesprächs auch tiefer gehende und ernste Themen ventiliert. Manchmal machten wir ausschließlich Faxen, Witze wurden erzählt, Situationskomik geteilt. Ich weiß noch, dass ich als Kind den Trubel genoss, dabei las, malte oder Vokabeln lernte, während die Erwachsenen sich austauschten. Mittendrin und absorbiert. Diese geselligen Runden gingen übrigens –, damals hätte ich nicht im Entferntesten gedacht, dass das einmal einer Erwähnung wert sein müsste –, vollkommen ohne Technologie vonstatten. Niemand brachte ein i-pad mit, ein Smartphone oder dergleichen. Gab es ja auch noch gar nicht. Wenn wir Glück hatten, machte gelegentlich jemand ein Foto von der Szene. Die aber war eigentlich so normal, dass selten eine Kamera herbeigebracht wurde. Alle schienen im Moment. Ganz ohne Technologie.

Ich bin nicht so alt, dass ich in Nostalgie verfallen würde oder mit einem „Früher war alles besser“-Gejammer die Vergangenheit verschönern. Doch vermisse ich diese Spontanität und Geselligkeit manchmal. Und gemütliche Runden mit echter face to face-Kommunikation, die ohne Smartphone oder Google-Befragungen auskommen (die nicht Wochen vorher vereinbart und dann in letzter Sekunde wieder abgesagt werden, per whatsapp, sms oder Sprachnachricht). Gesellige Zusammenkünfte, soziale Interaktionen fanden in physischer Präsenz der Interagierenden statt, nicht auf sozialen Netzwerken, und verliefen ohne Unterbrechungen durch Handy-Geklingel oder -Aktivitäten. Ring, Bing, ping, … Jetzt klinge ich doch nostalgisch, merke ich. Sei’s drum. Die neuen Technologien haben uns einige Vorteile gebracht – und doch verheerende Auswirkungen auf unser Privatleben. Und das Paradoxe ist, dass wir gleichzeitig denken, so gut vernetzt und in Kontakt zu sein wie noch nie.

Vermutlich reagieren Angehörige meiner Generation, die den Übergang von der rein analogen in die mehr und mehr digitale Kommunikation miterlebt hat, anders auf diese Veränderungen als die so genannte iGen, die Generation der zwischen 1995 und 2012 Geborenen. Psychologische Untersuchungen und Statistiken von Gesundheitsdiensten an Schulen oder Universitäten beobachten unter den Vertretern dieser Generation zunehmend depressive Erkrankungen und Angststörungen Dass diese signifikante Zunahme auch (wenn nicht zu einem Großteil) mit der Allgegenwart des Smartphones in Zusammenhang zu bringen sei, ist ein erschreckendes, wenn auch nicht mehr großartig neuartiges Argument.

Newport Digital Minimalism engWie wir wieder mehr offline-Zeit leben, Begegnungen mit Menschen, bewusstere Nutzung der Lebenszeit in unser durchgetaktetes und von Technologien bestimmtes Dasein bringen können, ist ein Thema, das mich seit einigen Jahren beschäftigt hält und mein (Nach-)Denken und Schreiben bestimmt. Vor zwei Jahren las und besprach ich hier das Buch Konzentriert arbeiten. Regeln für eine Welt voller Ablenkungen von Cal Newport. Als ich neulich mit einem Studenten über dieses Buch sprach, der es damals auf meine Empfehlung hin konsultiert hatte, erzählte er mir von Newports neuestem Streich, Digital Minimalism. Es ist im Frühjahr in deutscher Übersetzung unter dem Titel Digitaler Minimalismus. Besser leben mit weniger Technologie erschienen, und ich musste ein umtriebiges Semester lang warten, um nun in meinen aktuellen Arbeitsferien die Zeit zu finden, es zu lesen und zu besprechen.

Newports Tenor hat sich seit Deep Work nicht verändert. Gestern wie heute kreisen seine Überlegungen um die Frage, wie wir uns in einer von Technologien penetrierten und ständiger online-Verfügbarkeit bestimmten Gesellschaft mehr Qualitätszeit, Phasen der Vertiefung, zwischenmenschlicher Wertschätzung zurück holen können, weil sie uns als Menschen nicht nur gut tun, sondern nachgerade konstitutiv für unsere mentale und physische Gesundheit sind. Bereits in Deep Work hatte Newport die Reduktion der Nutzung von und des sinnlosen Zeitvertreibs durch soziale Medien und digitale Technologien empfohlen. In Digitaler Minimalismus fokussiert er sich ausschließlich auf die neuen digitalen Technologien, also  Messaging-Dienste, Instagram, Apps, Websites und verwandte digitale Tools, die uns entweder unterhalten, informieren oder mit anderen vernetzen sollen. Dreh- und Angelpunkt, Ziel und die Möglichkeit ‚sanfter Revolution‘ sieht er in dem, was er „Digitalen Minimalismus“ nennt; eine „Philosophie der Technologienutzung, bei der wir unsere Onlinezeit auf eine kleine Anzahl von sorgfältig ausgewählten und optimierten Aktivitäten konzentrieren, die für uns wertvolle Angelegenheiten intensiv unterstützen, und auf alles Übrige freudig verzichten.” (S. 42).

Newport Digitaler MinimalismusWenn wir an Bahnhöfen stehen, im Wartezimmer sitzen, im Café, selbst mit Freunden im Restaurant oder in der Oper, zu Hause beim Abendessen, scheint das Smartphone allgegenwärtig. Der schnelle Blick auf den Bildschirm, das Checken von Status-Updates, Apps und Fakten und Fake News ist zu einem Reflex geworden. Ein Reflex, um Zeit zu füllen, zu überbrücken oder das Gefühl plötzlicher Leere oder etwas zu verpassen, instantan zu stillen. Wie, ist zu fragen, lässt sich von diesem Reflex wieder ablassen, da er sich so schnell eingenistet hat in das Verhalten beinahe aller? (die wenigen Ausnahmen sind eine schräg beäugte Minderheit: „Die großen Unternehmen wollen“, so Newport, „dass ‚Nutzung‘ eine einfache binäre Bedingung ist: entweder nutzt man ihre Grundlagentechnologie oder man ist ein Spinner“ (S. 223).

Newports Buch analysiert in der einen Hälfte, liefert Beobachtungen, Referenzen auf die Gehirnforschung, Mediengeschichte, Philosophie, Neurologie und Psychologie (Teil 1: Grundlagen: Einseitiges Wettrüsten – Digitaler Minimalismus – Die digitale Entrümpelung). In der anderen Hälfte des Buches bietet der Informatik-Professor Übungen an, die jede von uns in ihren/ seinen Alltag integrieren kann (Teil 2: Übungen: Verbringen sie Zeit allein – Klicken Sie nicht auf “Gefällt mir”  – Die Rückeroberung der Muße – Widerstand gegen die Aufmerksamkeitsindustrie). Durchgängige Referenzpunkte sind für Newport alternative Lebensmodelle, Minimalistische Lifestyles, wie sie bereits 1854 Henry David Thoreau in Walden. Oder das Leben in den Wäldern vorschlug, wie sie die Amish in ihrer Verpflichtung gegenüber dem biblischen Grundsatz, „in der Welt, aber nicht von ihr“ zu sein, oder wie es die Mennoniten leben. Auch Friedrich Nietzsches Spaziergänge oder Abraham Lincolns Rückzug in sein Landhaus, wo er Muße zum Nachdenken und zu ‘Deep Work‘ suchte, zieht der Autor als Modelle heran, durch die Entsagung von Ablenkung mehr Qualitätszeit im Leben zu erreichen.

In der Vorbereitung zu seinem Buch startete Cal Newport zur Jahreswende 2017 einen Aufruf: über einen e-mail-Verteiler suchte er Freiwillige, die sich für 30 Tage lang dem Experiment stellen würden, gänzlich auf optionale neue Technologien zu verzichten. Anstelle der von ihm erwarteten 50 Teilnehmer erhielt er Rückmeldung von mehr als 1600 Personen. Ein Volltreffer! Ein Grund zur Sorge? Ein Grund zur Hoffnung?

Von ‚Entzugserscheinungen’ berichteten die Freiwilligen, von Angststörungen, von Rückfällen – ganz so, als sei der Gebrauch optionaler Technologien eine Sucht. Und sicherlich ist an diesem Verdacht etwas dran. Manche wiederum berichteten, nach der 30-tägigen Phase voller Euphorie zu ihren optionalen Technologien zurück gekehrt zu sein, um dann festzustellen, dass sie gänzlich ihren Reiz verloren hatten.

Warum machen wir das alles hier?

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… und Liebe! (Logo des Slow Media Manifests (2010)

Newport analysiert nicht psychologisch, sondern beobachtet informiert und erteilt Tipps. Die Phase des Verzichts, des Digital Detox, sei keine Blitz-Diät, sondern Teil einer Umstellung hin zu einem bewussteren, selektiveren Umgang mit neuen Technologien, zum Leben eines „digitalen Minimalisten“; ein „digitales Reset“ sozusagen. Und es empfehle sich, sie gut vorzubereiten, denn die Leerstellen, die durch die Abstinenz zu füllen seien, gelte es, sinnvoll auszufüllen, um keine Rückfälle zu erleben. ‚Sinnvoll’ – , damit meint er, alte Beschäftigungen wieder aufzugreifen, die Freude brachten, neue Aktivitäten, die fordern und fördern, allein oder mit Gleichgesinnten, auszuprobieren, Experimente zu wagen, Neues zu lernen, (Handwerk zum Beispiel, ein neues Hobby etc.) – und: sich dem Alleinsein zu widmen. Newport rät zu einer “raschen Wandlung  – ausgeführt über einen kurzen Zeitraum und mit genügend Überzeugung, so dass die Resultate haften bleiben.

Der Ablauf der digitalen Entrümpelung sieht folgende Etappen vor:

  • Einen Zeitraum von dreißig Tagen wählen, in dem eine Pause von den optionalen Technologien im Leben eingelegt wird.
  • Diese 30 Tage nutzen, um Aktivitäten und Verhaltensweisen zu erforschen und wiederzuentdecken, die man befriedigend und sinnvoll findet.
  • Am Ende der Pause optionale Technologien wieder einführen, genau überlegen, welchen Wert sie jeweils haben, und wie sie eingesetzt werden können, um ihren Wert zu steigern.

Newport proklamiert keinen kompletten Ausschluss neuer Technologien aus dem Alltag. Vielmehr spricht er ihrem bewussten und zeitlich begrenzten Einsatz das Wort, so dass sich die Vorteile, die sie zweifelsohne mit sich bringen – etwa die Kontakthaltung mit Familie und Freunden über Ländergrenzen, das Lesen und Anschauen von Nachrichten oder die Navigation mit Hilfe von online-Karten – wieder klarer abzeichneten.

“Der Zucker-Flash der Annehmlichkeit ist vergänglich, und das bohrende Gefühl, etwas zu verpassen, verschwindet rasch wieder, aber das sinnstiftende Leuchten, das entsteht, wenn wir die Verantwortung übernehmen, was unsere Zeit und Aufmerksamkeit beansprucht, dauert an.” (Newport 2019: 68)

Das Alleinsein sieht er, Benjamin Franklin zitierend, als “angenehme Erholung für einen beschäftigten Verstand” an. Damit ist gemeint, dem Gehirn eine regelmäßige Dosis Ruhe zu geben, “die zur Unterstützung eines monumentalen Lebens erforderlich ist” (S. 101); sich Zeit nehmen und (zu-)trauen, sich auf eigene Gedanken und Erfahrungen konzentrieren, sei es in einer überfüllten U-Bahn, in einem Café oder auch in einer ruhigeren Umgebung, in einer Bibliothek, am See, in einer einsamen Berghütte oder dergleichen. (Ich musste hier an meine oben angedeutete Versunkenheit inmitten der Besucher meiner Familie von damals denken). Frühere Technologien, die das Alleinsein gefährdeten, hätten Menschen nur gelegentlich davon abgehalten, ihren individuellen Gedanken nachzugehen. Mit der Einführung des iPod sei das erste Mal in der Geschichte der Medien eine Technologie eingeführt worden, die „die Fähigkeit hatte, Sie kontinuierlich vom eigenen Denken abzulenken“ (S. 109); die Einführung des iPhones beziehungsweise die Verbreitung moderner internetfähiger Smartphones habe diese Ablenkung schließlich soweit potenziert, dass für besonnene Ich-Zeit kaum eine Sekunde noch zur Verfügung stände. Dabei sei Einsamkeit, wie Newport, sich auch auf jüngste Studien anderer Wissenschaftler, etwa des Sozialkritikers Michael Harris (Solitude. In Pursuit of a Singular Life in a Crowded World (2017) beziehend, schreibt, für die Produktivität und die eigene Zufriedenheit essentiell. Alleinsein als Zustand in Zeit und Raum für neue Ideen, Selbsterkenntnis und den Aufbau von Nähe zu anderen. Es stelle sich die Frage, so Newport, “ob unsere jetzige Gegenwart mit einer neuen Bedrohung der Einsamkeit aufwartet, die noch größer ist als jene, die schon seit Jahrzehnten beklagt wird. Ich behaupte, die Antwort darauf ist ein eindeutiges Ja.” (S. 108). Die Vorstellung des Alleinseins hat keinen guten Leumund und wird nicht unbedingt als etwas Positives angesehen. Und gerade in den vergangenen Jahren sei uns die „Auffassung verkauft [worden], dass mehr Konnektivität besser ist als zu wenig.” (S. 111). Ja, es sei eine regelrechte „Besessenheit nach Verbundenheit“ zu beobachten.

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Hypervernetzt und isoliert. Fremde Gedanken bestimmen die eigenen. (iPod-Werbung )

Dass die hypervernetzte Generation leide, sich isoliert fühle, ist ein Paradox der digitalen Medaille. Der Verlust sozialer Bindungen steuert dasselbe System an wie physischer Schmerz; finden soziale Verbindungen nur digital statt zuungunsten realer und physisch zwischenmenschlicher Begegnungen, lässt sich erahnen, wie und warum die depressiven und Angststörungen seit geraumer Zeit zunehmen. Newport schlägt einen Wechsel, eine Verknüpfung von Alleinsein und Verbindung vor, um dem Verlust von Zeit für sich UND der gefühlten Isolation vorzubeugen. Man solle sich vor Augen führen, so Newport, dass die vergangenen Jahrzehnte zwar geprägt seien von der Verbreitung digitaler Kommunikationstechnologien. Menschen können über digitale Netzwerke kommunizieren und interagieren; allerdings seien diese Interaktionen vornehmlich durch kurze, text- und bildbasierte Nachrichten und Gefällt mir-Klicks gefördert: “Die kleinen Anreize, die Sie dadurch erhalten, dass Sie einem Freund etwas auf die Pinnwand posten oder sein neuestes Foto bei Instagram liken“, so Newport, „kann nicht annähernd den großen Verlust kompensieren, der dadurch entsteht, dass sie keine reale Zeit mehr mit diesem Freund verbringen.” Jedes „Like“ ein Verlust?

Gewinn erzielen die Betreiber der Plattformen. Unsere Aufmerksamkeit ist ihr Salair (vgl. Tim Wu, The Attention Merchants. The Epic Scramble to Get Inside Our Heads (2016)). Gewiss, soziale Medien haben Vorteile, aber “Ich wage zu behaupten, dass die überwiegende Mehrheit regelmäßiger Nutzer von sozialen Netzwerken den Großteil der von ihnen vermittelten Vorteile durch eine Nutzung von lediglich zwanzig bis vierzig Minuten pro Woche ausschöpfen können”, so Newport. Und dies sei eine Beobachtung, die Social-Media-Anbieter “in Angst und Schrecken” versetze, weil ihr Geschäftsmodell davon abhänge, dass wir uns so lange wie möglich mit ihren Produkten beschäftigen. Aufmerksamkeit ist ihnen die wertvollste Ressource. Je mehr Zeit wir, vor allem über Smartphones (die, je leistungsstärker, desto ablenkungsintensiver), mit digitalen Technologien zubringen, umso lukrativer ist unser Zeitvertreib für die Anbieter.

“Die großen Konzerne der Aufmerksamkeitsindustrie, die viele dieser Technologien eingeführt haben, wollen nicht, dass wir über Optimierungen nachdenken. Diese Firmen machen umso mehr Geld, je mehr Zeit wir mit ihren Produkten verbringen.” (Newport 2019: 60).

Auch die Verfasser des Slow Media Manifest brachten dies 2010 auf die Formel: „Deine Zeit = Deren Geld“. Steuern wir indessen bewusst unseren Medienkonsum, werden nicht wir gesteuert.

“Beim geringsten Anzeichen von Langeweile können wir jetzt heimlich jede beliebige Zahl von Apps oder mobilen Websites anschauen, die dafür optimiert wurden, uns eine unmittelbare und befriedigende Portion Einfluss durch andere Gedanken zu verschaffen. Jetzt ist es möglich, das Alleinsein vollständig aus unserem Leben zu verbannen.” (Newport 2019: 109)

Warum machen Menschen das? Warum machen sie das mit? Es gibt keine belastbaren Daten für die Antwort auf diese Frage, aber es ist relativ wahrscheinlich, dass digitale Interaktionen einfacher und schneller sind als ‚altmodische‘ reale, analoge Unterhaltungen. Dabei ist doch das persönliche Gespräch das „am meisten menschlich Machende, das wir tun“ (Vgl. Sherry Turkle: Reclaiming Conversation: The Power of Talk in a Digital Age. (2016)). Seien wir wieder mehr füreinander ‚da’, präsent, hören wir zu. Verlernen wir nicht die Fähigkeit der Empathie, Geduld, einander zu verstehen, uns zuzuhören. Klicken wir nicht auf den „Gefällt mir“-Knopf, sondern klopfen einander auf die Schulter. Machen wir gewöhnlich, was heutzutage ungewöhnlich erscheint:

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H. D. Thoreau. Walden; or, Life in the Woods, 1854.

Schauen wir vorbei – auch per Telefon, wenn zu weit –, um „mal eben hallo zu sagen“. Und wenn wir zum Barbecue bleiben, genießen wir den Abend, ohne den Genuss mit dem Smartphone aufzuzeichen und auf irgendeiner Plattform oder per whatsapp zu teilen. Einfach kauen, reden, lachen. Ganz radikal optional digitalminimal. Unplugged in Kontakt.

 

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Cal Newport: Digitaler Minimalismus . Besser leben mit weniger Technologie. übersetzt aus dem Englischen von Jordan Wegberg. München: Redline Verlag 2019. (Orig. Digital Minimalism. Penguin 2019). 272 Seiten, ISBN 9 783868 817256.

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Hallo Welt?

Friedenstaubenbaum
photo: Nic Leonhardt. Ein Friedensbaum in Frankfurt.

Vor ein paar Tagen war ich mal wieder mit dem Zug unterwegs. Mit meinem schweren Gepäck musste ich in Köln-Deutz von der U-Bahn in den ICE umsteigen. Wer schon mal als Reisender das Vergnügen mit dem Deutzer Bahnhof hatte, weiß vielleicht, dass es nicht auf den ersten Blick ersichtlich ist, wo genau die Fernzüge abfahren, wenn man an den Gleisen der Stadtbahn ankommt. Es war früh morgens, Pendelverkehr, ich orientierungslos. Aber zum Glück war die lange Halle voller Passanten. Da konnte ich ja jemanden fragen. Die Idee lag nahe, an der Umsetzung, indes, haperte es. Zwar fragte ich diesen und jenen, Sie und Ihn, jung und alt, – aber niemand nahm mich wahr. Alle huschten an mir vorbei, ohne mir auch nur einen Funken Aufmerksamkeit zu schenken. Ich atmete tief ein und hob erneut an, meine Frage zu stellen: „Entschuldigen Sie bitte, wo fahren denn hier die Fernzüge ab?“ – Keine Reaktion. Eine Pendler-Karawane von annähernd 100 Passanten pro Minute – aber keine Antwort. Plötzlich kapierte ich: Na klar!: Niemand reagierte, weil alle Kopfhörer auf oder in den Ohren hatten! Abschottung. Gegen den schlimmen Morgen. Gegen die lästige Außenwelt. Na prima.

Die Beschilderung war bescheiden. Also fasste ich mir ein Herz, stellte mich in die Bahnhofshalle und rief laut: „Gibt es hier irgendwen ohne Kopfhörer, der mir eine Frage beantworten kann?“–  Wusch ! – zog man an mir vorbei. Und doch: eine junge Frau blieb stehen und nahm sich meiner an. Helfen konnte sie mir zwar nicht, aber ich war ja mittlerweile schon dankbar, dass sie mich hörte. Wir wünschten uns noch einen guten Tag, und nach einigen Umwegen fand ich den Fernbahnhof dann auch.

Meine Frage blieb nur noch: bin ich eigentlich deppert oder was war das gerade für eine Szene? Und noch eine zweite Frage: Was wäre denn, wenn ich noch wichtigere Hilfe bräuchte – als nur eine Auskunft?

Die Szene beschäftigte mich, weil sie einen Einblick in den Alltag gewährt, an dem ich teilhabe, den ich mir aber in einer idealen Welt eigentlich anders vorstelle. Ganz ehrlich, war ich auch etwas erschüttert. Am meisten über die mediale Abschottung und die weiterführende Überlegung, was passieren würde, wenn wirklich etwas passierte….

Dass Paare und Freunde zusammen ausgehen und dann nur mit ihren Smartphones beschäftigt sind, dass regelmäßig in ihre Displays versunkene Fußgänger in andere hineinlaufen, — daran haben wir uns ja schon gewöhnt. Irre eigentlich. Medien sind super. Morgens Musik auf den Ohren – so nachvollziehbar. Und doch…

Im Zug kreisten meine Gedanken weiter um dieses Thema. Dann rief mich eine Freundin an. Sie erzählte aufgeregt von einem online-Dating-Portal, auf dem sie seit einigen Wochen ihr privates Glück versucht. Wunderbare Technik, die Singles auf der Suche matchen kann, die sich ansonsten vermutlich nicht begegnet wären. Wir leben für die Arbeit, daher leben wir in Orten, an die uns die Arbeit zieht, nicht immer die Liebe. Seit ein paar Tagen gab es da nun also den Einen, der meiner Freundin virtuell den Hof machte und den Kopf verdrehte. Geschwärmt hatte sie, und ich mich für ihre klitzekleine Verknalltheit gefreut. Also wartete ich gespannt auf ihre News.

„Stell dir vor, er hat gestern Abend wieder geschrieben“, setzte sie an. „Und? Was schreibt er? Seht Ihr euch mal?“ – „Halt dich fest, er schrieb”, – und dann las sie vor: “‚Hey, Sugar, bin heute Abend in der Nähe von Deinem Wohnort mit ein paar Freunden unterwegs. Bist du zufällig da? Wir brauchen noch eine geile Sau wie Dich.’ – Das hat er geschrieben.“ „DAS hat er geschrieben?“ „Ja, genau das.“ — Wir schwiegen uns an.

Leute gibt’s. Die gibt’s —

häufiger als man will.

Heute Morgen zum Beispiel kommentierte auf Facebook ein Bekannter einen meiner Kommentare auf ein albernes Video mit den Worten: „Halt endlich mal deine beschissene Fresse.“ Ich musste es noch mal lesen, und noch mal, und versuchte, diese Haltung, diese Aggression zu verstehen. Aber es ergab aus dem Kontext keinen Sinn. „Beschissene Fresse“. Wow. So begann der Tag ja rosig. Der verbalaggressive Bekannte hat übrigens einen Blumenladen. Er verkauft bunte Freuden der Natur… Ich werde hinfahren und eine Rose kaufen – und ihn fragen, wie er das genau meinte. Oder soll ich besser schweigen?

Jetzt bin ich nicht sicher, welcher Start in den Tag mir lieber war: der, an dem man mir kein Gehör schenkte, oder der, an dem man mich sehr wohl wahrnahm, aber mir übelst dissend den Mund verbot? Und meine Freundin? Besser ohne Liebe – als SO was?

Fragen über Fragen.

Aber ich bin sicher, wir finden Antworten – wenn wir uns zuhören.

Hallo Welt?

Hallo Welt!

Taube